
Heiner Goebbels
Ou bien le débarquement désastreux
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (27.11.1995)
"(...) Fast gewaltsam, schneidend und unbarmherzig fallen die Instrumente
ein in den fiktiven Diskurs der gegensätzlichsten Texte, der doch im
Grunde nur das Monologisieren eines verzweifelt Fragenden ist. André
Wilms rezitiert, lebt ein dreistimmiges Gespräch über Bäume.
Ein Sprechen über die Natur, weil ein Sprechen über den Menschen
(jedenfalls für Ponge) nicht mehr möglich scheint. Der Körper
wird zu einem Ort, an dem die Sprachen kreuzen, durch den die verschiedensten
Gedanken hindurchgehen.
Heiner Goebbels nimmt sich auf seiner neuen CD Ou bien le
débarquement désastreux Texten von Joseph Conrad, Francis
Ponge und Heiner Müller an, fragmentiert sie, und ordnet sie neu zu
einem engmaschigen Netz von Sätzen und Tönen, das seine eigene
Logik entwickelt. Die findet ihre Entsprechung in einer musikalischen
Ästhetik, bei der Heiner Goebbels auf vordergründige, weil modische
Schnitt-Techniken verzichtet. Gewiß, die Brüche sind spürbar,
aber die Zielrichtung verliert den Kohärenzgedanken nicht aus dem Blick,
weiget sich andererseits aber nachhaltig, bloße Mischformen mit ethnischen
Anklängen zu produzieren. (...) Ou bien le débarquement
désastreux - Oder die glücklose Landung: ein fesselnder
Bericht des Scheiterns, höchst virtuos inszeniert und zutiefst
verstörend.
(Harry Lachner)
JAZZTHETIK (Februar 1996)
"(...) Über seinem aktuellen Musiktheater-Stück Ou bien le
débarquement désastreux (...) schwebt hingegen nicht
der Wille zur musikalischen Macht - oder gar der des Multi-Kultis, was
leichtfertig ob der Symbiose aus senegalesischen Kora-Exerzitien und
mitteleuropäischen Jazz-Rock-Pattern zu vermuten wäre. Goebbels
Wanderung zwischen den Kontinenten geht über diese weiter, verkrampfte
Kompatibilitätsversuche werden ersetzt durch den Fingerzeig auf den
notwendigen Individualismus, dessen gegenseitige Anerkennung er behutsam
vorantreibt. (...) Die außerordentliche Dramaturgie von Goebbels besteht
somit nicht nur darin, über die angedeutete Gleichschaltung von Musik
und Sprache den Deklamationscharakter abzuschwächen, (...) sondern
über den Kosmos der Improvisation die Kanten und Ecken der Kulturen
aneinander zu legen."
(Guido Fischer)
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