
Eislermaterial
NEUES DEUTSCHLAND, 28. August 2004 Melancholische Hommage
Heiner Goebbels' »Eislermaterial« beim Kunstfest in
Weimar
Heimweh« ist Nike Wagners Motto für ihr erstes Kunstfestjahr
in Weimar. Und wenn das Ensemble Modern, brav aufgestellt in nach vorne
offener Appellformation, mit einer bläsersatten, streicherflankierten
Einstimmung beginnt, bei der eine Sequenz von »Auferstanden aus Ruinen«
erkennbar wird, und dann auf die Melodie von »Anmut sparet nicht noch
Mühe« einschwenkt, dann ahnt man, was gemeint sein könnte.
Ein ostalgischer Liederabend ist es dennoch nicht. Sondern eine ziemlich
vergnügliche Hommage an den DDR-Komponisten – der sich freilich
nicht auf den Staat beschränken lässt, dem er die Hymne komponierte.
Nicht nur, weil man ihn dort so nervte, dass er den Plan zu seiner Faust-Oper
begraben musste (eine jüngst von Friedrich Schenker in Kassel erledigte
Hausaufgabe der deutsch-deutschen Kulturgeschichte). Eisler gehört
in die Musik- und die Zeitgeschichte, war immer politisch. Der in Neustadt
an der Weinstraße aufgewachsene und seit 1972 in Frankfurt am Main
lebende Komponist Heiner Goebbels, Jahrgang 1952, hat über ihn nicht
nur seine Soziologie-Diplomarbeit geschrieben, sondern durch die (geistige)
Begegnung mit Eisler vor allem seinen Weg zur so genannten Neuen Musik gefunden.
Eisler ist eine alte, initialzündende Liebe des mittlerweile hochangesehenen
Komponisten.
Der so Verehrte steht sogar als Denkmal auf der Bühne des Nationaltheaters.
Vorn in der Mitte, zwischen verstreut herumliegenden, rot eingeschlagenen
Partituren. Aber die Bronze ist klein genug für jene liebevolle Respektlosigkeit,
mit der sich Goebbels Eisler-Motive anverwandelt, Klassenkämpferisches
und melancholisch Witziges kombiniert und mit Gesprächsdokumenten versetzt,
die er zu einer freien Toncollage verarbeitet hat. Einmal wird die Plastik
so angestrahlt, dass sie einen Riesenschatten wirft. Josef Bierbichlers
Wie-nebenbei-Gesinge, das sich nur manchmal in die weiche Härte eines
zugespitzten Satzes aufschwingt, der warme Bläserglanz und die Drummer-Eskapaden,
Eislers eigene Sprechstimme, die Überraschung des Witzes neben der
verbal geballten Faust, das wirkt vor allem anheimelnd, sympathisch. Im
melancholischen Leuchten des Saxophon-Sounds scheint so vor allem die Erinnerung
an die beflügelnde Kraft einer Utopie auf. Das kann man Heimweh nennen.
Heute. (Roberto Becker)
WELTWOCHE Nr. 32.03
Mittendrin und doch daneben
Mit seinen KIangmontagen setzt sich Heiner Goebbels zwischen alle StühIe.
Vielleicht ist er gerade deswegen so erfolgreich.
Das Lucerne Festival holt Heiner Goebbels für diesen Sommer als "Composer
in Residence". Um gleich beizufügen, dass es sich um einen "Anti-Komponisten"
handle. Was natiirIich Unsinn ist. Denn Heiner Goebbels betreibt Komponieren
im wortlichsten Sinn, aIs Zusammenstellen von Klangen. Er ist ein Sammler
von tonenden Materialien, die er nach dem Prinzip der Montage verarbeitet.
Er ist aber auch ein Wanderer zwischen den sonst hochnotpeinlich geschiedenen
Gattungen der Klassik, des Pop, des Jazz. Er lehnt die individuelle Genieasthetik
ebenso ab wie den Glauben an "rein musikalischen Fortschritt".
Dass er dabei überall aneckt, kann ihm gleichgültig sein. Für
die "reine" Avantgarde ist er zu poppig. Für die Jazzer
hat er zu wenig Swing. Den politisch Radikalen gilt sein Anlknüpfen
an Eislers "angewandter Musik" als nostalgisch. Obwohl er zwischen
fast allen Stühlen sitzt, oder vielleicht gerade deswegen, ist Goebbels
erfolgreich. Der ehemalige Soziologiestudent, Schul- und Strassenmusiker,
spater Gründer des "Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters"
und der Band Cassiber, Verfasser von Schauspielmusiken für die Gurus
des Regietheaters, ist Träger des Hessischen Kulturpreises und Mitglied
der Deutschen Akademie der darstellenden Künste.
Goebbels ist dort angelangt, wo er nie hinwollte. Dass belegt nurs chondieTatsache,
dass ihm das Lucerne Festival sein Schlusskonzert am 20. September widmet.
Und zwar mit den prominentesten Interpreten, die im KKL aufkreuzen: Simon
Rattle fuhrt die Berliner Philharmoniker durch das 70-Minuten-Stiick "Surrogate
Cities". Es ist 1994 entstanden und ein Schlüssel für Goebbels
neuere Entwicklung. Es liegt auch beim CD-Label ECM vor, das sich Goebbels
Oeuvre mit Beharrlichkeit annimmt - in einer schlüssigen Darstellung
der Jungen Deutschen Philharmonie unter Peter Rundel.
"Surrogate Cities", sagt Goebbels, sei "der Versuch, sich
von verschiedenen Seiten der Stadt zu nähern". Es ist kein reales
Abbild, sondern ein imaginiertes, ein erinnertes. Der Klang des reich
bestückten Orchesters verbindet sich mit einem Sampler, der heterogene
Tonquellen bereithält: geräuschhafte, gesungene, verfremdete.
Im Eröffnungsteil, einer Suite mit barocken Titeln, wird ein vertikaler
Schnitt durch (irgend)eine Stadt gegeben, Kanalisation, Ruinen und Historisches
inbegriffen. Der dritte Teil, "D & C", möchte akustische
Bauten "mit Ecken, Pfeilern, Wanden, Fassaden" errichten. Dazwischengeschoben
sind drei Songs, "The Horatian", nach Texten von Heiner Müller,
dem sich Goebbels von jeher eng verbunden fühlt. Es gibt Zitate quer
durch die Musikgeschichte, fragmentarische Fundstücke. Wer hinter
dem fünften Teil, "Surrogate", Wagners Walkurenritt wittert,
ist wohl selber schuld.
Kampferisch und melancholisch
Goebbels' wichtigste Kreation aus letzter Zeit ist "Eislermaterial"
(leider in Luzern nicht angesagt): "Meine Entscheidung, professionell
Musik zu machen, hat wesentlich mit Hanns Eislers Arbeit zu tun."
An ihm bewundert Goebbels die gedankliche Bandbreite, die konsequente
Verschränkung von Künstlerischem und Politischem. Mit Vorliebe
zitiert er dessen Satz, dass jemand, der nur etwas von Musik versteht,
davon auch nichts versteht. Goebbels' Umgang mit vorgefundenen Materialien
- eher ein Weiterdenken als ein Arrangieren - ttitt hier deutlich hervor.
Nicht nur Eislers kämpferische Brecht-Vertonungen werden einbezogen,
sondern auch die melancholischen Hollywood-Songs. In zwei "Hörstücken"
vernehmen wir, raffiniert verschachtelt, Eislers eigene Stimme: ein dialektischer
Schnellredner.
Die Aufnahme wurde von Goebbels' Leibtruppe, dem Ensemble Modern, gemacht.
Verblüffend ist die Wahl des Schauspielers Josef Bierbichler für
die Lieder. Nicht im Stil der Sozialismus-Barden von Ernst Busch bis Gisela
May, sondern mit zarter, ja zittriger Stimme. Als wär's Versunkenes,
das es zu beschwören gilt. Die Entfernung des Heute vom Gestern ist
hier einkomponiert, einmontiert.
(Mario Gerteis)
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (11.08.2003)
Die Suche nach Engeln endet bei der Materialausgabe
Neues aus Frankfurt, Kolossales aus Sankt Petersburg und Zwittriges aus
China beim Lincoln Center Festival
(...) Und Heiner Goebbels gastierte. Er und das Ensemble Modern, das schon
für den Frankfurt "Macbeth" im Orchestergraben saß,
stellte einen Komponisten vor, der zwar an der New Yorker New School for
Social Research hat lehren und in Hollywood Filmmusiken schreiben dürfen,
doch wegen unamerikanischer Umtriebe aus dem Land gejagt worden war und
seitdem als Exot zu gelten hat: Hanns Eisler. Das "Eislermaterial"
von Goebbels, eine Hommage, rief nun, wie die "New York Times"
selbst begeistert berichtete, "ekstatische Reaktionen" hervor.
Zuvor hatte das Blatt für die Titelgeschichte seines "Weekend"-Teils
aus dem Hausarchiv ein Foto hervorgekramt, das einen grimmig blickenden
Eisler zeigt, wie der mit seiner Frau Louise die Maschine nach Wien besteigt,
vom Exil ins Exil. Das Bild nahm mehr als die halbe Zeitungsseite ein.
Es sollte die Leser womöglich nicht nuir an einen vergessenen Komponisten
erinnern.
(Jordan Mejias)
FRANKFURTER RUNDSCHAU (03.03.2001)
Wie aus Material neues Leben entsteht
Endlich auch in Frankfurt: Heiner Goebbels' "Eislermaterial" mit dem
Ensemble Modern im Bockenheimer Depot
Hanns Eisler ist in Frankfurt ein populärer Komponist. Das war im
Bockenheimer Depot nicht zu übersehen und hängt eng mit Heiner
Goebbels, Alfred Harth und dem Sogenannten Linksradikalen Blasorchester
der siebziger Jahre zusammen. Wenn also - neben Fassbinders Der Müll,
die Stadt und der Tod - je ein Stück in Frankfurt aufgeführt
gehörte, dann Goebbels' szenisches Konzert Eislermaterial. Fast drei
Jahre nach der Uraufführung ist es nun endlich hier angekommen.
Für viele Frankfurter sind Eislers Lieder vertraute Stücke,
die sie früher immer schon mal gehört haben und zu denen sie
jetzt endlich, von Sepp Bierbichler gesungen, den Text hören (Vom
Sprengen des Gartens, Über den Selbstmord) oder zu denen sie den
Text von früher her noch kennen, weshalb er jetzt nicht gesungen
werden muss (Einheitsfrontlied).
Heiner Goebbels' Collage ist das Ergebnis einer intensiven und sehr persönlichen
Auseinandersetzung mit Hanns Eisler, will aber keinen bilanzierenden Schlussstrich
ziehen und ist der seltene Fall einer nicht-ironischen Collage. Jede Brechung,
die sie enthält, jede offene Frage, auf die sie weist, jede abrupte
Kehrtwendung bereichert das Gesamtbild, zerstört aber nie einen Zusammenhang.
Wahrscheinlich enthält dieses von ehrlicher Verehrung grundierte
musikalische Denkmal für Eisler das Maximum an positivem Pathos,
zu dem Goebbels mit seinem ästhetisches Handwerkszeug fähig
ist.
Das Geheimnis der Collage ist ihre Nahtlosigkeit, und Goebbels ist ein
Meister der Übergänge und der rhythmisierenden Schnitte. Mit
äußerster Eleganz und Intelligenz hat er aus O-Tönen vielstimmige
Gespräche Eislers mit sich selbst und mit seinen Hörern geformt,
und ohne dass sich ein ästhetisches Programm inhaltlich entfalten
müsste, entsteht der Eindruck von Weisheit und Witz. Er entsteht
wie eine Lebensform aus einer Summe kleiner, sorgfältig geplanter
chemischer Details.
Das Stück ist eine musikalische Fragestunde von Heiner Goebbels und
dem Ensemble Modern an Hanns Eisler und die Geschichte. Es produziert
über die gesamte Dauer eine emotionale Bewegung und eine profane
Ergriffenheit, wie man sie sich als mit allen Wassern gewaschener Konsument
der Moderne sonst kaum je gestatten würde - als hätte jemand
aus Hanns Eislers eigenem Material dessen An die Nachgeborenen postum
geschrieben.
Die bruchlosen Intensität dieser vielfältig gebrochenen Hommage-Komposition
hat ihren wichtigsten Grund in dem Volkston, den Eisler in seinen Liedern
gefunden hat und für die Texte von Brecht ein wesentlicher Beitrag
waren. Eine seltene Konstellation, die in den siebziger Jahren das Sogenannte
Linksradikale Blasorchester und das Goebbels/Harth-Duo aus ihrer Einmaligkeit
erlösen wollten.
Aus dem musikalisch-politischen Ansatz von damals ist Musiktheater geworden
- wahrscheinlich eine unvermeidbare Entwicklung. Das Ensemble Modern trifft
mit größter Hingabe und Präzision sowohl die eingängig
blechernen wie die komplex modernen Anteile der Musik und zeigt dabei
eine authentische Bühnenpräsenz. Die Musik bildet mit der Haltung
der Musiker jene von Eisler postulierte Einheit so organisch, dass man
fast das Kunstvolle der Inszenierung übersehen möchte.
Sepp Bierbichler singt mit klarer, nicht sehr spezifischer süddeutscher
Einfärbung, intonationssicher und ausdrucksvoll, mit ungekünstelter
Schauspieler-Singstimme. Das Markig-Arbeiterbewegte der alten Zeiten ist
bei ihm zu einer warmen menschlichen Geste destilliert, das Anklagende
(Vier Wiegenlieder der Arbeitermütter) gewinnt in der historisierenden
Inszenierung an emotionaler Dichte. Selten war Eisler näher als jetzt
im Bockenheimer Depot.
(Hans-Jürgen Linke)
SALZBURGER NACHRICHTEN (27.07.1998)
"Nicht nur Brecht, auch Hanns Eisler
Das Ensemble Modern und Sepp Bierbichler mit 'Eislermaterial' im Wiener Konzerthaus
In seinem 100. Geburtsjahr widmet das Ensemble Modern Hanns Eisler, dem
Schönberg Schüler, Brecht Gefährten und humanistischen
Kommunisten, gleich zwei Projekte: Mit HK Gruber, in den Fußstapfen
des Sängers Ernst Busch, hat es bereits eine CD mit Orchestersuiten
und Songs aufgenommen. Auch Heiner Goebbels, Hörstück- und
Musiktheaterkomponist, realisierte mit dem Ensemble und dem Schauspieler
Josef Bierbichler ein seinem großen Vorbil gewidmetes Programm.
'Eislermaterial' ist eine durchkomponierte Montage von Musik, Kampfliedern
und Theatersongs, teils in neuen Arrangements, teils im Original belassen.
Goebbels, von Eislers Haltung als Komponist entscheidend beeinflußt,
stellt den agitatorischen Stil der dreißiger Jahre dem zarten,
melodiösen und melancholischen Eisler gegenüber, der fast ein wenig
wie Schubert klingt. Mit dem in der schönsten Hymne, die je für
Deutschland geschrieben wurde, musikalisch ausgedrückten (vergeblichen)
Traum vom 'besseren Deutschland' der DDR-Anfänge setzt die Hommage ein.
Josef Bierbichler, im Rund des Ensembles sitzend und aus diesem nicht weiter
hervortretend, beeindruckt mit seiner hellen Stimme, die an Eislers eigenen
Vortragsstil erinnert, und seinem unprätentiösen Vortrag, einem
'Sprechen in den vorgeschriebenen Tonhöhen'. Er singt ungemein eindrucksvoll
die 'Wiegenlieder einer proletarischen Mutter', 'Vom Sprengen des Gartens',
'Mutter Beinlem', 'Die haltbare Graugans' u.a., zuletzt 'Und endlich stirbt
die Sehnsucht doch' nach einem Peter-Altenberg-Text. Dazwischen heiße
instrumentale Agitpropklänge ('Vorwärts und nicht vergessen' aus
der 'Kuhle Wampe'-Filmmusik und Teile der Bühnenmusik zu 'Die Mutter'),
hinreißend gespielt und ins Improvisatorische verlängert à
la Charlie Hadens 'Liberation Music Orchestra'. Revolutionäre Instinkte
dürfen ausgelebt werden.
Liebevoll, ein wenig ironisch und sehr kenntnisreich zusammengestellt wird
auch Hanns Eislers Sprechen über Musik und Politik zum integralen Teil
dieser musikalischen Séance. Aus den - heute noch lesenswerten -
Gesprächen Eislers mit Hans Bunge ('Fragen Sie mehr über Brecht')
hat Goebbels eine Tonbandcollage montiert, in denen der druckreif formulierende,
eifernde Dialektiker Eisler vor unseren Ohren wiederaufsteht, wie er leibte
und lebte: 'Das sind entzückende Widersprüche! Das muß man
so machen, sonst ist es nicht gut! Traurige Musik muß den Grund der
Traurigkeit nennen. Ich könnte ja auch einen feschen Marsch schreiben.
Wer die Zukunft haben will, muß die Vergangenheit bewältigen!"
(Heinz Rögl)
DER TAGESSPIEGEL (26.05.1998)
"Ein Knarzen im Getriebe
Widerstandsübung: Heiner Goebbels 'Eislermaterial' wurde mit Sepp Bierbichler in der Münchner Muffathalle uraufgeführt
Die Stimme steht leise und fistelnd, aber völlig mühelos im Raum.
Eine Art Sprechgesang im Falsett, der sich nie zu Pathos oder Psychologisieren
hinreißen läßt, sondern ironisch gelassen ewige Wahrheiten
verkündet. 'Hinterfotzig' würde man in Bayern sagen. Ein Wort,
das zu schön und zu schillernd vieldeutig ist, um es ins kalte Hochdeutsch
zu übersetzen. Es trifft aber genau das, was Josef Bierbichler - Bayerns
größter Schauspieler - dort oben auf der Bühne der Münchner
Muffathalle macht.
Den Text und die Musik dazu hat ihm Heiner Goebbels zusammengestellt, indem
er die beiden 100. Geburtstags-Jubilare Hanns Eisler und Bert Brecht zum
Rechenschaftsbericht auf die Szene bittet. 'Eislermaterial' heißt diese
siebzigminütige Übung im Widerstand, deren Uraufführung in
München ausgiebig beklatscht wurde. Nicht nur, weil Bierbichler wie
der gute Geist über den Wassern dem Abend den letzten Schliff der
Vollkommenheit verpaßt. Sondern weil Heiner Goebbels, der immer noch
undogmatische linke Musiktheatermacher jenseits der Opernhäuser,
sorgfältig, liebevoll, humorvoll und ehrlich mit seinem großen
Vorbild Eisler umgeht.
In der Bühnenmitte liegen die roten Leinenbänder der Eisler-Ausgabe,
darauf eine kleine Eislerstatue - beim Dirigieren. Zweimal wird sie angestrahlt
und dann wirft sie einen meterhohen Schatten. Dazu kommt aus den Lautsprechern
ein Verschnitt von Eisler-Interviews: die geknarzte Aufrichtigkeit, die Suche
nach einer neuen Musik fürs heutige Publikum von der Straße, der
heitere, heilig zornige Ernst des Unbeugsam Listigen, die Wut auf die
Verstiegenheit der Konzertsäle. Und das alles ohne eifernden Bierernst.
Durch diesen Eisler wurde Heiner Goebbels schon früh geprägt, in
der Zeit seines mit Vorliebe auf Demonstrationen spielenden Sogenannten
Linksradikalen Blasorchesters.
Auch musikalisch: Die Vorliebe für Song, Bläsersound und das
Einfach-Komplizierte. Denn der Rest des Abends baut sich aus Songs und
Instrumentalmusik Eislers auf. Goebbels hat frech drauflos montiert, bricht
Songs ab, läßt sie übergehen ins Allegro assai der
'Kleinen Symphonie', färbt das Solidaritätslied von 'Die Fabriken'
mit einer unveröffentlichten Streichquartettskizze. Instrumentiert neu,
läßt improvisieren, mischt Sampler-Sphären-Sounds in die
Zwischenräume. Das sind keine Bearbeitungen Eislers im akademischen
Sinn. Vielmehr passiert hier Ausbeutung im guten Sinn: Goebbels zeigt, was
an diesem Eisler für ihn so spannend und immer noch aktuell ist.
Er zeigt aber auch, warum dieser Eisler eine gesamtdeutsche Wunde ist, und
warum er (zumindest im Westen) so gut wie unbekannt ist. Deshalb muß
der Abend mit der Nationalhymne für ein besseres Deutschland beginnen,
mit Brechts 'Anmut sparet nicht noch Mühe. Leidenschaft nicht noch Verstand,
daß ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land...'
Schon beim Lesen wird klar, wo die Probleme liegen. Wörtlich genommen
klingt das recht naiv: brüllen kann man solche Nachdenklichkeiten kaum.
Also sitzt das Frankfurter Ensemble Modern auf Bänken an den
Bühnenrändern und singt gelassen und sotto voce, diesen
an Haydns Kaiserlied und Streichquartettsatz angelehnten, säkularisierten
Choral. Und der Zauber greift, das Wunder wirkt. Das ist die große
Leistung des Abends: daß sie immer die Mitte findet zwischen Ironie
und Ernsthaftigkeit.
Wo aber bleibt Goebbels? Indem er fast gar nichts macht, indem er wie ein
guter Dirigent nur an verschiedenen Stellen eine Richtung vorgibt - dadurch
ist er ständig präsent. Das wird am Ende mehr als klar. Hier setzt
Goebbels die Altenberg-Vertonung 'Und endlich stirbt die Sehnsucht doch'.
Daß die Sehnsucht aber doch nicht so sang- und klanglos stirbt, ist
dank Bierbichlers feiner rhythmischer Verschiebungen sofort klar: es knarzt
vernehmlich im Getriebe. Und dann bricht das Stück auch noch vor dem
letzten Wort abrupt ab. Das heißt 'froh' und kann als Motto gelten,
für diesen spannend leichten, aufrüttelnden Abend.
(Reinhard J. Brembeck)
NEUE ZÜRCHER ZEITUNG (25.05.1998)
"Geburtstagsgruß
'Eislermaterial', ein inszeniertes Konzert von Heiner Goebbels in München
In wenigen Wochen wird der hundertste Geburtstag von Hanns Eisler zu begehen
sein, aber viel Aufhebens wird darob nicht gemacht werden. Der deutsche Komponist
leidet an seinem Ruf. Sein Schaffen für den Konzertsaal gilt als
vernachlässigbar, die politische Musik als veraltet: als klingender
Einsatz für linkes Denken und einen inzwischen untergegangenen deutschen
Staat. Heiner Goebbels allerdings bekennt frei, daß er ohne Eisler
nicht wäre, was er ist. In den frühen siebziger Jahren hat er in
Frankfurt die Lieder Eislers und seine Interviews entdeckt; kein Zweifel,
daß die Arbeit mit dem 'Sogenannten Linksradikalen Blasorchester',
mit der Goebbels seinen Ruf begründet hat, und die vielen zwischen
Hörspiel und Oper angesiedelten Projekte, mit denen er als Komponist
ganz eigener Art bekannt geworden ist, in hohem Maß von der Ästhetik
Eislers geprägt sind.
So liegt es nahe, daß Goebbels für den anstehenden Geburtstag
einen Gruß in seiner Handschrift vorbereitet hat. 'Eislermaterial'
heißt das eine gute Stunde dauernde Stück, das für die 'musica
viva' in München entstanden und in der Muffathalle mit großem
Erfolg aus der Taufe gehoben worden ist. Zu sehen ist ein Podium, an dessen
drei Rändern die Mitglieder des Ensemble Modern aus Frankfurt aufgestellt
sind; in der Mitte mehrere Stapel mit den roten Bänden der Gesamtausgabe
und eine Statuette des Komponisten, die bisweilen angeleuchtet wird und so
seine Figur als übergroßen Schatten an die Wand wirft. Eine Handlung
gibt es nicht, wohl aber einen klaren inneren Verlauf; auch der Dirigent
fehlt (was bei Eisler seine spezielle Richtigkeit hat), dafür wird -
nach einem Konzept von Jean Kalmann - intensiv mit Licht gearbeitet: ein
inszeniertes Konzert und ein klingendes Portrait, das einen durch seine starke
atmosphärische Wirkung völlig in den Bann schlägt.
Ihren Ausgang nimmt diese Wirkung bei dem Schauspieler Josef Bierbichler,
der hier als Sänger eingestetzt ist. Mit schütterer Stimme, aber
blitzsauber intoniert und bis ins letzte Wort verständlich, singt
Bierbichler eine Reihe von Liedern Eislers - womit Goebbels an jene Tonaufnahmen
anschließt, die den Komonisten in seinen späten Lebensjahren als
Interpreten eigener Werke hören lassen. Nichts aggressiv Kämpferisches
teilt sich da mit, vielmehr kommt durch diesen zarten Vortrag die Ehrlichkeit
eines grundmenschlichen Engagements zum Ausdruck. Das Spektrum reicht von
jener Hymne, die Eisler für ein imaginäres wiedervereinigtes
Deutschland geschrieben hat, über seine Brecht-Vertonungen bis hin zu
Liedern, die von einer anrührenden Melancholie zeugen. Dazwischen stehen
Passagen harter, improvisiert wirkender Musik und Collagen aus Gesprächen
mit Eisler, wie sie Goebbels so kunstvoll zu fertigen weiß. Darin ist
'Eislermaterial' auch ein Stück echter Basisarbeit."
(Peter Hagmann)
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