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JAZZTHETIK (Heft 11/02 S. 26-29)
Wenn Eisler mit den Beach Boys surft
Komponist und Regisseur sind die beiden Berufe, mit denen die zahlreichen
Tätigkeiten von Reiner Goebbels, der im August 50 Jahre alt geworden
ist am häufigsten bezeichnet werden. Angefangen hat seine lange Karriere
jedoch als Musiker im so genannten Linksradikalen Blasorchester. Danach
spielte er lange im Duo mit Alfred Harth, im Art-Rock-Quartett Cassiber
und begann, immer öfter Musik fürs Theater zu schreiben. Längst
ist Goebbels einer der gefragtesten Komponisten für zeitgenössische
Musik geworden. Das zeigt nicht zuletzt das in diesen Tagen im Berlin
Henschel Verlag erschienene Buch Heiner Goebbels - Komposition als Inszenierung
in dein seine Arbeit aus vielen Perspektiven beleuchtet und analysiert
wird, auch aus seiner eigenen. Bei ECM ist darüber hinaus die CD
Eislermaterial erschienen, Goebbels' Hommage an Hanns Eisler, die er mit
dem Frankfurter Ensemble Modern in Szene gesetzt hat.
Gründe genug für ein längeres Gespräch.
Nein zu peinlichen Logos und gestrickten Pullovern
Rolf Thomas: Zu Ihren zahlreichen Tätigkeiten ist seit drei Jahren
noch eine hinzugekommen. Sie sind neuerdings auch Professor für Theaterwissenschaft
in Gießen. Wie sind Sie da hingeraten?
Heiner Goebbels: Auch da bin ich über produktive Umwege hingekommen.
Das ist eine Konsequenz des interdisziplinären Ansatzes, der dort
verfolgt wird. Es geht um eine theoretische Reflexion des zeitgenössischen
Theatergeschehens, aber gleichzeitig auch um praktische künstlerische
Erfahrung von verschiedenen Seiten her. Eine Ausbildung, die versucht,
auf die zunehmend wachsende Komplexität im Theater vorzubereiten,
kommt um die Verknüpfung von Theorie und Praxis nicht herum. Ich
finde, man sollte Schauspieler auch nicht vor theoretischen Erwägungen
schützen. Ich kam dahin, weil ich selbst einen sehr umständlichen
Weg zum Theater gefunden habe. Ich habe zuerst fürs Theater nur komponiert
und mich dann zurückgezogen, weit ich vom Verschenken der Möglichkeiten
enttäuscht war. Ich habe dann versucht, auf dem akustischen Terrain
über ein neues Verhältnis von Sprache und Musik nachzudenken.
Ganz langsam habe ich mit szenischen Konzerten zum Theater zurückgefunden.
Dann kamen das Institut und die Studierenden dort auf mich zu. Es war
wahrscheinlich wichtig, dass ich nicht nur gute CDs produziert habe oder
interessante Stücke, sondern dass es mich auch noch interessiert
hat, darüber nachzudenken, mit welchen Mitteln das passiert.
Rolf Thomas: Nun ist eine Theateraufführung im Gegensatz zu einem
Konzert beispielsweise oft eine künstliche Situation, bei der das
laute Deklamieren eines vorgegebenen Textes leicht als unangemessen empfunden
werden kann. Wie gehen Sie mit diesem Dilemma um?
Heiner Goebbels: Ich komme eigentlich von der bildenden Kunst zum Theater
und versuche, auf dem Theater das zu machen, was ich ertragen kann und
all das wegzulassen, was ich für bescheuert oder ausgedacht hatte.
Wenn ich all das weglasse, dann kommen ein paar Arbeiten zustanden, in
denen Musiker sich wie normale Menschen bewegen oder Schauspieler eben
nicht die Figuren denunzieren müssen oder, was vielleicht ein bisschen
konservativ klingt, nicht rumbrüllen oder nackt auf dem Boden herumrobben
müssen. In meinen Arbeiten soll Theater tatsächlich ein utopischer
Ort sein, wo man etwas sieht, was man so noch nicht gesehen hat. Das ist
der Anspruch an eine Qualität, auf die sich sehr viele Theatermacher
leider nicht einlassen. Die meisten reduzieren altes auf bekannte Bilder
und alte Texte auf möglichst psychologisch motivierte Figuren. Das
finde ich entsetzlich langweilig, erniedrigend und bevormundend, und damit
möchte ich nichts zu tun haben. Diese Art von Theater verabscheue
ich. Für mich ist Theater eher Live-Kunst, an der man als Zuschauer
teilhaben kann. Ein Konzert ist aber auch ein szenisches Ereignis, und
wenn man nicht darüber nachdenkt, wie man das beleuchtet oder welche
peinlichen Logos beim Jazzfestival im Hintergrund herumhängen oder
welche gestrickten Pullover die Bassisten tragen, dann finde ich das zu
wenig. Jedes Konzert hat ja auch eine große optische Dimension,
und ich kann sie als jemand, der gerne schaut, nicht ausschließen.
Ich kann nicht sagen, ich tu jetzt so, als guck ich nicht hin und merke
nicht, was für ein geschmackloses Kostüm die Sängerin trägt.
Das kann man alles zum Bestandteil seiner Erwägungen machen, wenn
man dafür ein Auge hat. Deshalb inszeniere ich auch meine Instrumentalstücke
zumindest mit irgendeiner Art von gestaltetem Licht.
Eisler hätte gefallen
Rolf Thomas: Auf Ihrer neuen CD Eislermaterial, einer Inszenierung, die
seit vier Jahren erfolgreich aufgeführt wird, haben Sie Material
von Hanns Eisler neu zusammengestellt und vom Ensemble Modern interpretieren
lassen. Wie hoch ist der Anteil des Komponisten Heiner Goebbels dabei?
Heiner Goebbels: Es ist altes Eistermaterial. Wenn man es aber vergleicht
mit anderen Eisler-CDs, die man kaufen kann, merkt man, dass es sich doch
sehr davon unterscheidet. Ich hatte den Auftrag, zu Eislers 100. Geburtstag
ein Stück zu komponieren. Natürlich ist der erste Reflex, etwas
Eigenes zu komponieren, bei dem die Erfahrung, die man mit Eisler hat,
auftaucht. Dagegen habe ich mich sehr gesträubt, einfach aus der
Verehrung für das Material, das Eisler komponiert hat. Das halte
ich schon aus rein körperlichen Gründen für eine sehr gelungene
Verbindung aus Musik und politischem Anspruch. Deswegen hielt ich es für
besserwisserisch, wenn ich das jetzt nur heranzitiere. Ich wollte eigentlich
einen Abend schaffen, der durch seine innere Anlage es schafft, nicht
nur ein einmaliges Geburtstagskonzert zu sein, sondern etwas mitzuteilen
von dieser Identität zwischen Musik und Politik, die Eisler hergestellt
hat. Es war wichtig, mich selbst dabei zurückzuhalten. Ebenfalls
wichtig war, dass die Musiker sich nicht einfach hinstellen und etwas
aufführen, sondern dass sie es sich einverleiben. Das hätte
Eisler glaube ich auch sehr gemocht. Er hat ja Dirigenten gehasst, weil
sie ganz viel von der Verantwortung der Musiker wegnehmen. Ich wollte,
dass die Musiker das zu ihrer eigenen Sache machen und das habe ich auf
dreifache Weise versucht zu erreichen. Zum einen habe ich sie einbezogen
in die Art des Arrangements. Ich habe zum Beispiel Klavierlieder als Klaviernoten
hingestellt und gesagt, komm, jetzt arrangieren wir das mal für Holzbläser.
Das heißt, die Musiker hatten nicht nur ihre Stimme da stehen, sondern
sie hatten alte Stimmen da stehen und das hat mir ermöglicht, den
Dirigenten wegzulassen. Als zweiten Schritt habe ich es ihnen sehr erschwert,
denn ich habe sie auf eine Weise auf die Bühne gesetzt, wie es Musiker
eigentlich nicht akzeptieren würden, nämlich an die drei äußeren
Ränder eines leeren Bühnenraums. Außerdem habe ich die
Kommunikation auch dadurch erschwert, dass ich die Instrumentengruppen
getrennt habe, zum Beispiel sitzt der Cellist vorne links, der erste Geiger
ganz woanders und die Bratsche hinten, das heißt, die haben einen
Riesenabstand voneinander. Wenn es jetzt, wie es bei Eisler öfter
vorkommt, kleine Streichensembles gibt, dann müssen die über
eine Entfernung von zehn Meter diagonal miteinander kommunizieren. Das
ist eine Art der Kommunikation, die jeder Zuschauer sofort mitbekommt.
Man merkt, die haben ein Problem, das sie als Kollektiv lösen, ohne
dass da vorne einer rumfuchtelt. Das war der zweite Schritt, der dazu
geführt hat, dass die Musiker extrem vertraut mit dem Material sein
mussten. Der dritte war der, dass ich Improvisationen miteinbezogen habe,
also Stücke, in denen das Material zum Ausgangsmaterial zur Improvisation
wird, wozu man es auch genau kennen muss. Ich wollte, dass über die
Töne, über die Rhythmik improvisiert wird und nicht nur über
die Tonart.
Rolf Thomas: Worauf kam es Ihnen bei der Zusammenstellung des Materials
an?
Heiner Goebbels: Ganz wichtig war mir, die ganze Breite von Eislers Arbeit
zu demonstrieren. Wenn man sich heute Eisler-Programme im Konzertbetrieb
anschaut, darin gibt es zwei, drei Alternativen. Sie können bei linken
Gedenkveranstaltungen Arbeiterlieder hören, Sie können im Konzertsaal
Orchestersuiten oder kleine Kammermusikstücke hören oder Sie
können die Hölderlin-Lieder hören. Aber die gesamte Breite
vom Marschlied bis zu den komplexen Orchesterstücken, die können
Sie nirgends hören, und das geht auch mit den meisten Musikern gar
nicht. Außer eben mit dem Ensemble Modern, das auf eine wirklich
unglaublich berührende Weise diese sehr einfachen Lieder, die Eisler
sich nicht gescheut hat zu schreiben, obwohl er Schönberg-Schüler
war, ganz hart neben einem komplexen Orchesterstück erklingen lässt.
Das gibt es so wirklich nirgends zu hören. Bei den Aufführungen
merkt man dann auch, dass das Publikum auf seinem Stuhl immer weiter nach
vorne rückt und in seiner Neugierde, an dieser Kommunikation teilzunehmen,
beinahe die leere Bühnenmitte einnimmt. Das war eine schöne
Erfahrung, dass diese Musik eben auch ein ganz große Wärme
hat, und das hat auch in Ländern funktioniert, in denen Eisler gar
nicht bekannt ist. Bei jedem anderen Konzert würde der Sänger
vorne an der Rampe stehen, hier muss man ihn suchen, und das macht es
eben auch spannend.
Rolf Thomas: Für mich strahlt die Musik auch eine gewisse Patina
aus. Man scheint die Atmosphäre der Weimarer Republik beinahe zu
spüren.
Heiner Goebbels: Es wäre falsch, so zu tun, als gäbe es die
Entfernung nicht, die wir zu dieser Musik haben. Es ist Musik aus den
zwanziger Jahren und wenn man diese Distanz ignoriert und mit Pathos »Vorwärts
und nicht vergessen!« singt, dreht sich einem eigentlich der Magen
um. Ich habe daher versucht, das Ganze in eine noch größere
Entfernung zu bringen, auch durch die Instrumentierung, das Harmonium
oder die große Bass-Drum. Das, was einen darin trotzdem noch erreicht,
kann man als Entdeckung feiern.
Rolf Thomas: Es berührte mich sehr merkwürdig, die Stimme von
Hanns Eisler in den beiden aus Rundfunk-Interviews zusammengestellten
Collagen auf dieser CD zu hören. Da ich seine Stimme vorher nicht
kannte, hatte ich sie mir nicht so weich und mit diesem Liebenswürdigen
Akzent vorgestellt.
Heiner Goebbels: Seine Stimme hat viel Humor, viel Körperlichkeit
auch beim Reden und das findet sich auch in der Musik wieder, die Art,
zu artikulieren und Sprache zu rhythmisieren. Eisler hat im Grunde immer
mit einem rhythmischen Puls gearbeitet, obwohl er ja Schönberg-Schüler
war. Und das habe ich in der Musik auch gerne.
Jazz, Eisler, Beach Boys
Rolf Thomas: Nun haben Sie schon erwähnt, dass diese Produktion nur
mit dem Ensemble Modern möglich gewesen ist, mit dem Sie schon seit
fünfzehn Jahren zusammenarbeiten. Was ist das Besondere an diesem
Ensemble?
Heiner Goebbels: Das Besondere am Ensemble Modern ist seine Struktur.
Es ist ein selbstverwaltetes Ensemble, das keinen Chef hat. Das heißt,
sie entscheiden selbst, mit welchem Komponisten sie arbeiten, wann sie
proben und wo sie aufführen. Das ist für die Arbeit ganz wichtig,
weil man nie mit Widerständen konfrontiert wird, mit denen man es
sonst zu tun hat. Außerdem verfügt das Ensemble über eine
ganze Reihe von Musikern, die an einer kreativen Ausweitung interessiert
sind, die zum Beispiel auch mit Jazz zu tun haben.
Rolf Thomas: Ungewöhnlich ist auch, dass der Schauspieler Josef Bierbichler,
der mir noch aus den Filmen von Herbert Achternbusch ein Begriff ist,
die Rolle des Sängers übernommen hat. Wie ist der Kontakt zustande
gekommen?
Heiner Goebbels: Josef Bierbichler kannte ich auch noch aus den Achternbusch-Filmen
und habe in den 90er Jahren ein Hörspiel mit ihm gemacht. Mittlerweile
gehört er ja zu den renommiertesten Schauspielern im deutschsprachigen
Raum und ich hörte, dass er auch singt. Ich mochte ihn als Schauspieler
wegen seiner uneitlen Spielweise, was für Eisler auch sehr wichtig
ist, weil bei ihm ganz oft steht, »mit großer Diskretion zu
singen«. Deshalb wollte ich keinen richtigen Sänger, der per
se eitel sein muss. Dieses hohe, falsett-ähnliche Register, das Bierbichler
hat, trägt auch zu dieser Entfernung, von der wir vorhin sprachen,
bei.
Rolf Thomas: Nun werden Sie, der eigentlich mit Jazz angefangen hat, seit
einigen Jahren vor allem im Kontext der Neuen Musik wahrgenommen. Ist
das eine Szene, der Sie sich zugehörig fühlen?
Heiner Goebbels: Ich fühlte mich keinem Bereich zugehörig. Beim
Jazz haben auch viele gesagt, das, was ich mache, swingt doch gar nicht.
Improvisation war für mich immer wichtig als Motor, aber nicht als
Selbstzweck. Das führte aber dennoch in den Jazz-Kontext, zu dem
ich ja früher auch zählte. Ich wollte mich dann aber zunehmend
von der Bühne zurückziehen, weit ich feststellte, ich schaue
mir selber zu viel dabei zu. Auf der Bühne muss man unschuldig spielen
können, und das konnte ich nicht mehr. Wenn man dann versucht, seine
Musik überlieferbar zu machen, kommt man um das Notenpapier nicht
herum. Trotzdem arbeite ich aber nach wie vor gerne mit improvisierenden
Musikern. Aber dass der Jazz ästhetisch meine Heimat war, kann man
eigentlich gar nicht sagen. Schon auf meiner ersten Platte mit Alfred
Harth haben wir über Eisler-Lieder improvisiert. Eigentlich habe
ich mich also gar nicht verändert. (Lachen)
Rolf Thomas: Einen Sinn für ungewöhnliche Materialverbindungen
haben Sie auch mit einer Ihrer aktuellen Produktionen namens Hashirigaki
bewiesen, in der Sie Musik vom Album The Pet Sounds Sessions von den Beach
Boys mit Texten von Gertrude Stein kombinieren. Nun gilt gerade Pet Sounds
nicht erst seit einigen Jahren als so eine Art Heiliger Gral der Popmusik.
Was macht für Sie die besondere Qualität der Platte aus?
Heiner Goebbels: Zum einen ist es der melancholische Ton, der bei den
Beach Boys ja sehr überraschend war. Dann ist es natürlich die
Instrumentierung, die für Popmusik sehr ungewöhnlich ist, das
klassische Instrumentarium, das aber so raffiniert abgemischt wird, dass
die ganzen Neutöner noch etwas davon Lernen können. Zum dritten
haben die Songs so eine merkwürdige, schwebende Qualität, der
Bass schwebt über dem Erdboden, das verbindet die Musik mit der Prosa
von Gertrude Stein.
(Rolf Thomas)
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