Eraritjaritjaka


Neue Zürcher Zeitung 23. April 2004,
Schachtelsystem
Ein Canetti-Stück von Heiner Goebbels in Lausanne

Rätsel können aufklären, auch wenn sie ungelöst bleiben. Denn es ist die Arbeit am Geheimnis, das Setzen, Ent- und Versetzen von Sprach- und Tonzeichen, wodurch Dynamik entsteht. Erkenntnisse erwachsen aus dem Zusammenspiel von Momenten, nicht aus einer wie auch immer gearteten Gesamtbedeutung. Das neue, im Lausanner Théâtre de Vidy uraufgeführte Musik- Theaterstück von Heiner Goebbels signalisiert diese Einsicht schon in seinem unaussprechlichen Titel: «Eraritjaritjaka». Kein Zauberwort, sondern eine Redewendung südaustralischer Aborigines, die - so Elias Canettis eigene, aus seinen Aufzeichnungen «Die Fliegenpein» (1992) stammende Definition - eine obsessive Sehnsucht nach dem Verlorenen bezeichnet. Es geht um Trauer, um Melancholie, in deren Sog man augenblicklich durch ein vom Amsterdamer Mondrian Quartet mit äusserster Konzentration vorgetragenes Streichquartett von Schostakowitsch gerät. Eine schwarz gekleidete Figur betritt den Rand eines aus Licht geformten weissen Blattes - oder ist es die Oberfläche eines Spiegels, auf dem sich bald Schritte, Wörter und Töne abzeichnen? Wie ein Pendel wirft sie ihren Schatten in die Runde, schwingt im und gegen den Rhythmus der Musik. Licht, Körper und Stimme pendeln sich ein in den Klang der Streicher. Frappierend an dieser Szenerie (Bühnenbild: Klaus Grünberg) sind zunächst die streng geometrischen Linien, eine Topographie, in der Bewegung allein durch die Choreografie von Kontrasten entsteht; schwarz und weiss, positiv und negativ, oben und unten: Polaritäten, gehalten vom langen Atem der Töne.
Auch diese jüngste Zusammenarbeit mit dem elsässischen Schauspieler André Wilms ist einem Verhängnis der Moderne auf der Spur: der alles bestimmenden, alles durchdringenden Ordnung. Während Wilms sich als Dirigent, Demagoge und Tierbändiger ins Spiel bringt, kommentieren Passagen aus Canettis «Masse und Macht» deren tyrannische, einem «Schachtelsystem der Geheimnisse» verpflichtete Gesetze und Partituren. Die Musiker und das Tier - eine roboterhafte Mutation aus Kanone und Pavian - gehorchen, doch nur für kurze Zeit. Dann ist der Wort-Dirigent wieder allein vor leeren Stühlen und imaginären Klängen. Ihm bleiben «nur diese Striche auf dem gelblichen Papier».
Und nun beginnt der erstaunlichste Teil der gesamten Dramaturgie: Goebbels reisst die Wände ein, zieht seinen Darsteller weg von der Bühne, hinein in einen Strudel sich gegenseitig kommentierender Ebenen. Wilms nimmt Hut und Mantel und verlässt das Theater. Medienwechsel: Ein Vorhang öffnet sich, und das zuvor im Miniaturformat auf die Bühne gestellte Haus erscheint in voller Grösse. Zunächst als zweidimensionale Leinwand mit aufgemalten Fenstern, auf die das weitere Geschehen projiziert wird, später als riesenhafter Adventskalender, dessen Türchen sich allmählich öffnen und dabei den Blick in die Zimmer und auf den im Haus umherstreifenden Kameramann (Live-Video: Bruno Deville) freigeben. Dessen Beobachtungen führen uns hinter die Fassade.
Wir betreten ein Geisterhaus, eine spleenige Parallelwelt, konkret: die Wohnung einer dem Sinologen Kien, jenem pedantischen Büchernarr aus Canettis Roman «Die Blendung», nachempfundenen Figur. Deren Alltag, in all seiner akkurat orchestrierten Kleinlichkeit, mit all seinen intimen Verrichtungen und Bewegungen, verrückt und verzerrt die Kamera nun zu monströser Überdeutlichkeit. Am Schreibtisch durchmessen die Bleistifte ihren abgezirkelten Spielraum, eine Schreibmaschine klimpert ein paar Takte, und in der Küche steigern sich Schneebesen und Pfeffermühle zum Crescendo. Der einsame Esser verschlingt seine eigenen Spuren, sauber, appetit- und rückstandslos. Fenster öffnen sich und verdoppeln das Bild, Frauen- und Kinderstimmen aus dem Off geistern durchs Haus: Wir sind mitten im Film, umgeben von Bild- und Wortassoziationen, geblendet von kontrapunktisch angeordneten Text- und Musikcollagen. Doch wo genau sind wir? Befinden wir uns in einer von Jean Cocteau halluzinierten Unterwelt, oder ist es die groteske Pedanterie eines Jacques Tati, die jede Bewegung in unheimliche Ferne rückt?
Von der Bühne in den Film, vom Film zurück auf die Bühne: Figuren, Stimmen und Töne wechseln den Ort und das Medium, als sei die Grenzüberschreitung ihr eigentliches Ziel. Und alles geschieht mit wahrhaft somnambuler Leichtigkeit und Virtuosität, nichts ist vorhersehbar, doch alles völlig einleuchtend. Hätte das Wort «Genie» nicht einen so pompösen Unterton, hier wäre es durchaus mal am Platz.
SABINE HAUPT

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.04.04
Unaufgeräumte Memoiren eines Dachbodens-Klangmuseum der Sätze
"Eraritjaritjaka" von Heiner Goebbels nach Elias Canettis Aufzeichnungen am Théâtre Vidy in Lausanne uraufgeführt

Was ist ein Komponist? Wer der Etymologie vertraut, wird ihn als Zusammenfüger charakterisieren. Fragt sich nur, was er zusammenfügt. Für Thomas Manns Adrian Leverkühn war - auch wenn das die konservativen Musikfreunde ganz anders sehen - die Welt noch in Ordnung. Ein Komponist setzt eigene Werke aus den zwölf Tönen des temperierten Systems zusammen. John Cage war das zuwenig. Für ihn machte der Komponist das ganze klingende Universum hörbar. Aber seitdem La Monte Young einen Holzsplitter aus einem Bösendorfer-Flügel als "Klavierstück" ausgab, ist kompositorisch nichts mehr, wie es einmal war. Jetzt können Richard Wagner und Herr Bösendorfer zu Komponisten, der "Ring" und ein Konzertflügel gleichermaßen zu Gesamtkunstwerken erklärt werden. Aber vielleicht ist das ja gut so.
Was ist ein Musiktheaterstück? Wenn man es historisch betrachtet, ist es ein Werk für die Bühne, in dem gesungen, gesprochen, gespielt und vielleicht auch getanzt wird. Für den Erfinder des musikalischen Dramas war das zuviel. Gesprochene Dialoge? Das gab es im vorrevolutionären Singspiel. Tanz? Das war nur welscher Tand. Die totale musikalische Dramatisierung mußte her. Aber da war noch zuviel überkommene Hierarchie vorhanden: Die Musiker unten im Orchestergraben spielten Instrumente, die Sänger oben sangen, der Dirigent auf erhöhtem Podest achtete darauf, daß nur das erklang, was der Komponist zuvor zusammengefügt hatte. Seit es das Instrumentale Theater und die antiautoritäre Bewegung auch in der Musik gibt, hat das ein Ende. Jetzt spielen die Sänger Instrumente, das Orchester sitzt auf der Bühne, der Dirigent greift trällernd ins Geschehen ein, und alle können nicht nur, sie müssen ihren kompositorischen Beitrag leisten.
Was ist ein Künstler? Machen wir's kurz: nicht mehr nur der Erfinder schöner Dinge. Eklektizismus und Objet trouvé, Siebdruck und Playback, Zitat und die Theorie der offenen Form haben den Wert des Originals in Frage gestellt. Der Künstler unter der Kuppel des einundzwanzigsten Jahrhunderts ratlos? Durchaus nicht, sondern findig.
Man kann Heiner Goebbels als einen Komponisten von Musiktheaterstücken bezeichnen. Auch als Künstler im Sinne des erweiterten Komponisten-Musiktheater-Künstler-Begriffs: Er setzt Töne und Wörter, Bilder, Bewegung und Licht zusammen, die nicht unbedingt von ihm stammen müssen. Er verbindet alles in einer von ihm ausgehenden, aber nicht auf ihn beschränkten Inszenierung. Er ist der moderne Zusammenfüger schlechthin. Und einer der anregendsten obendrein. Jetzt hat er für das Théâtre Vidy- Lausanne, an dem zuvor schon zwei andere Musiktheaterstücke von ihm - "Max Black" und "Hashirigaki" - herausgekommen waren, ein neues Werk geschrieben: "Eraritjaritjaka", ein "Museum für Sätze".
Wer Werke von Heiner Goebbels kennt, wird auch dieses unschwer als von ihm stammend identifizieren können, auch wenn die Töne vorwiegend von Schostakowitsch und Ravel, von Gavin Bryars und George Crumb, von Johann Sebastian Bach, Giacinto Scelsi und Alexeij Mossolov stammen und die Texte bis hin zum kryptischen Titel aus der Sprache der Aborigines ausschließlich den Schriften von Elias Canetti entnommen wurden. Aber wie er das alles mit Hilfe seines Lieblingsschauspielers, des sprachvirtuosen Elsässers André Wilms, in Gesten umsetzt, wie er zwischen umfassender Optik und akustischen Zeichen sinnfällige Verbindungen schafft, das kennt man eigentlich nur von ihm, und es weist ihn eben wirklich als originellen Komponisten mit dem Material anderer aus.
Und das geht so: Die vier Mitglieder des holländischen "Mondriaan Quartet" betreten in dunkler Kleidung die leere Bühne des Theaters und beginnen zu spielen, als sei man in einem Kammermusikabend. Nichts deutet auf ein kommendes Musiktheaterstück hin, alles auf ein ausgedehntes Streichquartettprogramm. Aber weil man auf Theater konditioniert ist, beginnt man die Bewegungen der vier Musiker auf ihre Dramaturgie hin zu beobachten. Man spürt, wie die musikalischen Phrasen sich in Armbewegungen fortsetzen, man sieht, wie die Kopfbewegung des ersten Geigers das melodische Thema an den zweiten Geiger weitergibt. Und plötzlich, im gleichschwingenden Rhythmus aller vier Instrumentalisten erkennt man auch den musikalischen Höhepunkt des Stückes. Wie Goebbels hier die Erwartungshaltung des Publikums nutzt, um etwas von der Struktur der Musik zu vermitteln, das erinnert an die unorthodoxen Ausstellungskonzepte von John Cage: Wenn eine griechische Vase mit Krieger- Darstellungen in eine Vitrine mit polynesischen Schrumpfköpfen gestellt wird, beginnt das Objekt ganz andere Geschichten zu erzählen als in einer Sammlung ausschließlich antiker Kunstgegenstände.
Unvermittelt erheben sich die Musiker, nehmen ihre Stühle und treten in den Bühnenhintergrund. Aber die Musik, die sie gespielt haben, setzt sich als Tonbandzuspielung fort, wird geräuschhafter, immer heftiger, als würde Papier oder Stoff zerrissen. Mit dem Geräusch taucht eine erleuchtete Linie wie jene zur Markierung von Notausgängen in Flugzeugen auf, wird mit zunehmendem Geräusch allmählich breiter, als würde jemand gewaltsam die Dunkelheit auf dem Bühnenboden zerreißen, um sie in eine quadratische Lichtfläche zu verwandeln. Solche Wechselspiele zwischen optischen und akustischen Zeichen charakterisieren das ganze Stück.
André Wilms beginnt französische Texte von Canetti zu sprechen und mit Bewegungen zu dramatisieren: Texte aus seinen umfangreichen Aufzeichnungen, aus dem Roman "Die Blendung" und aus dem Essay-Band "Masse und Macht"; Beobachtungen menschlichen Verhaltens, Canettis "minima corporalia", die auf groteske und zugleich unmittelbar einleuchtende Weise in Bilder verwandelt werden. Wenn etwa aus Canettis "Provinz des Menschen" jener eindrucksvolle Passus über das Verhältnis zu Tieren rezitiert wird, fährt ein kleiner, ferngesteuerter Roboter auf die Bühne, ein "elektrisches Insekt", wie es geradewegs aus George Crumbs Komposition "Black Angels" stammen könnte: "Immer wenn man ein Tier genau betrachtet, hat man das Gefühl, ein Mensch, der drin sitzt, macht sich über einen lustig."
Heiner Goebbels, sein Lichtdesigner Klaus Grünberg, die für Kostüme verantwortliche Florence von Gerkan und Bruno Deville, für das Live-Video verantwortlich, gehen sparsam mit Requisiten und Zeichen um. Aber jede Aktion ist mit anderen Momenten der Darstellung so verknüpft, daß das Geschehen einen sogähnlichen Komplexitätsgrad bis zum Schwindel annimmt. André Wilms zieht etwa in der Mitte des eineinhalbstündigen, pausenlosen Stückes (nur mit Streichquartettbegleitung) seinen Mantel an und verläßt das Theater, gefolgt von der Video-Kamera, die seinen Gang durch den Vorraum des Theaters, die Fahrt mit dem Taxi durch Lausanne, schließlich seine Wohnung bis zum unaufgeräumten Dachboden filmt und auf ein auf der Bühne als Kulisse dienendes Haus projiziert. Das Theaterstück ist unvermutet zum Film geworden. Aber die Handlung scheint in "real time" abzulaufen, das Fernsehen in der Wohnung bringt die Nachrichten vom Dutroux-Prozeß, die Uhr zeigt dieselbe Stunde wie jene im Theater, Wilms reißt das Kalenderblatt des Tages ab. Da öffnet sich das Fenster des Hauses auf der Bühne, man sieht den leibhaftigen André Wilms, wie er Schreibmaschine schreibt, während das Video dieselbe Szene projiziert. Wo sind wir? Im Theater? Im Film? Was ist Wirklichkeit, was Fiktion? Bachs "Kunst der Fuge" als Begleitmusik zur Lichtspielszene macht das Verwirrspiel komplett. Goebbels versucht, das Geheimnis unserer Realität zu enziffern, ohne es zu lüften. Es ist ihm gelungen.
WOLFGANG SANDNER

 

DER FREITAG Nr. 48, 19.11.2004,
Blendend - GRENZüBERGLEITUNG
Heiner Goebbels vollkommenes Sprechmusiktheater "Eraritjaritjaka" in Berlin

Auf der Bühne unterscheiden wir in zwei Sparten, und die Wörter, die uns dafür zur Verfügung stehen, erwecken den Eindruck, als sei deren einzige Funktion die Unterscheidung. Als hießen sie nichts für sich genommen und bedeuteten alles in der Abgrenzung zum anderen. Wir reden von Sprech- und Musiktheater, weil bei dem einen das einzige, was ertönt, die Sprache ist. Oder weil bei dem anderen die Bühnenhandlung sich im Gesang und begleitet von einem Orchester vollzieht. Wovon aber würden wir reden, wenn wir das Sprechen als musikalisch empfänden und die Musik als handelnd?
Heiner Goebbels macht Musiktheater. In seinem jüngsten Werk Eraritjaritjaka, das in Berlin im Rahmen der Spielzeit Europa aufgeführt wurde, betritt ein Streichquartett das Dunkel der Bühne. Das Mondriaan Quartet aus Amsterdam spielt als erstes Stück seiner Reise durch die Musik des 20. Jahrhunderts - mit Ausnahme von Bachs Kunst der Fuge und Goebbels´ Eigenkomposition - Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8. Es sieht nach einem Kammermusikabend aus, den auftretenden Schauspieler möchte man für einen Rezitator halten.
Heiner Goebbels macht Sprechtheater. Das Wort Eraritjaritjaka, das hat Elias Canetti vermerkt, stammt aus einer Aborigine-Sprache, und bedeutet "volles Verlangen nach etwas, was verloren gegangen ist." Der Schauspieler, der sich zum Mondriaan Quartet gesellt, ist André Wilms. Ein Sprechspieler, der auf Französisch ein Konvolut von Sätzen spricht, die Goebbels nach fünf Jahren Lektüre aus den Aufzeichnungen von Canetti extrahiert hat. "Sätze, die sich voreinander drücken." Sätze über Musik und über die Sprache, von der Einsamkeit und der Gesellschaft, Betrachtungen eines Menschen von einer Welt, in der er nicht zu Hause ist, weil sein einziger Ort die Sprache ist. Eines Bibliotheksmenschen wie Canettis Protagonist Kien aus dem Roman Die Blendung.
Heiner Goebbels macht Sprechmusiktheater, in dem Sprechen und Musik im Spiel in eine vollkommene Form finden. Eraritjaritjaka ist Musiktheater in einem buchstäblichen Sinne. Die Musik untermalt, begleitet nicht, sie ist der Akteur selbst, akzentuiert durch ihren Rhythmus, verbündet sich in ihrer Klangfarbe mal mit Licht, mal mit dem Gesprochenen, mal mit dem Spiel. Im selben Sinne bietet Eraritjaritjaka reinstes Sprechtheater, in dem die Wörter nichts bebildern und erklären, in dem sie an keine Charaktere gebunden sind. Sie werden erfahrbar in ihrer schlichten Schönheit, die Worte selbst sind die Akteure in der Komposition einer melancholischen Weltordnung.
"Das Lächerliche an der Ordnung ist, dass sie von so wenig abhängt. Ein Haar, buchstäblich ein Haar, das liegt, wo es nicht liegen sollte, kann Ordnung von Unordnung trennen", heißt es in Canettis peniblen Aufzeichnungen. Das ließe sich als Credo von Goebbels Inszenierung lesen, in der nichts liegt, wo es nicht liegen sollte, was einfach und leicht scheint und doch ein schwieriges Unterfangen ist, das genaues Arbeiten voraussetzt: die Errichtung einer Ordnung als Komposition der Theatermittel.
Die Absichtsvolle an der Komposition ist am besten an der Ordnung des Raumes zu beschreiben, in dem mühelos die Grenzen zwischen den Genres überwunden werden. Der Kammermusikabend, der Eraritjaritjaka zu Beginn ist, braucht keinen konkreten Raum, Raum ist hier Akustik. Wenn André Wilms hinzutritt, wird der Raum abstrakt, eine zweidimensionale Landkarte des Melancholischen. Geschmeidig gleitet unter dem Schwarz des Bühnenbodens ein leuchtendes Weiß hervor. Wilms stellt ein kleines Haus auf, um das herum der Sternenhimmel einer Stadt projiziert wird. Im Hintergrund ist die Wand eines großen Hauses zu sehen. Der Durchbruch in die Dreidimensionalität gelingt erst völlig, als Wilms in der zweiten Hälfte der Inszenierung das Theater scheinbar verlässt. Eine Kamera, deren Aufzeichnungen auf die Hauswand auf der Bühne übertragen werden, folgt ihm in ein Taxi, das durch die Nacht von Berlin fährt, und weil das Streichquartett weiterhin spielt, wirkt das Herannahen eines Fahrzeugs, das man durch die Rückscheibe von Wilms Taxi sehen kann, plötzlich wie ein musikalischer Akzent. Schließlich landet Wilms in einer Wohnung, Eraritjaritjaka ist in einem konkreten, realistischen Raum angekommen. Der Schauspieler liest die Zeitung, macht Notizen, brät sich ein Omelett und hackt die Zwiebeln dafür im Takt der Musik. Irgendwann öffnet er einen Fensterladen und schaut - auf die Bühne. Der Film aus der Wohnung spielt sich hinter der Haus-Fassade ab vor unseren Augen ab. Ein schöneres Theater, buchstäblich Theater, hat man selten gesehen.

MATTHIAS DELL

 

Frankfurter Rundschau, 18.09.2004
Haus im Mensch
Mit Heiner Goebbels im Museum der Sätze, Bilder, Dinge und Klänge: "Eraritjaritjaka" im Schauspiel Frankfurt

Heiner Goebbels lebt in Frankfurt, hat einen Lehrstuhl am Studiengang für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und ist eigentlich Komponist. Ein Komponist allerdings, der seit je die landläufigen Grenzen des Musikbetriebs produktiv zu missachten versteht und die Rolle des Komponisten überaus eigenwillig interpretiert. Seine neueste Musiktheater-Produktion Eraritjaritjaka ist der dritte Teil einer Trilogie, deren erster "Ou bien le débarquement désastreux" (1993) und dessen zweiter "Max Black" (1998) war.
Mitten im Buch sagt Kien den Satz "Aller Anfang ist schwer." Am Anfang aber spricht er mit dem neunjährigen Franz Metzger, "gegen seine Gewohnheit", denn gewöhnlich entwickelt Kien seine Gedanken monologisch. Wenn man jetzt nur einen griffigen Satz fände, den man wie einen Archimedischen Punkt in der Luft fixieren könnte. Einen Satz wie: In Heiner Goebbels' Eraritjaritjaka hängt Peter Kien aus Elias Canettis Roman Die Blendung dem Eigenleben seiner Gedanken nach, und dieses Eigenleben erscheint als Eigenschaft der Welt, in der sie gedacht werden. Viel zu kompliziert einerseits, andererseits viel zu wenig, man braucht mehrere solcher Sätze.
Auf alle Fälle auch noch einen Satz wie: Heiner Goebbels' neue Produktion zeigt und geht davon aus, wie und dass alles, was in den Dunstkreis eines lebenden, denkenden Menschen gelangt, ein Eigenleben entfaltet und eine eigene Weise, sich mit anderem Eigenleben zu kombinieren. Und drittens: Heiner Goebbels Eraritjaritjaka, uraufgeführt im April in Lausanne und jetzt im Frankfurter Schauspiel erstmals in Deutschland zu sehen, ist ein Stück Musiktheater, in dem Musik, Licht, Video, Literatur und Bühnenausstattung mit der großen und unprätentiösen Stimm- und Schauspielkunst des André Wilms eine Verbindung eingehen, die mehr Fragen horizonterweiternd in die Welt setzt als sie desillusionierend beantwortet.
Eigenleben also und Synthesen und Fragen: Worte verbinden sich zu Sätzen, die in Büchern gestanden haben und, wenn sie wiederkehren, ein Museum der Sätze bilden; Sätze beziehen sich in ihrem Museum nicht mehr auf die Welt, sondern aufeinander und auf ihren Leser. Die Zubereitung eines Omeletts - Eier aufschlagen, verquirlen, würzen, Zwiebeln hacken - verbindet sich mit Ravels Streichquartett zu einer erstaunlichen rhythmisch-klanglichen Einheit. Videokonserve und Live-Video verbinden sich mit dem Geschehen auf der Bühne zu einer raffinierten und beglückenden Täuschung des Zuschauers/Zuhörers, und die Täuschung ist keine selbstzweckhafte Protzerei mit Zaubertricks, sondern ein erkenntniskritisches Element: Sie intensiviert das Wirklichkeitsgefühl für das Bühnengeschehen und führt es zugleich ad absurdum.
Aber der Reihe nach. Auf der Bühne spielt das Mondriaan Quartett Schostakowitschs achtes Streichquartett. Auf der Bühne ist André Wilms und spricht und beschäftigt sich zum Beispiel mit einem Rechteck aus Licht, das ein Teil von ihm selbst zu sein scheint. Auf der Bühne steht ein Haus, erst klein wie ein Spielzeug und ein sanftes Ruhekissen, später erscheint eine Haus-Vorderwand als Bühnenprospekt (natürlich denkt man, das wäre jetzt eine Vergrößerung des Hauses, das da so klein auf der Bühne steht, so funktioniert nun mal unser Wahrnehmungs- und Denkapparat) und wird als Projektionsleinwand benutzt; schließlich, gegen Ende, geht alles drinnen im Haus weiter und wird teilweise per Live-Video auf die Hauswand projiziert. Im Museum der Sätze findet sich dazu der Satz "In diesen neuen Städten kann man die alten Häuser nur noch
in Menschen finden."
Übrigens ist die Hausaußenwand natürlich nicht draußen, sondern drinnen, nämlich auf der Bühne, aber man gerät doch immer mal lächelnd etwas durcheinander: Ständig ahnt man mehr und denkt man etwas Anderes als man sieht. Später ist übrigens auch das Mondriaan Quartett im Haus. Also immer noch auf der Bühne, wo sonst.
Mitten im Stück aber verlässt André Wilms Bühne und Theater und fährt - sagen wir vorsichtshalber: scheinbar - nach Hause, wo er sich weiterhin verhält, als sei er noch auf der Bühne. Man hat Gelegenheit zum Datums-, Uhren- und Zeitungsvergleich: korrekt. Er führt Peter Kiens Gespräch mit Franz Metzger. Es kommt zur Begegnung mit einer Stimme und schließlich zur Begegnung Peter Kiens (im Video) mit Peter Kien (im Haus, also auf der Bühne). Und um ein Haar wären auch wir Zuschauer auf der Hauswand zu uns selbst gekommen.
Frei im Zwischenraum
Eraritjaritjaka ist technisch staunenswert perfekt gearbeitet, ein Netz aus Assoziationen, Musik und Museumssätzen, das eine ganze Welt umfängt. Es ist inhaltlich hoch verdichtet, dabei aber voller Zwischenräume, durch die sich die Gedanken frei bewegen können. Es ist vielgestaltig und sinnlich und leicht und freundlich. Es gibt elektrische Tiere wie eine Mischung aus Roboter, Staubsauger und Scheinwerfer, und es gibt Kammermusik, die manchmal das einzige Bühnengeschehen bildet und manchmal dessen Hintergrund. Vor allem aber ist Eraritjaritjaka ein durch und durch persönliches Werk, dessen Privatheit durch technische Perfektion und die Allgemeingültigkeit des Herbeizitierten konterkariert wird. Auf das Eigenleben, das mit Hilfe unserer Wahrnehmungsarbeit zwischen diesen Komponenten entsteht, verlässt sich Heiner Goebbels' wunderbares Theater.
HANS-JÜRGEN LINKE

 

Hamburger Morgenpost 17.09.2004
"Eraritjaritjaka": Begeisterung bei Deutschland-Premiere
Frankfurt/Main - Mit der Deutschland-Premiere seines Stückes "Eraritjaritjaka" hat der Frankfurter Komponist und Regisseur Heiner Goebbels am Donnerstagabend im Frankfurter Schauspiel das Publikum begeistert.

In seinem als "Verwirrspiel der Wahrheiten" angekündigten Werk lässt Goebbels Kammermusik, Theater und Live-Video-Szenen fließend ineinander übergehen. Wichtigste Textquelle des in französischer Sprache aufgeführten Stückes mit dem Schauspieler André Wilms sind Aufzeichnungen des Schriftstellers Elias Canetti. Musikalisch setzt der als Wegbereiter der neuen Musik geltende Goebbels neben eigenen Kompositionen auf Bach, Ravel und Schostakowitsch.
Die Wanderung der Gattungen beginnt mit dem holländischen Mondriaan Quartett auf der undekorierten Bühne. Die Stimmung eines Kammermusik-Abends wandelt sich, als Wilms auf die Bühne tritt und die Streicher von ihrer eigenen Tonbandaufnahme abgelöst werden. Die Musik geht in ohrenbetäubenden Lärm wie den eines Flugzeugtriebwerkes über. Wilms nimmt einen tierähnlichen Roboter ins Visier, lässt sich aus über die Macht der Dirigenten. Dann verschwindet er, gefolgt von einer Live-Kamera, fährt damit im Taxi, geht in sein Haus - das Publikum ist dabei. Goebbels steigert die Verwirrung, als er Wilms doppelt zurück auf die Bühne holt: Gefilmt in seiner Wohnung, und leibhaftig durch das Fenster des Kulissenhauses.
"Eraritjaritjaka" ist der letzte Teil einer Trilogie und wurde im April in Lausanne uraufgeführt. Der ungewöhnliche Titel stammt aus der Sprache der Aborigines und bedeutet so viel wie "voller Verlangen nach etwas, was verloren gegangen ist". Nach den Worten der Intendantin des Schauspiels, Elisabeth Schweeger, spiegelt sich der Titel in dem Stück unter anderem durch eine Sehnsucht nach einer klareren Sicht auf die Welt wider. Die Komplexität des Stückes sei eine Aufforderung an den Zuschauer, sich in einer vielschichtiger werdenden Welt auch auf der Bühne mit dem Komplexeren zu arrangieren. Heiner Goebbels künstlerische Form des Musiktheaters sei als ein Gesamtkunstwerk zu begreifen.
Der vielfach preisgekrönte Komponist und Regisseur Goebbels hat sich seit den 80er Jahren besonders mit szenischen Konzerten, Musiktheater und Installationen einen Namen gemacht. Der 52-Jährige komponiert für Konzerte, Ballett, für Oper und Theater sowie für Film- und Videoproduktionen. Orchestermusik trifft dabei teils auf Autohupen und Schlagerfetzen. Goebbels lebt seit 1972 in Frankfurt, ab 1978 war er zwei Jahre lang musikalischer Leiter am Frankfurter Schauspiel. Seit 1999 lehrt er an der Universität Gießen Theaterpraxis.
dpa

 

Tages-Anzeiger 06.11.2004
Schweben mit Canetti
Heiner Goebbels verknüpft die Künste, zaubert, blendet, irritiert. Im Zürcher Schauspielhaus gabs Ovationen für sein jüngstes Musiktheater.

Schon der Titel des Projekts ist wunderschön: Eraritjaritjaka. Dass er der Sprache australischer Aborigines entstammt und das Verlangen nach verloren Gegangenem bezeichnet, ist auch interessant, aber vorerst zu vernachlässigen. Schön auch der Untertitel: «Museum der Sätze» oder, da an dem Abend ausschliesslich französisch gesprochen wird, «Musée des Phrases», was die Sache noch präziser trifft.
Fabelhaft ist einmal mehr die Sololeistung des Schauspielers André Wilms, der einen Abend lang mit melancholischem Ernst und resignativem Understatement die aphorismustauglichen Sätze rezitiert, die Heiner Goebbels bei Elias Canettis gefunden hat. Beachtlich ist das Spiel des Mondriaan Quartet, das mit Schostakowitsch, Ravel, Bach oder George Crumb den lautsprecherverstärkten Soundtrack zum Geschehen liefert. Und von intelligent reduktionistischer Bildkraft sind Klaus Grünbergs Lichtregie und das Bühnenbild, das eine schlichte Hausfassade sowohl als Videoprojektionsfläche wie als Grenze zu einem durch beleuchtete Fenster zu erkennenden Hausinneren benutzt und das verwirrende Innen-Aussen, das den Abend bestimmt, sinnfällig macht.
Vollends frappierend aber ist schliesslich der grosse Zaubertrick: Irgendwann nämlich verlässt André Wilms die Pfauenbühne - per Video (Bruno Deville) können wir seinen Weg verfolgen -, besteigt ein Auto, fährt durch die Stadt, landet in einer Wohnung, wo er schreibt, kocht, isst, weiteren Canetti-Kunstfiguren begegnet und dann doch unvermittelt wieder auf der Bühne unter den Musikern ist.
Live, aktuell - TV-Nachrichten, Tageszeitung und Uhrzeit belegen es-, er war weg, in der Vergangenheit ist er da. In jener mit sehnsüchtigem «Verlangen nach Verlorenem» erinnerten Vergangenheit eben, in der die intellektuelle Weltaneignung durch schriftstellerische «Phrasen» noch möglich war. Deren bildungsbürgerliche Grenzen Schostakowitschs8. Streichquartett, dieses fatalistische Requiem auf sich selbst, und Bachs ewiger Kontrapunkt aus der «Kunst der Fuge» absteckten. Und die mit Crumbs schreienden Black Angels oder Gavin Bryars 1. Streichquartett ihre avantgardistische Ausweglosigkeit benannt sieht.
Genau und anspielungsreich sind die Bezüge zwischen den verschiedenen Kunstmedien, übervoll der Gedankenreichtum. Heiner Goebbels, der grosse Kompilator des zeitgenössischen Musiktheaters, hat hier sein Meisterstück einer Konstruktion in der Schwebe geschaffen, in dem Aussage und Irritation in so perfektem Gleichgewicht verharren, dass einem vor lauter Staunen und Studieren schier das Denken vergehen möchte.

MICHAEL EIDENBENZ

 

Tages-Anzeiger 03.11.2004
HEINER GOEBBELS UND DIE MUSIKTHEATERPRODUKTION «ERARITJARITJAKA»
Vom Verschwinden des Komponisten im Theater

Aus der Verfügbarkeit nahezu aller Musiken im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit hat er seine Konsequenzen gezogen. Nicht jeder Ton müsse von ihm stammen, sagt der in Frankfurt lebende Komponist Heiner Goebbels. Das kann so weit gehen, dass kaum einer mehr von ihm komponiert wurde.
In «Eraritjaritjaka» erklingen, gespielt vom Mondriaan Quartet aus Amsterdam, Musiken von Bach, Ravel, Schostakowitsch oder von so verschiedenartigen Zeitgenossen wie George Crumb, John Zorn und Gavin Bryars. Schon das ist ein ungewöhnlicher Mix, aber auf diesen «klassischen» Bereich bleibt die Arbeit von Goebbels sonst nicht beschränkt. In «Ou bien le débarquement désastreux», der ersten Produktion mit dem Schauspieler André Wilms, arbeitete er mit dem senegalesischen Vokalisten und Koraspieler Boubakar Djebate zusammen, in anderen Projekten mit Jazzern oder Punkern. Der Grenzgänger bewegt sich mit traumwandlerischer Sicherheit zwischen den Genres.
Wichtig ist dabei der Prozess: Diese Musik entsteht nicht im Elfenbeinturm, sondern im Kontakt mit den Schauspielern und Musikern. Die Partituren, so sagt der 52 Jahre alte Goebbels, notiere er zwar später exakt aus, aber wenn er zur ersten Probe komme, habe er noch kaum was aufgeschrieben. In der Zusammenarbeit erst entstehen Bilder und Ideen, werden Materialien zusammengetragen. Er wolle nicht ständig Ich sagen. «Deshalb liebe ich dieses Zitat von Walter Benjamin: Franz Kafka habe erst da angefangen, grosse Literatur zu schreiben, als er in der Lage war, aufzuhören, Ich zu sagen.» Spannend werde es doch erst, wenn sich etwas Überindividuelles formuliere: «Kunst als Ausdruck nicht einer persönlichen Obsession, sondern als kollektive Erfahrung und als gesellschaftlicher Schatz.» So verschwindet der Komponist Goebbels zu Gunsten eines Künstlers, der andere Musiken sampelt und inszeniert, zu Gunsten also eines Kom-Ponisten, eines Zusammensetzenden. «Wie ich die Materialien, die nicht originär von mir sein müssen, montiere: An diesen Schnittstellen können Sie mich ausmachen. Da entscheidet sich, ob eine Konfrontation funktioniert. Nicht wichtig ist ja, dass ich mit Hip Hop, griechischen oder dokumentarischen Elementen arbeite, sondern wie ich das tue.» Die Originalität liegt in der Verfahrensweise: in der Auswahl und Bearbeitung.
«Eraritjaritjaka», im April im Théâtre Vidy in Lausanne uraufgeführt, ist ein wunderbares Beispiel dafür. Es entstand zusammen mit dem elsässischen Schauspieler André Wilms - «d'après des textes d'Elias Canetti», denn es basiert auf den Tagebuchaufzeichnungen des Nobelpreisträgers, aber auch auf Ausschnitten aus «Masse und Macht» und dem Roman «Die Blendung».
Viele Stücke von Heiner Goebbels sind von Texten oder Bildern inspiriert, kaum einem liegt nicht eine aussermusikalische Idee zu Grunde. André Wilms spielt, rezitiert, bewegt sich, er dramatisiert so Canettis «Musée des phrases», wie der Untertitel lautet, aber durch die Musikalisierung geraten die Worte ins Schillern, ins Rätselhafte, ins Verwirrliche, ins Nachdenkliche, ins Melancholische. Das Haus im Bühnenbild von Klaus Grünberg liesse sich so als Ort der Sehnsucht und der Heimkehr deuten, denn «Eraritjaritjaka», so Canetti, heisse auf Aranda, der Sprache der nordaustralischen Aborigines, so viel wie «voller Verlangen nach etwas, was verloren gegangen ist».
THOMAS MEYER

 

Basler Zeitung 06.11.2004
Der Feine und die Welt
Das Théâtre Vidy aus Lausanne gastiert mit «Eraritjaritjaka» am Schauspielhaus Zürich


Heiner Goebbels «Eraritjaritjaka» ist eine komplexe Verbindung von Musik, Text, Schauspiel und Video. Es überfordert Verstand und Sinne - und berührt dennoch stark: Die Zürcher Premiere endete in Standing Ovations.
«Eraritjaritjaka»: Von weit her kommt diese Lautfolge. Aus einer Welt, wo es keine Strassenschluchten gibt, keine fein säuberlich arrangierten Einfamilienhäuser, keine Anzüge und keine computergesteuerten Scheinwerfer. Sie bedeutet, so der Autor Elias Canetti, auf Aranda, einer alten Sprache der australischen Aborigines, in etwa so viel wie: «voller Verlangen nach etwas, was verloren gegangen ist».
Dieses «Eraritjaritjaka» bildet die inhaltliche Klammer um Heiner Goebbels Musiktheaterabend. Doch geht es dabei nicht um eine rückwärtsgewandte Sehnsucht, um vergilbte Erinnerungen an gute alte Zeiten, an die Kindheit, die unberührte Natur oder eine verflossene Liebe.
Sinnsuche. Der deutsche Komponist und Regisseur begibt sich vielmehr auf eine brisante Sinnsuche. Er stöbert nach einem Verständnis für die Welt, das jenseits des modernen Stadtlebens liegt. Erforscht die Ingredienzen, welche die Menschen miteinander verbinden, geht der Einsamkeit nach. Er klopft kritisch die Bedeutung von einzelnen Wörtern oder Sätzen ab, untersucht die Kraft der Musik. Und stösst dabei ständig an Grenzen.
Der Protagonist des Abends ist ein höflicher älterer Herr in einem leicht antiquiert wirkenden Wollanzug (gespielt von André Wilms), dem Goebbels Textmaterial von Elias Canetti in den Mund legt. Diese Figur hat viele Gesichter. Manchmal meint man darin den Schriftsteller Canetti zu erkennen, ein andermal steht der bibliomane Professor Kien, die Hauptfigur aus Canettis Roman «Die Blendung», auf der Bühne. Dann wiederum ist es schlicht der Schauspieler Wilms, der in einer singenden französischen Version (die Uraufführung der Inszenierung fand im Théâtre Vidy von Lausanne statt) Elias Canettis Texte vorträgt. Der die Worte und Laute genüsslich auskostet und leicht ironisch bricht.
Kontrastiert wird Wilms durch die vier souveränen Musikerinnen und Musiker des Amsterdamer Mondriaan Quartet. Sie setzen Canettis Texten eine Musik entgegen, die von Maurice Ravel über Schostakowitsch, Alexeij Mossolov oder George Crumb bis zu den zeitgenössischen Kompositionen eines John Oswald reicht.
NOTSTAND. Goebbels schafft es - und das ist der bestechende Punkt des Abends -, sein Publikum in dieselbe Bedrängnis zu bringen wie seinen Protagonisten. Gemeinsam mit dem älteren Herrn auf der Bühne ist man im Zuschauerraum ständig damit beschäftigt, Sinn zu stiften. Man verbeisst sich in Details, ringt um Verständnis. Sucht die Worte, Töne und Bilder (eine raffinierte Überblendung zwischen Innenraum und Aussenwelt, Videoprojektion und dreidimensionaler Bühne) in Einklang zu bringen. Und ist damit zum Scheitern verurteilt. Denn der Abend geht über einzelne Sinnstränge hinaus. Was berührt und umtreibt, liegt jenseits des rational Fassbaren im übergeordneten Zusammenspiel der Zeichen.
CHARLOTTE STAEHELIN

 

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung 18.9.04
Voller Verlangen: Heiner Goebbels' Musiktheaterwerk "Eraritjaritjaka" im Frankfurter Schauspiel

Die vier Mitglieder eines Streichquartetts betreten die Bühne, nehmen Platz, intonieren ein Stück. So beginnt gewöhnlich ein Konzert, so gestaltet sich zun‰chst auch Heiner Goebbels' neues Stück "Eraritjaritjaka". Auf dem Programm steht das Streichquartett Nr. 8 c-Moll op. 110 von Dmitri Schostakowitsch - kein Werk der absoluten Musik, sondern ein politisch gefärbtes: Der russische Komponist hat seine 1960 konzipierte Musik "dem Gedächtnis der Opfer des Faschismus und des Krieges" gewidmet, doch wei man im Falle Schostakowitschs nie so genau, ob er dabei nicht auch an die Verhältnisse in seinem Land gedacht hat. Die Musik klingt düster und gequält, im zweiten Satz auch aggressiv. Bei einer den Übergang vom zweiten zum dritten Satz markierenden Generalpause bricht die Musik ab. Die Musiker verschwinden im grauen Nebel des Bühnenhintergrunds, der zuletzt gespielte Akkord bleibt als Konserve im Raum stehen, wird elektronisch verfremdet, brüchig, schwillt zum ohrenbetäubenden Lärm eines Flugzeugtriebwerks. Schlielich betritt der Schauspieler Andre Wilms die noch immer fast leere B¸hne.
So beginnt das neue Musiktheaterwerk "Eraritjaritjaka" von Heiner Goebbels, das im April in Lausanne uraufgeführt wurde und dessen deutsche Erstaufführung jetzt im Schauspiel Frankfurt zu erleben war. "Eraritjaritjaka" - der Titel ist dem Wortschatz der Aborigines entnommen und bedeutet "voller Verlangen nach etwas Verlorengegangenem" - ist Schlußstück einer Trilogie über die Wahrnehmung und Weltaneignung des einzelnen. Im Unterschied zu den vorangegangenen Teilen - "Ou bien le debarquement desas-treux" (1993) und "Max Black" (1998) - stehen diesmal Texte von Elias Canetti im Werkzentrum: Überwiegend dessen Aufzeichnungen der Jahre 1942 bis 1993, aber auch Passagen aus dem Roman "Die Blendung" und aus Canettis Hauptwerk "Masse und Macht".
Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang ein längeres Textzitat ¸ber das autoritative Verhalten von Dirigenten. Da wird Goebbels' Konzert, Schauspiel und Film zu einem Gesamtkunstwerk einigendes "Musee des phrases" (so der Untertitel) zur Sternstunde einer elaborierten Theaterkunst, von Wilms markant rezitiert und als eindringlicher Bühnenmonolog gestaltet. Hier schweigen die Instrumentalisten des Mondriaan Quartet Amsterdam, die an diesem Abend noch vielfältige Aufgaben zu bew‰ltigen haben: Werke von Mossolow, Scelsi, Oswald, Lobanow, Gavin Bryars, das gesamte F-Dur-Quartett von Ravel, einige "Black Angels" von Crumb und ein Contrapunctus aus Bachs Opus summum "Die Kunst der Fuge" BWV 1080.
"Eraritjaritjaka" beeindruckt auch in Frankfurt als ein Werk subtiler Komplexität, dessen heikle Balance zwischen Musik, Sprechtheater und Cinema Kontraste nicht einebnet, sondern im Gegenteil verst‰rkt, weil auch Hierarchien innerhalb der Genre-Vermischung nicht ausgeblendet, sondern mit st‰ndig wechselnden Akzenten ins Feld gef¸hrt werden. Da die Vorstellung als Konzert beginnt und als Film endet, ist nur die halbe Wahrheit, denn zum einen gelingen Goebbels dank atemraubender Verfremdungseffekte allerlei optische Täuschungen, wenn er seinen Schauspieler, verfolgt von einer Live-Kamera, aus dem Theater heraus in seine Wohnung verschwinden l‰t. Sp‰ter n‰mlich kehrt Wilms doppelt auf die B¸hne zur¸ck: gefilmt in seiner Wohnung, leibhaftig durch das Fenster eines Kulissenhauses auf der B¸hne, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt.
Aber auch die Musik l‰uft weder nebenher, noch dient sie einer nur abbildenden Verdoppelung. Vielmehr ist es Goebbels gelungen, den Gestus der musikalischen Aussage mit Canettis pointierter Gedankenschwere und der schauspielerischen Leistung in einen hˆheren geistigen Zusammenhang zu bringen. Wenn Wilms im Film zum tröpfelnden Pizzicato des Ravel-Scherzos rhythmisch korrespondierend Zwiebeln schnipselt, so markiert das den in diesem St¸ck eher raren Moment eines "befreienden" Humors. Schmunzeln kann man sicher auch ¸ber zugespitzte Formulierungen einiger Canetti-Texte - insgesamt jedoch liegt ein melancholischer Zauber ¸ber dem Abend, der momentweise auch bleiern wird. "Eraritjaritjaka" ist zweifellos eine Produktion von beeindruckender Schlüssigkeit, besitzt allerdings nicht den opulenten Erlebniswert von Goebbels' Stück "Landschaft mit entfernten Verwandten", das die Besucher des Schauspiels zum vergangenen Jahreswechsel so begeistert hatte.
HARALD BUDWEG

 

Frankfurter Neue Presse 18.9.04
Vexierspiele der Wirklichkeit


Heiner Goebbels errichtet seine Canetti-Montage "Eraritjaritjaka - Museum der Sätze" (Schauspiel Frankfurt) auf einem berückenden Trompe-l'oeil-Effekt. Um einem Aphoristiker, Zeit-und Sitten-Diagnostiker vom Rang Elias Canettis (1905-1994) gerecht zu werden, gibt es viele Wege. Musikalisch hat sich der Komponist und Theatermann Heiner Goebbels f¸r kammermusikalische Intimität und das Amsterdamer Mondriaan Quartett entschieden, das eine Montage von Musikstücken für ihn spielt. Ihr Grundstein ist Schostakowitschs 8.Streichquartett mit der Bach zitierenden Signatur des Komponistennamens im Notenmaterial ("D-eS-C-H"). Mitgedacht ist, dass Schostakowitsch das Quartett den Opfern des Faschismus und insgeheim des Stalinismus widmete. So spielt Goebbels auf Canettis literarisches Andenken gegen die deformierte Welt an Die wahre Steigerung zu sinnli cher Evidenz erhält das musikalische Glasperlenspiel aber im Szenischen. Goebbels lässt "Eraritjaritjaka" von ausgesuchten Canetti-Aphorismen, also seiner bevorzugten, anti-ideologischen Denkform, funkeln. Doch ist das nur der Anfang Goebbels steigert die Bühnenarbeit selbst in einen großen Regie-Aphorismus, indem er ein Vexierspiel von raffinierter Einfachheit ins Zentrum rückt. Eingebettet ist es ins milde wogende Geplänkel rund um AndrÈ Wilms, der 40 Minuten lang auf französisch Canetti rezitiert, während er mit sparsamer Geste auf die Musiker und zwei "Roboter" (ganz cartesisch fürs "Tier" in einem Aphorismus), auf den Scheinwerfer und das Bühneninventar reagiert - ein Hausmodell nebst lebensgroßem Gegenstück als Fassade. Dann verlässt Wilms auf einmal den Saal. Verfolgt von einem Kameramann, dessen Bilder fortan live auf der Hausfassade erscheinen, geht und fährt er eine Weile durch Frankfurt, kauft sich Wasser und betritt dann seine Wohnung, wo er ein kauziges Verhalten zeigt (gefälliger Schwenk vom Omelett aufs Schachbrett), das vom Sinologen Kien aus Canettis "Blendung" inspiriert ist. Endlich der Theatercoup, der die glücklicheren Zuschauer so unvorbereitet trifft, dass es ihnen den Atem verschlägt und einen Silberblick, ein Schielen auf Realität und Fiktion aufnötigt: Die reale Wohnung, die Wilms/Kien soeben durch den Treppenaufgang betrat, befindet sich in Wahrheit in dem Haus auf der B¸hne. Ein Moment kalkulierter Schizophrenie, das umso schillernder ist, wenn von den Buchstapeln im engen Haus als "Fiedler unterm Dach" auch noch das Mondriaan Quartett aufspielt, als seien sie aus dem j¸dischen Anteil der Gedankenwelt Canettis entwichen. Zeichnet sich Goebbels' Arbeit seit je durch die reibungsvolle Kombination geometrischer Raumlˆsungen mit einer barocken Opulenz von Sprache und Klang aus ("Hashirigaki"), so zügelt er sein Temperament mit diesem Trompe-l'oeil-Effekt modellhafter als zuvor - und erzeugt erst recht eine Vielschichtigkeit, die en passant in keinen Begriff geht. Dergestalt ist die Überforderung, die man vom Theater als einem "Museum der Sätze" (sein Untertitel) fordern muss.
MARCUS HLADEK

 

 

KULTURBERLIN.DE 02.12.2004
Die Täuschungsanstalt

Heiner Goebbels Inszenierung Eraritjaritjaka , die im Rahmen der spielzeiteuropa gezeigt wurde, verschob den Theaterraum.
Die Situation oder: How 2 go on?
Unlängst fragte der französische Choreograph Jérôme Bel in The show must go on 2 , wie es mit dem Theater weitergehen könnte: HOW 2 GO ON? Und nach ausgedehnter Bedenkzeit endete die Performance mit einem desillusionierten ENOUGH. Das macht Theatergänger betroffen. Sie haben sich schon oft gefragt, was jetzt eigentlich noch kommen soll. Hat man doch häufig das Gefühl, dass die Aufführungen, die man besucht, bei all ihrer Qualität vorhersehbar geworden sind. Jérôme Bel gelingt es paradoxerweise, mit seinem Abgesang auf das Theater eine neue Art von Tragödie zu erschaffen und somit unseren Erwartungshorizont zu durchbrechen. Rehabilitierung des Theaters - einen Weg "2 GO ON" zeigte jetzt auch Heiner Goebbels Inszenierung Eraritjaritjaka , die in der spielzeiteuropa zu sehen war. Auch er variiert eine historisch immer wieder valorisierte Möglichkeit des Theaters.
Die Projekte
Das titelgebende Wort Eraritjaritjaka hat Goebbels von Elias Canetti übernommen, aus dessen Werk sich die verbalsprachliche Ebene der Aufführung zusammensetzt. Auf dieser werden Macht- und Unterwerfungsstrukturen in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Konstellationen abgehandelt und sezierende Blicke auf den Alltag geworfen. Schauspieler André Wilms, der mit Goebbels schon die beiden vorangegangenen Teile der Trilogie bestritten hat, spricht Bruchstücke aus Masse und Macht , Die Blendung und anderen Werken Canettis – installiert mit ihnen ein musée des phrases . Teilweise schlüpft er in die Rolle des Professor Kien (aus Die Blendung doch größtenteils bleibt er ausgestellt als Rezitator.
Verwoben mit dem Canetti-Projekt Eraritjaritjaka wird das Theaterprojekt Eraritjaritjaka . Das rätselhafte Wort bedeutet in Aranda (Sprache australischer Ureinwohner) "voller Verlangen nach etwas, was verloren gegangen ist". Dieses Verlangen kann man in dieser Inszenierung auch als ein theatrales Begehren verstehen.
Der Bruch
Anfangs hat noch alles seine traditionelle Ordnung auf der Bühne: ein Streicherquartett (Mondriaan Quartett), ein Schauspieler, Lichtinstallationen und eine Reihe von Objekten. Darunter ein kleines würfelförmiges Haus, das über die Bühne purzelt, auf dem Kopf stehend zu Ruhe kommt und in dem kurz ein Licht angeht. Diese Vorwegnahme des kommenden Abends kann der Zuschauer in diesem Moment wohl noch nicht lesen. Erkennen konnte er nur, dass es sich bei der zweidimensionalen weißen Hausfassade, die am hinteren Bühnenrand kurz darauf zu sehen war, um eine Vergrößerung des kleinen Hauses handelte.
Dann wird André Wilms nach kurzer Spielzeit von einem Kameramann abgeholt. Eilig setzt er seinen Hut auf und verläßt die Bühne und auch gleich das Haus der Berliner Festspiele. Die Kamera folgt unserem Protagonisten, die Hausfassade auf der Bühne wird zum Videoscreen. Wir sehen Wilms auf der Rückbank eines Autos durch das abendliche Charlottenburg fahren, einen Fahrstuhl besteigen und schließlich in einer Wohnung ankommen, wobei die Kamera – und damit wir – ihm weiterhin folgen. Dort kocht und ißt er in der Küche, arbeitet am Schreibtisch, schaut fern im Wohnzimmer und sinniert auf dem Dachstuhl. Erstaunlicherweise agiert André Wilms teilweise synchron zur Musik, obwohl er sie doch gar nicht hört, hackt er beispielsweise Zwiebeln in ihrem Rhythmus
Die Illusion
Unweigerlich hat eine Parallelhandlung in unseren Köpfen ihren Lauf genommen: Man versucht, das Gesehene bewusst einzuordnen, wird dazu angehalten, über die conditio theatri zu reflektieren: Was bedeutet es, dass die Ko-Präsenz von Schauspieler und Zuschauer im Theatersaal unterwandert wird? Reicht uns die mediale Kopie? Können wir uns überhaupt darauf verlassen, dass wir wenigstens die Zeit mit Wilms teilen? Die Uhr in seiner Küche steht zwar auf 21 Uhr und die Fersehnachrichten sind aktuell. Aber ist dies ausreichender Beweis dafür, dass wir es mit einer Live-Übertragung zu tun haben? Herr Wilms wird doch wohl noch zurückkommen. Aber schafft er dies überhaupt noch, wenn die Aufführung um 21.30 Uhr endet? Und es wäre ja wirklich radikal, wenn der einfach gar nicht mehr zurückkehrt und wir hier alleine im Theater…
Dann die Auflösung: In den Fenstern des Hausfassade werden die Vorhänge beiseite gezogen. Wir sehen André Wilms durch das Fenster: Er war in keiner Wohnung außerhalb des Theaters. Er war vor uns. Die ganze Zeit? Die Fassade, die uns als Leinwand an dem Bühnengeschehen teilnehmen ließ, trennte uns gleichzeitig von diesem.
Die Projektion, die uns eine innerhäusliche Perspektive verschafft, kollidiert am Ende des Abends mit unserem Blick von Außen auf die erleuchteten Fenster.
Heiner Goebbels hat uns an der Nase herum geführt. Er hat eine veritable Illusionsbühne installiert. Die klassische Illusionsbühne errichtete die so genannte vierte Wand zwischen Darstellern und Zuschauern: Das wie der Nachahmung sollte zu Gunsten des als ob für die Zuschauer so unsichtbar wie möglich gestaltet sein. In Eraritjaritjaka wird diese vierte Wand materialisiert in der Hausfassade als Leinwand: Wir sehen Professor Kien in seiner Wohnung. Diese Radikalisierung der vierten Wand hält uns aber gerade dazu an, unablässig die realen Koordinaten der Aufführung zu befragen, ja diese rücken ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Die Materialisierung der vierten Wand (das als ob ) führt in ihrer Zuspitzung gerade dazu, das wie der Aufführung zu reflektieren.
Dieses Paradox wird im zeitgenössischen Theater häufig variiert. Unsere Erwartungen werden in Eraritjaritjaka an einem anderen Punkt unterwandert. Indem wir nämlich viele Fragen an die Theatersituation stellen und uns jeder theatralen Scheinwelt enthoben fühlen, unterliegen wir de facto doch einer solchen. Denn an einem haben wohl die Wenigsten gezweifelt: dass sich André Wilms den Großteil der Aufführung fern von uns in einer realen Wohnung aufhält.
Aber auch nach der Auflösung bleiben Rätsel. So richtig vorstellen kann man sich noch immer nicht, dass diese zweidimensionale Wand tatsächlich ein Innenleben hat. Aber eines wissen wir jetzt genau, dass Theater Illusionsräume schaffen kann, an die wir aufgeklärten Theatergänger für gewöhnlich nicht glauben.
Der Ausgang oder: The show is going on!
Was Jérôme Bel und Heiner Goebbels gemeinsam ist: sie greifen zurück auf alte Theaterpattern, die wir schon lange nicht mehr als theatrale Archetypen gelten lassen wollen: Klar gibt es Tragödie und Illusionsbühne noch, aber ihre Wirkkraft auf dem Theater haben sie eingebüßt. Heute bedient eher das Melodram die Anforderung nach kathartischer Tragödie und die damit zusammenhängende Forderung nach Illusion.
Was Bel und Goebbels tun, ist, dass sie das genre-setting nicht bedienen. Sie zitieren es auch nicht als parodistische Geste herbei, sondern beleben es über einen Umweg: Sie stürzen den Zuschauer in seine Reflexionswelt, indem sie ihm keinen Wegweiser durch das Gezeigte mitliefern. Und lassen ihn am Ende dort rauskommen, wo er sich am wenigsten wähnte: von THE SHOW MUST GO ON 2 hin zu HOW 2 GO ON, SOME TOUGHTS, ENOUGH, vom Lachen zum Betroffensein. Beziehungsweise von der "realen" Wohnung somewhere in Charlottenburg zum Container auf der Bühne: von der fiktiven Realität außerhalb des Theaters zur realen Fiktion auf dem Theater in Eraritjaritjaka.
NINA TABASSOMI

 


Die Welt, 16.11.04
"Eraritjaritjaka": Heiner Goebbels' entlarvt Canettis Kalendersprüche

Heiner Goebbels, der unprätentiöseste, unverkrampfteste Sinnsucher unter deutscher Kunstsonne, reflektiert mit der Arbeit klug und witzig die eigenen Mittel, lenkt den Röntgenblick auf ernste Sätze und entlockt dabei Lacher. Inmitten der vielen, verkniffenen Ernstnehmer des deutschen Theaters ist der Abend ein Geniestreich an Leichtfüßigkeit, giftiger Naseweisheit und Esprit. Die beste Musikproduktion der Festspiele seit dem Amtsantritt von Joachim Sartorius. Eine Insel seliger Selbstironie.
KAI LUEHRS-KAISER

 

Märkische Oderzeitung 16.11.2004
Eraritjaritjaka von Heiner Goebbels

Nur was die Öffentlichkeit als Ganzes betrifft, schrieb Elias Canetti, scheine ihm auf dem Theater darstellenswert. Der Komponist Heiner Goebbels hat Canetti nicht nur beim Wort genommen und ein Musiktheaterstück nach dieser Maßgabe geschneidert, sondern auch gleich die Worte des Nobelpreisträgers als textliche Grundlage für seine Stück verwendet. Herausgekommen ist ein wunderbar öffentliches, weil sehr privates Stück. Es ist mehr als nur ein in Szene gesetzter Monolog eines einzelnen Schauspielers, André Wilms; mehr als nur ein Museum der Sätze, wie der Untertitel lautet.
Der Titel des neuen Stückes ist so verworren wie einem das Leben manchmal erscheint: Eraritjaritjaka. Aufgelöst bedeutet das aus der Sprache der Aborigines stammende Wort: Voller Verlangen nach etwas, was verloren gegangen ist. Musik von Schostakowitsch, Mossolov, Bach, Ravel, Scelsi, Crumb, Bryars und Goebbels selbst, gespielt vom Amsterdamer Mondriaan-Quartett, versetzte dieses nicht zu greifenden Verlangen in einen schwebend adäquaten Raumton. Am Wochenende war das Musiktheaterstück an drei Abenden im Haus der Berliner Festspiele zu sehen, der Publikumsandrang war wie der Beifall groß.
In Eraritjaritjaka geht es um die Wahrnehmung der Welt und den Versuch, das Wahrgenommene zusammenzufassen. Zunächst einmal in Sprache, geordnet durch das Denken. Elias Canetti liefert dafür mit seiner an Karl Krauss geschulten Ironie, Bissigkeit und Klarsicht eine hervorragende Textur. Er wurde vor allem durch seine mehrbändige Autobiographie, den Roman "Die Blendung" und sein philosophisches Werk "Masse und Macht" bekannt. Heiner Goebbels zog aus daraus eine Quersumme aphoristischer Sentenzen, die hinter dem Sichtbaren vor allem das unsichtbar Makabre als eigentlichen Kitt der Welt hervorschimmern lassen. Die Stimme Canettis spricht aus dem Mund von André Wilms über "Sätze, die sich voreinander drücken". Sie erzählt, daß man bei Tieren stets das Gefühl habe, ein Mensch, der drin sitzt, mache sich über einen lustig. Sie entwirft die Vision einer Gesellschaft, in der die Menschen nach belieben alt oder jung sein könnten und immer damit abwechselten...
Läßt sich eine solche mehrdimensionale Welt in die verkleinerte Form einer auf drei Wände begrenzten Bühne bringen? Schon, wenn man wie Goebbels die Komponenten Raum, Text, Musik und Video konsequent nutzt, indem man sie um sich selbst erweitert und zentriert. Das Utopische liege in der Form, beruft sich Heiner Goebbels auf Heiner Müller. Der Kosmos des Denkens ist eine Welt hinter der Welt. Diese immense Verschachtelung hat Goebbels wunderbar in Szene gesetzt, vielleicht sogar noch konsequenter als in den beiden vorangegangenen Stücken seiner Trilogie (Oder die glücklose Landung, Max Black, Eraritjaritjaka). Die logische Wahrnehmung der Welt wird mit verblüffend einfachen (Bühnen-)Mitteln mit ihrer sinnlich akustischen und optischen verschränkt. André Wilms teilt nicht nur Sätze mit, sondern teilt parallel dazu Zwiebeln. Das Tacken des Messers auf dem Brett wiederum gibt den Rhythmus der Musik. Die Musiker spielen nicht nur auf den Instrumenten, sondern gleichzeitig als Schauspieler auf der Bühne. Andre Wilms ist in diesem Moment aber schon lange nicht mehr auf dieser. Er hat das Theater verlassen und ist mit dem Taxi über den Kudamm nach Hause gefahren, wo er sich in der Küche das Abendbrot bereitet. Verfolgt von Bruno Deville, der ihn mit einer Videokamera zurück auf den Bühnenhintergrund projiziert. Der Hintergrund hat die Silhouette eines Hauses. Wenn schließlich das Licht in seinen Fenstern angeht, sieht man dahinter den Protagonisten leibhaftig schon längst wieder auf der Bühne sitzen, mit ihm der Videokünstler und die Musiker. Der ganze Abend ist voll solcher Kippbilder. Streichinstrumententöne steigern sich in die Motorgeräusche eines startenden Flugzeuges, aus kleinen Lichtpunkten am Bühnenboden schälen sich die Lichtsignale einer Startbahn und der sie umgebenden Stadt.
Luftiger und aberwitziger kann man das Phänomen der Welt und ihrer Wahrnehmung fast nicht auf die Bühne stellen als Heiner Goebbels in Eraritjaritjaka. Canetti hätte seine wahrnehmende Freude dran gehabt.
CORNELIA JENTZSCH

 

Deutschlandfunk 21.4.04
Eraritjaritjaka

Der Frankfurter Musiker und Regisseur Heiner Goebbels, der immer für eine Überraschung gut ist, macht es diesmal schon vor dem Eintritt in sein magisches Universum spannend. Was sagt man an der Kasse, wenn ein Werk «Eraritjaritjaka» heisst? Das ist leichter zu sagen als zu schreiben, aber vor dem Aussprechen muss man es erst einmal korrekt gelesen haben. Das Adjektiv aus Aranda, der Sprache der australischen Ureinwohner, ist der Titel der neuesten Komposition von Heiner Goebbels. Das 6-minütige Stück für Streichquartett bezeichnet einen Zustand «voller Verlangen nach etwas, das verloren gegangen ist».
In der anderthalbstündigen Produktion des Théâtre Vidy Lausanne werden dem Zuschauer allerdings alle Wünsche erfüllt. Die unermüdliche Brutstätte zeitgenössischen Theaters direkt am Ufer des Genfer Sees gibt unter der Ägide von Direktor René Gonzalez wieder einmal den Startschuss für eine Welttournee. Die geheimnisvolle Chemie des Ortes setzt offenbar die Naturschönheit der Alpenlandschaft direkt in raffinierte Kunstschönheit um. Das Setting der Veranstaltung ist die strenge, konventionelle Atmosphäre eines Quartettabends. Was Schostakovitsch, Ravel und anderen für vier Streicher schrieben, wird aber schnell aufgebrochen. Ein Monsieur im grauen Dreiteiler tut Dinge, die man nicht tun sollte, er redet dazwischen, er redet drauf auf die Musik. Was er sagt, hat Niveau, er wirft philosophische Brocken in die Pausen und auf die Noten, er ringt um Weltverständnis und Selbstverständnis.
Beide Tätigkeiten sind legitim, das Spiel aus der Partitur wie das Nachdenken über den Lauf der Welt, nur: müssen sie denn gleichzeitig stattfinden? Aber kein Ordnungsruf erschallt, denn der Widerstreit der Disziplinen ist gewollt, das ist der Kampf der Künste um neues Zusammenwirken - Streichkultur gegen Sprechkultur. Der Tarif des Abends ist ausgegeben. Den Streithähnen wird der schwarze Boden unter den Füssen weggezogen, das weisse Nichts tut sich auf, das weisse Rauschen des leeren Bandes. Der sprechende Mann hält einen bissigen Vortrag über die Allmacht des Dirigenten, das Quartett hat Tacet, eine weisse Hausfassade fährt herunter.
Vorne links an der Rampe holt ein Kameramann den Schauspieler ab, wir sind ihn los, den Störenfried, aber da taucht er schon wieder auf, überlebensgross. Die Bilder der verschwundenen Kamera werden auf die Hauswand projiziert.
Wir sehen, wie der Schauspieler André Wilms durch das Theaterfoyer stürmt, im Taxi durch Lausanne fährt, eine Zeitung kauft, seine enge Wohnung betritt. Dort wird der grosse Teilhaber am Weltgeist zum kleinen Normalbürger, der Zwiebeln schneidet, ein Omelett kocht und Tagesschau guckt. Heiner Goebbels drängt die locker gesammelten Texte von Elias Canetti, dem Literaturnobelpreisträger 1981, zusammen zu einer Momentaufnahme, dem Porträt des Künstlers als alternder Mann. Der einsame Wolf macht seine Einsamkeit noch grösser, indem er sie minutiös beschreibt.
Dann plötzlich sitzt das bekannte Streichquartett in seiner Bibliothek. Das kann nicht sein. Denn die drei Herren und die eine Dame des Amsterdamer Mondriaan-Quartetts sind doch bei uns im Theater geblieben und haben den Echtzeitausflug des Philosophen mit ihrem Ritt durch die Quartettliteratur des 20. Jahrhunderts begleitet.
Wir sind dem Illusionskünstler Heiner Goebbels und seinem langjährigen Bühnen- und Lichtdesigner Klaus Grünberg voll auf den Leim gegangen. Was uns weit entfernt erschien, war ganz naheliegend. Das Kino war doch nur Theater auf der Leinwand. Verblüffung macht sich breit, befreiendes Gelächter. Verblüffung über die Fallgruben in der glatten Oberfläche, über soviel Musik im Sprechtheater, über soviel Frechheit im Seriösen, über das Erhabene im Banalen, über das Einfache, das kompliziert erzählt wird, über das Komplizierte, das genial einfach zu entschlüsseln ist. Heiner Goebbels hat sich diesmal als Komponist zurückgenommen, umso glänzender sehen wir ihn als theatralischen Gesamtkunstwerker bestätigt.
JOACHIM JOHANNSEN