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NZZ am Sonntag, 31.10.2004, Nr. 44, S. 71
"Das Geheimnis der Leichtigkeit"
Der Komponist und Regisseur Heiner Goebbels über Klangbilder und
Sinnbilder, über elitäre Kunst, die Zugänglichkeit seiner
Werke und über seinen Theaterabend "Eraritjaritjaka". Damit
gastiert er vom 4. bis 6. November im Schauspielhaus Zürich.
Freundlich giesst er Tee nach und hilft sanft, wenn sich der Interviewer
beim Stücktitel wieder mal verhaspelt: "Eraritjaritjaka",
sagt Heiner Goebbels mühelos. "Wir machen's gleich noch mal:
Eraritjaritjaka." So heisst sein jüngster Theaterabend, der
in Lausanne herauskam und nun auch in Zürich zu sehen ist. Das Stück
mit dem unaussprechlichen Titel ist Elias Canetti gewidmet; der fand die
Wendung bei australischen Ureinwohnern. Schön ist ihre Bedeutung:
"Beseelt vom Verlangen nach etwas Verlorenem".
Etwas nachhängen: Vielleicht kann man Heiner Goebbels' Musik-Theater
auf diesen gedanklichen Nenner bringen. Er breitet Fundstücke aus
und denkt ihnen nach, wie jetzt Canettis Aperçus. Dennoch ist sein
Theater nie nur Gedankentheater. Es ist ein Theater der Bilder, der rhythmisierten
Bühnenbilder, virtuosen Klangbilder, rätselhaften Sinnbilder.
Der poetischen Theaterbilder, die sich wechselseitig kommentieren. Seine
Musik kennt verschiedene Idiome, asiatische Klänge so gut wie lineare
Pop-Beats und kreisende Minimal-Schlaufen. Er geht als Komponist nicht
an avantgardistische Grenzen, er will verstehbar bleiben.
In der Wohnung schmale hohe Räume, Stuckdecken, ein Esszimmer mit
Kerzen, nebenan ein Flügel, im Bücherzimmer auch ein Billardtisch.
Heiner Goebbels wohnt in einem jener wunderbaren Häuser im Frankfurter
Westend, die es heute nicht mehr gäbe, wenn die jungen Spontis um
Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer sie nicht einst besetzt hätten.
Wie seine Ex-Mit-Rabauken ist auch Goebbels in den Institutionen weit
gekommen. Der Mitbegründer des "sogenannten Linksradikalen Blasorchesters",
der erst Soziologie studierte, bevor er sich der Musik zuwandte, ist als
Künstler arriviert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, war 2003 residierender
Komponist beim Lucerne Festival und arbeitet mit der Crème der
Interpreten wie dem Ensemble Modern, den Berliner Philharmonikern, den
Schauspielern David Bennent und André Wilms.
NZZ am Sonntag: Herr Goebbels, machen Sie Theater für ein elitäres
Publikum?
Heiner Goebbels: Ich glaube, dass meine Stücke im Grunde voraussetzungslos
funktionieren müssten. Ich möchte in meinen Arbeiten niemanden
ausschliessen und erlebe zum Beispiel auch, dass ein jugendliches Publikum
oder ein Publikum in Sydney oder Moskau, das meine bisherigen Arbeiten
nicht kennt, damit ohne weiteres etwas anfangen kann. Erst so kann ich
ermessen, ob ein Stück funktioniert. Elitär ist sicherlich das
Privileg meiner Arbeitsmöglichkeiten, elitär sind manchmal auch,
darauf habe ich leider keinen Einfluss, die Preise, allerdings nur bei
bestimmten Festivals wie in Salzburg oder Luzern. Ein Ticket für
"Max Black" beim Zürcher Theaterspektakel ist erschwinglich.
Achten Sie denn auf so etwas?
Nicht in allen Fällen. Wenn Simon Rattle eine Komposition von mir
in der New Yor-ker Carnegie Hall aufführen will und die Karte 200
Dollar kostet, werde ich den Deubel tun, das zu verhindern. Aber ich kümmere
mich tatsächlich auch um technische, logistische und ökonomische
Details, oft zum Leidwesen der Produzenten.
Worin liegt die voraussetzungslose Zugänglichkeit Ihrer Werke?
Ein Stück, das klug gemacht ist, muss nicht damit hausieren gehen,
sondern darauf angelegt sein, zugänglich zu bleiben, selbst wenn
die Vorbereitungen sehr gründlich sind. Mein Hauptmotiv, das Geheimnis
der Leichtigkeit, und damit die Antwort auf Ihre Frage ist vielleicht
die Tatsache, dass ich einem rein semantischen, intellektuellen Zugang
misstraue. Was eine sinnvolle Erfahrung sein soll, muss auch durch den
Körper gehen. Das schliesst Komplexität nicht aus. Weil meine
Stücke immer mehrere Zugänge erlauben, erlauben sie auch, dass
man zum Beispiel in "Max Black" einer philosophischen Passage
von Paul Valéry gerade nicht folgen kann. Ich kann es selber nicht.
Stattdessen verfolgt man das Schattenspiel der Gestik auf der Rückwand
der Bühne, das auch etwas erzählt, oder den Rauch über
der Szene . . .
Weshalb aber eine Passage in ein Stück einbauen, der man nicht folgen
kann?
Die Leute haben erst immer den Eindruck, sie müssten alles verstehen.
Das heisst, ich muss ihnen gleich zu Beginn eines Stückes klar machen,
dass es auch Bilder, dass es Klänge gibt, ich muss das Publikum dazu
überreden, das als Freiheit zu erleben.
Im Programmheft des Lucerne Festival wurden Sie als "Anti-Komponist"
bezeichnet. Was denken Sie darüber?
Nicht zu leugnen ist, dass ich mich in vielen Kriterien von dem, was man
gemeinhin unter einem Komponisten versteht, unterscheide. Aber ich opponiere
nicht gegen etwas, sondern argumentiere mit einem weiteren Begriff von
Komposition. Ich arbeite nicht nur als Komponist, sondern auch als Theatermacher;
in "Eraritjaritjaka" kommt so gut wie keine Musik von mir vor.
Aber auch als Komponist arbeite ich nach Methoden, mit denen ich mir nach
herrschenden Kriterien die Hände schmutzig mache: Ich habe viel funktionale
Musik geschrieben, für Ballett, für Film, für Theater.
Ich arbeite auch kreativ zusammen mit andern Musikern, Afrikanern, Griechen,
Japanern, und überlasse ihnen grosse Spielräume. Für mich
muss nicht jeder Ton mein eigener sein.
Wollen Sie damit herrschende musikalische Kriterien und Hierarchien unterwandern?
Ich glaube gar nicht, dass man Musik nur für sich betrachten kann.
Selbst ein Konzert ist immer auch ein performativer, ein theatralischer
und visueller Akt. Es ist die Frage, ob ein Konzert in hundert Jahren
noch so aussehen wird wie heute. Obwohl die Zeichen für eine Änderung
schlecht stehen, weil die Konzertsäle heute immer noch ausschliesslich
für die Konzertmusik des 19. Jahrhunderts gebaut werden wie zum Beispiel
in Luzern. Ich habe letztes Jahr zwischen zwei Proben in der Berliner
Philharmonie etwas Wunderbares erlebt. Zuerst wurde ein Stück von
mir geprobt, anschliessend das dritte Klavierkonzert von Beethoven mit
Alfred Brendel. Es wurde umgebaut, das übliche Rein und Raus. Die
Orchesterwarte bauten die Schlagzeuge ab und so weiter. Da entstand, ungewollt
und wohl von niemandem ausser mir bemerkt, eine Performance: Brendel hat
am Flügel schon ein bisschen Beethoven geprobt, parallel dazu hat
Simon Stockhausen, der in meinem Stück den Sampler gespielt hat,
noch einige Samples bearbeitet, sehr rhythmische, geräuschhaft mechanische
- und davon unbeeindruckt hat ein Bühnenmeister die Hubpodien neu
eingestellt; der rief zwischendurch immer: "Fünfzig! Plus zehn!
Stopp!" Dieses Nebeneinander von wunderbar melancholisch gespieltem
Beethoven, den Geräuschen des Samplers und den Kommandos des Bühnenmeisters
bleibt mir unvergesslich. Vielleicht müssten die Konzerte in Zukunft
ja so aussehen.
Sie selbst arbeiten viel mit dem Neben- und Miteinander von musikalischen
und aussermusikalischen Elementen.
Es gibt jedenfalls immer auch aussermusikalische Bezüge, die meine
kompositori-schen Arbeiten definieren - literarische Anregungen oder Anregungen
aus der bil-denden Kunst, die ich in musikalische Fragestellungen übersetze.
Aber mich interessiert der Klang der gesprochenen Sprache, ihre Musikalität,
und ich halte das für ein Thema, dessen sich die Komponisten noch
nicht ausreichend angenommen haben.
In "Eraritjaritjaka" sind mir besonders auch die Grenzgänge
aufgefallen, wie sich hier die Orte ineinander verschieben: Alles erweist
sich als ambivalent auf der Bühne.
Indem wir zu ambivalenten Orten eine Haltung einnehmen, können wir
uns als Zu-schauer definieren. Es sind immer ambivalente Orte. Nehmen
Sie das Schlussbild in "Landschaft mit entfernten Verwandten",
wo 35 weiss gekleidete Darsteller in Kapuzen auf Knien japanische Klangschalen
streichen. Ich habe die verschiedensten Interpretationen gehört.
Die einen meinten, das solle bestimmt ein tibetisches Kloster darstellen,
die andern, es erinnere an Guantánamo, die Dritten dachten an ein
Biowaffen-Labor. Ich hatte viel Zeit verwendet, um ein Bild zu finden,
das genau diese Fragen aufwirft und offen hält. Denn ich glaube,
dass Theater den Blick nicht verengen darf, sondern öffnen muss.
Sie bezeichnen "Eraritjaritjaka" im Untertitel als "Museum
der Sätze". Ist so ein Museum nicht auch ein Ort, der weit weg
ist vom Leben und vom Kampf?
Für meinen Geschmack habe ich eher zu viel kämpferische Musik
gemacht, wenn ich an Teile von "Surrogate Cities" denke oder
an die Arbeit mit der Gruppe Cassiber in den achtziger Jahren. Was Sie
mit kämpferisch meinen, ist immer auch eine Art von totalitärem
Angang ans Publikum. Dem misstraue ich tatsächlich mehr und mehr.
Das Publikum braucht seinen eigenen Raum, es braucht - um mit dem Bild
meiner Komposition "Eislermaterial" zu sprechen - eine leere
Bühne, auf der es selber Lust hat, Platz zu nehmen.
Sind die Ausstellungsstücke im Museum nicht immer auch im Doppelsinn
aufgeho-ben?
Ich weiss nicht, wo Sie den Ort der Kunst vermuten. Ich glaube, dass die
Museen in einer Wirklichkeit, die sehr wenig ästhetische Luft zum
Atmen lässt, zunehmend eine utopische Rolle spielen. Es sind Schutzräume,
in denen Konzentration möglich ist - nach einer Erfahrung im öffentlichen
Raum, die dekonzentrierend und desensibilisierend wirkt. Vielleicht kann
"Eraritjaritjaka" ja als Metapher für eine solche Konzentration
dienen. Wir sind auf solche Konzentration angewiesen, wenn wir uns selber
definieren wollen. Das geht nicht, wenn man unter Dauerbeschuss steht.
Darum braucht es gegenüber dem totalitären Angang, den uns das
Fernsehen oder die Musicals liefern, eine Alternative.
Und das ist der Ort der Kunst?
Das könnte er sein.
Interview: Andreas Klaeui
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