|
26. Juni 2003
„Über die künstlerische Praxis“
Wie ist die Gewichtung zwischen kreativer Arbeit und Theorieseminaren
im Studiengang Angewandte Theaterwissenschaft?
Abgesehen von den vorgeschriebenen Voraussetzungen der Studienordnung
setzt setzt der Studierende die Gewichtung im Prinzip selbst. Es gibt
natürlich Studierende die von den künstlerisch-praktischen Angeboten
weniger Gebrauch machen und es gibt Studierende, die davon sehr viel Gebrauch
machen. Das theoretische Minimum, das die Studierenden schon über
die Bausteinfächer Anglistik, Germanistik, Romanistik, Kunstgeschichte,
Musikwissenschaften usw. und mit den theaterwissenschaftlichen Seminaren
zu bewältigen haben, ist ohnehin schon relativ hoch. Wenn man tatsächlich
von den künstlerisch-praktischen Angeboten den optimalen Gebrauch
macht, kann man möglicherweise nicht in der Regelstudienzeit fertig
werden.
Es ist eine deutliche Erfahrung: je kreativer die Studierenden sind, je
künstlerischer sie an einer eigenen Praxis interessiert sind, desto
länger studieren sie hier. Durch das Prinzip der programmatischen
Offenheit - weil die Studierenden ja auch nicht mit einem gerichteten
Interesse ankommen, sondern bei Studienbeginn noch sehr unspezifisch sind
- bietet hier sehr viele Möglichkeiten. Man kann sich z. B. nächtelang,
wochenlang im Tonstudio einschließen und Hörspiele machen.
Es gibt viele, auch preisgekrönte Hörspiele, die auch in Rundfunkanstalten
laufen, die hier entstanden sind. Von Kaegi und Wetzel, von Steffen Popp
und vielen anderen.
Was wir auch sehr fördern ist eine relativ frühe Auseinandersetzung
mit der nicht-universitären, künstlerischen Außenwelt;
dafür wir haben gute Kontakte. So bin ich zum Beispiel in der Jury
des Plateaux-Wettbewerbs am Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt
und es gibt eben auch sehr viele Kontakte nach Hildesheim, nach Hamburg,
nach Berlin, nach Zürich; es gibt immer wieder Veranstalter, die
nach interessanten studentischen Produktionen fragen.
Und die tatsächlich auch Produktionen einladen?
Ständig, wirklich sehr viel. Gestern sprach ich mit einem Studenten,
der im Rahmen meines szenischen Projektes letztes Jahr eine Performance
gemacht hatte und damit jetzt auf dem Festival hope & glory
in Zürich eingeladen war, andere bei reich & berühmt.
Das ist im Studium schon ein hoher Anteil an Arbeiten, die sich über
Giessen weit hinaus realisieren können und auch behaupten müssen.
Um noch mal die Möglichkeiten aufzuzählen, die man hier hat:
es gibt pro Jahr vier Gastprofessoren, oft internationalen Künstler,
die ganz neue Ansätze bringen. Jetzt im Wintersemester [WS 03/ 04,
Anm. d. Verf.] kommt z. B. mit Nikolaus Hirsch ein junger renommierter
Architekt und mit Xavier Le Roy ein französischer Choreograph; Jerome
Bel war hier, Marina Abramovich und auch z.B. Rene Pollesch oder Michel.
Regisseure; es kommen Schauspieler und Regisseure - wie im WS 2005 Josef
Bierbichlersind - und machen szenische Projekte. Auch theoretische Ergänzungen
dessen, was wir selbst nicht anbieten. So hat Diedrich Diedrichsen hier
poptheoretische Seminare angeboten, Reinhold Grether medienwissenschaftliche.
So gibt es immer wieder neue Impulse.
In der Studieninfo wird das breite theaterästhetische Spektrum erwähnt,
von dem Sie auch gerade sprechen. Ist es tatsächlich so, wenn Jerome
Bel oder Marina Abramovich kommt, dass sie szenische Projekte anbieten,
die ihrer Theaterästhetik entsprechen. Sich dann also ausschließlich
auf bspw. Tanztheater oder Performance beziehen?
und einen völlig anderen, sehr monolithischen Standpunkt einnehmen.
Das ist so. Da reden wir auch in der Regel nicht rein. Sie müssen
nicht irgendeine Grundausbildung anbieten, sondern arbeiten mit den Studenten
daran, womit sie glauben, die künstlerische Eigenleistung am ehesten
provozieren und anleiten zu können.
Marina Abramovich hat ein wunderbares szenisches Projekt gemacht, aus
dem heraus ganz vielen, 15- 20 performative Eigenleistungen der Studierenden
mit ihren Körpern entstanden sind. Das ist ja ein Konzept, wofür
Abramovich sehr stark einsteht und die entstandenen Arbeiten waren sehr
intensive, sehr stark, die wir auch wiederum noch mehrmals zu anderen
Anlässen gezeigt haben.
Was ich persönlich feststelle ist, dass der Seminarbetrieb etwas
unter dem Umfang praktischer Arbeiten leidet.
Komischerweise empfinde ich das nicht und erlebe die Praxis auch nicht
wirklich als Widerspruch zur theoretischen Arbeit. Die Studierenden -
das ist jetzt ein sehr interner Blick ,- die auch szenisch die spannenden
Entwürfe entwicklen und bei denen das Nachdenken über das jeweilige
Medium auch Teil der Performance ist, das sind meistens nicht die, die
sich dem Theoretischen zu entziehen versuchen, sondern im Gegenteil oft
auch die theoretisch ambitionierten und klugen Studierenden. Das ist wirklich
auffallend. Man könnte umgekehrt eher vermuten, es gäbe die
Theoretiker auf der einen und die Praktiker auf der anderen Seite; die
einen versenken sich in die Seminare und die anderen spielen sich ihren
Wolf. Das ist aber überhaupt nicht so. Man kann wirklich beobachten
und auch institutshistorisch noch mal aufschlüsseln, dass gerade
die künstlerisch produktiven Studierenden, Leute wie Kaegi oder Wetzel
und andere, durchaus Studierende sind, die auch in Seminaren ganz vorne
an der Materie sind. Wenn es gelingt, auch die Seminare an die künstlerische
Praxis anzubinden, was ich versuche, dann muss das ja kein Widerspruch
sein. Vielleicht ist das wichtig: ich versuche in der täglichen Praxis,
im Seminar wie auch im szenischen Projekt, immer das jeweils andere anwesend
sein zu lassen: Theorie, Reflexion und Praxis. Wer im Seminar einen Gedanken
und theoretische Perspektiven entwickelt, sollte versuchen, dafür
auch eine Anschauung zu finden. Dann schauen wir uns ein Bild von Andreas
Gursky an oder hören ein Stück von Helmut Lachenmann. D. h.
man versucht selbst im Seminar, diese Verbindung herzustellen. Mir scheint
das Problem gerade in der künstlichen Trennung zu liegen; deswegen
verstehe ich auch unter meiner Arbeit die offensive Verbindung von Beidem.
Ein Student sagte mir, dass sehr viele freie Arbeiten während
des Semesters entstehen, wie auch Sie sagten, dass es sehr regelmäßig
Aufführungen gibt und anschließende Kritikgespräche. Nehmen
die Arbeiten auf den Studienbetrieb Bezug? Gibt es eine Verknüpfung?
Es gibt manchmal direkte Verknüpfungen; dass z. B. im Seminar jemand
ein Referat annimmt, dann aber statt eines Referats plötzlich mit
einem Film ankommt oder sagt: Kommt doch mal auf die Probebühne,
ich hab da was aufgebaut.. Solche Punkte gibt es nicht oft,
aber sie gibt es. Manchmal auch in den anderen Fächern, wenn in Slawistik
z. B. die Studenten dann in einem Seminar über russischen Futurismus
statt eines Referats eine Performance auf dem Campus mit Traktor und Lenin-double
anbieten, sehr zum Wohle der Slawisten.
Und die rümpfen nicht die Nase?
Nein im Gegenteil. Die finden das ganz wunderbar, sehr anregend. Weil
es ja auch kluge Konstruktionen sind und nicht billige Sketche, lohnen
sie sich für den Lehrbetrieb. Das ist die eine Möglichkeit.
Die andere Möglichkeit besteht darin, vielleicht ein, zwei Semester
nach einem Seminar eine bestimmte künstlerische Arbeit zu entwickeln,
die vom Inhalt des Seminars zwar Anregungen bekommen hat, ohne noch direkt
involviert zu sein.
Also eine Inspiration?
Ja.. Umgekehrt gibt es auch bei den szenischen Projekten immer wieder
theoretische Anteile. Entweder in der Vorbereitung oder in der Aufführung
selbst - wenn das ganze zur lecture-performance wird.
Das Problem besteht eher umgekehrt darin, theoretische Erfahrungen zu
schnell in künstlerische kurz zu schliessen. Das funktioniert ja
nicht. Dem muss man eher vorbauen und einen Widerstand dagegen formulieren.
Sie sagten bereits im Vorwege, dass es die Möglichkeit gibt, dass
Sie oder Kollegen sich die Arbeiten der Studierenden während der
Proben anschauen und Kritik leisten. Es gibt also auch hier eine enge
Verbindung zum Institut und nicht nur bei den szenischen Projekten?
Es kommt sehr oft vor, wenn die Studierenden eigene Stücke machen,
daß wir auch auf die Probe kommen, nicht nur, wenn es ein Problem
gibt.
Werden solche Arbeiten auch bewertet?
Nein. Bewußt nicht.
Und als Diplomarbeit?
Doch, das habe ich jetzt eingeführt. Es gibt jetzt Diplominszenierungen
als Möglichkeit statt Diplomarbeit. Es gibt jetzt die ersten Resultate.
Zunächst sind Hörspiele, also akustische Inszenierungen. Eines
können sie hören, Arsenal der Minotauren von Steffen
Popp. Er hat sowohl das Libretto erarbeitet, die Musik komponiert, die
Aufnahmen gemacht, es montiert und abgemischt - und damit die künstlerisch-praktischen
Anforderungen über-erfüllt. Das wird sicher in der Zukunft häufiger
vorkommen, dass es Diplominszenierungen statt Diplomarbeiten gibt. FÜrs
Wintersemester ist eine Diplom-Performance geplant, im nächsten Frühjahr
[SS 2004] auch eine Inszenierung am Stadttheater.
Die Gespräche zu den Aufführungen: in welchem Rahmen finden
die statt? Ist das ein offener Rahmen?
Das machen wir ganz informell. meistens sogar im Flur, unserer sogenannten
"Wilsonstraße". Da kommen dann 20, 30, 40 Studenten und
ein paar Lehrende; das ist vor allem für die Studierenden eine Möglichkeit
ihren Kommilitonen zu sagen, was sie gut fanden, was sie kritisieren;
wir moderieren das, geben Anregungen.
Ich sehe es als schwierig an, ein Forum zu haben, indem es einen Austausch
gibt, der ehrlich ist, aber auch objektiv bleibt, ohne Konkurrenzen. Wie
funktioniert das bei Ihnen?
Die Kritikgespräche und Aufführungsgespräche haben eine
lange Tradition. Ich glaube, es ist allen Beteiligten inzwischen gelungen,
diese Art von Offenheit möglich zu machen, die trotzdem nicht verletzend
sein muss. das wäre die Schwelle, die wir nicht überschreiten
wollen.
Ich versuche die älteren Studierenden - die vielleicht manchmal die
Nase rümpfen über bestimmte ästhetische Sackgassen, in
die die Jüngeren reinlaufen - immer darauf aufmerksam zu machen,
daß sie hierbei auch eine pädagogische Funktion haben. "Wenn
ihr etwas wisst, was andere noch nicht wissen, müsst ihr es auch
vermitteln". Es hilft nichts, dann arrogant die kalte Schulter zu
zeigen oder zu dem Kritikgespräch nicht zu gehen, weil man die Aufführung
schlecht fand; man muss bewußt hingehen und genau zu erklären
versuchen, warum man daran nicht mehr glaubt. Das muß man sich erarbeiten,
aber das geht mittlerweile eigentlich ganz gut. Ich bin über die
Gespräche, die wir führen, sehr froh.
Das hilft auch für den Kontakt unter den Studierenden. Der ist ohnehin
bei uns sehr eng, weil wir ein sehr kleines Institut sind und ständig
Festivals und Selbstorganisationen von Partys stattfinden. Es gibt auch
jedes Jahr eine Weihnachtsperformance. Letztes Jahr fand zusätzlich
noch ein ATWentskalender statt, für den Studierende 24
Mal vor Weihnachten in Giessen an 24 Stationen in der Stadt kleine künstlerische
Aktionen gestartet haben. Das waren also letztes Jahr praktisch drei Festivals.
So was bringt natürlich auch die Studierenden sehr eng zusammen und
ist sehr wertvoll.
Es gibt bei Ihnen die Unterscheidung zwischen praktischen Kursen und szenischen
Projekten. Und die praktischen Kurse versteht man eher als grundlegend?
Genau, die praktischen Kurse haben eine eher auf das Handwerkliche gezielte
Stoßrichtung, z. B. fotografieren oder Fotos entwickeln oder auch
körperliche Übungen: Stimmbildung, Aikido, je nach dem; oder
eben die Einführungen in das Tonstudio, damit man mit dem Harddisk-Recordingsystem
umgehen kann, oder um am Videoschnittplatz bestimmte Techniken zu vermitteln.
Das sind die Lehraufträge für die praktischen Kurse. Die szenische
Projekte versuchen das in eine eigene künstlerische Arbeit umzusetzen.
Man wird in der Regel nicht von einem Gastprofessor 'inszeniert', der
damit sein Stück realisieren will. Auch bei Pollesch war das nicht
die Hauptstoßrichtung. [Bei der Theatermaschine 2003 war eine Inszenierung
Polleschs von Insourcing des Zuhause mit Studierenden zu sehen,
die in einem szen. Projekt im WS 02/03 entstanden ist, Anm. d. Verf.]
Er hat von den Studierenden in einer Schreibwerkstatt viele Texte schreiben
lassen. In der Regel ist es die Anleitung eigener künstlerischer
Arbeiten durch die Gastprofessoren.
Es ist also mehr ein Input von außen, von den Lehrenden?
Und eine Anleitung, eine Begleitung, Betreuung. Aber das Interesse, der
Schwerpunkt liegt eher darauf, daß der Studierende selbst ein künstlerisches
Resultat hat, für das er/sie verantwortlich ist.
Gibt es Aufführungen? Gibt es eine Art Werkschau?
Es gibt die THEATERMASCHINE, das Festival der Studierenden, das im wesentlichen
eine Werkschau ist - davor finden die Aufführungen zu unterschiedlichen
Zeitpunkten statt. Auch jedem szenischen Projekt gibt es fast immer eine
Aufführung. Wir regen das an, überlassen die Entscheidung aber
dem Gastprofessor.
Man arbeitet also schon immer in Hinblick auf ein Produkt?
Nein, das nicht. Aber der Prozess wird dennoch am Schluss meistens vorgestellt,
was man gemacht , woran man gearbeitet hat. Es wird nicht als Produkt
behandelt. Das sollte auch nicht so sein - der Prozess ist in der Lehre
immer wichtiger.
Gibt es aufbauende praktische Kurse über mehrere Semester, um die
Möglichkeit zu schaffen sich in bestimmten Bereichen zunehmend zu
professionalisieren?
Das gibt es. Als Beispiel: es gibt Anfängerkurse im Tonstudio und
Fortgeschrittenenkurse im Tonstudio. Am Videoschnittplatz gibt es das
auch. Dann folgt ein szenishces Projekt zu Hörspielen oder Dokumentarfilmen
usw.
Aufgrund der Größe des Studiengangs gehe ich aber davon aus,
dass sich die verschiedenen Semester in den Kursen mischen. Oder gibt
es Kurse nur für höhere Semester und Anfängerkurse, die
dann die Erstsemester besuchen?
In der Regel versuchen wir es zu vermeiden. Aber das gibt es bei großem
Bedarf bei bestimmten engen Stellen, z. B. auch Tonstudio manchmal.
Ach die Studenten selbst können nur eigene Projekte machen, wenn
sie auch vorher an einem Probebühnentutorium teilgenommen haben.
Damit sie wissen, wie man die Stecker nicht in die falschen Steckdosen
steckt.
Wenn ich zwei szenische Projekte in einem Semester mache, kann es sein,
dass das zweite eher etwas für eine kleine Gruppe ist. Ich habe in
den letzten Jahren versucht, die Kontakte nach außen auszubauen,
um die Studierenden auch zu zwingen, ihre Arbeiten zu vermitteln; sich
also nicht in einem kleinen Kreis festzubeißen, sondern die Chancen
zu haben, nach außen, mit anderen Leuten zu kooperieren, und dadurch
aber auch gezwungen zu sein, was man erreichen möchte anderen Darstellern
oder Musikern zu vermitteln. Daher machen wir eigentlich mindestens einmal
im Jahr ein Projekt mit Studierenden einer anderen Hochschule zusammen.
Z. B. mit dem Medienlabor fabrica aus treviso habe ich ein Projekt in
Norditalien gemacht. Sieben Stipendiaten dieses Instituts und sieben Studierende
von uns kamen zusammen, haben zusammen gearbeitet und dann in Italien,
Giessen und London aufgeführt. Letztes Jahr habe ich mit Studierenden
aus Brüssel und Nordfrankreich und auch wiederum sieben Sudierenden
des Instituts Installationen entwerfen lassen für die Kulturhauptstadt
Brügge. Klanginstallationen, die dann zwei Monate im öffentlichen
Raum in Brüffe zu hören und zu sehen waren. Das kann man nicht
mit 20, 30 Studenten machen. Zurzeit mache ich gerade ein Projekt zusammen
mit Bühnenbildstudenten der Bühnenbildklasse in Wien von der
Akademie der bildenden Künste, bei dem unsere Studierenden mit denen
zusammen Projekte entwickeln. Das gibt es, seitdem ich hier bin. Das kann
ich aber dann nicht offen anbieten, das muss auf, wie gesagt, sechs bis
acht Studenten beschränkt werden.
Und wie treffen Sie eine Auswahl?
Ganz unterschiedlich. Erst mal trifft sich die Auswahl selbst durch die
Interessenten oder das, was sich die Studierenden selbst zutrauen. Wenn
sie merken, da muss ich mit einem Bühnenbildner zusammen arbeiten,
kommt es auch vor, daß sie sagen "das traue ich mir noch nicht
zu". Dann gibt es einen Anmeldeschluss in manchen Fällen. Manchmal
gibt es aber auch eher den Versuch, dass man erst mal einen Entwurf machen
läßt und man wählt aus den Entwürfen aus. Es gibt
unterschiedliche Verfahren - wurde aber bisher nie zum Problem.
Bei uns werden Übungen meistens von studentischen Hilfskräften
unter Beobachtung von Dozenten angeleitet. Passiert das in Giessen auch
so?
Das machen wir nur dann, wenn es sich bei den Studierenden tatsächlich
um Profis handelt. Z. B. derjenige, der bei uns die Videokurse gibt, ist
professioneller Cutter, obwohl er hier noch studiert hat. Er da einen
professionellen Zugang und deswegen konnten wir ihm das auch anvertrauen.
Im Tonstudio ist das auch so. Gerade die Vermittlung von Medienkompetenz
ist an eine seriöse Professionalität gebunden.
Nochmals zu den Kontakten und dass die Gruppen die Möglichkeit haben
auf verschiedenen Festivals zu spielen. Wie genau kommt das zustande?
Besteht da tatsächlich das Interesse von den verschiedenen Spielstätten?
Das kommt von den Spielstätten selbst. Wenn jetzt Mathias Lilienthal
anfragt oder das Künstlerhaus Mousonturm oder Kampnagel. Aber das
ist nicht die Mehrzahl. Das kommt natürlich durch Kontakte, die wir
haben. Es kommen immer wieder Leute von anderen Spielstätten zu uns,
zu den Festivals, um sich Produktionen anzuschauen und sie später
einzuladen. Außerdem sind die Studierenden selbst sehr aktiv sind
und bewerben sich bei Ausschreibungen, Wettbewerben. Zwei haben auch vor
zwei Jahren den gut asugestatteten Nordrhein-Westfälischen Hörspielpreis
gewonnen.
Zum Stichwort Hörspiel. Gibt es eine Linie, die sich aus dem Studiengang
entwickelt oder die vorgeschrieben ist oder ist jeder Student relativ
frei, wo er seine Schwerpunkte legt?
Da ist er frei. Es gibt Studierende, die setzen ihre Schwerpunkte im Laufe
des Studiums mehr beim Film, weil wir auch filmwissenschaftliche Seminare
anbieten. Es gibt andere, die bleiben sehr beim Theater. Es gibt dritte,
die gehen sehr zur Musik oder zum Tanz. Das stellen wir ihnen absolut
frei und das ist, glaube ich, gerade die Qualität des Studiengangs,
dass der Studierende selbst im Laufe seines Studiums seine Schwerpunkte
setzen kann.
Es ist mir aufgefallen, dass ich im Zusammenhang mit dem Giessener Studiengang
oft von Hörspielen höre. Wahrscheinlich hat sich das auch entwickelt,
oder?
Das hat sich entwickelt seit ich hier bin natürlich. Weil ich das
Tonstudio eingerichtet habe, das es vorher nicht gab. Auch das Video-Schnittstudio
gab es vorher so nicht, aber das Tonstudio ist auch ein sehr gutes reduziertes
Terrain, eine Art akustische Bühne, auf der man etwas platzieren
und ausprobieren kann. Und ich habe ja selber in meiner eigenen Biografie
zunächst erst Hörspiele gemacht, bevor ich mich an die Inszenierung
szenischer Konzerte, später an Theaterstücke oder noch später
an Musiktheaterstücke oder Opern traute.
Man muss nicht immer alles gleichzeitig lernen können. Es ist gut,
erst einmal ein eng umrissenes Terrain zu haben, in den man sich profilieren
kann und etwas lernen kann; das kann man langsam ausbauen.
Zur Infrastruktur: Wie sind die verschiedenen Studios oder Bühnen
betreut?
Gibt es Zuständige?
Ja. Es gibt für die Probebühne im Grunde drei Technik-Hiwis,
die eigentlich den Probebühnenbetrieb immer wieder betreuen - mit
Tutorien - aber auch indem sie wieder aufräumen, warten, reparieren
und all das. Es gibt ebenso jeweils einen Hiwi für das Tonstudio
und fürs Videostudio.
Wir haben uns lange überlegt: stellen wir jetzt jemanden ein, der
alles kann und der von morgens um acht bis nachmittags um vier Uhr Dienst
macht und das ist es dann. Das wäre natürlich die klassische
Lösung. Ich habe mich sehr schnell dagegen entschieden. Erstens gibt
es inzwischen kaum noch jemanden, der so komplexes Wissen in sich vereinen
kann, dass er sich in einem Avid- Schnittprogramm genau so auskennt, wie
bei einem Profilscheinwerfer auf der Probebühne und auch noch mit
einem Max-Programm umgehen kann, mit dem man Software herstellt, um eine
Klanginstallation aufzubauen. Dazu ist inzwischen diese Welt einfach zu
komplex. Das gibt es nicht mehr. Deswegen haben wir uns entschieden, das
aufzuteilen und an junge, flexible Kräfte zu vergeben, die jeweils
auf dem neuesten Stand sind.
Interview geführt von Thorsten zum Felde im Rahmen des Forschungsprojekts
"Theater studieren" des Instituts für Medien- und Theaterwissenschaft
der Universität Hildesheim.
(Thorsten vom Felde)
|