Arbeiten mit den Berliner Philharmonikern
Aus einem Tagebuch
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 22. November 2003
Signal verstanden
Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker in New York
(...) das dritte begann mit Heiner Goebbels` "Aus einem Tagebuch",
um dann über Sibelius´s Siebte noch bei einem Schlachtroß
des klassischen Konzertbetriebs, bei Schuberts großer C-Dur-Sinfonie,
zu enden. Wie zu vernehmen, waren darüber die amerikanischen Konzertveranstalter
nicht alle beglückt. Aber schon mit den Programmen, mit ihren überraschenden
Kombinationen, ihrer Zielstrebigkeit und unkonventionellen Entschlossenheit,
das Repertoire zu verjüngen, setzte Rattle unmißverständlich
ein Signal. Es wurde zumindest in New York nicht nur verstanden, sondern
auch erst herzlich, schließlich begeistert begrüßt. Allen
voran die "New York Times" schwärmte von einem "revitalisierten
und abenteuerlustigen Ensemble" und seiner "inspirierten"
Programmgestaltung.
Von Goebbels und Dutilleux brachte Rattle immerhin zwei taufrisce Auftragswerke
mit, und zumal Goebbels konnte mit dem elektronisch verstärkten Drive
und Rigorismus seines "Tagebuchs" einen unerwarteten Erfolg
verbuchen. Das Publikum in der Carnegie Hall zeigte sich aufgeschlossener,
als es ihm bei solchen Galagastspielen mit Eintrittspreisen bis 187 Dollar
gern nachgesagt wird.
SALZBURGER NACHRICHTEN, 17. April 2003
Philharmonische "Eintragungen"
Rückwirkend gesehen passte der dienstägige Vorspruch" zum
Konzert, die erste Auftragskomposition der Berliner Philharmoniker für
die Rattle-Ära, klug ins Gesamtkonzept. Heiner Goebbels schuf mit
dem "Tagebuch", seinen "kurzen " für Holz- und
Blechbläser, eine riesige "Batterie" aus Schlagzeugern,
Klavier und Sampler (Simon Stockhausen), Harfe und acht Kontrabässe,
wirkungsvolle 20 Musik-Minuten. Sie changieren in blockartig aneinander
gereihten Abschnitten rhythmisch und melodisch zwischen jazzig, funkig
und symphonischer Süße, verhehlen nicht eine gewisse mahlereske,
bildlichdramatische Attitüde. Sie provozieren - auch in der Einbindung
von alltäglichen Geräuschen - nirgends das Ohr klassischer Abonnenten.
Man kann diese Musik also mit einigem guten Willen ohne weiteres genüsslich
hören und konsumieren. In England gibt es diese Tradition eines open
mind" schon länger (etwa bei Mark-Anthony Turnage), für
Deutschland mag die Grenzüberschreitung zumal in hehren philharmonischen
Hallen noch ungewohnt sein. Für die Osterfestspiele war das "Wagnis"
letzlich doch ein (auch für den anwesenden Komponisten) freundlich
beklatschter Erfolg.
(Karl Harb)
SALZBURGER NACHRICHTEN, 5. April 2003
Was Kommt
Neue Musik den Salzburger Osterfestspielen: "Aus einem Tagebuch"
heißt die aktuelle Komposition von Heiner Goebbels, die kürzlich
in Berlin uraufgeführt wurde und heute, Dienstag, bei den Osterfestspielen
von den Berliner Philharmonikern nachgespielt wird. "Einem",
nicht "meinem" - selbst im Titel wird der prononcierte Eigenbezug
gemieden. Dennoch ist er in den meisten Teilen der mosaikhaft collagierten
und stellenweise aphoristischen Komposition vorhanden: Mittels eines Samplers
werden nämlich Klänge und Geräusche älterer Goebbels-Kompositionen
zugespielt - Erinnerungsfetzen und Gedankensplitter, die das neue Stück
als eine Art Background in seiner zeitlichen Dramaturgie strukturieren,
ohne in jedem Falle deutlich an die Höroberfläche zu dringen.
Plastische, vitale und, ungeachtet heftiger Ausbrüche, in der Tendenz
freundliche Erinnerungen an die Begegnung mit Kollegen sind das - an die
"Percussion de Strasbourg" etwa oder die Japanerin Yumiko Tanaka.
Sie spielen nun den Philharmonikern gleichsam die Bälle zu, und die
haben - mit ihrem vorzüglichen und vom Komponisten auch vorzüglich
geforderten Bläser-Corps, dem neben dem Schlagwerk als Streicher
nur sechs Kontrabässe gegenüberstehen - sichtliches Vergnügen
daran. Immer noch ist das eine Art Kulturbruch: Selbst Abbado blieb reserviert
gegen-über dieser Art Moderne, für deren zupackendes Crossover
Gattungs- und Medienschranken einfach nicht existieren.
Doch da kommt mit Sicherheit mehr. Das Goebbels-Stück war der erste
Auftrag, den Rattle als philharmonischer Chef überhaupt vergab, und
das Debüt des Komponisten im hohen Haus - aber bereits nächstes
Jahr sollen die "Surrogate Cities" kommen: dann also schon 90
Minuten Goebbels, wenn auch nicht als Uraufführung. Diesmal waren
es reichlich 20, und die machten allein wegen der aktivierenden, aus elementaren,
aber nie simplen rhythmischen Mustern wachsenden Kraft ihrer Klänge
Appetit auf mehr.
Die manchmal gleichsam überblendeten, manchmal im harten Schnitt
abgesetzten Episoden waren prickelnd, wirbelnd, aufregend: keine Zeit
für Lamenti - hier geht es vorwärts, und die Erinnerungen werden
mitgenommen.
(Gerald Felber)
NMZ NEUE MUSIKZEITUNG (2003/04, 52. Jahrgang April)
Heiner Goebbels und Märzmusik
"Landschaft mit entfernten Verwandten" und "Aus einem
Tagebuch"
Er ist so etwas wie ein Popstar der ernsten Musik geworden. Da steht er
gefeiert auf der Bühne der Berliner Philharmonie, Hand in Hand mit
Sir Simon Rattle. Heiner Goebbels, Komponist, Hörspielmacher und
Theatermann, hat so scheint es seinen Platz in der Hochkultur
der Hauptstadt gefunden. Gleich zwei opulente Werke waren binnen Monatsfrist
in Berlin zu hören und sehen: die deutsche Erstaufführung der
Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten" im Haus der Berliner
Festspiele sowie die Uraufführung des Orchesterwerkes "Aus einem
Tagebuch" mit den Berliner Philharmonikern.
Es sind vor allem drei Aspekte, die des Komponisten schillernden Status
im Kulturbetrieb begründen. Zum einen, dass der Soziologe Goebbels
in den Siebzigern seine Karriere als Mitbegründer des "Sogenannten
Linksradikalen Blasorchesters" begann und als Frankfurter Sponti
auf eine explizit politisch engagierte Vergangenheit zurückblicken
kann. Zum zweiten, dass der Musiker Goebbels, in Jazz- und Rockformationen
erprobt, seine Ideen stets kollektiv improvisierend entwickelt. Und nicht
zuletzt, dass der Komponist Goebbels noch nie ein solcher sein wollte,
sondern immer eher Arrangeur und Regisseur seiner Werke, in denen Texte,
Musik und Szenerie eine gleichberechtigte Liaison eingehen. Doch was bleibt
von einer politisch-musikalischen Haltung, wenn der Außenseiter
längst als Favorit an deutschen und europäischen Bühnen
gehandelt wird? Wenn einer, der schon immer Werke nur "on demand"
produzierte, auf einmal vom Genfer Opernhaus oder Simon Rattle persönlich
beauftragt wird? Und wenn die Werke nicht mehr mit der Aura der Off-Kultur,
sondern im Kanon der großen Formen Oper und Orchesterstück
daherkommen? Die beiden jüngsten Aufführungen in Berlin zeugen
von Bruch und Kontinuität: Heiner Goebbels hat sich geändert
und nicht geändert zugleich. Zum Beispiel die Oper, die vom Ensemble
Modern und dem deutschen Kammerchor mit großartiger Perfektion aufgeführt
wurde: Das knapp zweieinhalbstündige Werk ist ebenso wenig oder genau
so sehr eine Oper wie Goebbels Musiktheater zuvor. Gesungen wird in dieser
schönen, poetischen Landschaft kaum, gesprochen dafür umso mehr.
Die schwarz-weiße Szenerie, der zeitweilig rote Lichterschein, die
auf Kostüme und Wände projizierten Ornamente und die Musiker
im bewegten Schattenbild: das alles ist wunderschön und sinnlich
beeindruckend wie eh und je. Gleichzeitig ist "Landschaft mit entfernten
Verwandten" intellektueller als alle Werke zuvor. Wundersam wandelt
zwar die erotisch spröde Stimme von David Bennent das gesprochene
Wort in Musik. Dennoch überlagert die sprachliche Textur (mit Zitaten
von bis) die musikalische. Das liegt an der Mächtigkeit der assoziativ
angerissenen Themen, die von der künstlerischen und wissenschaftlichen
Darstellung des Menschen in der Natur, von der Wahrnehmung und deren Perspektive
erzählen. Auch um Krieg und dessen Lächerlichkeit geht es, um
die Gleichzeitigkeit der Stile und Stimmen in der globalisierten Welt
vereinzelt war gar vom 11. September die Rede. Insofern spricht
das Werk, wenn auch vermittelt, noch immer von demokratisch kosmopolitischem
Geist. Ästhetisch aber ist die Gestaltung nur wenig kollektiv, sondern
ein wenig monarchischer als vielleicht gewollt.
Von Kontinuität und Brüchen zeugt auch die Uraufführung
des mit Holz- und Blechbläsern, Schlagwerk und Kontrabässen
besetzten Orchesterstückes. Wie schon in früheren Stücken
kommt hier dem Sampler eine besondere Bedeutung zu: als Instrument der
Aufbewahrung und Erinnerung, als elektronisch-akustisches Tagebuch. Goebbels
wollte den großen Formen von Strauss und Beethoven, die an diesem
Abend ebenfalls aufgeführt wurden, bewusst die short cuts seiner
Erinnerung entgegensetzen. Das gelingt auf eine ungeahnt poetische Art.
Zwischen den altbekannten orchestralen Mixturklängen, den durchlaufenden
Patterns und plötzlichen Eruptionen der Schlagwerke schimmern neue
elegische Töne hindurch, flirrende Funken der Harfe, melancholische
Melismen der Oboe. Das Tagebuch gleicht einer Filmmusik ohne Film. Doch
die imaginierte Szenerie ist verlassen. Dort, wo die Musik ausdünnt,
zeigt sich eine Leere, in denen kein menschliches Wesen je die Stimme
erhebt. Gegenüber dem uraufgeführten Orchesterwerk "Surrogate
Cities" etwa, in dem der Klangakrobat David Moss und die Sopranistin
Gail Gilmore ihre Stimme der strengen Struktur des Orchesters subjektiv
entgegensetzten, ist der Stil souveräner und fast ein bisschen schöner,
gleichzeitig aber auch unbelebter worden. Die Musik scheint nicht mehr
von Städten und Menschen, sondern von Industriebrachen und traumhafter
Weite zu erzählen. Nun macht Heiner Goebbels also genau das, was
er schon immer getan hat: Gute Musik mit den besten Leuten, die für
seine Sache denkbar sind. Doch sowohl in der Oper als auch vor allem im
Orchesterstück zeichnet sich die Zurücknahme der kollektiven
Produktionsart ab, die für sein Werk stets so fruchtbar und belebend
ist. An Stelle der subjektiven Stimmen und Stile wird ein eigener Personalstil
hörbar. Der gleicht zwar noch immer einem polyphonen Cocktail, ist
in der singulären Perspektive aber fassbarer geworden. Heiner Goebbels
ist Regisseur geblieben und zum Komponisten geworden. Und als solcher
ein wenig einsamer als zuvor.
(Christine Hohmeyer)
AZ, 17./18.4.2003
Unbequemes statt bloßem Luxus
Sir Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker mit zwei Konzerten
bei Salzburgs Osterfestspielen
(...)Trotz der Haydn- und Mahler- Sternstunden: Die wichtigste Erkenntnis
aus diesen beiden Salzburger Konzerten war, daß Simon Rattle auch
unbequeme Musik einem bequemen Festspiel-Publikum schmackhaft machen kann.
Vor mahler gab es von Heiner Goebbels "Aus einem Tagebuch",
im Untertitel" Kurze Eintragungen" für Bläser, Schlagzeug,
Tasteninstrumente, Harfe und Kontrabässe. Ein Auftragswerk der berliner
Philharmoniker, das Maschinengeräusche mit dem Big-Band-Vokabular
eines Stan Kenton verbindet und auf faszinierende Weise jene neuen Wege
aufzeigt, denen sich klassische Musik nicht verschließen darf, wenn
sie nicht vollends ins museale Abseits geraten will. So sah es auch Salzburgs
Festspiel-Prominenz und feierte den anwesenden Komponisten geradezu enthusiasitisch.
(Volker Boser)
RON - RHEINPFALZ ONLINE, Donnerstag, 17. Apr 2003
Die Salzburger Osterfestspiele sind zu Sir-Simon-Spielen
(...) Sie zeigten einen Mahler voller Abgründe, voll erschütternder
Spannungen, so dass schon der Trauermarsch des ersten Satzes zu einem
grausigen Totentanz wurde, weshalb man auch an die Mahler-typische Schlussapotheose
mit gewaltigen Blechbläser-ChorSlen nicht mehr so ganz glauben wollte.
Gefeiert wurden der englische Dirigent und sein Orchester dennoch, und
dies auch für die Aufführung von "Aus einem Tagebuch"
des in Frankfurt lebenden gebürtigen Neustadters Heiner Goebbels,
der dieses Werk im Auftrag der Berliner Philharmoniker komponiert hat.
Goebbels erweist sich darin erneut als Meister der Instrumentierung, der
es zudem versteht, große Spannungsbogen aufzubauen. Bis zur Ermüdung
wiederholte rhythmisch-thematische Wendungen drängen nach einer Auflösung,
die freilich ausbleibt. Einzelne, wirre, beängstigende Gedanken werden
hingeworfen als Abdruck des Alpdruckes. Es wühlt und kämpft
im Menschen - im Komponisten als Ich-Erzähler der Tagebuchnotizen?
-, bis sich die Anspannung in fast gewalttätigen Tutti entlädt.
Zurück bleibt ein vorsprachliches Gemurmel, eine Klangwüste,
in die hinein einzelne Flöten melodische Wendungen rufen.
Bei diesem Werk erlebte man auch einen ganz anderen Rattle, der so konzentriert
arbeitete, dass kaum mehr Zeit für seinen sprichwörtlichen Lausbuben-Charme
blieb.
(Frank Pommer)
www.klassik-in-berlin.de
Goebbels' World Premiere
Berlin Philharmonic Hall; March 6, 2003
Heiner Goebbels new work, commissioned especially for the Berlin
Philharmonic, is Aus einem Tagebuch: Kurze Eintragungen für Orchester
[From a diary: short entries for orchestra]. Goebbels has become known
for a kind of hard-to-describe, wonderful-to-experience Gesamtkunstwerk
combining eclectic text fragments, visual images, singers and musicians
(often the Ensemble Modern). Here, the orchestra is stripped of strings
except for six string basses; a piano and sample keyboard have been added.
The work is in 19 short flowing sections inspired by compositional fragments
from his own works: self-quotations awakened to new life. Sampler sounds
start most sections, including a lions roar, rushing water, an ashtray
striking a steel guitar; the amplification makes it hard to determine
where the sound originates in the hall. Short motives based on syncopated
rhythms are often repeated, and a dialogue among the instruments is begun.
The basses play an active, shaping role. Some offbeat fragments are reminiscent
of easy-to-listen-to cool jazz. One reason that Goebbels is approachable
is that he uses recognizable meter: a passages rhythm often remains
constant while the sound grows to a climax. Recurring melodies, or even
melodic fragments, are much harder to find.
(Nancy Chapple)
DIE WELT
In Pizzicatogewittern
Goebbels hat die wohl edelste Kontrabass-Gruppe der Welt auf dem Podium
isoliert. Um sie herum lässt er harmonische Klang-Cluster der Bläser
wallen, manchmal zum Big-Band-Sound aufgedreht. Zum Titel "Aus einem
Tagebuch" scheint das verjazzte Sampling kaum zu passen. Dirigent
Simon Rattle aber fällt so lustvoll über die Sache her, als
sehe er hier die zweite Chance für eine große Duke-Ellington-Hommage.
Auch Goebbels mäandert virtuos und scheint nicht zu wissen, wo ihn
die schönen Fluten der Philharmoniker hinspülen sollen.....
BERLINER MORGENPOST
Goebbels' klingende Abenteuer-Tour
(...) Gerade erst hat Heiner Goebbels, auf das Ensemble Modern gestützt,
seine "Landschaft mit entfernten Verwandten" im Haus der Festspiele
mit Glanz und Glorie vorgestellt: ein Autor und Regisseur sondergleichen.
Als Komponist fiel er nun den Philharmonikern mit einem knapp halbstündigen
Auftragswerk ins Haus, das er "Aus einem Tagebuch" nennt und
nebenbei als "Kurze Eintragungen für Orchester" bezeichnet.
Sir Simon Rattle hob es als Uraufführung aus der Taufe: eine hin
und her zuckende Komposition, die sich mächtig in die Brust wirft,
als sollten diese "kurzen Eintragungen" eigentlich irgendwo
in den Fels geschlagen werden. Reiseberichte von überall her sind
es im Grunde, teils herausgeschrien, teils hingeflüstert. Albrecht
Mayer entlockt seiner Oboe wahre Schlangenbeschwörungen. Er setzt
ein Kompendium fernöstlich angehauchter Klangvisionen. Ein Hexentanzplatz
der Klangfarben wird aufgerissen.
Aber die Reise an Goebbbels' Hand lohnt. Sie führt am Rand der musikalischen
Zukunft entlang, ist entdeckungsfreudig und wagemutig. Sie pfeift auf
Eingängikeit. Sie gleicht auskomponiertem Abenteuer-Tourismus, der
prompt reiche Zustimmung fand. (...)
(Klaus Geitel)
DER TAGESSPIEGEL (8. März 2003)
Das Tagebuch ist noch nicht ganz die Musik
Mit den größeren Formaten des Programms wollte der Künstler
in allen Gassen auf keinen Fall wetteifern: Heiner Goebbels favorisiert
ungeduldigere Erzählformen. Sein Auftragswerk für die Berliner
Philharmoniker heißt daher "Aus einem Tagebuch / Kurze Eintragungen
für Orchester". Es baut darauf, dass Erinnerungen per Sampler
abgerufen werden - ein "Archiv, das nicht endet" -. um sich
mit philharmonischer Gegenwart zu verbinden. 19 Klingende Kalenderblätter
fliegen vorüber. Die Percussions de Strasbourg des Jahres 1999 evozieren
eine wunderfeines Oboensolo von Albrecht Mayer am Uraufführungstag.
Zum Schluss wölbt sich eine Passacaglia, die mit Bläsern und
sechs Kontrabässen ohne höhere Streicher das majestätische
Flair nicht scheut... (...)
(Sybill Mahlke)
ORB Radio 3 - Kritik am Morgen (7. März 2003, 8.15.Uhr)
(..) Daß Heiner Goebbels einmal ein Orchesterwerk für die
Berliner Philharmoniker komponieren wrüde, war nicht unbedingt abzusehen,
hat er sich doch zunächst mit Bühnen- und Filmmusik sowie als
Hörspielautor hervorgetan und sich im letzten Jahrzehnt einen Namen
durch das Musiktheater gemacht, in dem die Musiker gleichzeitg Schauspieler
sind. Zum einen jedoch liebt Simon Rattle unkonventionelle Ideen, zum
anderen hat Heiner Goebbels mit seiner Komposition "Aus einem Tagebuch"
mit dem Untertitel "Kurze Eintragungen" auch nicht einfach ein
abstraktes Orchesterstück geschrieben. Der Komponist hält vielmehr
Rückschau auf sein bisheriges Oeuvre: Aus einem Keyboard-Sampler
erklingen fragmentarische Töne, Geräusche und Wortfetzen aus
vielen seiner bisherigen Produktionen, die durch das Orchester eingebunden,
weitergeführt oder kommentiert werden. Es wird sozusagen ein wahlloses
Blättern in einem akustischen Tagebuch suggeriert. Das klingende
Ergebnis ist eine humorvoll-skurrile Synthese aus mehr oder weniger zuordbaren
Geräuschen und stilistischen Anleihen, die Assoziationen an die Akustik
in großen, leeren Hallen, an Barmusik, an Filmmusik, wie so oft
in dramatischen Augenblicken bei Fernsehkrimis eingesetzt wird, und an
vieles andere mehr zuläßt. Oft dienen die Geräusche als
Rhythmusgrundlage etwa für ein Klarinettensolo; sie werden aber auch
häufig überlagert wie im langen Schlußteil, wenn ein markantes
Motiv sogar als eine Art Passacaglia mit Fugato-Elementen immer wiederkehrt.
Die repetitiven Muster, die sich mit statischen Klängen ablösen,
wären eine ideale Begleitmusik für Film oder Hörspiel.
In dieser Orchesterkomposition gibt es jedoch nichts, das begleitet werden
könnte, und so wird die scheinbare Begleitung, also das rein Illustrative,
zwangsläufig zur Hauptsache, ohne daß jedoch die Musik die
Substanz besitzt, diesen Anspruch erheben zu können. Heiner Goebbels
formuliert so auf wahrhaft geniale Weise eine Ästhetik des musikalisch
Sinnlosen; das aber - vom Orchester mit großer Spielfreude und hoher
Präzision ausgeführt - auf höchstem Niveau als Synthese
von Elektronik und Symphonik - eine ungewöhnliche Art und gleichzeitig
ein seltener Fall eines gelungenen Cross-overs. (...)
DIE ZEIT (12.März 2003)
Kolibris und Elektrobomber
Die Berliner Philharmoniker haben keine Angst mehr vor zeitgenössischen
Geräuschen
Goebbels hat für Berlin per Synthi vorrätige Klang-Ereignisse
mit 26 Bläsern, 6 Kontrabässen, Harfe, Pauke und Schlagzeug
zu einer rhythmisch derart vertrackten Textur verwoben, dass selbst einem
Dirigenten wie Simon Rattle der Schweiß von der Stirn läuft.
Aus einem Tagebuch heißt das 22-minütige Diarium, aber es wirkt
stilisiert wie eines von Ernst Jünger....
(Volker Hagedorn)
Alle Kritiken zu "Aus einem Tagebuch"
Surrogate Cities
BZ (25. September 2003)
"Surrogate Cities" - Klang-Orgie in der Philharmonie
Solche Tüne hat die Philharmonie in ihrem 40-jährigen Bestehen
noch nie gehört: Schnelle, fast technomäßige Rhythmen,
elektronisch verzerrte Geräusche, dazu die volle Stimme von Jazzerin
Jocelyn B. Smith und das Wimmern, Stöhnen und Schluchzen von Sprachkünstler
David Moss. Selbst Dirigent Simon Rattle griff zum Mikro. "Surrogate
Cities" von Heiner Goebbels - eine Komposition, die alles vermischt:
Jazz, Rock, Pop, Klassik, elektronische Musik. Auch für die Philharmoniker
eine neue Erfahrung. Angefeuert durch eine aufregende Light-Show, die
die Musiker in grelle Lichteffekte tauchte. Vor allem die Schlagzeuger
gaben ihr Bestes, trommelten auf Stahl- und Alublechen, raschelten mit
Papier und Schilfhalmen. Goebbels' Komposition enthält auch sehr
lyrische Elemente, z.B. sampelt ei Schellack-Aufnahmen jüdischer
Kantoren aus den 30er Jahren - ein bewegendes Hörerlebnis. Spannend
war es, Orchester und Dirigent zu beobachten, und spannend war es, diesen
Rhythmen und Tönen zu lauschen. Die Zuhörer in der völlig
ausverkauften Philharmonie dankten mit begeistertem Applaus. Und Sir Simon
Rattle hat bewiesen: Auch neue Musik kann ein Erlebnis werden!
(Susanne Maier)
NEUE ZÜRICHER ZEITUNG (22. September 2003)
Am Strand, in der Stadt
Abschluss mit den Berlinern und Simon Rattle
(...) Vergessen wir's - denn das Sinfoniekonzert Nummer dreissig, mit
den Berlinern und Rattle, geriet zum krönenden Finale einer ausgesprochen
vielfältigen, an Glanzpunkten reichen Ausgabe von Lucerne Festival.
Da war nun das Bild radikal anders. Das Orchesterpodium randvoll und bestückt
mit einer grossen Perkussion, dafür weit und breit kein Frack. Die
Echokammer vollständig verschlossen, auch die Orgel (bis auf die
spanischen Trompeten, die durch drei Luken herausragten) hinter Türen
versteckt, selbst die Vorhänge waren gezogen. Und im Publikum viel
junge , Leute, viel Farbe, gespannte Aufmerksamkeit Angesagt war "Surrogate
Cities" für Mezzosopran, Sprechstimme, Sampler und grosses Orchester
von Heiner Goebbels, der es wie seine Kollegin Isabel Mundry als Composer
in residence ins Sinfoniekonzert geschafft hat.
Und in was für eines. Mit kurzen, witzigen Sätzen führte
Simon Rattle ins Werk ein, dann wurde es dunkel. Denn "Surrogate
Cities" ist auch ein Stück zum Schauen. Light gab es wie in
der Show, als Sinnenkitzel, manchmal ein wenig banal, manchmal vielleicht
mit tieferer Bedeutung versehen. Und eingesetzt wurde, was Wunder bei
Heiner Goebbels, die Saaltechnik; jedenfalls öffneten sich vor dem
zweitletzten Teil des Stücks die Wände neben der Orgel, wurden
die Vorhänge lautlos eingezogen und wenig später ebenso lautlos
wieder ausgefahren. Das ist nicht Spielerei, sondern gehört zum Konzept
dieser gewissermassen unreinen Musik, die sich an allen Tischen bedient,
stünden sie nun auf der Seite des Ernsten oder jener des Unterhaltenden.
Sie tut das freilich mit einem Reichtum an Ideen und einer handwerklichen
Fertigkeit, die ihresgleichen suchen. Und dann dieser ausgeprägte
sinnliche Reiz. Wie stets bei Heiner Goebbels könnte man auch bei
"Surrogate Cities" den raffinierten inhaltlichen Verknüpfungen
nachgehen oder sich an der hochstehenden Faktur erfreuen, man kann sich
dem Werk aber auch einfach hingeben - kann die Imaginationsräume
betreten, die es eröffnet, und die von ihm angebotenen Assoziationsfelder
ausschreiten. Wie auch immer, am Ende sieht man sich in einer eigenartigen
Weise erfrischt und belebt - ja selbst: beglückt.
Angesichts der fulminanten Wiedergabe durch die Berliner Philharmoniker
und Simon Rattle ist das kein Wunder. Spielt das tragische Geschehen bei
"Idomeneo" am Strand von Kreta, so geht es bei "Surrogate
Cities" um die Stadt: um den Dschungel, in dem sich das Individuum
nur schwer behauptet, um den beständigen Wandel, der auch verunsichert,
nicht zuletzt um Kampf und Gewalt. Mit heftigen Schlägen rammt das
grosse Orchester, in dem alle Instrumente elektronisch verstärkt
sind, die Horizontalen und die Vertikalen der Architektur ein - und da
wird denn gleich deutlich, dass "Surrogate Cities" an diesem
Abend eine andere Gestalt annimmt. Das Stück von 1993/94 ist nämlich
bekannter in jener kammermusikalischen Version, für die sich das
Frankfurter Ensemble Modern stark gemacht hat; im Klanggewand des grossen
Orchesters treten neue, vielleicht eher räumliche Züge in Erscheinung.
Und die Visualisierung, die das Theater Freiburg vor kurzem zur Diskussion
stellte, erweist sich als überflüssig, so plastisch wirkt die
Musik. Wenig später schlägt die Stunde von David Moss, der am
Mikrofon singt, sprudelt, stottert, hechelt, um Worte ringt - das ist
in seiner Kunst Lichtjahre entfernt von dem billigen Populismus, den sich
die Wiener Philharmoniker mit Bobby McFerrin geleistet haben. Eine echte
Suite, durchsetzt mit den unechten Klängen eines Samplers, bildet
das Herzstück und darauf die Geschichte von Hora
tius in der Erzählung von Heiner Müller, zugleich aber im Tonfall
eines Songs mit Big-Band-Begleitung - grossartig die Sängerin Jocelyn
B. Smith, hinreissend das Orchester, das hier rhythmisch voll ins Schwarze
traf. Ein super Abschluss; bei Lucerne Festival scheint tatsächlich
die Zukunft begonnen zu haben.
(Peter Hagemann)
TAGESANZEIGER (22. September 2003)
Von der Freiheit des Denkens
Mit "Surrogate Cities" von Heiner Goebbels fand das Lucerne
Festival seinen Abschluß.
Heiner Goebbels ist gerade auch als Musiker ein Mann des Theaters. Bei
seinen Kompositionen für die Konzertbühne ist dies schon äußerlich
hör-, mehr noch sichtbar. In seiner abendfüllenden Komposition
"Surrogate Cities" für Solisten, Sampler und Orchester,
das am Samtag den frenetisch umjubelten applaudierten Abschluß des
Lucerne Festival bildete, ist die Form des Sinfoniekonzerts gleichsam
ins theatralische erweitert. Einzelne Orchestergruppen werden im wörtlichen
Sinne ins Rampenlicht gestellt, eine Lightshow im abgedunkelten Konzertsaal
sorgt für Stimmungen, da etwa, wo hellrotes Licht nach und anch die
Bühne in Beschlag nimmt.
Lichtführung und damit das In-Szene-Setzen von Musik jedenfalls ist
ein integraler Bestandteil von Goebbels Partitur. Doch die Orientierung
an Theater und Inszenierung reicht weiter, bis in den Schaffensprozeß
selbst hinein: Goebbels arbeitet nicht im stillen Kämmerlein. Vielmehr
sind seine Interpreten Teil eines Teams, das sich bei der Erarbeitung
eines neuen Werkes am Arbeitsprozeß maßgeblich beteiligt.
Ohne die Vorarbeiten mit dem Ensemble Modern, das die Materiallieferungen
Goebbels` oft selbsttätig weiterdenkt und schreibt, oder ohne
den Vokalisten und Schlagzeuger David Moss wäre "Surrogate Cities"
wohl undenkbar. Und auch wo die Musik vom Komponisten selbst stammt, hat
er sie teilweise durch seinen Assistenten Ali N. Askin arrangieren und
instrumentieren lassen.
Goebbels` Theater für die Konzertbühne allerdings braucht Figuren.
In "Surrogate Cities" ist es neben der vokalen Akrobatik eines
David Moss die Stimme der amerikanischen Soul- und Jazzsängerin Jocelyn
B. Smith, und immer wieder ist es der Sampler. Im weiten Sinne könne
man Bert Brecht und Heiner Müller als geniale Sampler-Spieler beizeichnen,
meinte Goebbels einmal, weil sie nämlich eher eine Perspektive auf
das Vorgefundene suchen als Originalität und Individualität.
Der Sampler erfindet nicht, er findet. Und Goebbels such nicht nach der
Neuheit des Materials, sondern er kombiniert und rekombiniert, was ihm
begegnet.
Oft liegt dies weit auseinander. In der zentralen Chaconne (Kantorloops)
der Samplersuite beispielsweise, die ihrerseits das gewichtige Zentrum
von "Surrogate Cities" bildet, sind es urtümliche Gesänge
jüdischer Kantoren, festgehalten auf dem kratzenden Speichermedium
der Schallplatte, die mit Hilfe modernster Sampletechnik bearbeitet, in
eine barocke musikalische Form gegossen und von einem Klangkörper
begleitet werden, dessen historischer Ort sich irgendwo im 19. Jahrhundert
befindet.
Daß die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle sich dabei in
einem Hightech-Saal präsentieren, der sich in seiner ästhetischen
Haltung an der vorletzten Jahrhundertwende orientiert, erhöht nur
die verfremdete Spannung, um die es Goebbels geht. Die Widersprüchlichkeit
der Gegenwart und die Freiheit des Denkens, die sich aus solcherart bearbeiteter
Geschichte ergeben mag,
(Patrick Müller)
TAGESSPIEGEL (25 September 2003).
Zwischen Forte und Fortissimo
KLASSIK
Diese Hektik. Warum tut man sich das eigentlich an: Leben in der Großstadt?
Ist doch nur Krach, Stress, Chaos, Einsamkeit, kalte Fassaden, Kakophonie.
Alles rennet, rettet, flüchtet. Dieses Staccato, dieses insistent
und impertinent Immergleiche: Kaum weht so etwas wie Klang durch die Straßenschlucht,
schon steckt er im Stau. Jeder Ton hat messerscharfe Kanten, und jeder
Sound wächst sich zum Wolkenkratzer aus, zum akustischen Moloch:
Babylon revisited.
Heiner Goebbels monumentales Orchesterwerk "Surrogate Cities"
(von 1994) ist eine Hassliebeserklärung an die Stadt, basierend auf
Texten von Paul Auster, Italo Calvino, Franz Kafka, Heiner Müller
und Hugo Hamilton. Die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle machen
daraus ein ohrenbetäubendes, herzergreifendes MetropolisVerwirrspiel,
einen düsteren, hellsichtigen, gleißenden Abend. Nur die Pultlichter
sind angeknipst im Scharoun-Bau, und die Lichtregie jagt mal grelles,
mal schnelles, mal eisblaues Blendwerk durch den Raum.
Die Stadt als Kriegsschauplatz. Und als Überlebenskunstwerk: War
das nicht Scarlatti, zwischen Trommelgewitter und Blechkollision? Gesampelter
jüdischer Kantorengesang? Jocelyn B. Smith singt einen coolen (und,
nun ja, auch kitschigen) Blues von Stammesfehde und Blutrache, und der
Stimmakrobat David Moss verwandelt alles Urbane in seine berühmten
mikroskopisch präzisen, ekstatischen Zuckungen. Oasen? Nirgends.
Diesmal verbietet sich sogar der Romantiker Rattle das Schwelgen und peitscht
die Philharmoniker durch die Partitur. Ein großartiger Kraftakt.
Denn die Wucht des Werks gründet nicht auf Gewalt, sondern im Drang
nach Freiheit. Die Stadt mag ein Labyrinth sein. Aber eines, in dem jeder
nach seiner Fasson selig werden kann.
(Christiane Peitz)
NEUE ZÜRICHER ZEITUNG (22. September 2003)
Am Strand, in der Stadt
Lucerne Festival
Abschluss mit den Berlinern und Simon Rattle das Sinfoniekonzert Nummer
dreissig, mit den Berlinern und Rattle, geriet zum krönenden Finale
einer ausgesprochen vielfältigen, an Glanzpunkten reichen Ausgabe
von Lucerne Festival. Da war nun das Bild radikal anders. Das Orchesterpodium
randvoll und bestückt mit einer grossen Perkussion, dafür weit
und breit kein Frack. Die Echokammer vollständig verschlossen, auch
die Orgel (bis auf die spanischen Trompeten, die durch drei Luken herausragten)
hinter Türen versteckt, selbst die Vorhänge waren gezogen. Und
im Publikum viel junge Leute, viel Farbe, gespannte Aufmerksamkeit. Angesagt
war «Surrogate Cities» für Mezzosopran, Sprechstimme,
Sampler und grosses Orchester von Heiner Goebbels, der es wie seine Kollegin
Isabel Mundry als Composer in residence ins Sinfoniekonzert geschafft
hat.
Und in was für eines. Mit kurzen, witzigen Sätzen führte
Simon Rattle ins Werk ein, dann wurde es dunkel. Denn «Surrogate
Cities» ist auch ein Stück zum Schauen. Light gab es wie in
der Show, als Sinnenkitzel, manchmal ein wenig banal, manchmal vielleicht
mit tieferer Bedeutung versehen. Und eingesetzt wurde, was Wunder bei
Heiner Goebbels, die Saaltechnik; jedenfalls öffneten sich vor dem
zweitletzten Teil des Stücks die Wände neben der Orgel, wurden
die Vorhänge lautlos eingezogen und wenig später ebenso lautlos
wieder ausgefahren. Das ist nicht Spielerei, sondern gehört zum Konzept
dieser gewissermassen unreinen Musik, die sich an allen Tischen bedient,
stünden sie nun auf der Seite des Ernsten oder jener des Unterhaltenden.
Sie tut das freilich mit einem Reichtum an Ideen und einer handwerklichen
Fertigkeit, die ihresgleichen suchen. Und dann dieser ausgeprägte
sinnliche Reiz. Wie stets bei Heiner Goebbels könnte man auch bei
«Surrogate Cities» den raffinierten inhaltlichen Verknüpfungen
nachgehen oder sich an der hochstehenden Faktur erfreuen, man kann sich
dem Werk aber auch einfach hingeben - kann die Imaginationsräume
betreten, die es eröffnet, und die von ihm angebotenen Assoziationsfelder
ausschreiten. Wie auch immer, am Ende sieht man sich in einer eigenartigen
Weise erfrischt und belebt - ja selbst: beglückt.
Angesichts der fulminanten Wiedergabe durch die Berliner Philharmoniker
und Simon Rattle ist das kein Wunder. Spielt das tragische Geschehen bei
«Idomeneo» am Strand von Kreta, so geht es bei «Surrogate
Cities» um die Stadt: um den Dschungel, in dem sich das Individuum
nur schwer behauptet, um den beständigen Wandel, der auch verunsichert,
nicht zuletzt um Kampf und Gewalt. Mit heftigen Schlägen rammt das
grosse Orchester, in dem alle Instrumente elektronisch verstärkt
sind, die Horizontalen und die Vertikalen der Architektur ein - und da
wird denn gleich deutlich, dass «Surrogate Cities» an diesem
Abend eine andere Gestalt annimmt. Das Stück von 1993/94 ist nämlich
bekannter in jener kammermusikalischen Version, für die sich das
Frankfurter Ensemble Modern stark gemacht hat; im Klanggewand des grossen
Orchesters treten neue, vielleicht eher räumliche Züge in Erscheinung.
Und die Visualisierung, die das Theater Freiburg vor kurzem zur Diskussion
stellte, erweist sich als überflüssig, so plastisch wirkt die
Musik. Wenig später schlägt die Stunde von David Moss, der am
Mikrofon singt, sprudelt, stottert, hechelt, um Worte ringt - das ist
in seiner Kunst Lichtjahre entfernt von dem billigen Populismus, den sich
die Wiener Philharmoniker mit Bobby McFerrin geleistet haben. Eine echte
Suite, durchsetzt mit den unechten Klängen eines Samplers, bildet
das Herzstück und darauf die Geschichte von Horatius in der Erzählung
von Heiner Müller, zugleich aber im Tonfall eines Songs mit Big-Band-Begleitung
- grossartig die Sängerin Jocelyn B. Smith, hinreissend das Orchester,
das hier rhythmisch voll ins Schwarze traf. Ein super Abschluss; bei Lucerne
Festival scheint tatsächlich die Zukunft begonnen zu haben.
(Peter Hagmann)
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