Eislermaterial



NEUES DEUTSCHLAND, 28. August 2004
Melancholische Hommage
Heiner Goebbels' »Eislermaterial« beim Kunstfest in Weimar
Heimweh« ist Nike Wagners Motto für ihr erstes Kunstfestjahr in Weimar. Und wenn das Ensemble Modern, brav aufgestellt in nach vorne offener Appellformation, mit einer bläsersatten, streicherflankierten Einstimmung beginnt, bei der eine Sequenz von »Auferstanden aus Ruinen« erkennbar wird, und dann auf die Melodie von »Anmut sparet nicht noch Mühe« einschwenkt, dann ahnt man, was gemeint sein könnte. Ein ostalgischer Liederabend ist es dennoch nicht. Sondern eine ziemlich vergnügliche Hommage an den DDR-Komponisten – der sich freilich nicht auf den Staat beschränken lässt, dem er die Hymne komponierte.
Nicht nur, weil man ihn dort so nervte, dass er den Plan zu seiner Faust-Oper begraben musste (eine jüngst von Friedrich Schenker in Kassel erledigte Hausaufgabe der deutsch-deutschen Kulturgeschichte). Eisler gehört in die Musik- und die Zeitgeschichte, war immer politisch. Der in Neustadt an der Weinstraße aufgewachsene und seit 1972 in Frankfurt am Main lebende Komponist Heiner Goebbels, Jahrgang 1952, hat über ihn nicht nur seine Soziologie-Diplomarbeit geschrieben, sondern durch die (geistige) Begegnung mit Eisler vor allem seinen Weg zur so genannten Neuen Musik gefunden. Eisler ist eine alte, initialzündende Liebe des mittlerweile hochangesehenen Komponisten.
Der so Verehrte steht sogar als Denkmal auf der Bühne des Nationaltheaters. Vorn in der Mitte, zwischen verstreut herumliegenden, rot eingeschlagenen Partituren. Aber die Bronze ist klein genug für jene liebevolle Respektlosigkeit, mit der sich Goebbels Eisler-Motive anverwandelt, Klassenkämpferisches und melancholisch Witziges kombiniert und mit Gesprächsdokumenten versetzt, die er zu einer freien Toncollage verarbeitet hat. Einmal wird die Plastik so angestrahlt, dass sie einen Riesenschatten wirft. Josef Bierbichlers Wie-nebenbei-Gesinge, das sich nur manchmal in die weiche Härte eines zugespitzten Satzes aufschwingt, der warme Bläserglanz und die Drummer-Eskapaden, Eislers eigene Sprechstimme, die Überraschung des Witzes neben der verbal geballten Faust, das wirkt vor allem anheimelnd, sympathisch. Im melancholischen Leuchten des Saxophon-Sounds scheint so vor allem die Erinnerung an die beflügelnde Kraft einer Utopie auf. Das kann man Heimweh nennen. Heute.
(Roberto Becker)

WELTWOCHE Nr. 32.03
Mittendrin und doch daneben
Mit seinen KIangmontagen setzt sich Heiner Goebbels zwischen alle StühIe. Vielleicht ist er gerade deswegen so erfolgreich.
Das Lucerne Festival holt Heiner Goebbels für diesen Sommer als "Composer in Residence". Um gleich beizufügen, dass es sich um einen "Anti-Komponisten" handle. Was natiirIich Unsinn ist. Denn Heiner Goebbels betreibt Komponieren im wortlichsten Sinn, aIs Zusammenstellen von Klangen. Er ist ein Sammler von tonenden Materialien, die er nach dem Prinzip der Montage verarbeitet. Er ist aber auch ein Wanderer zwischen den sonst hochnotpeinlich geschiedenen Gattungen der Klassik, des Pop, des Jazz. Er lehnt die individuelle Genieasthetik ebenso ab wie den Glauben an "rein musikalischen Fortschritt".
Dass er dabei überall aneckt, kann ihm gleichgültig sein. Für die "reine" Avantgarde ist er zu poppig. Für die Jazzer hat er zu wenig Swing. Den politisch Radikalen gilt sein Anlknüpfen an Eislers "angewandter Musik" als nostalgisch. Obwohl er zwischen fast allen Stühlen sitzt, oder vielleicht gerade deswegen, ist Goebbels erfolgreich. Der ehemalige Soziologiestudent, Schul- und Strassenmusiker, spater Gründer des "Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters" und der Band Cassiber, Verfasser von Schauspielmusiken für die Gurus des Regietheaters, ist Träger des Hessischen Kulturpreises und Mitglied der Deutschen Akademie der darstellenden Künste.
Goebbels ist dort angelangt, wo er nie hinwollte. Dass belegt nurs chondieTatsache, dass ihm das Lucerne Festival sein Schlusskonzert am 20. September widmet. Und zwar mit den prominentesten Interpreten, die im KKL aufkreuzen: Simon Rattle fuhrt die Berliner Philharmoniker durch das 70-Minuten-Stiick "Surrogate Cities". Es ist 1994 entstanden und ein Schlüssel für Goebbels neuere Entwicklung. Es liegt auch beim CD-Label ECM vor, das sich Goebbels Oeuvre mit Beharrlichkeit annimmt - in einer schlüssigen Darstellung der Jungen Deutschen Philharmonie unter Peter Rundel.
"Surrogate Cities", sagt Goebbels, sei "der Versuch, sich von verschiedenen Seiten der Stadt zu nähern". Es ist kein reales Abbild, sondern ein imaginiertes, ein erinnertes. Der Klang des reich bestückten Orchesters verbindet sich mit einem Sampler, der heterogene Tonquellen bereithält: geräuschhafte, gesungene, verfremdete. Im Eröffnungsteil, einer Suite mit barocken Titeln, wird ein vertikaler Schnitt durch (irgend)eine Stadt gegeben, Kanalisation, Ruinen und Historisches inbegriffen. Der dritte Teil, "D & C", möchte akustische Bauten "mit Ecken, Pfeilern, Wanden, Fassaden" errichten. Dazwischengeschoben sind drei Songs, "The Horatian", nach Texten von Heiner Müller, dem sich Goebbels von jeher eng verbunden fühlt. Es gibt Zitate quer durch die Musikgeschichte, fragmentarische Fundstücke. Wer hinter dem fünften Teil, "Surrogate", Wagners Walkurenritt wittert, ist wohl selber schuld.
Kampferisch und melancholisch
Goebbels' wichtigste Kreation aus letzter Zeit ist "Eislermaterial" (leider in Luzern nicht angesagt): "Meine Entscheidung, professionell Musik zu machen, hat wesentlich mit Hanns Eislers Arbeit zu tun." An ihm bewundert Goebbels die gedankliche Bandbreite, die konsequente Verschränkung von Künstlerischem und Politischem. Mit Vorliebe zitiert er dessen Satz, dass jemand, der nur etwas von Musik versteht, davon auch nichts versteht. Goebbels' Umgang mit vorgefundenen Materialien - eher ein Weiterdenken als ein Arrangieren - ttitt hier deutlich hervor. Nicht nur Eislers kämpferische Brecht-Vertonungen werden einbezogen, sondern auch die melancholischen Hollywood-Songs. In zwei "Hörstücken" vernehmen wir, raffiniert verschachtelt, Eislers eigene Stimme: ein dialektischer Schnellredner.
Die Aufnahme wurde von Goebbels' Leibtruppe, dem Ensemble Modern, gemacht. Verblüffend ist die Wahl des Schauspielers Josef Bierbichler für die Lieder. Nicht im Stil der Sozialismus-Barden von Ernst Busch bis Gisela May, sondern mit zarter, ja zittriger Stimme. Als wär's Versunkenes, das es zu beschwören gilt. Die Entfernung des Heute vom Gestern ist hier einkomponiert, einmontiert.
(Mario Gerteis)


FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (11.08.2003)
Die Suche nach Engeln endet bei der Materialausgabe
Neues aus Frankfurt, Kolossales aus Sankt Petersburg und Zwittriges aus China beim Lincoln Center Festival
(...) Und Heiner Goebbels gastierte. Er und das Ensemble Modern, das schon für den Frankfurt "Macbeth" im Orchestergraben saß, stellte einen Komponisten vor, der zwar an der New Yorker New School for Social Research hat lehren und in Hollywood Filmmusiken schreiben dürfen, doch wegen unamerikanischer Umtriebe aus dem Land gejagt worden war und seitdem als Exot zu gelten hat: Hanns Eisler. Das "Eislermaterial" von Goebbels, eine Hommage, rief nun, wie die "New York Times" selbst begeistert berichtete, "ekstatische Reaktionen" hervor. Zuvor hatte das Blatt für die Titelgeschichte seines "Weekend"-Teils aus dem Hausarchiv ein Foto hervorgekramt, das einen grimmig blickenden Eisler zeigt, wie der mit seiner Frau Louise die Maschine nach Wien besteigt, vom Exil ins Exil. Das Bild nahm mehr als die halbe Zeitungsseite ein. Es sollte die Leser womöglich nicht nuir an einen vergessenen Komponisten erinnern.
(Jordan Mejias)

FRANKFURTER RUNDSCHAU (03.03.2001)
Wie aus Material neues Leben entsteht
Endlich auch in Frankfurt: Heiner Goebbels' "Eislermaterial" mit dem Ensemble Modern im Bockenheimer Depot
Hanns Eisler ist in Frankfurt ein populärer Komponist. Das war im Bockenheimer Depot nicht zu übersehen und hängt eng mit Heiner Goebbels, Alfred Harth und dem Sogenannten Linksradikalen Blasorchester der siebziger Jahre zusammen. Wenn also - neben Fassbinders Der Müll, die Stadt und der Tod - je ein Stück in Frankfurt aufgeführt gehörte, dann Goebbels' szenisches Konzert Eislermaterial. Fast drei Jahre nach der Uraufführung ist es nun endlich hier angekommen.
Für viele Frankfurter sind Eislers Lieder vertraute Stücke, die sie früher immer schon mal gehört haben und zu denen sie jetzt endlich, von Sepp Bierbichler gesungen, den Text hören (Vom Sprengen des Gartens, Über den Selbstmord) oder zu denen sie den Text von früher her noch kennen, weshalb er jetzt nicht gesungen werden muss (Einheitsfrontlied).
Heiner Goebbels' Collage ist das Ergebnis einer intensiven und sehr persönlichen Auseinandersetzung mit Hanns Eisler, will aber keinen bilanzierenden Schlussstrich ziehen und ist der seltene Fall einer nicht-ironischen Collage. Jede Brechung, die sie enthält, jede offene Frage, auf die sie weist, jede abrupte Kehrtwendung bereichert das Gesamtbild, zerstört aber nie einen Zusammenhang. Wahrscheinlich enthält dieses von ehrlicher Verehrung grundierte musikalische Denkmal für Eisler das Maximum an positivem Pathos, zu dem Goebbels mit seinem ästhetisches Handwerkszeug fähig ist.
Das Geheimnis der Collage ist ihre Nahtlosigkeit, und Goebbels ist ein Meister der Übergänge und der rhythmisierenden Schnitte. Mit äußerster Eleganz und Intelligenz hat er aus O-Tönen vielstimmige Gespräche Eislers mit sich selbst und mit seinen Hörern geformt, und ohne dass sich ein ästhetisches Programm inhaltlich entfalten müsste, entsteht der Eindruck von Weisheit und Witz. Er entsteht wie eine Lebensform aus einer Summe kleiner, sorgfältig geplanter chemischer Details.
Das Stück ist eine musikalische Fragestunde von Heiner Goebbels und dem Ensemble Modern an Hanns Eisler und die Geschichte. Es produziert über die gesamte Dauer eine emotionale Bewegung und eine profane Ergriffenheit, wie man sie sich als mit allen Wassern gewaschener Konsument der Moderne sonst kaum je gestatten würde - als hätte jemand aus Hanns Eislers eigenem Material dessen An die Nachgeborenen postum geschrieben.
Die bruchlosen Intensität dieser vielfältig gebrochenen Hommage-Komposition hat ihren wichtigsten Grund in dem Volkston, den Eisler in seinen Liedern gefunden hat und für die Texte von Brecht ein wesentlicher Beitrag waren. Eine seltene Konstellation, die in den siebziger Jahren das Sogenannte Linksradikale Blasorchester und das Goebbels/Harth-Duo aus ihrer Einmaligkeit erlösen wollten.
Aus dem musikalisch-politischen Ansatz von damals ist Musiktheater geworden - wahrscheinlich eine unvermeidbare Entwicklung. Das Ensemble Modern trifft mit größter Hingabe und Präzision sowohl die eingängig blechernen wie die komplex modernen Anteile der Musik und zeigt dabei eine authentische Bühnenpräsenz. Die Musik bildet mit der Haltung der Musiker jene von Eisler postulierte Einheit so organisch, dass man fast das Kunstvolle der Inszenierung übersehen möchte.
Sepp Bierbichler singt mit klarer, nicht sehr spezifischer süddeutscher Einfärbung, intonationssicher und ausdrucksvoll, mit ungekünstelter Schauspieler-Singstimme. Das Markig-Arbeiterbewegte der alten Zeiten ist bei ihm zu einer warmen menschlichen Geste destilliert, das Anklagende (Vier Wiegenlieder der Arbeitermütter) gewinnt in der historisierenden Inszenierung an emotionaler Dichte. Selten war Eisler näher als jetzt im Bockenheimer Depot.
(Hans-Jürgen Linke)

SALZBURGER NACHRICHTEN (27.07.1998)
"Nicht nur Brecht, auch Hanns Eisler
Das Ensemble Modern und Sepp Bierbichler mit 'Eislermaterial' im Wiener Konzerthaus
In seinem 100. Geburtsjahr widmet das Ensemble Modern Hanns Eisler, dem Schönberg Schüler, Brecht Gefährten und humanistischen Kommunisten, gleich zwei Projekte: Mit HK Gruber, in den Fußstapfen des Sängers Ernst Busch, hat es bereits eine CD mit Orchestersuiten und Songs aufgenommen. Auch Heiner Goebbels, Hörstück- und Musiktheaterkomponist, realisierte mit dem Ensemble und dem Schauspieler Josef Bierbichler ein seinem großen Vorbil gewidmetes Programm.
'Eislermaterial' ist eine durchkomponierte Montage von Musik, Kampfliedern und Theatersongs, teils in neuen Arrangements, teils im Original belassen.
Goebbels, von Eislers Haltung als Komponist entscheidend beeinflußt, stellt den agitatorischen Stil der dreißiger Jahre dem zarten, melodiösen und melancholischen Eisler gegenüber, der fast ein wenig wie Schubert klingt. Mit dem in der schönsten Hymne, die je für Deutschland geschrieben wurde, musikalisch ausgedrückten (vergeblichen) Traum vom 'besseren Deutschland' der DDR-Anfänge setzt die Hommage ein. Josef Bierbichler, im Rund des Ensembles sitzend und aus diesem nicht weiter hervortretend, beeindruckt mit seiner hellen Stimme, die an Eislers eigenen Vortragsstil erinnert, und seinem unprätentiösen Vortrag, einem 'Sprechen in den vorgeschriebenen Tonhöhen'. Er singt ungemein eindrucksvoll die 'Wiegenlieder einer proletarischen Mutter', 'Vom Sprengen des Gartens', 'Mutter Beinlem', 'Die haltbare Graugans' u.a., zuletzt 'Und endlich stirbt die Sehnsucht doch' nach einem Peter-Altenberg-Text. Dazwischen heiße instrumentale Agitpropklänge ('Vorwärts und nicht vergessen' aus der 'Kuhle Wampe'-Filmmusik und Teile der Bühnenmusik zu 'Die Mutter'), hinreißend gespielt und ins Improvisatorische verlängert à la Charlie Hadens 'Liberation Music Orchestra'. Revolutionäre Instinkte dürfen ausgelebt werden.
Liebevoll, ein wenig ironisch und sehr kenntnisreich zusammengestellt wird auch Hanns Eislers Sprechen über Musik und Politik zum integralen Teil dieser musikalischen Séance. Aus den - heute noch lesenswerten - Gesprächen Eislers mit Hans Bunge ('Fragen Sie mehr über Brecht') hat Goebbels eine Tonbandcollage montiert, in denen der druckreif formulierende, eifernde Dialektiker Eisler vor unseren Ohren wiederaufsteht, wie er leibte und lebte: 'Das sind entzückende Widersprüche! Das muß man so machen, sonst ist es nicht gut! Traurige Musik muß den Grund der Traurigkeit nennen. Ich könnte ja auch einen feschen Marsch schreiben. Wer die Zukunft haben will, muß die Vergangenheit bewältigen!"
(Heinz Rögl)

DER TAGESSPIEGEL (26.05.1998)
"Ein Knarzen im Getriebe
Widerstandsübung: Heiner Goebbels 'Eislermaterial' wurde mit Sepp Bierbichler in der Münchner Muffathalle uraufgeführt
Die Stimme steht leise und fistelnd, aber völlig mühelos im Raum. Eine Art Sprechgesang im Falsett, der sich nie zu Pathos oder Psychologisieren hinreißen läßt, sondern ironisch gelassen ewige Wahrheiten verkündet. 'Hinterfotzig' würde man in Bayern sagen. Ein Wort, das zu schön und zu schillernd vieldeutig ist, um es ins kalte Hochdeutsch zu übersetzen. Es trifft aber genau das, was Josef Bierbichler - Bayerns größter Schauspieler - dort oben auf der Bühne der Münchner Muffathalle macht.
Den Text und die Musik dazu hat ihm Heiner Goebbels zusammengestellt, indem er die beiden 100. Geburtstags-Jubilare Hanns Eisler und Bert Brecht zum Rechenschaftsbericht auf die Szene bittet. 'Eislermaterial' heißt diese siebzigminütige Übung im Widerstand, deren Uraufführung in München ausgiebig beklatscht wurde. Nicht nur, weil Bierbichler wie der gute Geist über den Wassern dem Abend den letzten Schliff der Vollkommenheit verpaßt. Sondern weil Heiner Goebbels, der immer noch undogmatische linke Musiktheatermacher jenseits der Opernhäuser, sorgfältig, liebevoll, humorvoll und ehrlich mit seinem großen Vorbild Eisler umgeht.
In der Bühnenmitte liegen die roten Leinenbänder der Eisler-Ausgabe, darauf eine kleine Eislerstatue - beim Dirigieren. Zweimal wird sie angestrahlt und dann wirft sie einen meterhohen Schatten. Dazu kommt aus den Lautsprechern ein Verschnitt von Eisler-Interviews: die geknarzte Aufrichtigkeit, die Suche nach einer neuen Musik fürs heutige Publikum von der Straße, der heitere, heilig zornige Ernst des Unbeugsam Listigen, die Wut auf die Verstiegenheit der Konzertsäle. Und das alles ohne eifernden Bierernst. Durch diesen Eisler wurde Heiner Goebbels schon früh geprägt, in der Zeit seines mit Vorliebe auf Demonstrationen spielenden Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters.
Auch musikalisch: Die Vorliebe für Song, Bläsersound und das Einfach-Komplizierte. Denn der Rest des Abends baut sich aus Songs und Instrumentalmusik Eislers auf. Goebbels hat frech drauflos montiert, bricht Songs ab, läßt sie übergehen ins Allegro assai der 'Kleinen Symphonie', färbt das Solidaritätslied von 'Die Fabriken' mit einer unveröffentlichten Streichquartettskizze. Instrumentiert neu, läßt improvisieren, mischt Sampler-Sphären-Sounds in die Zwischenräume. Das sind keine Bearbeitungen Eislers im akademischen Sinn. Vielmehr passiert hier Ausbeutung im guten Sinn: Goebbels zeigt, was an diesem Eisler für ihn so spannend und immer noch aktuell ist.
Er zeigt aber auch, warum dieser Eisler eine gesamtdeutsche Wunde ist, und warum er (zumindest im Westen) so gut wie unbekannt ist. Deshalb muß der Abend mit der Nationalhymne für ein besseres Deutschland beginnen, mit Brechts 'Anmut sparet nicht noch Mühe. Leidenschaft nicht noch Verstand, daß ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land...' Schon beim Lesen wird klar, wo die Probleme liegen. Wörtlich genommen klingt das recht naiv: brüllen kann man solche Nachdenklichkeiten kaum. Also sitzt das Frankfurter Ensemble Modern auf Bänken an den Bühnenrändern und singt gelassen und sotto voce, diesen an Haydns Kaiserlied und Streichquartettsatz angelehnten, säkularisierten Choral. Und der Zauber greift, das Wunder wirkt. Das ist die große Leistung des Abends: daß sie immer die Mitte findet zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit.
Wo aber bleibt Goebbels? Indem er fast gar nichts macht, indem er wie ein guter Dirigent nur an verschiedenen Stellen eine Richtung vorgibt - dadurch ist er ständig präsent. Das wird am Ende mehr als klar. Hier setzt Goebbels die Altenberg-Vertonung 'Und endlich stirbt die Sehnsucht doch'. Daß die Sehnsucht aber doch nicht so sang- und klanglos stirbt, ist dank Bierbichlers feiner rhythmischer Verschiebungen sofort klar: es knarzt vernehmlich im Getriebe. Und dann bricht das Stück auch noch vor dem letzten Wort abrupt ab. Das heißt 'froh' und kann als Motto gelten, für diesen spannend leichten, aufrüttelnden Abend.
(Reinhard J. Brembeck)

NEUE ZÜRCHER ZEITUNG (25.05.1998)
"Geburtstagsgruß
'Eislermaterial', ein inszeniertes Konzert von Heiner Goebbels in München
In wenigen Wochen wird der hundertste Geburtstag von Hanns Eisler zu begehen sein, aber viel Aufhebens wird darob nicht gemacht werden. Der deutsche Komponist leidet an seinem Ruf. Sein Schaffen für den Konzertsaal gilt als vernachlässigbar, die politische Musik als veraltet: als klingender Einsatz für linkes Denken und einen inzwischen untergegangenen deutschen Staat. Heiner Goebbels allerdings bekennt frei, daß er ohne Eisler nicht wäre, was er ist. In den frühen siebziger Jahren hat er in Frankfurt die Lieder Eislers und seine Interviews entdeckt; kein Zweifel, daß die Arbeit mit dem 'Sogenannten Linksradikalen Blasorchester', mit der Goebbels seinen Ruf begründet hat, und die vielen zwischen Hörspiel und Oper angesiedelten Projekte, mit denen er als Komponist ganz eigener Art bekannt geworden ist, in hohem Maß von der Ästhetik Eislers geprägt sind.
So liegt es nahe, daß Goebbels für den anstehenden Geburtstag einen Gruß in seiner Handschrift vorbereitet hat. 'Eislermaterial' heißt das eine gute Stunde dauernde Stück, das für die 'musica viva' in München entstanden und in der Muffathalle mit großem Erfolg aus der Taufe gehoben worden ist. Zu sehen ist ein Podium, an dessen drei Rändern die Mitglieder des Ensemble Modern aus Frankfurt aufgestellt sind; in der Mitte mehrere Stapel mit den roten Bänden der Gesamtausgabe und eine Statuette des Komponisten, die bisweilen angeleuchtet wird und so seine Figur als übergroßen Schatten an die Wand wirft. Eine Handlung gibt es nicht, wohl aber einen klaren inneren Verlauf; auch der Dirigent fehlt (was bei Eisler seine spezielle Richtigkeit hat), dafür wird - nach einem Konzept von Jean Kalmann - intensiv mit Licht gearbeitet: ein inszeniertes Konzert und ein klingendes Portrait, das einen durch seine starke atmosphärische Wirkung völlig in den Bann schlägt.
Ihren Ausgang nimmt diese Wirkung bei dem Schauspieler Josef Bierbichler, der hier als Sänger eingestetzt ist. Mit schütterer Stimme, aber blitzsauber intoniert und bis ins letzte Wort verständlich, singt Bierbichler eine Reihe von Liedern Eislers - womit Goebbels an jene Tonaufnahmen anschließt, die den Komonisten in seinen späten Lebensjahren als Interpreten eigener Werke hören lassen. Nichts aggressiv Kämpferisches teilt sich da mit, vielmehr kommt durch diesen zarten Vortrag die Ehrlichkeit eines grundmenschlichen Engagements zum Ausdruck. Das Spektrum reicht von jener Hymne, die Eisler für ein imaginäres wiedervereinigtes Deutschland geschrieben hat, über seine Brecht-Vertonungen bis hin zu Liedern, die von einer anrührenden Melancholie zeugen. Dazwischen stehen Passagen harter, improvisiert wirkender Musik und Collagen aus Gesprächen mit Eisler, wie sie Goebbels so kunstvoll zu fertigen weiß. Darin ist 'Eislermaterial' auch ein Stück echter Basisarbeit."
(Peter Hagmann)