Theaterschrift 1/1992
Ich kann nie selber Thema sein
Frage: Ihrer letzten Theaterproduktion 'Römische Hunde' in Frankfurt
am Theater Am Turm liegt der Heiner-Müller-Text 'Der Horatier' zugrunde,
ein Text über den Krieg, die Schlacht, über Sieger und Verlierer.
War das für Sie der Grund, diesen Text zu benutzen?
Heiner Goebbels: Das hatte sicher nicht aktuell diese Gründe,
ich wollte den Text schon lange machen, schon seit vier, fünf Jahren.
Trotzdem ist es sicher kein Zufall, daß so ein Text jetzt kommt, aber
ich glaube, daß er wahrscheinlich weniger mit der Diskussion über
Kriege, über Sieger zu tun hat, das sind sozusagen nur die Spitzen,
die dieser Text in seinen Bildern wählt. Mich interessiert eher, wie
Urteile zustande kommen oder wie Urteile Abwehrmechanismen beschreiben. Nicht,
daß es eine Schlacht gibt, die jemand gewinnt, sondern wie darüber
gesprochen wird und wie unterschieden wird. Das ist für mich das Aktuellste
am 'Horatier'. In vielen Diskussionen, ob man die deutsche Geschichte als
Ausgangspunkt, ob man die Stasi-Vergangenheit nimmt, ob man über
Ausländerhaß und Rassismus redet, was auch immer an aktuellen
Diskussionspunkten im Moment da ist, daran interessiert mich eigentlich immer
eines: Wo schlagen Urteile in Meinungen um und was verbergen sie dabei. Das
ist, was mich an dem Horatier-Text interessiert hat, also nicht, daß
es um 'Krieg' ging. Ich kann kein Stück über 'den Krieg' machen,
weil ich über seine Gesetze und über Erfahrungen damit nichts aussagen
kann. Ich kann nur Auskunft geben über Bedingungen, unter denen ich
selber lebe. Ich glaube außerdem, daß es Mißverständnisse
im Umgang mit Heiner Müllers Texten gibt. Er radikalisiert Bilder von
einem Zustand jenseits der Katastrophe. Und ich glaube trotzdem, daß
die Kraft, mit der er das macht, und der Humor, mit dem er das beschreibt,
immer auch das Gegenteil oder immer eine unglaubliche, eigentlich für
mich sehr positive Energie hat. Deswegen beziehe ich mich auch oft auf den
Humor in den Texten von Heiner Müller, andere sehen bei ihm immer nur
das Existentialistische und das Nihilistische. Das habe ich nie so gelesen.
Die Form, in der Heiner Müller schreibt, also die
Fragmentarisierung, die Zertrümmerung von Texten, das ist etwas, das
in Ihrer Arbeit immer wieder vorkommt, als roter Faden, immer wieder splitten
Sie die Dinge auf, sei es in Ihren Hörspielen, sei es in 'Römische
Hunde', Sie zerlegen die Dinge in Fragmente, in Einzelteile. Gibt es dennoch
aus Ihrer Sicht eine Geschichte oder ist es überhaupt nötig, eine
Geschichte zu hoben, die linear zugrundeliegt, oder glauben Sie, daß
man sich auch aus Einzelteilen eine Geschichte selber zusammensuchen kann?
Das ist kein Widerspruch. Man kann Geschichten überhaupt
nur noch dann erzählen, wenn man sie nicht mehr als ganzes darbietet,
sondern sie auflöst in ihre Bestandteile, in Einzelerlebnisse, die
vielleicht unverbunden nebeneinander stehen, die Sprünge haben, die
Brüche beinhalten. Das ist die Chance, so etwas wie eine Geschichte
auch zu erfahren. Das mit den Sprüngen ist mir sehr wichtig, weil ich
glaube, daß wir von unserer Wahrnehmung beeinflußt werden, von
dem, was wir Wirklichkeit nennen, auch wenn das ein kitschiger Begriff ist.
Die größte Veränderung im Moment besteht für mich darin,
daß es keine Übergänge mehr gibt; und keine Entwicklungen,
entweder, weil sie nicht mehr sichtbar sind, oder, weil sie tatsächlich
nur noch in Brüchen zutage treten.
Wären wir überhaupt noch in der Lage,
Übergänge einer Evolution aufzunehmen, sind wir überhaupt
noch dafür ausgestattet?
Ja, wahrscheinlich in unseren Wünschen. Also, die
Sentimentalität und der Kitsch vieler Wünsche und vieler Gefühle
gehen natürlich immer in die Richtung, Übergänge zu haben,
die langsamen Übergänge. Aber in unserer Wahrnehmung sind wir schon
sehr von diesen Brüchen geprägt, gerade was die Entwicklung im
Osten Europas anbelangt. Ich weiß nicht, was da von heute auf morgen
passiert oder was von heute auf morgen nicht passiert, was sozusagen still
stehenbleibt. Ich habe gerade einen Film gesehen, 'Eisenzeit' von Thomas
Heise. Das ist ein Dokumentarfilm über die erste sozialistische Stadt
in der DDR, die erste Neugründung 1950 mit dem Namen 'Stalinstadt',
sie wurde dann umbenannt in 'Eisenhüttenstadt' und war im wesentlichen
eine Stahlwerk-Stadt. Der Filmemacher hat versucht, vier Biographien von
Jugendlichen, die nicht angepaßt waren und versuchten, in dieser
schrecklichen Kleinstadt zu Rande zu kommen, zu verfolgen und zu filmen.
Das wurde ihm natürlich nicht gestattet innerhalb der DDR, und er hat
es dann auf eigene Faust nach dem Zusammenbruch gemacht. Von den vier
Jugendlichen hatten zwei sich schon das Leben genommen. Die beiden andern
leben in Westberlin. Am erschreckendsten für mich waren eigentlich die
Gesichter der Eltern, die er interviewt hat. Etwas, was sehr viel zu tun
hat mit der 'Wolokolamsker Chaussee Teil V', der Findlingsgeschichte bei
Heiner Müller. Zum ersten Mal dachte ich, was ich bisher für ein
antikommunistisches Klischee hielt, daß die DDR tatsächlich viele
faschistische Strukturen hinübergerettet hatte. Daß es
tatsächlich für eine ganz bestimmte Schicht von Arbeitern oder
Befehlsempfängern überhaupt keinen Bruch gegeben haben kann vom
Faschismus zum Beginn der DDR, wo nicht einmal das Vokabular ausgewechselt
werden mußte. Und das kann man sehen an den Gesichtern, an der Art,
wie die Eltern über ihre Söhne, die sich umgebracht hatten, reden,
welche Ansprüche sie an Gehorsam und Anpassung stellen. Und es war auf
extreme Weise erschreckend, weil man gesehen hat, daß sich da
überhaupt nichts getan hat, also nicht einmal jetzt, wo die Söhne
tot sind. Das ist dieser Gegensatz, dieses plötzliche Verschwinden von
Biographien, aber auch diese betonierten Kontinuitäten, die ohne
Übergänge funktionieren. Und das ist etwas, das für meine
Musik große Konsequenz hat, diese Erfahrungen. Wenn man Musik komponiert,
in der es sanfte Rundungen gibt, in der die Dinge sich langsam entwickeln
oder in der ein Faden sich aus dem anderen entspinnt, diese Musik ist
völlig vorbeikomponiert an den tatsächlichen Erlebnis-, Erfahrungs-
und Wahrnehmungsmöglichkeiten, die wir haben.
Wieso steht dann am Ende von 'Römische Hunde' dieser Blues,
eine Musik, die genau das beschreibt, was Sie vorher verneint haben, was
in Ihrer Arbeit nicht mehr vorkommt. Dieser Blues klingt sehr schön
und fast versöhnlich.
Ich finde, das ist kein Gegenargument. Der Blues besteht genau
aus beidem - er besteht natürlich aus viel mehr, aber vor allen Dingen
aus einer absolut computerisierten Musik, die ich auf einem Computer entworfen
habe, nur mit On- und Off-Befehlen gespielt. Und man hört die Stimme,
die vor diesem Hintergrund versucht, etwas anderes dagegen zu behaupten.
Für mich ist wichtig, daß beides da ist, mich interessiert eigentlich
immer der Widerspruch zwischen verschiedenen Bewegungen, zwischen bestimmten
Tempi, zwischen bestimmten Strukturen. Mich interessiert z.B. die Stimme
der Sängerin Gail Gilmore vor dem Hintergrund des relativ mechanischen
Arrangements, das keine Rundungen hat und repetitiv ist. Ich kann Ihnen den
Computerausdruck davon zeigen. Ähnlich, wie mich die Biographie dieser
Jugendlichen interessiert vor dem Hintergrund des Vaters oder vor dem Hintergrund
einer Betonplastik, die in Eisenhüttenstadt den sozialistischen Menschen
proklamiert. Es ist nur spannend, wenn man sie beide im Blick hat, und nicht,
wenn man sie nach der einen oder anderen Seite hin auflöst.
Wie ist das mit Ihrer Musik: Fällt es Ihnen leicht, auf
jeweils aktuelle Tendenzen, das heißt heute, auf Acid House, Hip Hop
etc. einzugehen? Fließen die in Ihre Arbeit ein?
Ja, weil ich selber sehr viel Musik höre und da drin aufgewachsen
bin, und ich gehe immer noch viel in Discos, höre diese Sachen und mag
sie auch. Ich glaube nicht, daß man sich dessen einfach bedienen sollte,
wenn man von außen kommt. Diese Versuche sind meistens peinlich. Es
geht nur dann, wenn es für einen stimmig ist, mit diesem Material zu
arbeiten, und wenn man dann noch die Möglichkeit hat, vielleicht - was
ich zumindest versuche - trotzdem so viel Distanz zu halten, so daß
es nicht modisch ist. Ich glaube im Grunde nicht, daß ich einen eigenen
Stil habe, auch wenn viele Leute sagen, 'das hört sich aber an wie Heiner
Goebbels'. Man kann in der Musik heute keinen Personalstil mehr haben. Jetzt,
wo alle Möglichkeiten des Erzählens, auch des mit Musik
Erzählens, da sind, und man mit ihnen operieren kann, wenn man sich
in ihnen auskennt, und sehr behutsam und mit Geschmack und Rücksicht
über diese Mittel verfügt, nur dann kann man etwas Neues
erzählen. Aber ich glaube nicht, daß man einen Personalstil in
dem Sinne hochhalten kann, wie er letztlich aus dem alten Kompositionsideal
des 19. Jahrhunderts kommt.
Ihre musikalische Spannbreite ist sehr groß. Es gibt
von Ihnen Arbeiten mit Musik von Heavy-Metal-Gruppen über Rap bis zu
Orchestern, die klassisch besetzt sind, z.B. mit dem Ensemble Modern, das
ja eigentlich die klassischen Musikinstrumente verwendet, wenig mit Computer
arbeitet, oder auch das Ensemble lntercontemporain in Paris.
Ich habe kein Stilproblem, mich interessiert die Verfahrensweise,
und die kann ich mit ganz unterschiedlichen Materialien konfrontieren. Und
wenn ich mit einer Speed-Metal-Band arbeite, dann weiß ich warum und
weiß auch die Kriterien, nach denen ich deren Material bearbeiten
muß, aber ich sage dann nicht: 'Oh Gott, dann kommst du als Komponist
nicht mehr richtig vor'. Das ist für mich kein Problem, vielleicht bin
ich in diesem Moment mehr Regisseur als Komponist, aber das ist nicht trennbar.
Machen Sie Dinge für das Publikum oder für sich selbst?
Das habe ich mich nie so gefragt. Es gibt zu viele Beispiele in
der Kunst, die einen wirklich nicht interessieren, weil die Leute, die es
machen, nur für sich selbst arbeiten, und umgekehrt gibt es natürlich
genauso viele Dinge, die langweilig sind, weil man das Gefühl hat, daß
die Leute, die es machen, nur auf das Publikum schielen. Das muß ein
sehr komplizierter widersprüchlicher Prozeß beider Pole sein,
die man nicht voneinander trennen sollte. Jede Entscheidung für die
eine oder für die andere Seite ist verkehrt.
Beispiel 'Römische Hunde': Ich gehe rein, ich komme raus,
was soll mit mir geschehen sein?
Eigentlich soll mit Ihnen gar nichts geschehen. Ich möchte,
daß etwas passiert, was das Publikum selber in der Hand hat. Es soll
ein Angebot geben von der Bühne, von der Musik oder von der Sprache,
ein Angebot, auf das man eingeht, das einen vielleicht auch mal überfallen
kann, aber beim Überfallen bin ich etwas zurückhaltender.
Am Anfang, als Sie von dem Film über Eisenhüttenstadt
gesprochen haben, schienen Sie weniger Abstand zu nehmen als man das aus
Ihrer Arbeit an 'Römische Hunde' ablesen kann.
Das hat etwas damit zu tun, daß ich den Abstand persönlich
favorisiere.
Brauchen Sie den Abstand?
Ich glaube, daß wir ihn alle brauchen. Das Wechselverhältnis von Gefühl und Abstand. Und ich hoffe
natürlich, daß es einmal so und mal so geht. Davon verspreche ich mir etwas. Man braucht den Abstand immer wieder, um ihn selbst zurücklegen zu können. Wenn eine Entfernung vor mir liegt, dann möchte ich bestimmte Dinge miteinander verbinden, und diese Strecke kann ich als Zuschauer selbst zurücklegen. Wenn ich auf der Bühne so tue, als wüßte ich, was zusammengehört, dann brauche ich als Zuschauer keinen Weg mehr zu gehen. Die schönsten Theaterabende für mich sind die, in denen ich selber die Dinge erst zusammensetzen muß, die sich als getrennt darstellen. Ich favorisiere den Abstand mehr als die Identifikation mit einem Gefühl. Für meine Arbeit
gilt, daß ich als Individuum zu langweilig bin, um über mich Auskunft zu geben. Ich kann über gewisse Wahrnehmungen Auskunft geben, die mich interessieren, aber ich kann nie selber Thema eines Abends sein. Ich glaube,
daß diese Zeit vorbei ist, selbst in der Popmusik gibt es nur noch ganz wenige, die das noch versuchen, aufrecht zu erhalten, und meistens sind es Abziehfiguren, aber es funktioniert nicht mehr.
Aber wenn das Individuum also nicht mehr im Mittelpunkt steht,
was ist dann mit Ihren subjektiven Entscheidungen? Eine Arbeit muß
doch irgendwo anfangen mit einem Gefühl, einer Leidenschaft?
Die Entscheidungen sind nicht so subjektiv, denn ich arbeite nicht
alleine, und jetzt im Fall von 'Römische Hunde' habe ich nicht nur mit
Michael Simon gearbeitet, sondern wir haben auch das ganze Material, alles
das, was man sieht und hört, mit den Darstellern erfunden, und zwar
durchaus in sehr emphatischen Sinne, also nicht nur, daß die das
ausführen, was wir vorher schon im Kopf hatten, sondern daß man
wirklich ganz viel gemeinsam erfindet.
Man hört manchmal Künstler sagen, sie wären
eine Gegenkraft in der Gesellschaft. Ist das so? Oder bilden die sich das
ein?
Also, ich bilde mir das nicht ein. Die Machtverhältnisse
sind völlig anders strukturiert und ich habe da auch keine Illusionen
oder bin so naiv, daß ich mir anmaßen würde, sie zu
erschüttern. Aber man kann Freiräume besetzen oder vielleicht
Wahrnehmungen aktualisieren. Aber ich sage weder, die Künstler sind
arme Schweine, noch: wir erschüttern die Machtverhältnisse.
Sind Sie gegen Kitsch?
Im Umgang mit Politik, ja. Sonst nicht.
Aber vielleicht muß man nur mehr Kitsch machen, um von
Politikern verstanden zu werden. Auch in bezug auf Gegen-die-Macht-Sein.
Man braucht eine andere Sprache.
Also, mit Kitsch meine ich z.B. so etwas, wenn Peter Maffay sagt
'Ich bin ein Ausländer'. Da gibt es hier so eine berühmte Plakatserie.
Das ist einfach völliger Quatsch, da die Identifizierung mit den Opfern
oder mit den Unterdrückten ein genauso großer Abwehrmechanismus
ist wie die sogenannte Fremdenfreundlichkeit. Das kann nicht das Thema sein,
ich glaube, man braucht Abstand, oder man muß die Konfrontation suchen,
um auf dieser Ebene Erfahrungen zu machen, weil man sonst immer nur um den
heißen Brei herumargumentiert. Da ist ein ganz großer Unterschied
zwischen der Kunst und dem Leben, und man muß sehr viel auf der Bühne
austragen, was man so draußen nicht austragen kann.
(Das Gespräch führten Tom Stromberg, Ritsaert ten Cate und Marianne
Von Kerkhoven in Frankfurt am 13. Februar 1992)
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