Komposition als Inszenierung
Heiner Goebbels -Komposition als Inszenierung
Hs. Von Wolfgang Sandner.
Henschel Verlag Berlin 2002
Rechtzeitig zum 50. Geburtstag des Komponisten erschien die erste umfängliche
Publikation zu seinem Werk: eine Sammlung von Essays und Vorträgen
zum Schaffen des Komponisten-Regisseurs Heiner Goebbels. War es zuvor
mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, Texte über ihn und seine
Arbeit aufzutreiben, da sie ob der Pluralität seines Schaffens in
unterschiedlichsten Zeitschriften, Essaysammlungen und Konferenzbänden
verstreut waren, so bietet diese Anthologie eine gute Selektion aus Goebbels
eigenen Schriften, sowie Betrachtungen anderer Autoren über sein
Werk.
Der ungewöhnliche Schaffensweg des Künstlers begann in den 70er
Jahren mit der Straßenmusik des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters,
es folgten Improvisationen im Duo mit Alfred Harth, Bühnen- und Filmmusiken,
Experimente mit der Avantgarde-Rock Gruppe Cassiber, radikale Hörstücke,
ungewöhnliche Kompositionen für Ensemble und für großes
Orchester und schließlich die Realisierung seiner markanten Musiktheaterkonzeption.
Die Vielfalt künstlerischer Praxis begleitend, hat sich Goebbels
über die Jahre immer wieder theoretisch zu Aspekten seiner Arbeit
geäußert. Diese Reflexionen wie seine Überlegungen zu
Text verstanden als Landschaft, zu Sampling als Kompositionshaltung, zu
Materialverständnis und stilistischer Pluralität, waren oft
nicht weniger radikal als seine praktischen Projekte. Wie jene stellten
auch sie nicht selten gängige Musikpraxis in Frage und provozierten
rege Debatten über immanente Veränderungen in den Künsten.
Die Kompilation wichtiger Texte Heiner Goebbels macht die vorliegende
Veröffentlichung bedeutsam.
Angesichts der Genrevielfalt seines Werkes und sich hierin eröffnenden
diversen Reflexionsperspektiven, fühlt man sich nicht selten an die
alte Hindu-Parabel erinnert, in der sechs Blinde verschiedenen Teile eines
Elefanten befühlen und jeder ein anderes Tier vor sich zu haben glaubt.
Die Vielfalt zähmend gliedert Herausgeber Wolfgang Sandner die zusammengetragenen
Texte in vier Themenkomplexe. Unter dem Stichwort Schriftzeichen finden
wir vorwiegend Goebbels eigene Überlegungen zum Textverständnis
und seinem Umgang mit Texten, speziell denen Heiner Müllers. Der
den Hörstücken des Künstlers gewidmete zweite Teil Tonspur
Radioraum wird von einem umfangreichen, instruktiven Beitrag von Hans
Burkhard Schlichting eingeleitet und von drei Reden ergänzt, die
1984, 1990 und 1992 anläßlich der Verleihung des Karl-Sczuka-Preises
an den Künstler gehalten wurden. In Komposition als Inszenierung
geht es um Aspekte Goebbelsschen Musiktheaters mit drei Beiträgen
aus einem Symposion, das im Frühjahr 2001 anläßlich der
Verleihung des Europäischen Theaterpreises an Heiner Goebbels im
Italienischen Taormina ausgerichtet wurde. Flankiert werden diese durch
die Libretti der Stücke Max Black und Die Wiederholung und durch
Bildmaterial aus verschiedenen Musiktheaterinszenierungen. Der letzte
Teil der Sammlung Musik entziffern rekrutiert sich wieder vorrangig aus
Selbstaussagen Heiner Goebbels über seine kompositorische Schaffensweise,
mit wichtigen Texten wie Das Sample als Zeichen oder Prince & the
revolution. Max Nyffelers kompetente Reflexionen zum Goebbelsschen Kompositionsverfahren
und über den Sampler als Kompositionsinstrument - mit eingeblendeten
Spielanweisungen des szenischen Konzerts Eislermaterial - erschliessen
Kontext und Relevanz. Den Abschluß des Bandes bilden Goebbels
zeitbezogene Betrachtungen zu unterschiedlichen Aspekten künstlerischer
Praxis und 13 Beiträge einer Musikkolumne, die er Anfang der 90er
Jahre für die Züricher WochenZeitung verfaßte.
Zur Einleitung und Orientierung in diese umfangreiche Textsammlung gibt
Wolfgang Sandner mit journalistischer Lässigkeit, musikwissenschaftlicher
Spitzfindigkeit und gelegentlich selbstgefälligen, kunsthistorisch
assoziativen Ausschweifungen im einzigen, speziell für dieses Buch
geschriebenen Beitrag einen Überblick über das Schaffen Heiner
Goebbels. An das Ende des Bandes setzte er Werkverzeichnis und Diskographie
des Künstlers. Angesichts der Reichhaltigkeit von Eindrücken,
Fakten und Sichtweisen bleiben in dieser Publikation, wie auch in der
Hindu-Parabel, Verwirrungen und Irrtümer nicht aus, die in den Beiträgen
Sandners, Schlichtings und Danielle Cohen-Levinas vor allem das
Schaffen der Gruppe Cassiber tangieren. Im Glanze anderweitig beharrlicher
Abwesenheit bildet diese umfängliche Textsammlung jedoch einen fanalen
Auftakt zur längst fälligen Aufarbeitung des Goebbelsschen Schaffens.
(Kersten Glandien)
THEATER DER ZEIT, Mai 2003
Heiner Goebbels: Komposition als Inszenierung
Über Heiner Goebbels ist in den letzten Jahren zwar bereits einiges
geschrieben wurden. Was aber fehlte. war ein Buch, das zentrale Texte
von und über Goebbels an einem Ort versammelt. Diese Lücke wurde
mit dein nun vorliegenden Band geschlossen, der zudem mit Werkverzeichnis
und Diskografie sowie mit zahlreichen (auch farbigen) Abbildungen aufwartet,
die zumindest eine Ahnung von Goebbels' Ästhetik vermitteln.
Nach einem sehr informativen Überblick über Goebbels' Oeuvre
(Instrumentalwerke. Hörstücke. Musiktheaterstücke, Szenische
Konzerte, Orchesterwerke) durch den Herausgeber Wolfgang Sandner versammelt
das Buch insgesamt 26 längere und kürzere Texte verschiedener
Autoren. Von Goebbels selbst stammen mehrere Texte, die reflektierend
die gesamte Breite seines künst-lerischen Schaffens umfassen. Besondere
Aufmerksamkeit verdienen dabei die Anmerkungen zu seinem Umgang mit Texten
} Heiner Müllers, zum Rhythmus in Sprache und Sprechtheater, zum
problematischen Begriff des Gesamtkunstwerks Lind warum er diese Bezeichnung
für seine Arbeiten ablehnt, sowie die immer wieder geäußerten
kritischen Vorbehalte gegen die akademische Avantgarde und ihre Vernachlässigung
der experimentellen Vokalmusik und der sogenannten U-Musik. Ergänzt
werden Goebbels' eigene Texte durch den Wiederabdruck der Kolumnen, die
er zwischen 1990 und 1995 für die Züricher WochenZeitung ver-fasste
und in denen er sich nicht nur etwa mit den Donaueschinger Musiktagen,
sondern auch mit Prince auseinandergesetzt hat, sowie durch zwei Libretti
("Die Wiederholung", "Max Black").
Der Erfahrung mit Texten von Heiner Müller in den Arbeiten Goebbels'
widmet sich auch Hans-Thies Lehmann. Lehmann betont, dass es bei Goebbels
nie um Vertonung im Sinne verdoppelnder Illustration geht, sondern vielmehr
auch bei explizit musikalischen Rhythmisierungen "der Text eine stets
geradezu taktil erfühlbare, durchschlagende Matrix von Klang, Atem
und Sprechweise" bleibt. Hans Burkhard Schlichting, Helmut Heißenbüttel
und Hansjörg Pauli setzen sich mit den Hörstücken auseinander.
Helga Finter spürt dem imaginären Körper von Text, Klang
und Stimme in Heiner Goebbels' Theater nach. Unter dem Titel "Alban
Berg vergessen" gibt Danielle Cohen-Levinas eine Analyse der Produktion
"Marie. Woyzeck" aus dem Jahr 1980 (eine Zusammenarbeit mit
Manfred Karge / Matthias Langhoff). Gerald Siegmund inter-essiert das
choreografische Moment in der Arbeit mit den Musikern und Schauspielern
in Goebbels' Musiktheater. Helene Varopoulou hebt in ihrem Artikel über
die Raum-ideen, die Bühnenbildner und Installationskünstler
für Goebbels' Produktionen realisiert haben, hervor, dass "der
Ort, die location, ein wesentlicher Teil [ ...] der mise-en-espace, der
performativen und klanglichen Wirklich-keit des szenischen Konzerts"
ist. Mit der Musiktheaterproduktion "Max Black-, dem "musikalisch-sprachlich-pyrotechnisch
ein-geschobenen Kommentar in die Zeitläufe", setzt sich Cornelia
Jentzsch auseinander und stellt die Frage nach dein Musiktheater als philosophischer
Instanz. Und Max Nyffeler geht anhand von "Eislermaterial" Goebbels'
Verhältnis zur Neuen Musik und seinem Selbstverständnis als
Komponist nach. Als gelungene Anregung zum Weiterdenken über ein
"Theater als Ort der Erfahrung (und Unterhaltung natürlich),
nicht der Belehrung" (Goebbels) ist dieses neue Buch hochwillkommen.
(Clemens Risi)
POSITIONEN, Berlin 2003
Heiner Goebbels Komposition als Inszenierung
Rechtzeitig zum 50. Geburtstag des Komponisten erschien die erste umfängliche
Publikation zu seinem Werk: eine Sammlung von Essays und Vorträgen
zum Schaffen des Komponisten-Regisseurs Heiner Goebbels. War es zuvor
mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, Texte über ihn und seine
Arbeit aufzutreiben, da sie ob der Pluralität seines Schaffens in
unterschiedlichsten Zeitschriften, Essaysammlungen und Konferenzbänden
verstreut waren, so bietet diese Anthologie eine gute Selektion aus Goebbels
eigenen Schriften, sowie Betrachtungen anderer Autoren über sein
Werk.
Der ungewöhnliche Schaffensweg des Künstlers begann in den 70er
Jahren mit der Straßenmusik des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters,
es folgten Improvisationen im Duo mit Alfred Harth, Bühnen- und Filmmusiken,
Experimente mit der Avantgarde-Rock Gruppe Cassiber, radikale Hörstücke,
ungewöhnliche Kompositionen für Ensemble und für großes
Orchester und schließlich die Realisierung seiner markanten Musiktheaterkonzeption.
Die Vielfalt künstlerischer Praxis begleitend, hat sich Goebbels
über die Jahre immer wieder theoretisch zu Aspekten seiner Arbeit
geäußert. Diese Reflexionen wie seine Überlegungen zu
Text verstanden als Landschaft, zu Sampling als Kompositionshaltung, zu
Materialverständnis und stilistischer Pluralität, waren oft
nicht weniger radikal als seine praktischen Projekte. Wie jene stellten
auch sie nicht selten gängige Musikpraxis in Frage und provozierten
rege Debatten über immanente Veränderungen in den Künsten.
Die Kompilation wichtiger Texte Heiner Goebbels macht die vorliegende
Veröffentlichung bedeutsam.
Angesichts der Genrevielfalt seines Werkes und sich hierin eröffnenden
diversen Reflexionsperspektiven, fühlt man sich nicht selten an die
alte Hindu-Parabel erinnert, in der sechs Blinde verschiedenen Teile eines
Elefanten befühlen und jeder ein anderes Tier vor sich zu haben glaubt.
Die Vielfalt zähmend gliedert Herausgeber Wolfgang Sandner die zusammengetragenen
Texte in vier Themenkomplexe. Unter dem Stichwort Schriftzeichen finden
wir vorwiegend Goebbels eigene Überlegungen zum Textverständnis
und seinem Umgang mit Texten, speziell denen Heiner Müllers. Der
den Hörstücken des Künstlers gewidmete zweite Teil Tonspur
Radioraum wird von einem umfangreichen, instruktiven Beitrag von Hans
Burkhard Schlichting eingeleitet und von drei Reden ergänzt, die
1984, 1990 und 1992 anläßlich der Verleihung des Karl-Sczuka-Preises
an den Künstler gehalten wurden. In Komposition als Inszenierung
geht es um Aspekte Goebbelsschen Musiktheaters mit drei Beiträgen
aus einem Symposion, das im Frühjahr 2001 anläßlich der
Verleihung des Europäischen Theaterpreises an Heiner Goebbels im
Italienischen Taormina ausgerichtet wurde. Flankiert werden diese durch
die Libretti der Stücke Max Black und Die Wiederholung und durch
Bildmaterial aus verschiedenen Musiktheaterinszenierungen. Der letzte
Teil der Sammlung Musik entziffern rekrutiert sich wieder vorrangig aus
Selbstaussagen Heiner Goebbels über seine kompositorische Schaffensweise,
mit wichtigen Texten wie Das Sample als Zeichen oder Prince & the
revolution. Max Nyffelers kompetente Reflexionen zum Goebbelsschen Kompositionsverfahren
und über den Sampler als Kompositionsinstrument - mit eingeblendeten
Spielanweisungen des szenischen Konzerts Eisler Material - erschliessen
Kontext und Relevanz. Den Abschluß des Bandes bilden Goebbels
zeitbezogene Betrachtungen zu unterschiedlichen Aspekten künstlerischer
Praxis und 13 Beiträge einer Musikkolumne, die er Anfang der 90er
Jahre für die Züricher WochenZeitung verfaßte.
Zur Einleitung und Orientierung in diese umfangreiche Textsammlung gibt
Wolfgang Sandner mit journalistischer Lässigkeit, musikwissenschaftlicher
Spitzfindigkeit und gelegentlich selbstgefälligen, kunsthistorisch
assoziativen Ausschweifungen im einzigen, speziell für dieses Buch
geschriebenen Beitrag einen Überblick über das Schaffen Heiner
Goebbels. An das Ende des Bandes setzte er Werkverzeichnis und Diskographie
des Künstlers. Angesichts der Reichhaltigkeit von Eindrücken,
Fakten und Sichtweisen bleiben in dieser Publikation, wie auch in der
Hindu-Parabel, Verwirrungen und Irrtümer nicht aus, die in den Beiträgen
Sandners, Schlichtings und Danielle Cohen-Levinas vor allem das
Schaffen der Gruppe Cassiber tangieren. Im Glanze anderweitig beharrlicher
Abwesenheit bildet diese umfängliche Textsammlung jedoch einen fanalen
Auftakt zur längst fälligen Aufarbeitung des Goebbelsschen Schaffens.
LITERATURKRITIK.DE
Was ist eigentlich ein Daxophon?
Über den Komponisten Heiner Goebbels
Heiner Goebbels gehört unbestritten zu den innovativsten Komponisten
und Musikern der Gegenwart. Seine experimentellen Stücke für
das Musiktheater, seine Orchesterwerke und nicht zuletzt seine vielfach
ausgezeichneten Hörspiele sind einem großen Publikum vertraut.
Zu seinem diesjährigen 50. Geburtstag erscheint im Berliner Henschel
Verlag ein ansehnlich und reich gestalteter Band mit Aufsätzen von
und über Heiner Goebbels, herausgegeben vom Musikredakteur der F.
A. Z. Wolfgang Sandner.
Der klug gewählte Titel der Essaysammlung, "Komposition als
Inszenierung", nimmt die Bandbreite der künstlerischen Mittel
Goebbels' vorweg. Der in Neustadt an der Weinstraße geborene Künstler
schert sich nicht um Dogmen des musikalischen Schaffens, um Reinheit oder
Einheitlichkeit des Werks, er verwendet Geräusche musikalisch, gebraucht
den Sampler ausgiebig, lässt Text gleichberechtigt erklingen und
verwendet das Aufnahmestudio als Kompositionsinstrument; Sandner spricht
von einer fehlenden "Hierarchisierung der Klänge". Dies
scheint das Rezept des Komponisten zu sein, etwa im Umgang mit literarischen
Vorlagen, dem "illustrativ interpretierenden Quatsch" zu entgehen.
Er will vielmehr, wie er es anhand der Vertonung von Texten Heiner Müllers
ausführt, "strukturelle Angebote dieser Texte" zu musikalischen
machen, ohne sie auf ihre Klangmittel zu reduzieren. Müllers Textbruchstücke,
die so oft Bestandteil seiner Musik wurden, bleiben nicht die einzigen
Ausgangspunkte, Goebbels' Wirken zu reflektieren. Wolfgang Sandner stellt
Vergleiche mit Mauricio Kagel oder John Cage an, die Sprachbehandlung
bringt er mit Ernst Jandl in Verbindung, der einst Cages "Silence"
ins Deutsche übertrug, und die räumliche Inszenierung der Szenischen
Konzerte führt er auf einen bildenden Künstler zurück,
von dessen Gemälden Goebbels sich fasziniert zeigt. Die gleichberechtigte
"Balance aller Elemente und Details" in den Bildern des Barockmalers
Nicolas Poussin, die verhindert, den Blick auf eine zentrale Hauptsache
zu richten, sei auf die Herangehensweise und Ausgestaltung des Komponisten
und Regisseurs zu übertragen. Wie Poussin seinen malerischen Ausdruck
nach dem musikalischen Vorbild der Antike abstimmte, den Stimmungsgehalt
seiner Bilder in fünf "Tonarten" charakterisierte, ja wie
er Vorlagen für seine Bilder schuf, indem er wächserne Skulpturen
auf Bühnen positionierte, um etwa den exakten Lichteinfall zu bestimmen,
so dermaßen individuell und akribisch, geradezu plastisch gehe Goebbels
bei der Planung seiner Musikteaterstücke vor, bei denen Bühnenbildner,
Schauspieler, Beleuchter und Musiker in den Schaffensprozess eingebunden
werden, noch bevor das Stück in einer Partitur festgehalten wird.
Einen rein musikalischen Anspruch gibt es bei Goebbels nicht, ein politischer
Zusammenhang tritt stets hinzu, auch wenn dieser sich nicht in eindimensionalen
Parolen äußert. So rechnet Sandner etwa Goebbels' Sozialisation
im Frankfurt der 70er Jahre zu den elementaren Voraussetzungen einer "angewandten"
Musik. Beispielhaft für die nicht zu trennende Verbindung von Politik
und Kunst ist allein Goebbels' Diplomarbeit zu nennen, mit der er sein
Soziologiestudium abschloss: "Zur Frage der Fortschrittlichkeit musikalischen
Materials. Über den gesellschaftlichen Zusammenhang kompositorischer
Maßnahmen in der Vorklassik und bei Hanns Eisler". Die wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit Eisler sollte den Mitbegründer des "Sogenannten
Linksradikalen Blasorchesters" später auch künstlerisch
anregen. Immer wieder taucht Eisler als unzeitgemäße, bewunderte
wie in einen historischen Kontext verbannte Leitfigur in Goebbels' Werk
auf: Von den Anfängen einer Schallplatte wie "Hört Hört!",
die Free Jazz-Hommage der "Vier Fäuste für Hanns Eisler"
bis zum jüngst erschienenen, mit dem Ensemble Modern eingespielten
"Eislermaterial". Dazwischen liegen zahllose Stationen einer
musikalischen Biographie, die wandlungsreicher kaum auszudenken ist, ohne
je unter den Verdacht angepasster Beliebigkeit zu geraten: erste Hörspiele,
die No Wave- oder Art Rock-Gruppe "Cassiber", Bühnen- und
Filmmusik (z. B. für Filme von Helke Sander oder Hans Neuenfels),
ein wirkungsmächtiges Hörspiel wie "Schliemanns Radio",
Installationen (etwa auf der Documenta VIII) und etliches mehr. Wolfgang
Sandner zeichnet diese künstlerische und persönliche Entwicklung
kenntnisreich nach, auch wenn sie sich nicht auf einen roten Faden reduzieren
lassen wird. Andere Aufsätze gehen auf Details ein, einzelne Hörstücke
wie "Verkommenes Ufer", das Helmut Heißenbüttel anlässlich
der Verleihung des Karl-Sczuka-Preises an Goebbels vorstellt, oder auf
Aspekte der Theaterarbeit. Der Komponist selbst hat zahlreiche Essays
zur Verfügung gestellt, so dass subjektive Wahrnehmung und Blick
von außen in diesem Band gelungen ineinandergreifen. Neben dem sehr
sorgfältigen Werkverzeichnis mit Diskographie sei die unscheinbare
"Materialausgabe" am Ende des Buches hervorgehoben. Diese versammelt
die Musikkolumnen Goebbels', die er
zwischen 1990 und 1995 in der Schweizer "Wochen-Zeitung" publizierte.
Sie bieten einen unterhaltsamen und humorvollen Einstieg in Goebbels'
Vorstellung von Musik, beinhalten Anspieltipps und Verrisse, bestätigen
einmal mehr seine Neigung zu den Popsongs von "Prince", bringen
Verschüttetes zutage wie Erik Mälzners Cassette "Kitsch
As Kitsch Can" oder erklären einem schlicht, was eigentlich
ein Daxophon ist. Ein schönes Geschenk, nicht nur zu Heiner Goebbels'
Geburtstag.
P.S.: Das Daxophon ist in Goebbels' Worten "ein mit einem Bassbogen
angestrichenes Holzbrettchen, dessen klingendes Ende mit einem handlichen
Klötzchen in der Tonhöhe verändert wird. Das Ganze wird
über einen Tonabnehmer verstärkt."
(Alexander Müller)
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (23.12.2002)
Sprachfähige Töne
Kunst kommt von Kollision: Ein Band über Heiner Goebbels
Das Musiktheater im 21. Jahrhundert, wie wird es aussehen? Das erste Buch
mit Texten von und über den Frankfurter Komponisten Heiner Goebbels,
einem der wichtigsten Vertreter der heutigen Musik- und Theateravantgarde,
zeigt Perspektiven auf. Skizziert wird ein Künstler, der sich gegen
jede Art von Bevormundung und Entmündigung des Hörers wendet.
Durch neuartige Verbindungen von Musik, Theater, Literatur und bildender
Kunst möchte er dem Publikum einen Raum eröffnen, in dem es
eigene Erfahrungen machen kann.
Neue Musik, die "auf Differenzierung, Komplexität, Unwiederholbarkeit,
Abstraktion und letztlich auch Einschüchterung angelegt" ist
und die eine "kompositorische und intellektuelle Wahrheit" demonstrieren
will, die es widerstandslos zu schlucken gilt, interessiert Goebbels ebenso
wenig wie das "geschlossene Weltbild" des Gesamtkunstwerks im
Sinne Wagners. Er propagiert eine "Kollision der Künste",
das Zusammenführen von Sprache, Musik, Farben, Formen, Flächen,
die sich wechselseitig ablösend in einer Art von kontinuierlichem
Schwebezustand befinden sollen und die sich erst im Zuschauer zusammenfügen,
um dort individuelle Erfahrungen, Beobachtungen und Schlussfolgerungen
auszulösen.
Skeptisch steht Goebbels dem Originalitäts- und Individualitätsprinzip
der Romantik gegenüber, das noch die alte Avantgarde steuerte: durch
Vermeidung alles "verbrauchten Materials" und die zwanghafte
Suche nach noch nie gehörten Klängen, hatte diese sich immer
mehr weg vom Hörer in den Elfenbeinturm hermetischer Systeme manövriert.
Goebbels fordert ein genau entgegengesetztes Vorgehen. Da die "Sprachfähigkeit"
von Musik aus der Verwendung des Bekannten resultiert, dass Musik also
nur spricht, wenn das musikalische Material semantisch besetzt ist, plädiert
er für den bewussten Umgang mit dem Vorgefundenen, was Popmusik bis
zum Techno ebenso einschließt wie Geräusche des täglichen
Lebens. Lesenswert.
(Sebastian Werr)
ST. GALLER TAGBLATT (10.12.2002)
passage
Musikbuch Heiner Goebbels
Zurzeit ist der 1952 geborene Komponist und Regisseur Heiner Goebbels
hoch im Kurs: Seine Produktionen sind in dieser Spielzeit sowohl in Freiburg
i. Br. als auch in Genf zu sehen, und soeben sind zwei neue CDs (Eislermaterial,
ECM 461648-2; Surrogate Cities, ECM 465338-2) erschienen.
Zudem wird der Frankfurter im kommenden Sommer composer-in-residence im
Luzerner KKL sein. Ein Sammelband, herausgegeben vom FAZ-Musikredaktor
Wolfgang Sandner, widmet sich dem Werk des rührigen Komponisten aus
verschiedenen Perspektiven. In den Essays von europäischen Musikwissenschaftler(inne)n
kommen u.a. Goebbels Nähe zum improvisierten Jazz sowie seine Affinität
zur Popkultur im weitesten Sinne zur Geltung.
Viele der Texte sind auch von Goebbels selbst geschrieben. Die Monografie,
die, so Sandner, erst eine «Zwischenbilanz» über das
Schaffen des Komponisten sein soll, thematisiert auch Goebbels Techniken,
die aus der Populärmusik, aus Film und Theater stammen. Den aufschlussreichen
Essays, die mit Fotos von Aufführungen reich bebildert sind, folgen
eine Vita und ein detailliertes Werkverzeichnis.
(bsp)
DIE WOCHENZEITUNG (05.09.2002)
«Eislermaterial» und «Komposition als
Inszenierung» - Herzergreifend, befremdend
Der Komponist Heiner Goebbels stellt eine Hommage an Hanns Eisler vor.
Gleichzeitig erscheint ein Sammelband mit Texten von und über Goebbels:
25 Jahre musikalische Innovation.
(...)
Ein umfangreiches, sehr schön und sorgfältig gemachtes Buch
mit dem Titel «Komposition als Inszenierung», das dieser Tage
zum 50. Geburtstag von Heiner Goebbels erschienen ist, zeichnet den Weg
des Musikers nach und bietet umfangreiches Reflexionsmaterial zu den Werken
und Arbeitsbereichen von Heiner Goebbels. Das Buch führt die Offenheit,
Innovationskraft und Intelligenz Heiner Goebbels' vor Augen, dessen Hörstücke,
Musiktheaterstücke, szenische Konzerte oder musikalische Installationen
zu den bedeutenden Errungenschaften der Neuen Musik und des heutigen Theaters
zählen. Die meisten Texte stammen aus der Feder von Heiner Goebbels
selbst. Mehrere Texte, die in diesem Buch gesammelt sind, hat Heiner Goebbels
für die WoZ verfasst, etwa die Hommage an den Schriftsteller Heiner
Mülller oder den Essay «Never Play a Reggae». Im Anhang
sind Heiner Goebbels' Musikkolumnen, die er zwischen 1990 und 1995 für
die WoZ schrieb, dokumentiert.
(Patrik Landolt)
GIEßENER ALLGEMEINE (17. August 2002)
Musik und Rhythmus, Bewegung und Tanz, Raum und Installation
Mannigfache Ehrungen für den Musiker, Komponisten, Theatermacher
und Regisseur Heiner Goebbels aus Anlass seines 50. Geburtstages
Es ist schon ziemlich ungewöhnlich, dass jemand bereits zu seinem
50. Geburtstag öffentlich so groß geehrt wird. Aber der Musiker,
Komponist, Theatermacher und Regisseur Reiner Goebbels (Foto) ist schließlich
kein gewöhnlicher Künstler, der in seinem Schaffen so konsequent
wie kaum ein anderer dafür sorgt, dass verschiedene Kunstformen gleichrangig
zu Auge und zu Gehör kommen. Die Justus-Liebig-Universität Gießen
kann sich glücklich schätzen, diesen weltweit agierenden Künstler
seit 1999 als Professor an ihrem Institut der Angewandten Theaterwissenschaft
zu haben.
Bei den Ehrungen dieses Sommers ist die Stadt Frankfurt an vorderster
Stelle, sie verleiht dem Wahl-Frankfurter am 21. August die Goethe-Plakette,
die in unregelmäßigen Abständen an »bedeutende Persönlichkeiten
des Geistes für ihre kulturellen Verdienste« geht. Und am 8.
September gestaltet die Alte Oper ihr saisonales Auftakt-Konzert mit einem
Konzert des Ensemble Modern, das eine Werkauswahl von Heiner Goebbels
aus den Jahren 1981 bis 1996 aufführt. Vom 18. bis zum 20. Oktober
zeigt der Mousonturm »Max Black«, und im Schauspiel Frankfurt
wird »Hashirigaki« vom 29. bis 31. Dezember zu sehen sein.
Noch erstaunlicher ist jedoch das Erscheinen der Monografie »Heiner
Goebbels. Komposition als Inszenierung« aus Anlass des 50. Geburtstags.
Direkt vor dem Konzert in der Alten Oper wird der Berliner Henschel-Verlag
das Buch präsentieren, inklusive einer Podiumsdiskussion zwischen
Wolfgang Sandner, Herausgeber dieses Buchs und Musikredakteur, Rainer
Römer, Musiker und Mitglied des Ensemble Modern, mit dem Goebbels
seit Jahren so erfolgreich zusammenarbeitet, und dem Geehrten selbst.
Selbstverständlich ist diese Monografie keine herkömmliche,
auch sie arbeitet nach dem Collage-Prinzip, das als eines der wesentlichen
Merkmale des Goebbelsschen Werks gilt. Und es kann angesichts von Goebbels
Alter natürlich nur eine Zwischenbilanz sein, wie Sandner in seinem
Vorwort schreibt. Und im Weiteren: Von Anfang an habe Heiner Goebbels
sein eigenes Tun kritisch begleitet, immer in Relation zur Gesellschaft
gesehen. Daher gibt es auch von ihm zahlreiche publizierte Texte, die
diesem Buch den authentischen O-Ton verleihen. Selbst die regelmäßigen
Musik-Kolumnen von Goebbels in der Züricher Wochenzeitung von 1990
bis 1995 sind abgedruckt. Interessanterweise lassen sich seine Gedankengänge
zu meist einfacher nachvollziehen als die elaborierten Codes der Rezensenten,
Goebbels' eigene Texte sind de-nen der anderen Au-tor/innen je nach Themenschwerpunkt
zu- geordnet. Das Thema Text und Textland-schaft bildet gleichzeitig eine
Hommage an Heiner Müller; mit dem Goebbels lange Jahre zusammengearbeitet
hat, dessen Texte er nicht nur verwendete, sondern den er auch als Spre-cher
in seinen Inszenierungen auftreten ließ.
Die meisten Preise hat Goebbels bislang für seine Hörspiele
bekommen, mit denen er den gewohnten Traditionen der Tonvermittlung einen
neuen »Radioraum« hinzugewann. Mit künstlerischer Distanz
gelang es ihm, subtile Collagen von Dokumentationsmaterialien zuschaffen,
die von Musik unterlegt zu einem Kommentar des Zeitgeschehens wurden.
Oder mit denen er Literatur neu erlebbar machte.
Und er ist auch Theatermann, von 1978 bis 1980 war Goebbels musikalischer
Leiter an den Städtischen Bühnen Frankfurt unter Peter Palitzsch.
Seine Inszenierungen wiesen bereits hier Elemente seines künftigen
freien Arbeitens auf: Text und Sprechen, Musik und Rhythmus, Bewegung
und Tanz, Raum und Installation alles verbindet sich in einer gleichrangigen
Transparenz ohne sich »anbiedernd zu amalgamieren«.
Goebbels' musikalische Nähe zu Jazz- und zur Popmusik bringen dabei
»Herz und Hirn« zusammen, was auch Menschen mit wenig klas-sischer
Vorbildung oder Neigung zur musikali-schen Avantgarde für seine Produktionen
einnimmt, so Sandner in seiner umfang- und kenntnisreichen Werkanalyse.
Und da lauter Wissenschaftler/innen beteiligt sind, fügt sich ordnungsgemäß
am Ende eine Vita von Heiner Goebbes an, ein Werkverzeichnis, eine Diskografie,
Anmerkungen, Quellenverweise, Autoren-Kurzbiografien und ein Register,
doch kommt auch die Bebilderung nicht zu kurz. Das alles in gebundener
Form für 29,90 Euro beim Henschel-Verlag Berlin.
(Dagmar Klein)
DIE RHEINPFALZ (28. September 2002)
Ein Tonsetzer durchkämmt die Bibliothek der Sounds
Der aus der Pfalz stammende Komponist Heiner Goebbels holt sich sein Musikmaterial
nicht nur bei Hanns Eisler
Mit Saxophon und Akkordeon bewaffnet und ein paar Eisler-Liedern im Gepäck
betrat Heiner Goebbels die musikalische Bühne. Das war Mitte der
siebziger Jahre in Frankfurt. 1952 in Neustadt geboren und in Landau aufgewachsen,
hatte er sich zum Soziologiestudium eines der Zentren der Studentenbewegung
ausgesucht. Hier studierte Goebbels nicht nur Adorno und Marcuse, sondern
gründete auch das Sogenannte Linksradikale Blasorchester. In diesem
für politische Aktionen einsetzbaren Ensemble wurde aus Eisler-Kompositionen,
Free Jazz und eingestreuten Trivialitäten ein musikalischer Sprengsatz
gebastelt. Hier liegen die Wurzeln des Komponisten Heiner Goebbels, der
nach der Soziologie auch noch Musik studierte und sich zu einem der herausragenden
Vertreter der musikalischen Avantgarde entwickelte.
Gerade wurde Goebbels 50 und ein erstes Buch über ihn ist erschienen.
Der Frankfurter Musikjournalist Wolfgang Sandner stellt den Komponisten
in diesem monografischen Werk auf vorbildliche Weise vor, liefert theoretische
Beiträge, Praxisberichte und Dokumente. In einem längeren Essay
beschreibt Sandner biografischen Werdegang und die besondere Arbeitsweise
von Goebbels, die mehr mit Montage zu tun hat als mit herkömmlicher
Tonsetzerei. Für seine Klanginstallationen, Hörstücke und
Orchesterwerke verwendet Goebbels fertiges Material aus Tönen, Texten,
Geräuschen, montiert die Teile neu, fügt sie zwischen Eigenes..
ˇFür Goebbels", so Sandner, ˇist die Musikgeschichte eine Bibliothek
von Sounds, die man benutzen kann."
Dabei geht es aber immer auch um den Inhalt, damit um den politischen
Standpunkt. Ein politisch denkender Komponist wie Hanns Eisler bot sich
da früh als Vorbild an, dessen Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht
entspricht Goebbels' Interesse an dem Dramatiker Heiner Müller, dessen
Texten er in seinen Hörstücken inszenatorischen Ausdruck verlieh.
Sandners Buch lässt unterschiedliche Autoren Goebbels' Arbeit analysieren
und bringt aufschlussreiche Selbstauskünfte des Komponisten. Ein
Geheimniskrämer ist dieser nämlich nicht, benennt theoriebewandert
ästhetische und musiksoziologische Zusammenhänge, erklärt
die Baumuster.
Auch im Booklet seiner neuesten CD-Veröffentlichung kann man in einem
Interview mit Goebbels ziemlich präzise erfahren, wie er das ˇEislermaterial"
zusammengetragen hat. Aus Arbeiterliedern, Kammermusikstücken, darunter
Fragmente eines bisher unveröffentlichten Streichquartetts, und Textzitaten
entstand ein zusammenhängendes Musikstück, das vom Ensemble
Modern und dem Schauspieler Josef Bierbichler uraufgeführt und bei
einem Auftritt im Berliner Hebbel-Theater 1998 mitgeschnitten wurde. Das
Stück ist durchaus eine Huldigung an den verkannten Komponisten,
ein Eisler-Potpourri allerdings nicht. Dafür sorgen Bierbichlers
ungelenke, zerbrechlich-hohe Kopfstimme und die überraschenden Konfrontationen,
die Eislers Partituren schon mal im Free-Jazz-Chaos enden lassen.
BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN (11.September 2002)
Muntere Fetzen und Zitate
Das von Heiner Goebbels 1976 mitbegründete "So genannte Linksradikale
Blasorchester" war eines der typischen Produkte der Frankfurter Studentenbewegung.
Diese Randerscheinung der damaligen Spontiszene bildet mit ihrer Vermischung
von Wortfetzen, Klassikzitaten und Musikmontagen die Keimzelle des einzigartigen
Goebbels-Stils, der auch 25 Jahre später noch die internationale
Theaterszene durchrüttelt. Zum 50. Geburtstag von Heiner Goebbels
gab Wolfgang Sandner einen reichen Gratulationsband heraus, der, unter
dem Titel "Komposition als Inszenierung«, die Arbeitsweise
des Komponisten auf dien Punkt bringt. Nicht über den Tonsatz, mehr
über den Sprengsatz sei Goebbels zur Musik gekommen, so Sandner,
weshalb die Musikgeschichte für ihn eine "Bibliothek von Sounds"
ist, aus der er sich freimütig bedient. Die akustischen Spielformen,
die Goebbels für den Rundfunk entwarf, gaben den Texten, mit Vorliebe
von Heiner Müller, eine musikalische Stilisierung, die Helmut Heißenbüttel
anlässlich einer Preisverleihung zu der Aussage bewegte, "Wenn
es heute noch so etwas wie Oper geben konnte, so wäre dies eine Oper«.
(R.F.)
FRANKFURTER RUNDSCHAU (7. Januar 2003)
Wolfgang Sandner (Hrsg.): Über Heiner Goebbels
Dass Heiner Goebbels zu den schillerndsten und bei weitem interessantesten
Komponisten und Theatermachern der Gegenwart gehört, ist längst
nicht mehr nur Insidern bekannt. Das wiederum liegt nicht nur an der Qualität
seiner Arbeiten, sondern auch daran, dass Goebbels sich nie besonders
für Insider interessiert hat. Sektiererisches Szene-Denken ist ihm
fremd. Er sucht seit je den Kontakt mit der Wirklichkeit, schöpft
seine Ideen aus ihr und saugt sich mit Außermusikalischem voll,
bis Musik, Theater oder Musiktheater draus wird.
Zu seinem 50. Geburtstag ist im Henschel-Verlag das erste seinem Gesamtwerk
gewidmete Buch erschienen: Komposition als Inszenierung, herausgegeben
hat es FAZ-Musikredakteur Wolfgang Sandner. Die dort gesammelten Texte
stammen zum überwiegenden Teil von Goebbels selbst, der seit jeher
auch ein hellsichtiger, analytischer Begleiter und wortgewandter Exeget
seines eigenen Schaffens ist. Er meldet sich zu Heiner Müller zu
Wort, zum Rhythmus von Sprache, zum Radioraum und der Idee des Hörstücks
sowie zur künstlerischen Praxis überhaupt. Daneben finden sich
die Libretti zu Max Black und Die Wiederholung sowie Detailanalysen von
Helmut Heißenbüttel, Helga Finter, Max Nyffeler und anderen.
Zu Beginn gibt Wolfgang Sandner eine ebenso kenntnis- wie umfangreiche
Werkeinführung, in der er Heiner Goebbels als einen Komponisten des
21. Jahrhunderts kennzeichnet und so gleich zu Anfang seine auffälligste
Qualität bestimmt: "Heiner Goebbels ist ein wacher Künstler,
der auf Umwelt reagiert, mehr vielleicht als auf die tradierten Gesetze
von Kunst."
(gor)
PASSAUER NEUE PRESSE (29. Januar 2003)
Komposition als Selbst-Inszenierung
Der Frankfurter Komponist Heiner Goebbels zählt zu den zentralen
Figuren der zeitgenössichen Musik. Im Henschel-Verlag ist nun ein
Buch mit dem Titel "Komposition als Inszenierung" erschienen,
das erstmals das Werk des Europäischen Theaterpreisträgers von
2001 aus unterschiedlichen Richtungen beleuchtet. Der rund 250-seitige
Band wurde von Wolfgang Sandner herausgegeben, der seit 20 Jahren Musikkritiker
bei der FAZ ist. Durch das Zusammentreffen dieser beiden Figuren ist ein
überaus lesenswertes Buch entstanden, das in jeder Hinsicht erschöpfende
Auskunft über das Werk von Heiner Goebbels verrät. Die Gliederung
des musikalischen Schaffens in "Hörstücke", "Musiktheaterstücke
und Szenische Konzerte" sowie "Orchesterstücke" basiert
auf der Zuordnung der Werke für das Radio, den Konzertsaal und das
Theater. Das Buch gestaltet sich dort spröde, wo einzelne Kompositionen
seziert werden, weil dort die Schwierigkeit, Hörbares in Worte zu
fassen, augenfällig wird. Und dennoch gelingt es, die konstiuierenden
Momente des Werks zu vergegenwärtigen, was nicht zuletzt der Tatsache
geschuldet ist, dass mehr als die Hälfte der Texte von Goebbels selbst
beigesteuert wurden, was Züge einer Selbstinszenierung nicht verleugnen
kann. Am prägnantesten hat das Werk von Heiner Goebbels noch immer
der Schriftsteller und Kritiker Helmut Heißenbüttel charakterisiert:
"Dieses ist nicht die Auflösung der Literatur in Musik, dies
ist akustische Literatur und literarische Akustik zugleich."
(Jonathan Scheiner)
EISLER-MITTEILUNGEN 31 (Februar 2003)
Goebbelsmaterial
Kurz: Ein wichtiges neues Musikbuch. Versammelt sind Texte über Musik
und Musikdenken Heiner Goebbels', zum größeren Teil vom Komponisten
selbst, zum anderen Teil von einem Dutzend internationaler Wissenschaftler
und Journalisten. Herausgegeben wurde dieses bislang umfassend-ste schriftliche
"Goebbelsmaterial" von Wolfgang Sandner, Musikschriftsteller
und Redakteur der Frankfurter Allgemei-nen Zeitung, der dem Buch auch
einen ausführlichen, lesens-werten biographischen Essay über
den Komponisten voran-gestellt hat. Sandner hat die Beiträge - sie
waren zwar zum überwiegenden Teil bereits gedruckt, jedoch teils
an wenig zugänglichen Orten - gemäß wesentlicher Bereiche
von Goebbels' kompositorischer Arbeit gruppiert: dem musika-lischen Umgang
mit Sprache, den experimentellen und kol-lektiven Produktionen, der Arbeit
fürs Radio, fürs Musiktheater (zusätzlich zu den theoretischen
Texte sind die beiden "Libretti" zu Die Wiederholung, 1995,
und Max Black, 1998, wiedergegeben).
Neben Bertolt Brecht und Heiner Müller scheinen in den Beiträgen
des Buches immer wieder Person, Ästhetik und Musik Hanns Eislers
als expliziter oder gedanklicher Fluchtpunkt auf: Sei es in Max Nyffelers
Essay "Der dialek-tische Sampler", der Goebbels' künstlerischen
und ästheti-schen Standort auf der Landkarte zeitgenössischer
Musik vor dem Hintergrund von Einverständnis und Differenz zur Kunst
Eislers profiliert, mit besonderem Augenmerk auf Eislermaterial (1998);
sei es im jüngsten Text des Buches, "Material, Phantasie und
Einflussangst", Goebbels' Antritts-rede an der Gießener Universität,
wo er seit 1999 eine Pro-fessur für Angewandte Theaterwissenschaft
innehat.
Goebbels' Texte - Reden und Vorträge, Essays und seine gesammelten
Musikkolumnen aus der Zürcher Wochen--Zeitung - bestimmen seinen
Standpunkt in Ästhetik und Politik ohne zu ästhetisieren oder
zu politisieren, profitieren von seiner freundlich aber deutlich Position
beziehenden na-hen Einsicht in die gemeinhin hübsch getrennten Bereiche
der E- und U-Avantgarde, von seinem pointierten, feuilleton-geprüften,
zugleich unprätentiös schlichten Schreibstil: Diese recht seltenen
Qualitäten machen das schön präsen-tierte, mit teils farbigen
Musiktheaterfotos ausgestattete Buch lehr- und aufschlussreich im besten
Sinne.
(PS)
|