Hashirigaki


FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (31.12.02)
Aus Instrumenten eine Stadt gezaubert
Heiner Goebbels zeigt sein Musiktheaterstück "Hashirigaki" im Schauspiel Frankfurt
Für einen Moment bleiben die Musikinstrumente verlassen auf der Bühne zurück, bevor sie auf wundersame Weise verwandelt werden. Drei Frauen in geometrisch ausgestellten Röcken tragen aus Pappe gefertigte Häuser auf die Bühne, einen Kirchturm, eine Fabrik, aus deren Schornstein kleine Wölkchen aufsteigen. Das Theremin, das eben noch mit seinen gleitenden Tönen die Luft in Bewegung versetzte, verschwindet ebenso wie die japanische Zitter hinter einer Hauswand, Auf das indische Harmonium wird kurzerhand ein Dach gesetzt, der Gong wird zum Vorderrad eines Autos umfunktioniert, das Glockenspiel mit seinem verzierten Gestell ziert die Fassade eines Hauses, und die Trommel landet auf dem Dach eines Turmes, bis eine ganze kleine Stadt entstanden ist, die wie auf Wölkchen gebettet über die große Bühne des Frankfurter Schauspielhauses schwebt.
In Heiner Goebbels Musiktheaterstück "Hashirigaki", das nach seiner Premiere vor zwei Jahren in Genf nun endlich auch in Frankfurt zu sehen ist, ist diese Stadt aus Musikinstrumenten auch ein treffendes Bild für die Klangarchitektur, um die es Heiner Goebbels hier geht. Vieles, was an diesem Abend zu hören ist, ist eine szenische Erweiterung des an Zwischentönen reichen Klangspektrums der epochalen Platte der Beach Boys, "Pet Sounds", die im Sommer 1966 mit ihren weichen, transparenten Klängen, die sich zu einem ebenso dichten wie filigran abgestuften Klangraum überlagern, den musikalischen Entwicklungen der Beatles um Haaresbreite voraus war. In "Hashirigaki" verbindet Goebbels das Hängende, Schwebende der Musik der Beach Boys mit dem Unabgeschlossenen, Offenen der Sätze von Gertrude Stein. In ihren "Landscape Plays" beschwor die Mutter der amerikanischen Avantgarde die Erfahrung eines endlosen Schreibens ohne dramaturgischen Anfang und zwingendes Ende, ein stetes Mittendrinsein in der Landschaft. "Hashirigaki" meint sowohl das eilig Aufgeschriebene, flüchtig Skizzierte als auch das rasche Davoneilen, was den Grundgestus der Szenenfolge bestens beschreibt. Leicht hingetupft wirkt hier alles, in die Schwebe gebracht durch die Mittel des Theaters, die ständig in Bewegung sind.
Natürlich denkt man bei Gertrude Stein sofort an die beiden Inszenierungen ihrer Texte von Robert Wilson, ein Eindruck, der sich bei Heiner Goebbels und Klaus Grünbergs üppigen Lichtspielen auf den ersten Blick zu bestätigen scheint. Vor dem Halbrund, das die Bühne des Frankfurter Schauspiels nach hinten begrenzt, sitzt die japanische Musikerin Yumiko Tanaka und zupft das Shamisen, ein traditionelles japanisches Saiteninstrument. Plötzlich wird ihr der gelbe Umhang, der ihr über der Schulter liegt, wie von Geisterhand entrissen und schwebt gen Himmel, woraufhin sich der Bühnenprospekt gelb färbt. Hastig dahingekritzelte Striche werden auf die Bühne projiziert, ein von Blitzen durchzucktes Universum, in dem die Umrisse der Darstellerinnen mit dem Hintergrund verschmelzen, riesige Schatten ihre Konturen vergrößern, bis sich die Farben umdrehen, der Hintergrund sich satt grün, die weißen Anzüge der Frauen tief violett einfärben.
Bei allen optischen Tricks, die an Wilson erinnern mögen, zwingt Goebbels seine drei Darstellerinnen jedoch nie in ein vorgefertigtes Gestenkorsett. Inmitten des genau durchkomponiertem Zusammenspiels von Farben und Formen können die drei ihre verschiedenen Temperamente bestens entfalten: Die hochgewachsene Charlotte Engelkes gibt die entrückte, ätherisch Kühle, Marie Goyette die sinnlich Verführerische, die mit koketten Seitenblicken das Publikum um den Finger wickelt, und Yumiko Tanaka, deren Präzision stets auch etwas Komisches hat, bildet das stabile Rückgrat der Inszenierung.
So wie Steins Sätze mit ihren rhythmischen Wiederholungen von Worten, die oft wie grammatische Übungen klingen, immer auch Reflexionen auf das Schreiben während des Schreibens sind, ist auch Heiner Goebbels' Stück ein spielerisches Nachdenken über die Möglichkeiten des Theaters. Das macht den nicht geringen Zauber des Abends aus.
"Hashirigaki" ist darüber hinaus aber auch eine brillant funkelnde Theater-Wunderkiste, die, angefangen von dem traditionellen roten Samtvorhang, der zu Beginn die Bühne verdeckt, mit allen nur erdenklichen Konventionen spielt, um unsere Augen und Ohren mit Farben und Klangfarben zu betören. Wenn am Ende die drei Damen "l Just Wasn't Made For These Times" anstimmen, bevor das Theremin das Lied mit krachendem Donner abwürgt und das Licht erlöscht, bemerkt man, daß man in der Tat für 90 Minuten mittendrin war in einer Landschaft aus sagenhaften Bildern, die berühren.
(Gerald Siegmund)

DARMSTÄDTER ECHO (31.12.02)
Fischzug im Meer der Muster
Bilderrätsel-Theater: "Hashirigaki" von Heiner Goebbels im Frankfurter Schauspiel: Mit Gertrude Stein und den Beach Boys unterwegs von Kalifornien nach Japan
FRANKFURT. Das Theater des Heiner Goebbels ist ein Kaleidoskop der Zeichen und Klänge. Wer auf der Bühne Geschichten sucht, muss bei diesem Regisseur enttäuscht werden, wer Assoziationsspiele liebt, wird reich beschenkt. "Hashirigaki" (japanisch für eilen oder skizzieren) ist gewiss eines von Goebbels schönsten Bilderrätseln, in dem die Musik der Beach Boys, die Magie exotischer Instrumente und Auszüge aus einem Avantgarde-Epos von Gertrude Stein aufgehen.
In ihrem Familienroman "The Making of the Americans" (1906 bis 1908) exerziert Stein quälend ausführlich menschliche Verhaltensmuster durch. Bei Stein gibt es nichts Originäres oder Individuelles, sondern nur Typen und Schemata. Alles ist Wiederholung und Kopie, nirgends ein Anfang, nirgends ein Original. Steins Phänomenologie einer Familie besteht aus schier endlosen Satzketten und -schleifen. Als Lektüre ist das eine Zumutung, als Rezitation eine meditative Offenbarung, denn dabei verliert der Text langsam seinen nervenden Sinnzusammenhang, löst sich auf in Sprachrhythmus und syntaktisches Gewebe.
Diesen Strukturen spürt Goebbels in Bildern, Klängen und Worten nach. Dabei gelingt ihm ein Brückenschlag von kalifornischen Surfer-Stränden zu japanischen Gefilden. Im Jahr 2000 als internationale Koproduktion entstanden, reist "Hashirigaki" seither durch die Welt und gastiert nun im Frankfurter Schauspiel. Es ist ein surreales Feuerwerk zum Jahresabschluss.
Der Schattenriss eines Kopffüßlers erwacht, eine leuchtende Raupe verpuppt sich, eine Kulissen-Stadt aus Pappe mit Hochhäusern und Atomkraftwerk entsteht wie im Kinderspiel und fliegt wie im Traum zum Himmel empor. Klaus Grünbergs Bühnenbilder sind in ständiger Metamorphose: Kalligrafische Krakel, Gittermuster und Wolkenbilder legen sich über den Rundprospekt. Robert Wilson lässt grüßen.
Durch diese fließenden Szenen wandern die drei Performerinnen Charlotte Engelkes, Marie Goyette und Yumiko Tanaka mal wie Müllwerker im Overall, wie Figuren aus Oskar Schlemmers Triadischem Ballett oder wie Pop-Puppen aus den neonbunten Siebzigern. Sie zelebrieren Steins Sermon mit ironischer Emphase, die wiederum mit den melancholischen Melodien der Beach Boys und dem Klang fremdartiger Instrumente verschmilzt. Das Trio bedient vom Bühnenhimmel baumelnde Kuhglocken, ein Kastenharmonium, asiatische Versionen von Violine und Zither und das kuriose Thereminovox, das zwitschernde und heulende Geräusche erzeugt, je nachdem, wie man die Luft um die Antennen dieses elektronischen Instruments herum knetet.
Was Goebbels im Laufe von 90 Minuten an Einfällen, Zitaten und Verweisen in den Strom seines Bildertheaters wirft, müsste schnell zerfließen, wenn er nicht Gertrude Steins Netz ausgeworfen hätte, mit dem die Dichterin die gleichförmigen Muster der menschlichen Existenz zeigen wollte: So monoton ist unser Leben. Wenn man Steins Netz am Ende wieder einholt, dann kehrt sich diese Effekt um. Die ewigen Muster sind verdeckt von den vielen Formen und Farben, die im Laufe des Abends hängen geblieben sind: So reich ist unser Leben. Was für ein prächtiger Fang.
Die Silvestervorführung im Frankfurter Schauspiel ist ausverkauft.
(Stefan Benz)

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 26. Mai 2001

Agressionsfrei
Moskau grüßt Heiner Goebbels: "Hashirigaki" begeisterte im Mossowjet-Theater das Publikum
Der nächste Nachbar der Avantgarde ist die Kinderzeichnung. Das minimalistische Drei-Frauen-Musiktheaterstück von Heiner Goebbels mit dem mystifizierenden Titel "Hashirigaki", von der heimischen Kritik mit gereizter Ratlosigkeit zur Kenntnis genommen, hat, in Moskau im Rahmen der "Theater-Olympiade" aufgeführt, ein für seine konservativen Ansichten bekanntes Publikum bezaubert. Die szenische Rezitation aus Gertrude Steins repetitiver Prosa "Making of Americans", verfremdete Beach Boy-Songs und elementare, exotische sowie elektronische Klänge erzeugten für die des Englischen kaum mächtigen, für mystische Wirkungen aber um so empfänglicheren Zuschauer einen meditativen Klangteppich. Sich jeglicher emotionaler Prätention enthaltend, trug dieser ein dankbares Publikum durch ein aus Lichtprojektionen und schlichten Requisiten mit leichter Hand skizziertes Bilderalbum über die Normalexistenz des modernen Homo sapiens.
Ob die ausgefallenste Güter auf Nimmerwiedersehen verschlingende schwarze Konsumwand der Eröffnungsszene, ob das von grellen Inspirationsblitzen immer wieder ausgeblendete Wissensgekrakel, ob die priesterliche Transformation des glühenden Becken-Herdes aus einem Elektroschockschrei oder die Beschwörung und Zerstörung kultischer Bilder in der Gestalt von Glocken und Bronzespiegeln: Die durch kein dramaturgisches Feinschmeckertum belastete Menge verfolgte das heiter-besinnliche Bühnengeschehen mit unvoreingenommener Anteilnahme, gemahnte es doch in seiner unauflöslichen Rätselhaftigkeit an das Leben selbst - unter Abzug der Aggressivität. Diese von dem Darstellerinnen-Trio fern des in Rußland verachteten Feminismus erzeugte weibliche Qualität weiß man in einer polaren Kultur, die von einem brutalen Alltag und utopischen Träumen geprägt ist, besonders zu schätzen. Es war anerkennend gemeint, als die Kritik das Stück an der Grenze zwischen Mary Poppins und Alice im Wunderland verortete.
Die Traurigkeit der menschlichen Komödie erscheint in dieser mozarthaften Fernsicht auf das Erdentreiben homöopathisch verdünnt. Der russische Bildungsbürger, geschult am nationalen Dichteridol Puschkin, der seine Melancholie tief in poetische Spielereien zu verstecken versteht, vernimmt sie aber doch. Als Spur ertönt sie in der grellbunt kostümiert vorgetragenen Pop-Romanze, beinahe verlegen in der Abendeinsamkeit vor der Pappstadtkulisse.
Und als im Entropie-Finale, da eine Geistesglühbirne aus ihrem kreisenden Gitterkäfig Schattenspiele auf weiße Wände wirft, die drei mit Balsamstimme "I wasn't made for these times" intonieren, bleibt von ihr anmutige Gefaßtheit übrig, was manchem aufgeklärten Deutschen allzu leichtgewichtig erscheinen mag, rührt im unzivilisierten Rußland an selten in Schwingung versetzte, aber empfindsame Saiten.
(Kerstin Holm)

LIBÉRATION, 8 März 2001
Hashirigaki: High-Tech-Skizzen
Ein verblüffendes, multimediales Stück des Deutschen Heiner Goebbels, mit Texten von Gertrude Stein und der Musik der Beach Boys.
Über dem Genfersee neigt sich der Tag seinem Ende zu. An Tischen auf dem grossen Rasen am Ufer warten die ersten Zuschauer geduldig und genehmigen sich genüsslich ein Glas. Im Théâtre Vidy-Lausanne, wo die Uraufführung von Heiner Goebbels neuem Stück Hashirigaki (japanisch Skizzen machen) stattfindet, ist man Grossartiges gewohnt, von Brook bis Wilson. Mehr underground als die beiden Regie-"Klassiker" des Welttheaters, ist Goebbels auch Musiker und erinnerte kürzlich mit Max Black und Eislermaterial an seine Beherrschung der Inszenierungskunst von Text, Musik, Gesten und Licht. In seinen Inszenierungen werden die Karten neu verteilt, Fragen neu gestellt und die Voreingenommenheit des Theater hinterfragt. Aber hier enthüllen wir schon den Schwerpunkt von Hashirigaki, das uns die Augen aufreisst, die von den Bildern des Tages zu Tode gelangweilt fast zufallen, und das Gehör öffnet für noch nie dagewesene Tonarten, Frequenzen und Klänge.
Über die Niedergeschlagenheit. Hashirigaki ist eine unbefangene, spielerische Reise, die mehr verblüfft als sie zum Nachdenken auffordert, und am Ende der Reise ist man leicht amüsiert. Doch man weiss nicht so recht weshalb. Man ahnt zwar den Grund der Heiterkeit ein bisschen, denn Hashirigaki ist ein lustvoll verrücktes Stück über die Niedergeschlagenheit und die menschliche Fähigkeit sich zusammen zu tun, sich Dinge vorzustellen und zu träumen, um sich selbst zu retten.
Gertrude Steins The Making of Americans ist der Ausgangspunkt. Die unkonzentrierte Schreibweise der Amerikanerin mit deutsch-jüdischen Wurzeln (1874 in Pennsylvania geboren und 1964 in Paris gestorben) versteht sich leicht, wenn man weiss, dass sie während Steins häufigen Zusammentreffen mit Matisse, Picasso, Braque, Apollinaire, Tzara und Satie geschaffen wurde. Es ist eine Schreibweise, die tanzt, schräge Perspektiven eröffnet, Motive wiederholt, mit ihren Farben das Zentrum des Unbewussten berührt, eine Schreibweise, die immer in saturnischem Licht erstrahlt.
"Ich horche, ich fühle, ich sehe immer die Wiederholung, die sich bei allen offenbart (...), die Gesamtheit eines Lebewesens, die jedoch auf eine Art und Weise eine Ansammlung von Stücken ist; dies schafft kein Ganzes. (...) Wiederholen, wiederholen und wiederholen, beginnen und beenden, jung sein, weniger jung sein, dann altern, dann aufhören zu existieren, all dies finde ich in mir selbst, ich erfasse es. Das Verhältnis zwischen dem Sein und dem Nachdenken über das Sein, zwischen Existieren und Leben, zwischen dem, was wir lernen und den Dummheiten, die in allen von uns stecken, all das ist jetzt in mir, gut wahrnehmbar, und ich warte."
Tai Chi in der Nacht. Man könnte den Reichtum und die Dichte dieses Textes bis ins unendliche erörtern, was ihn vom Performativen und vom Konstatierten abhebt, wie er Poetisches, Analytisches, Moralisches, Metaphysisches und Politisches in eine Gleichung einbringt. Und eben diesen destruktiven Stil hat Goebbels zur Inszenierung ausgewählt. Drei Frauen in Müllmänneroveralls, Tai Chi nachts in einem Wald. Auftritte und Abgänge in einem höllischen Tempo. "Ich werde dies tun, du wirst dies tun, und sie wird dies tun." David Lynchs 60er Jahre und Bob Wilsons Zen-Verblüffung durch den Techno-Katalysator (Videobeleuchtung, Tonverteilung im Raum) getrieben - das bedeutet, dass die Aufmerksamkeit des Zuschauers durchgehend erregt ist.
Ausserdem ergeben sich mysteriöse Verbindungen zwischen einem Playback von God Only Knows der Beach Boys, einer Art Delphine Seyrig unter Einfluss von Ecstasy und einer Japanerin, die Glockenklänge auf einem Instrument spielt, das vom Himmel fiel. Die Kindheit so hoffnungslos verloren wie das Licht von Magritte, erstickendes Aussersichsein, das trifft wie ein Blitz, das unmögliche Kontrollieren und Dirigieren der Wiederholung und der Unterschiedlichkeit - das ist es, was Hashirigaki mit seiner gestalterisch und technologisch perfektionistischen Inszenierung, der Virtuosität der drei Schauspielerinnen/Musikerinnen/Sängerinnen und dem sparsamen Umgang mit der Kontamination zum glühenden Erstrahlen bringt.
Einige werden jubeln, weil ihnen während des Bruchteils eines Tons die Überlappung von überraschenden Tonarten und Tonleitern anvertraut wird, andere werden beim Anblick ihrer eigenen Manien in nicht mehr zu stoppendes Lachen ausbrechen, Schräges und Bizarres mit Ironie und Wohlwollen entschärft. Ohne Zweifel wird Hashirigaki auch Fans haben, die sich weder für Literatur, noch für Kennermusik, auch nicht für das Theater oder High-Tech-Design interessieren, sondern das Stück wie einen genialen Film sehen werden.
(Eric Dahan)

THEATER HEUTE, 12/2000
Für Männerhände viel zu schade
Heiner Goebbels bringt Japan und Gertrude Stein nebst drei Performerinnen in einen musikalischtheatralischen Zusammenhang - "Hashirigaki"
Haus und Hand sind das Thema von Heiner Goebbels' "Hashirigaki". Wohnen und Städte bauen einerseits, Möbelpflege, Hautpflege und Sozialpflege von zarter Hand andererseits. Vage, aber nicht ungenau gibt das Bühnenbild städteplanerische Dreifaltigkeit vor: eine Hausfront, ein Innenraum, in dem irgendwann kleine Spielhäuser aufgestellt werden; schließlich Außen, Straße, ein Bus. Dazu kommt eine geographische Bewegung: Was mit amerikanischer Musik von den Beach Boys beginnt, verlässt Kalifornien Richtung Westen und landet im Osten, in Japan. Gertrude Steins Texte schauen derweil, hat man den Eindruck, der ganzen Welt von oben zu. Innen und Außen sind keine psychodramatischen Arenen, eher unterschiedliche Grade von Entspanntheit. Sowohl die Musik von Beach-Boys-Chef Brian Wilson wie die Texte von Gertrude Stein werden wie unaufgeregte Lockerungsübungen eingesetzt. Drei Performerinnen, Charlotte Engelkes, Marie Goyette und Yumiko Tanaka, bringen dieses Geschehen in Bewegung, weitgehend ohne sich zu verkrampfen. Hält man sie zunächst noch für Darstellerinnen, die in einer erzähltheatralischen Kulisse agieren, verwandeln sie sich doch bald in Performerinnen, die selber für einen großen Teil der Musik, den ganzen Gesang und den Bühnenaufbau sorgen. Gegen Ende, wenn die Möglichkeit von Illusion und Fiktion zumindest angedeutet wird, könnte man sie auch wieder als Schauspieler in einer postdramatisch gelesenen Rolle verstehen. Diffus unrepräsentativ.
Vor allem, wenn die drei musizieren, erinnern sie mich an das Künstlerinnen-Trio "Diazentrale Ost", das sich zu Beginn der 80er und bevor irgend jemand in Deutschland Cindy Sherman kannte, zu immer anderen klischeehaften, genre-bezogenen Frauentrios zusammenfand, für Fotos und Performances zu fiktiven Sportlerinnen, Tänzerinnen, Berufsgruppen oder Bands gestylt. Dabei standen die drei Künstlerinnen auch immer leicht amüsiert neben sich - und waren doch sehr konzentriert. Hier kommen auch Spiele dazu, bei denen zwei sich mehr gleichen als die dritte, meistens die japanische Darstellerin, die zuweilen eigene Aufgaben bekommt oder ihre Perücke anders trägt. Auch diese Differenz zwischen den beiden westlichen und der östlichen Darstellerin birgt viel kulturalistisches Glatteis. Doch das rutschige Parkett einer Exotik-versus-Normalität-Gegenüberstellung wird nicht bewältigt, indem es umgangen wird. Diese Differenz und die sie erst in dieser Gestalt in Welt und Bühne setzenden Projektionen werden markiert, vorgestellt - aber ohne eine These oder Gegenthese damit zu verknüpfen. Meinungslos relaxt. Wir wissen, dass das nicht so einfach ist, oh ja, aber hier ist es und so ist es und nun kommt das nächste. So in etwa der Textgestus von Gertrude Stein.
Zusammengehalten wird der locker gesponnene musikalisch-assoziative Reigen nun zwar vor allem von den drei Performerinnen in ihrer Eigenschaft als multifunktionales Darstellerinnen/Musikerinnen/Bühnenarbeiterinnen-Trio, das fast immer komplett anwesend ist. Dieses erinnert aber nur zum einen an feministische Performance-Kunst, zum anderen ist es eine Band, die immer wieder musiziert und sich zu Musik verhält, meistens kommt die von dem legendären Beach-Boys-Album "Pet Sounds", aufgenommen zwischen Sommer '65 und Frühjahr '66. Diese Sounds bilden den anderen Zusammenhalt.
"Pet Sounds", das sind Streichelsounds, zarte Berührungen. Als die Beach Boys ihr gleichnamiges Album aufnahmen, verzichteten sie nahezu vollständig auf ein konventionelles Rock-Schlagzeug. Der gestandene Jazz-Perkussionist Hai Blaine musste auf Geheiß von Brian Wilson - der dieses Album mehr als alle vorangegangenen dominierte und teilweise ganz ohne seine Brijder und Cousins, sondern mit berühmten Gästen wie Glenn Campbell und Barney Kessel aufnahm - das normale Drum-Set durch alle möglichen Percussion-Instrumente ersetzen: Rasseln, Marracas, diverse Tambourine und Zymbeln, Xylophone und zart gestrichene Becken. Dazu hatte der erfahrene Blaine, der auf 362 Charts-Hits mitgespielt hatte, von "Bridge Over Troubled Water" über "Mr. Tambourine Man" bis "Strangers In The Night", eine große Tüte dabei, die er seinen "Bag of Tricks" nannte, mit 20 weiteren extrem seltenen Percussion-Instrumenten, die bei diesen Sessions punktuell Einsatz fanden. Raschelnde, zischelnde, verwischende, klingelnde Percussions tragen auch die Performerinnen von "Hashirigaki" mit sich herum, zuweilen in direkter Verlängerung eines Hal-Blaine-Schlages.
Das Konzept des Pop-Schlagzeugs ist bei "Pet Sounds" zeitweise so durchlöchert, dass man das Gefühl hat, jeder Beat wird von einem anderen Instrument hervorgebracht, wenn denn die Percussions nicht sowieso etwas ganz anderes tun, als den Beat zu betonen, und uns mit extrem psychotropen Geräuschandeutungen das Cranium massieren. Ja, das waren die Pet Sounds, die Hirnrindenechos einer besonders melancholischen Seele, der des fettleibigen, viel zu begabten und übersensiblen Brian Wilson, der zu allem Überfluss auch noch das Leben eines Pop-Stars führen musste. Sein ausgesprochen verzärtelter, aber nie unpräziser Sinn von Beat scheint auch diesem Stück seinen stets spürbaren, aber nie sehr markanten Rhythmus zu geben.
Heiner Goebbels hat sich für "Hashirigaki" einer Platte bedient, die kommerziell ein Flop wurde, den Beach Boys ihr Image als unbeschwerte Kinder des Strandes mit einer Überdosis Schwermut zerschoss und künstlerisch durchfiel, weil sie den Zeitgenossen als "zu britisch" galt. Doch sie ist seitdem mehr als jede andere Pop-Platte immer wieder zur besten aller Zeiten gewählt worden. Seit in den 90ern Musikzeitschriften, Lexika und Kritiker damit anfingen, Pop-Geschichte zu bilanzieren, wurde "Pet Sounds" immer wieder den Beatles, Elvis, Sinatra, Hendrix und Dylan vorgezogen und gewann auch schon mal den Vergleich gegen E-Musik und Jazz, wenn nach Jahrhundertplatten gefragt wurde. Dieser massive Nachruhm und die unzähligen, den Beach Boys der späten 60er nacheifernden Bands der Gegenwart veranlassten Capitol Records, 1996 zum 30. Jubiläum ein luxuriöses, historisch-kritisches 4-CD-Set zu veröffentlichen, das zu knapp drei Vierteln aus Proben und Backing Tracks ohne Gesang bestand. Dieses Material, genauer die Backing Tracks von "Caroline No", "l Know There's An Answer", "Don't Talk (Put Your Hand On my Shoulder)", "I Just Wasn't Made For These Times" und das Instrumentalstück "Pet Sounds" bilden den musikalischen Grundstock des Goebbels-Stücks. California meets Japan. Die drei Performerinnen eröffnen "Hashirigaki" zu diesen instrumentalen "Pet Sounds" mit einer Art Hausputz. Sie räumen Gegenstände durch Fenster und Türen einer bühnenfüllenden Fassade und schauen dabei so aufgeräumt, so optimistisch wie die Texte von Gertrude Stein, die sie zwischendrin zum Besten geben. Diese stammen vor allem aus "The Making Of Americans", und ich hatte schon vergessen, wie gut die eigentlich sind. Sie passen zu den Beach Boys-Hintergründen, die Goebbels unverändert, höchstens ein bisschen verlängert laufen lässt, schon deswegen so gut, weil sie so ohne jeden Drang, ohne jede Überzeugung und Ideologie endlos iterieren und permutieren, wie die leisen Leichtfüßigkeiten der "Pet Sounds".
Sie übertragen aber auch ein bisschen die Stimmung des einen (maßlose Melancholie) auf die des anderen (aufgeräumt amerikanische Anerkennung der Tatsachen), so dass man beide miteinander verwechseln kann. Oder die eine Stimmung für den Kern der anderen halten. Wer sich so in seine Melancholie fallen lassen kann und sie so bis zur Neigung kostet, dass er sie gestalten kann, wird vielleicht von einem - womöglich kalifornischen - Kokon der Bejahung geschützt. Wer derart musikalisiert und repetitiv seine positiven Daten und Deskriptionen so ununterbrochen und unerschrocken durch seine strengen Strukturellen nudelt, singt vielleicht noch von etwas anderem. Wenn bei Goebbels' Stein immer wieder von "Little Ones" die Rede ist, wenn immer wieder die Optik einer freundlichen, mildeamüsierten und auch aufmerksamen, ja sehr interessierten, doch unerschütterlichen Großtante eingenommen wird, bleibt auch immer etwas emotional ungeklärt. Diese Fröhlichkeit darüber, sich zu dieser Wiederholung der Wiederholung des Faktischen durchgearbeitet zu haben! Wie dieser produktive Mangel der Stein-Texte dann wiederum in den Hammerklavier- und Xylophon-Geflechten der Beach Boys räsoniert, ist sehr beeindruckend. I know this distinction, it has real meaning, I am saying it again and again and now I begin again with a description.
Danach geht es aber richtig ins Innere. Ins Innere des Hauses wie der Seelen. Dort ist Japan. Die twomblysierende Krakel-Kalligraphie am Bühnenrücken gibt den Ton vor für die für meinen Geschmack etwas überpoetisierte Phase, die nun eine Weile vorherrschen wird. Tänze mit Kissen: vielleicht etwas zu weich und ohne räsonierendes Geräusch. Dass es durch die amerikanische Tür nach Japan geht, ist die eine, die andere Lesart die, dass es innen eben einfach japanisch zugeht. In uns, im Zentrum der Wilsonschen Melancholie ebenso wie in dem der Steinschen Permutationen raschelt ein Haiku im Wind. Mit einer lakonischen Laute um die Wette. Yumiko Tanaka singt nun japanische Lieder und begleitet sich auf einem japanischen Instrument. Von Lied wie Instrument wissen wir nur, dass sie traditionell sind. Natürlich sind auch dies "Pet Sounds" - eine japanische Tradition überdies, jeden größeren Garten Kyotos so zu gestalten, dass noch die herabfallenden Tropfen eines Zierflüsschens zart auf einem Moos landen, welches sie weich auffängt und dann ein ebensolches, aber doch ganz bestimmtes und wohl kalkuliertes Geräusch ergibt.
Gewaltlos wird der Raum wieder etwas robuster gemacht. Bald sind die drei wieder ein musizierendes Trio. In der Mitte wird ein Theremin beschworen. Dieses sehr frühe elektronische Instrument, von dem gleichnamigen russischen Physiker erfunden, dessen Doppelagenten-Leben zwischen Stalin, CIA, KGB und Synthesizer-Erfinden vor ein paar Jahren in einem bemerkenswerten Dokumentarfilm beschrieben wurde, passt natürlich ins Zentrum der Bühne wie des Stücks ganz besonders gut, weil es ohne eine direkte Berührung gespielt wird. Die Musikerin spielt das Gerät, indem sie ihre Hand oder andere Körperteile in der Nähe des elektronischen Instruments bewegt. Natürlich ist es das ideale Instrument eines jeden expressiven Performers oder Tänzers, aber kaum jemand bringt etwas anderes hervor als mehr oder weniger zufällige Sound-Effekte. Eigentlich konnte nur die vor zwei Jahren verstorbene russisch-amerikanische Violinistin Clara Rockmore auf dem Theremin eine Partitur umsetzen. Als das Theremin vor dem zweiten Weltkrieg so eine Art futuristisch musikalische Jahrmarkts-Attraktion war, gab es öffentliche Vorführungen seiner Wirkung, bei denen meistens attraktive Frauen die Klangerzeugung demonstrieren mussten.
Bevor das Gerät in den 90ern wieder in Mode geriet, waren es natürlich auch wieder nur die Beach Boys, die es für einen entscheidenden, sirenenartigen Sound-Effect in "Good Vibrations" einsetzten. Bei "Hashirigaki" gerät das Theremin-Gefuchtel zu einer Hände-Performance im großen Stil. Die Luft walken und kneten, streicheln und halten - für Männerhände viel zu schade. So gelungen diese Performance für sich war, so sehr zeigte sich in ihr dann doch das Problem eines amüsierten, nun aber generellen und nicht mehr spezifisch Steinschen Großtanten-Blicks auf das, was die Ladies so tun, wenn sie allein sind. Auch wenn es sonst dem Stück immer gelingt, auf sehr angenehme, entschiedene, aber leichte Weise jeder Lesart einer geschlechts-essentialistischen Frauenverkitschung als Streichel- und Haushaltsexpertinnen des Innen den Boden zu entziehen. So rutscht es zuweilen doch auch in ein arg süßes Lob der schönen weiblichen Seele, zumal auch die leichte Ironie, mit der die Performerinnen zu Werke gehen, sich auf kein erkennbares - zu ironisierendes - Gegenüber bezieht. In ihrer Unbestimmtheit wird sie affirmativ.
Zeit vergeht. Jetzt sind die drei wieder ganz den Klängen der Beach Boys, beziehungsweise des von Brian Wilson arrangierten Orchesters ausgesetzt. Eine Stadt aus kleinen Papp-Häusern, dann eine Bushaltestelle. Häuser werden von Händen hingestellt, arrangiert. Der große Papp-Bus kommt, nimmt mit, bringt zurück. Die Performerinnen sprechen wieder Stein-Texte oder singen Original-Beach-Boys-Gesangsparts mit charmant unterschiedlichem Erfolg. Diese Konfrontation der Stein-Texte mit dem Beach-Boys-Backing klingt nun fast wie eine neuere Robert-Ashley-Oper ("Your Money My Life Goodbye" zum Beispiel). Allerdings wie eine Version, bei der das britische Trio St. Etienne mitgemacht hätte. Man muss nun öfters an andere, eigentlich von einander entfernte, nun aber viel näher gerückte Performer, Pop-Bands und Poeten denken. Der Zusammenhang zwischen Beach Boys und Stein, zwischen Pazifik und Paris hat offenbar noch für anderes Platz. Man stellt sich gern vor, dass da, wo sie dieses Stück herhaben, es noch mehr davon gibt. Trotzdem war es nicht die Versöhnung zweier Welten, sondern ein Einblick in ein nettes Zimmer, das bei aller Vertrautheit auch ganz unbekannt war.
Die einzige Gefahr - in diesem Text wie in der Inszenierung, die er beschreibt - bestand darin, diese Zimmer-Utopie ein bisschen zu verklären.
(Dietrich Diederichsen)

DIE WELT, 23.10.2000
[...] Hashirigaki, das sind bei Goebbels betörend schöne Sound- und Szenenbilder, aus denen eine von unzähligen denkbaren Welten auftaucht. Diese Welt macht erst gar nicht den Versuch, wirklich zu wirken. Europäische, japanische und amerikanische Text- und Musikelemente werden hoch stilisiert und verschmelzen dort oben zu einem künstlerisch-künstlichen Weltstadtbild: stark geprägt vom Lichtdesign Klaus Grünbergs, der den ganzen hohen Raum mit künstlichen anmutenden Farben voll laufen läßt, von Grün zu Rot zu Gelb. Drei Schauspielerinnen aus verschiedenen Kulturkreisen tragen die Musik und die Texte vor: Charlotte Engelkes aus Schweden, die Franco-Kanadierin Marie Goyette und die Japanerin Yumiko Tanaka.
Die Texte - Auszüge aus Gertrude Steins "The Making of Americans" - werden von Goebbels geschickt als Töne in die Komposition eingebaut. Der Sinn der Worte geht nach 1001 Wiederholungen verloren, ihr Klang verschmilzt mit Teilen des Brian-Wilson-Musikstücks "The Making of Pet Sounds" und verschiedenen Tony-Asher-Chansons, mit Geräuschen und traditioneller japanischer Musik zu einem neuen Ganzen.
[...] In der Musik geschieht parallel ein kleines Wunder: Fremdartig klingende japanische Instrumente - das dreisaitige Shamisen, das zitherartige Taisho-Koto, das violinenähnliche Kokyu - werden gemeinsam mit dem russischen Theremin, marrokanischen Zimbeln, einem französischen Kasten-Harmonium zu einem futuristischen Orchester. Es spielt den Nowhere-Blues der Stadt, die auf der Bühne entstanden ist und Everywhere-City heißen könnte, wollte man ihr einen Namen geben. Aber genau das will man nach diesem Abend nicht mehr...

HAMBURGER MORGENPOST, 23.10.2000
Wir leben, lieben,träumen..." Wir bauen Städte aus Pappkartons und lassen sie zum Himmel fliegen. Kuhglocken hängen vom Schnürboden, klingen dunkel, verwandeln sich in Ballons und schweben davon. Goebbels ist ein Magier. Seine Kunst ist ein Theater für die Sinne. Für Augen und Ohren - und nach einer kleinen Explosion sogar für die Nase. Blau, Grün, Gelb, Rot - Farben von kraftvoller Schönheit zaubert Lichtdesigner Klaus Grünberg auf das Halbrund der Bühne. Lichtspuren, die wie Schriftschnörkel aussehen, nehmen die Darstellerinnen auf und lassen sie verschwinden. Dann sind die drei Frauen wieder da, jede mit einem Klangkasten. Aus Vibrationen, traditioneller japanischer Musik und Rhythmen der Beach Boys produzieren sie einen ost-westlichen Ohrenrausch.
"Hashirigaki" heißt unter anderem "eilen". Das mag der Schreibstil der Stein gewesen sein - für Goebbels Inszenierung ist das Wort mißverständlich. Wir eilen nicht, wir schweben, an die Hand genommen von diesen drei ausdrucksstarken Frauen, die auf dem gepolsterten Boden kunstwandeln - durch Gertrude Steins Sprache und Brian Wilsons Musik, durch Zeit und Raum und durch unser Bewusstsein. "Some come together to see something, to hear something." Zusammen kommen, etwas sehen, etwas hören. Beglückend! [...]

HAMBURGER ABENDBLATT, 23.10.2000
[...] Traumhafte Lichtspielereien sind da zu sehen, in schlicht genialen Tableaus. Eine Theater-Wundertüte wird ausgepackt, auf die ein in Selbstzitaten erstarrter Bob Wilson neidisch sein könnte. Für eine Szene hat Florence von Gerkan Engelkes einen von innen beleuchteten Kokon-Overall auf den Leib geschneidert, bei dessen Metamorphose es still im Saal wird [...]

GIESSENER ALLGEMEINE 23.10.2000)
Bizarre, bildstarke west-östliche Traumreise
[...] Die drei Frauen entführen mit Charisma in die absurden und bunten Welten von Fantasie und Kindheit. Im Reifrock, riesengroß und rothaarig wirkt die Schwedin Charlotte Engelkes wie eine überdimensionale Figurine aus Oskar Schlemmers "Triadischem Ballett". Puppenhaft zierlich und klein wirkt dagegen die japanische Musikerin Yumiko Tanaka, die auf verschiedenen Instrumenten ihrer Heimat spielt und durch die Kraft ihrer rauhen Schreie bei einem rätselhaften Ritual überrascht. Eher unaufällig dazwischen, aber mit clownesker Grazie und Mimik agiert die Kanadierin Marie Goyette. Sie parodiert Gertrude Stein in Männerhut und Mantel. Auszüge aus der wortspielerisch kreisenden, sich wiederholenden Experimentierprosa der amerikanischen Schriftstellerin ("The Making of Americans") bilden die Textbasis des Stücks.
Der japanische Titel "Hashirigaki" heißt soviel wie "schnell schreiben" oder "rasch gehen". Goebbels hat sich von den Ähnlichkeiten und Gegensätzen in der Ästhetik und Form westlicher und östlicher Kunst inspirieren lassen und verbindet sie in Bild und Musik.
Die "Pet Sounds" der Beach Boys verfremdet Tanaka mit einem japanischen Streichinstrument. Sie klingelt auf dem Glockenspiel, zupft virtuos eine Art Zither. Ebenso mühelos gleiten in Goebbels' Bildsprache surreale Magritte-Fantasien, die klarlinige Kunst des Bauhauses und japanischer Reduktionsstil ineinander.
Engelkes steckt in einem von innen erleuchteten Kokon aus Papier - ein Zauberwesen aus einer anderen Welt. Ganz von dieser Welt dagegen ist die kleine Pappkartonstadt, die sich die drei Frauen aufbauen und dann mittels Flaschenzug im Bühnenhimmel verschwinden lassen. Grellfarbige Perücken auf dem Kopf, singen sie inbrünstig den Ohrwurm "Put your hand on my shoulder", verwandeln sich darauf in anmutige Geishas, die manierlich an der Rampe musizieren [...]

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 25.10.2000
[...] Der magische Soundpoet Heiner Goebbels hat mit "Hashirigaki" sein erstes Musical komponiert [...] Superschönes Grün mit superschön gekritzelten Lichtprojektionen, superschöne Frauen in superschönen Kostümen, die ständig gegen ebenso superschöne ausgetauscht werden: Reifröcke, Verpuppungshüllen und glitzergraue Overalls für Astronautinnen, das kommt noch in Mode, bestimmt. Dieses Angriffs auf die Augen kann sich nur erwehren, wer die Augen zumacht. Und da ist sie dann plötzlich wieder, die vertraute Hashirigaki-Tonspur, wegen der man zu Goebbels' Aufführungen pilgert: Glockentöne, Gesang, elektronisches Vogelgezwitscher, von fern ein paar japanische Klänge, der Schrei einer Frau. Die Soundmaschine wird abgewürgt, eine Frau kippt um, die nächste Frau steht schon bereit. Charlotte Engelkes, Marie Goyette und Yumiko Tanaka bleiben dabei seltsam isoliert, nicht wirklich ein Trio, eher die drei von der Punkstelle, jede für sich, sehr geschmackvoll und sehr unnahbar...
Plötzlich nämlich wird der abend leicht und hebt ab. Großstadtzitate aus Pappe zieren die Bühne: Wolkenkratzer, eine Kathedrale, eine Fabrik. Eine Papp-Bus-Silhouette wird quer über die Bühne getragen, und wenn man jetzt ganz genau hinsieht, kann man sehen, daß Frauen aus den Fenstern schauen - in einer Sekunde, da man noch nichts von ihnen weiß.
"Come close, close your eyes and be still. Don't talk, take my hand, and listen to my heart... beat... Listen. Listen. Listen." Das sind nocheinmal die Beach Boys. Sie haben über "Hashirigaki" alles gesagt.

TAGESSPIEGEL, 29.10.2000
Von der schönen Unendlichkeit einer Stadt aus Pappmaché [...] Wer Ohren und Augen aufsperrt erlebt eine große glückliche Synthese in der alles mit allem reagiert und etwas neues entsteht [...] Und drei Frauen voller Geheimnisse: Ein Kuss für jede. Und eine Umarmung für Heiner Goebbels [...]