
Heiner Goebbels/Junge Deutsche Philharmonie
Surrogate Cities
WOCHENZEITUNG (Switzerland) 31.05.2000
Schwindelerregende Techniken
Die Stadt als musikalische Landschaft: Fünf geistreiche und spannende
Hommagen an die urbane Welt legt der Frankfurter Komponist Heiner Goebbels
auf seiner neuen CD «Surrogate Cities» vor. Wie bei früheren Arbeiten
lässt sich Heiner Goebbels von Texten anregen: Stücke aus Heiner Müllers
Fassung «Der Horatier», Edmond Jabes' «Das Buch der Fragen», Hugo Hamiltons
«Surrogate City», Paul Austers «Im Land der letzten Dinge», und eine Äusserung
von Franz Kafka sind im informativen CD-Büchlein abgedruckt und begleiten
als assoziative Anregung die HörerInnen auf der Reise in den städtischen
Untergrund und in schwindelerregende Höhen der Wolkenkratzer. Zitate aus
einem mittelalterlichen Choral, industrielle Geräusche oder subkulturelle
Noises verdeutlichen die geschichtliche Gewachsenheit der urbanen Gebilde.
Heiner Goebbels erweist sich erneut als der grosse Künstler der musikalischen
Dramaturgie, der uns mittels einer Vielzahl sowohl konventioneller wie
avancierter Kompositionstechniken durch die unterschiedlichen Sphären
der Stadt führt. Mit der jungen Deutschen Philharmonie steht ihm der gigantisch
klingende Apparat eines mit 77 Personen besetzten klassischen Orchesters
zu Verfügung, dessen manchmal geradezu wagnerianisch anmutenden Klang
er mit Samples bricht oder unterlegt und mit den Charakterstimmen von
David Moss und Jocelyn B. Smith ergänzt. (Patrik Landolt)
JAZZTHETIK (5/2000)
Die Verknüpfungspunkte der von Heiner Goebbels aufgesuchten Klang-Spuren
bildeten immer Räume. Ob nun als Theatermusiker oder in seiner Umkreisung
literarischer Vorlagen, Goebbels war stets ein radikaler Wahr- und Aufnehmender
außermusikalischer Produktions- und Ereignisflächen. So beweglich
er sich hierbei in der Wahl der medialen Vielfalt auch zeigte, darüber
hinaus gewahrte er der "Postmoderne" höchstens ein Gnadenbrot. Denn
für solche Nivellierungstendenzen hat er genauso wenig übrig
wie für die Domestizierung der Kunst en miniature. Goebbels bezieht
mit großem Atem Position vor und hinter den Kulissen - und das mit
teilweise wollüstig formuliertem Widerspruchsgeist.
So auch in der Eroberung alter und neuer Räume, die jetzt unter dem
Titel Surrogate Cities gebündelt wurden. Doch trotz der konkreten
Hommage an die Jahrhundert-Metropolen, an ihre Gesichter mit ihren Furchen,
Liftings, mit ihrem Glamour und ihren Unwägbarkeiten ist die fünfteilige
Stadtpartitur von Goebbels natürlich kein plakativer Hörfilm.
Wenn er in der Suite for Sampler and Orchestra sich an der barocken Satzstruktur
orientiert, dann wird hieraus in mehrfacher Hinsicht ein Erinnerungsmodell,
mit dem Kultur-Identitäten und damit Geschichte fokussiert werden.
Ohne u.a. den falschen A-la-mode-Zungenschlag, der gerade im globalen
Klezmer Hype die Erinnerungsbilder über die Wunden kleben lässt.
Wenn Goebbels in der Chaconne Ton-Pfade aus dem Berlin der 20er und 30er
Jahre mit Dokumenten der großen Kantoren-Tradition verwebt, dann
entsteht ein erschütterndes Kaddish. Doch Goebbels' hier nachgezeichnete
Routen sind eben kein Balsam fürs Sentiment. Wie unter einem Dampfkessel
forcieren die orchestralen und elektronischen Auswuchtungen die hochgespannte
Aufmerksamkeit, bis hinein in die Drei Horatier-Lieder nach Heiner Müller.
Als eine mächtig daherstampfende, aber auch schon mal geschmeidige
Expressivität, entlang der römischen Antiken-Schreibung, in
denen Jocelyn B. Smith zu ungeahnten, an Dawn Upshaw heranreichende Sangeshöhen
aufsteigt.
(Guido Fischer)
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