La Jalousie / Red Run / Herakles 2

Hypertrophe Sinfonie einer modernen Großstadt
Ein Abend voller Spielwitz: Neujahrskonzert im Frankfurter Mousonturm mit dem Agon Orchestra aus Prag "New York besteht aus unzähligen, sich selbst aufrechterhaltenden Organismen. Aber die Dinge gelangen in die Luft. Du hörst irgend jemandes Rhythmen in der Luft, du ißt das Essen verschiedener Leute, du hörst Gespräche, du siehst, daß sich die Leute unterschiedlich kleiden. Du pickst dir heraus, was immer du gebrauchen kannst, und gibst deinerseits wieder was an die Luft ab." (...) Denn selten hat man die filmmusikalischen Stimmungsbilder mit narrativem Subtext "La Jalousie. Geräusche aus einem Roman" so bluesig dirty gehört, was zum Teil auch an der nicht immer einsichtigen elektrischen Verstärkung des Konzerts mit ihren hier eigentlich willkommenen Nebengeräuschen lag. Das vom französischen Autor Alain Robbe-Grillet inspirierte, eher leise Werk paßte als Kontrast bestens zu Sharp. Heiner Goebbels schildert hier die stillen Geräusche eines Hauses und seiner Umgebung und will gleichzeitig das Hören sensibilisieren. Die Geschichte dazu konnte sich trotz französischen Sprechers jeder selbst erfinden. Nächtliches Zirpen, Schritte, ein startendes Auto, ätherische Klangflächen, plötzliche Beschleunigungen und ein ständiges Zurückfallen in merkwürdig rezitativische Klavierlinien illustrierten die evozierten Bilder.
(Achim Heidenreich)

TAGESSPIEGEL (21.12.1993)
Schritte auf Stöckelschuhen
Heiner Goebbels mit dem Ensemble Modern im Hebbel-Theater
Es fängt alles ganz harmlos an... Die Musik von Heiner Goebbels beginnt häufig mit einfachen Bauteilen, mit einem Rockrhythmus oder einer balladesken Melodie. Hörer aus der Jazz- und Rockszene, aber nicht nur solche, erhalten so einen Einstieg. Hat sich der Zug dann aber in Bewegung gesetzt, werden neue Gleise angefahren, hart über die Weichen springend, sprunghaft auch im Wechsel der Tempi. Die Bruchstellen bleiben sichtbar.
Schon das "Sogenannte linksradikale Blasorchester", bei dem der Frankfurter Komponist bis 1981 mitwirkte, saß zwischen den Stühlen, zwischen den Stilen und Genres. Mit einer Musik für die Ballett-Compagnie William Forsythes begann 1988 die Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern. Auch in der konzertanten Fassung "Red Run", von einem tickenden Schlagzeugsolo eingeleitet, sind die Musiker Protagonisten auf der Bühne. Scheinwerferkegel markieren ihre wechselnden, vom Rockgestus ausgehenden Soli. Songs, Lieder ohne Worte.
Meist aber geht Heiner Goebbels von Texten aus, bevorzugt von Theaterstücken Heiner Müllers. "Herakles 2" für fünf Blechbläser, Schlagzeug und Sampler ist eine Verwandlungsszene, die Verwandlung eines Kämpfers in seinen Gegner. Der blockhafte Bläsersatz einer Jazzballade löst sich unter dem Einfluß eines verzwickten Schlagzeugrhythmus auf, bis nur schnarrende Repetitionen übrig bleiben. Ein auskomponierter Untergang, hochprofessionell musiziert wie alle Stücke dieses Abends, trotz einiger Vermittlungsstufen aber überraschend linear im Ablauf.
Jemand blättert hörbar in einem Buch. Es ist der Roman "La jalousie" von Alain Robbe-Grillet, die detailliert beschriebene Geschichte einer Eifersucht. Goebbels lieferte dazu das akustische Substrat: eine wogende Melodie vor zirpender Nachtstimmung, Vierteltonschwankungen eines E-Pianos, das Aufheulen eines anfahrenden Autos, regelmäßige Schritte auf Stöckelschuhen, von Bläserakkorden irregulär gegliedert - suggestive Einzelteile, deren vielschichtiger Zusammenhang der Phantasie des Hörers überlassen bleibt. Es gilt, den Alltag zu entschlüsseln.
Obwohl Heiner Goebbels ein breites Publikum erreicht (das vollbesetzte Hebbel-Theater bewies es), liefert er keine einfachen Lösungen. Auch das Sichere ist nicht sicher. Das Gedenken an die Französische Revolution beging er 1989 im Auftrag der Alten Oper Frankfurt mit einer grellen Polemik gegen den bürgerlichen Freiheitsbegriff. Frank Zappa, mit dem das Ensemble Modern noch bis zuletzt zusammenarbeitete, hätte ihm da lebhaft zugestimmt. Mit Zappas Klavierduo "Ruth is sleeping" hatte das Ensemble zu Beginn an den rebellischen Amerikaner erinnert. Einen ähnlichen Zwischenweg geht es mit Goebbels weiter. Mit ähnlicher Risikobereitschaft.
(Albrecht Dümling)

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (05.06.1993)
Geräusche aus einem Roman
Werke von Heiner Goebbels bei den Maifestspielen
Nicht das Warum, sondern das Wie ist es, das Alain Robbe-Grillet an der Eifersucht interessiert. In seinem Roman "La Jalousie" verstrickt er das tausendfach bespielte Motiv allerdings nicht in eine dramatische Handlung. Vielmehr macht er sich schlicht beschreibend auf die Suche nach Konstellationen von Objekten, nach Bildern und Geräuschen, in denen Wahrnehmung von Eifersucht verschlossen sein kann. Die besondere Gewichtung akustischer Phänomene in "La Jalousie" inspirierte Heiner Goebbels zu seiner gleichnamigen Komposition mit dem Untertitel "Geräusche aus einem Roman". Tatsächlich quakt und klappert, fiept und scheppert es. Neben instrumental erzeugten, teilweise tonmalerisch geformten Krach setzt Goebbels Motorengeräusche und Schritte, die dem Stück Soundtrack-Charakter geben. Blau beleuchtet ist der Bühnenraum des Kleinen Hauses im Staatstheater Wiesbaden, wo das Ensemble Modern unter Leitung von Peter Rundel im Rahmen der Maifestspiele Kompositionen von Heiner Goebbels spielte. Das gleichmäßig kalte Licht bündelt die Konzentration ganz aufs Akustische. Es schafft Assoziationsfelder, eine surreale Stimmung, in die Goebbels' Sympathieerklärung an Robbe-Grillet gebettet ist. Nur kurz, wenn ein paar Textausschnitte verlesen werden, bricht ein gelber Scheinwerfer ins kalt neutrale Blau. Es ruft zurück zur Romanvorlage, ohne daß diese Reminiszenzen eigentlich vertont würden. Sie sind Fragmente, die wie die Geräusche und Töne, wie das Motorenbrausen und die E-Gitarren-Phrase als akustisches Material fungieren. In "Herakles 2" nach dem gleichnamigen Text von Heiner Müller hat Goebbels die Worte völlig eliminiert. Die Musik trägt hier das Wissen um den Text in sich, ohne diesen selbst zu intonieren. Sprachhaftes klingt im insistierenden Signal- und Antwortspiel gegen Schluß an, und das übersichtliche Grundmuster der Komposition, ihr sanft bassiges Fundament, in das jazzige Floskeln einbrechen, mutet manchmal wie eine Metasprache an. Auf andere Art hatte Goebbels den Müller-Text "Mann im Fahrstuhl", der vor zwei Jahren in Frankfurt zu hören war, verarbeitet. Er ließ ihn neben einem musikalischen Komplex, der über weite Strecken die äußerste dynamische Grenze erreicht, verlesen. Insofern ähnelt dieses Stück der konzertanten Szene "Befreiung" nach Rainald Goetz, wobei hier die Rhythmik des Textes (eindrücklich gelesen von Christoph Anders) enger mit der Faktur der Musik verwoben scheint. Ohne Textfundament, aber integrativ mit Tanz verbunden ist "Red Run", Goebbels' Musik für ein Stück der Tänzerin und Choreographin Amanda Miller. Gleichsam exemplarisch zieht Goebbels hier alle Register seines Komponierens. Geräusche, die per Synthesizer, aber auch mittels einer gestrichenen Pappkiste entstehen, U-Musik-Floskeln und pseudo-schmalzige E-Musik-Phrasen verschmelzen zu einem farbigen Ganzen, das im übrigen den Beginn von Heiner Goebbels' Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern markiert. Weitere Stücke wie "La Jalousie" entstanden direkt für das Ensemble, andere wie "Herakles 2" hat es mittlerweile im festen Bestand und ist daher Garant nicht nur für exemplarische, sondern auch für authentische Interpretationen dieser Musik.
(Hanno Ehrler)