Konzerte
TAGESANZEIGER, 25. August 2003
Duett mit pfeifendem Teekessel
Musik, die aus dem Kollektiv entsteht und in Dialog zur Umwelt tritt:
zwei Konzerte und eine Begegnung mit dem deutschen Komponisten Heiner
Goebbels.
Er gilt als Mittler von E-Musik, Jazz und Rock, als Strassenkämpfer
und politischer Komponist, der zu seinen Vorbildern Hanns Eisler zählt
und der immer wieder die Texte von Heiner Müller vertont hat. Mit
diesem Bild von Heiner Goebbels im Hinterkopf erlebt man dann auf der
Bühne zum Beispiel dies: Ein Musiker trägt einen Gaskocher rein,
stellt einen Teekessel drauf und bringt Wasser zum Sieden. Er erledigt
dies und das, im Hintergrund ist sonst einiges los. Und wenn der Teekessel
nach einiger Zeit pfeift, nimmt er seine Piccoloflöte hervor und
pfeift zu diesem "Orgelton" seinerseits Tonarabesken. Das sind
die Elemente, die einen zum Staunen bringen und ein Musiktheater wie "Schwarz
auf Weiss" zum Hör- und Seherlebnis machen. Die Musik und das
Theater: Sie werden bei Heiner Goebbels aus den Gegenständen entwickelt.
Geschlecktheit vermeiden
Sensibilisiert durch das Motto: "Ich", das sich das Lucerne
Festival heuer übers Programm geschrieben hat, fragt man sich gleich,
wie einer auf solche Ideen kommen mag. Das ist keine Kunst, die zu Hause
im Elfenbeinturm ausgedacht wurde. Sie entsteht spürbar im Kontakt
mit den Musikern des auch an diesem Abend wieder hervorragenden Ensemble
Modern. Die Partituren, so sagt der 51 Jahre alte Komponist, seien zwar
am Schluss exakt notiert, aber wenn er fast ein Jahr vor der Aufführung
zur ersten Probe komme, habe er noch nichts geschrieben. Im Kontakt mit
den Musikern entstehen Bilder und Ideen. So geschah es bei "Schwarz
auf Weiss", das bewusst auf einen Protagonisten verzichtet, oder
auch bei der Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten", die
vergangenen Oktober in Genf uraufgeführt wurde. "Nach dieser
ersten Erfahrung ziehe ich mich zurück und versuche, etwas zu schreiben,
das all diese Stimmen vorkommen lässt. Denn bei einem Ensemble wie
diesem sind viel mehr Stimmen zu hören, als ich mir als Einzelner
ausdenken kann."
So vielstimmig komponierend, arbeite er eigentlich am Verschwinden des
Komponisten-Ichs. "Ich tue genau das Gegenteil. Ich versuche, nicht
ständig Ich zu sagen. Deshalb liebe ich dieses Zitat von Walter Benjamin,
der über Franz Kafka sagt: Kafka habe erst da angefangen, grosse
Literatur zu schreiben, als er in der Lage war aufzuhören, Ich zu
sagen." Spannend werde es doch erst, wenn sich etwas þberindividuelles
formulieren lasse. "Starke Künstler machen das aus einer Obsession
heraus, andere eher aus der gesellschaftlichen Beobachtung. Und zu denen
würde ich mich eher rechnen: Das Ich als ein Kollektives; Kunst als
Ausdruck nicht einer persönlichen Obsession, sondern als kollektive
Erfahrung und als gesellschaftlicher Schatz."
Das ist in "Schwarz auf Weiss" exemplarisch erlebbar. Auf spielerische
Weise entstehen die Bilder: Ob nun die Musiker Tennisbälle auf eine
grosse Trommel werfen oder ob sie einzelne Töne skandierend über
Bänke schreiten. Dieses Ensemble-Kollektiv geht dabei freudig einen
Schritt über sein hohes Spezialistentum hinaus. Jeder Musiker greift
sich immer wieder Instrumente, die er nicht oder nur ansatzweise beherrscht
- was der Musik wiederum etwas Ursprüngliches, Rohes gibt. Jede Geschlecktheit
wird vermieden. Und schliesslich bleibt es auch nicht beim blossen Spiel.
Hinter dem Stück stehen Texte von Edgar Allan Poe, T. S. Eliot und
Maurice Blanchot, die von Abwesenheit, Tod und Ich-Verlust handeln. Und
selbst wenn die literarischen Zusammenhänge nur stellenweise erahnbar
sind, so erhält dieses Musiktheater etwas Zwingendes: So und nicht
anders muss es sein. Gefordert ist absolute Präzision, weil sonst
die Prägnanz des Rhythmus verloren geht.
Viele Stücke von Heiner Goebbels entstehen aus der Beschäftigung
mit Texten oder Bildern. "Es gibt wenige Stücke, die keine aussermusikalische
Idee haben, und selbst bei diesen würde ich vielleicht sagen: Es
ist Musik über Musik." Was in der Viel- oder Verschiedenstimmigkeit
des musikalischen Materials zu hören ist. Auch das ist ein Kollektiv.
Es drückt sich in der Arbeit mit dem Sampler aus: Das Eigene steckt
in der Verfahrensweise: "Wie montiere ich die Materialien, die nicht
originär von mir sein müssen? An den Schnittstellen können
Sie mich ausmachen. Da entscheidet sich, ob eine Konfrontation funktioniert.
Nicht wichtig ist ja, ob ich mit Hip Hop, griechischen oder dokumentarischen
Elementen arbeite, sondern wie ich das tue."
Pauken mit Tüchern schlagen
In Stücken wie "La Jalousie" oder "Heracles 2",
die am Freitag ebenfalls mit dem Ensemble Modern in Luzern zu hören
waren, ist das konsequent dargestellt. Die Montage des heterogenen Materials
erscheine schlüssig, wenn sie nach musikalischen Kriterien funktioniere:
"Wenn in einem Geräusch Obertonreihen aufscheinen, die anschliessend
in der elektronisch verzerrten Geige ihr Echo finden, oder wenn in einem
vorbeifahrenden Auto eine Tonhöhe angespielt wird, die im Cello weitergeht".
So entwickelt er in der Musik sinnfällige, sinnliche Bilder, etwa
wenn in "Industry and Idleness " (was sich als "Fleiss
und Faulheit" übersetzen liesse), die Pauken über längere
Zeit beharrlich mit laschen zusammengefalteten Tüchern geschlagen
werden. Das ist weitaus mehr als ein simpler Effekt. Wen wunderts, dass
Goebbels rhythmisch, harmonisch, klangfarblich ständig mit der Umwelt
kommuniziert, auch ausserhalb seiner Musik, zum Beispiel "wenn ich
eine Treppe runtergehe, oder wenn ein Specht gegen einen Baum klopft".
Das Ich ist hier ein Medium, freilich nicht eines der mystischen Art,
sondern eines, das auf dem Boden bleibt.
(Thomas Meyer)
NEUE ZÜRICHER ZEITUNG, 25. August 2003
Die Perspektive des Hörers
Heiner Goebbels - präsentiert vom Ensemble Modern
Aus den Lautsprechern ist ein Sprecher zu vernehmen, der den Schluss der
Kurzgeschichte «Schatten» von Edgar Allen Poe liest: Den Überlebenden
einer
Pestseuche erscheint ein Schatten, in dessen Tonfall sie schaudernd die
Stimmen der dahingerafften Freunde erkennen. Die Musikerinnen und Musiker
des Ensemble Modern setzen sich verstreut auf die Bänke des verdunkelten
Bühnenraumes. Mit stilisierten Bewegungen beginnen sie zu spielen,
doch es erklingen nur geräuschhafte Fetzen. Das seitliche Scheinwerferlicht
lässt lange Schatten entstehen. Auch oben an der Bühnenrückwand
ist ein Schatten zu sehen. Plötzlich kracht der Bühnenrahmen
herunter, alle erstarren. Katastrophe? Jedenfalls das Ende.
So hört das Musiktheater «Schwarz auf Weiss» von Heiner
Goebbels auf, das die Werkschau wichtiger Kompositionen des diesjährigen
«composer in residence» am Lucerne Festival eröffnete.
Dass sich die verschiedenen Elemente in der Schlussszene so eindeutig
dem vorgetragenen Text unterordneten, war ein Extremfall der Aufführung.
Denn Goebbels sucht sowohl als Komponist wie als Regisseur das Illustrative
und das Hierarchische zu vermeiden. In der Tat führten Text, Musik,
Bühnenbild, Licht und Szene ein starkes Eigenleben. Trotz den rezitierten
Texten gibt es in «Schwarz auf Weiss» keine narrative Struktur.
Die Akteure sind die achtzehn Instrumentalisten des Ensembles, und ihre
«Handlungen» bestehen vornehmlich im theatralischen Bedienen
ihrer Instrumente: auspacken, aufstellen, einrichten, spielen, wegräumen.
Dabei bläst eine Streicherin auch mal in ein Horn, oder die Bläser
werfen mit Tennisbällen nach der
grossen Trommel. Dieser Performance-Charakter - die Musiker brachten ihre
Individualität so lebhaft ein, dass Werk und Aufführung weitgehend
ineinander verschmolzen - bildete das stärkste Erlebnis des ersten
Abends.
Die musikalischen Merkmale der Handschrift von Goebbels, die bei «Schwarz
auf Weiss» zu hören waren, zeigten sich auch beim Porträtkonzert
des zweiten
Abends, wenngleich in unterschiedlichen Spielarten.
Goebbels' Musik klingt polystilistisch; ihre Ahnen sind nicht primär
bei der deutschen Nachkriegs-Avantgarde zu suchen, sondern im Free Jazz,
bei der Improvisation, der Popmusik, der Politmusik Hanns Eislers und
der traditionellen Kunstmusik. In der Ensemblefassung «Industry
and Idleness», bei der der Dirigent Franck Ollu das gross besetzte
Ensemble Modern sicher durch die rhythmischen Klippen führte, sind
diese Stilschichten eng miteinander verflochten. Schräges und Schönes
waren gleichzeitig zu vernehmen, so etwa die flatterhaften Töne einer
Trompete und die langgezogenen Terzenparallelen zweier Oboen.
Oft lässt sich Goebbels von einem literarischen Hintergrund inspirieren.
Im Fall des Stücks «La Jalousie» nach einem Roman von
Alain Robbe- Grillet führt dies zu einer mehr angedeuteten als ausgeführten
Semantik, während sich der Inhalt des Stücks «Herakles
2», der Kampf des Helden gegen die Hydra, in einer Musik niederschlägt,
die immer mehr ins Stolpern gerät und am Schluss auf einem endlos
wiederholten Ton der Trompete endet. Solchen autoritär gesteuerten
dramatischen Entwicklungen misstraut Goebbels zwar in der Theorie, doch
in der Praxis lässt er sie gelegentlich zu. In den «Bildbeschreibungen»,
die zum Schluss des zweiten Abends uraufgeführt wurden, greift er
das Thema des Autoritären sogar explizit auf. Das Werk stellt sozusagen
ein Abfallprodukt seiner 2002 entstandenen Oper «Landschaft mit
entfernten Verwandten» dar.
Gegenstand der Oper und der Suite sind Bilder, vorwiegend Landschaften,
in denen die Maler kein Zentrum festgelegt haben und der Betrachter sich
seine
eigene Perspektive zurechtlegen kann. Wer bei «Bildbeschreibungen»
eben diese Freiheit für sich beanspruchte, konnte vermutlich den
grössten Gewinn
verbuchen.
(Thomas Schacher)
Hypertrophe Sinfonie einer modernen Großstadt
Ein Abend voller Spielwitz: Neujahrskonzert im Frankfurter Mousonturm
mit dem Agon Orchestra aus Prag "New York besteht aus unzähligen, sich
selbst aufrechterhaltenden Organismen. Aber die Dinge gelangen in die
Luft. Du hörst irgend jemandes Rhythmen in der Luft, du ißt das Essen
verschiedener Leute, du hörst Gespräche, du siehst, daß sich die Leute
unterschiedlich kleiden. Du pickst dir heraus, was immer du gebrauchen
kannst, und gibst deinerseits wieder was an die Luft ab." (...) Denn selten
hat man die filmmusikalischen Stimmungsbilder mit narrativem Subtext "La
Jalousie. Geräusche aus einem Roman" so bluesig dirty gehört, was zum
Teil auch an der nicht immer einsichtigen elektrischen Verstärkung des
Konzerts mit ihren hier eigentlich willkommenen Nebengeräuschen lag. Das
vom französischen Autor Alain Robbe-Grillet inspirierte, eher leise Werk
paßte als Kontrast bestens zu Sharp. Heiner Goebbels schildert hier die
stillen Geräusche eines Hauses und seiner Umgebung und will gleichzeitig
das Hören sensibilisieren. Die Geschichte dazu konnte sich trotz französischen
Sprechers jeder selbst erfinden. Nächtliches Zirpen, Schritte, ein startendes
Auto, ätherische Klangflächen, plötzliche Beschleunigungen und ein ständiges
Zurückfallen in merkwürdig rezitativische Klavierlinien illustrierten
die evozierten Bilder.
(Achim Heidenreich)
TAGESSPIEGEL (21.12.1993)
Schritte auf Stöckelschuhen
Heiner Goebbels mit dem Ensemble Modern im Hebbel-Theater
Es fängt alles ganz harmlos an... Die Musik von Heiner Goebbels beginnt
häufig mit einfachen Bauteilen, mit einem Rockrhythmus oder einer
balladesken Melodie. Hörer aus der Jazz- und Rockszene, aber nicht
nur solche, erhalten so einen Einstieg. Hat sich der Zug dann aber in
Bewegung gesetzt, werden neue Gleise angefahren, hart über die Weichen
springend, sprunghaft auch im Wechsel der Tempi. Die Bruchstellen bleiben
sichtbar.
Schon das "Sogenannte linksradikale Blasorchester", bei dem
der Frankfurter Komponist bis 1981 mitwirkte, saß zwischen den Stühlen,
zwischen den Stilen und Genres. Mit einer Musik für die Ballett-Compagnie
William Forsythes begann 1988 die Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern.
Auch in der konzertanten Fassung "Red Run", von einem tickenden
Schlagzeugsolo eingeleitet, sind die Musiker Protagonisten auf der Bühne.
Scheinwerferkegel markieren ihre wechselnden, vom Rockgestus ausgehenden
Soli. Songs, Lieder ohne Worte.
Meist aber geht Heiner Goebbels von Texten aus, bevorzugt von Theaterstücken
Heiner Müllers. "Herakles 2" für fünf Blechbläser,
Schlagzeug und Sampler ist eine Verwandlungsszene, die Verwandlung eines
Kämpfers in seinen Gegner. Der blockhafte Bläsersatz einer Jazzballade
löst sich unter dem Einfluß eines verzwickten Schlagzeugrhythmus
auf, bis nur schnarrende Repetitionen übrig bleiben. Ein auskomponierter
Untergang, hochprofessionell musiziert wie alle Stücke dieses Abends,
trotz einiger Vermittlungsstufen aber überraschend linear im Ablauf.
Jemand blättert hörbar in einem Buch. Es ist der Roman "La
jalousie" von Alain Robbe-Grillet, die detailliert beschriebene Geschichte
einer Eifersucht. Goebbels lieferte dazu das akustische Substrat: eine
wogende Melodie vor zirpender Nachtstimmung, Vierteltonschwankungen eines
E-Pianos, das Aufheulen eines anfahrenden Autos, regelmäßige
Schritte auf Stöckelschuhen, von Bläserakkorden irregulär
gegliedert - suggestive Einzelteile, deren vielschichtiger Zusammenhang
der Phantasie des Hörers überlassen bleibt. Es gilt, den Alltag
zu entschlüsseln.
Obwohl Heiner Goebbels ein breites Publikum erreicht (das vollbesetzte
Hebbel-Theater bewies es), liefert er keine einfachen Lösungen. Auch
das Sichere ist nicht sicher. Das Gedenken an die Französische Revolution
beging er 1989 im Auftrag der Alten Oper Frankfurt mit einer grellen Polemik
gegen den bürgerlichen Freiheitsbegriff. Frank Zappa, mit dem das
Ensemble Modern noch bis zuletzt zusammenarbeitete, hätte ihm da
lebhaft zugestimmt. Mit Zappas Klavierduo "Ruth is sleeping"
hatte das Ensemble zu Beginn an den rebellischen Amerikaner erinnert.
Einen ähnlichen Zwischenweg geht es mit Goebbels weiter. Mit ähnlicher
Risikobereitschaft.
(Albrecht Dümling)
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (05.06.1993)
Geräusche aus einem Roman
Werke von Heiner Goebbels bei den Maifestspielen
Nicht das Warum, sondern das Wie ist es, das Alain Robbe-Grillet an der
Eifersucht interessiert. In seinem Roman "La Jalousie" verstrickt er das
tausendfach bespielte Motiv allerdings nicht in eine dramatische Handlung.
Vielmehr macht er sich schlicht beschreibend auf die Suche nach Konstellationen
von Objekten, nach Bildern und Geräuschen, in denen Wahrnehmung von Eifersucht
verschlossen sein kann. Die besondere Gewichtung akustischer Phänomene
in "La Jalousie" inspirierte Heiner Goebbels zu seiner gleichnamigen Komposition
mit dem Untertitel "Geräusche aus einem Roman". Tatsächlich quakt und
klappert, fiept und scheppert es. Neben instrumental erzeugten, teilweise
tonmalerisch geformten Krach setzt Goebbels Motorengeräusche und Schritte,
die dem Stück Soundtrack-Charakter geben. Blau beleuchtet ist der Bühnenraum
des Kleinen Hauses im Staatstheater Wiesbaden, wo das Ensemble Modern
unter Leitung von Peter Rundel im Rahmen der Maifestspiele Kompositionen
von Heiner Goebbels spielte. Das gleichmäßig kalte Licht bündelt die Konzentration
ganz aufs Akustische. Es schafft Assoziationsfelder, eine surreale Stimmung,
in die Goebbels' Sympathieerklärung an Robbe-Grillet gebettet ist. Nur
kurz, wenn ein paar Textausschnitte verlesen werden, bricht ein gelber
Scheinwerfer ins kalt neutrale Blau. Es ruft zurück zur Romanvorlage,
ohne daß diese Reminiszenzen eigentlich vertont würden. Sie sind Fragmente,
die wie die Geräusche und Töne, wie das Motorenbrausen und die E-Gitarren-Phrase
als akustisches Material fungieren. In "Herakles 2" nach dem gleichnamigen
Text von Heiner Müller hat Goebbels die Worte völlig eliminiert. Die Musik
trägt hier das Wissen um den Text in sich, ohne diesen selbst zu intonieren.
Sprachhaftes klingt im insistierenden Signal- und Antwortspiel gegen Schluß
an, und das übersichtliche Grundmuster der Komposition, ihr sanft bassiges
Fundament, in das jazzige Floskeln einbrechen, mutet manchmal wie eine
Metasprache an. Auf andere Art hatte Goebbels den Müller-Text "Mann im
Fahrstuhl", der vor zwei Jahren in Frankfurt zu hören war, verarbeitet.
Er ließ ihn neben einem musikalischen Komplex, der über weite Strecken
die äußerste dynamische Grenze erreicht, verlesen. Insofern ähnelt dieses
Stück der konzertanten Szene "Befreiung" nach Rainald Goetz, wobei hier
die Rhythmik des Textes (eindrücklich gelesen von Christoph Anders) enger
mit der Faktur der Musik verwoben scheint. Ohne Textfundament, aber integrativ
mit Tanz verbunden ist "Red Run", Goeb-bels' Musik für ein Stück der Tänzerin
und Choreographin Amanda Miller. Gleichsam exemplarisch zieht Goebbels
hier alle Register seines Komponierens. Geräusche, die per Synthesizer,
aber auch mittels einer gestrichenen Pappkiste entstehen, U-Musik-Floskeln
und pseudo-schmalzige E-Musik-Phrasen verschmel-zen zu einem farbigen
Ganzen, das im übrigen den Beginn von Heiner Goebbels' Zusammenarbeit
mit dem Ensemble Mo-dern markiert. Weitere Stücke wie "La Ja-lousie" entstanden
direkt für das Ensemble, andere wie "Herakles 2" hat es mitt-lerweile
im festen Bestand und ist daher Garant nicht nur für exemplarische, son-dern
auch für authentische Interpretationen dieser Musik.
(Hanno Ehrler)
FRANKFURTER RUNDSCHAU (10.09.02)
Reale Musik
Goebbels in der Alten Oper
Die Biographie Heiner Goebbels ist gekennzeichnet von einem ständigen
Wechsel der Perspektive. Die politischen Implikationen des sogenannten
Linksradikalen Blasorchesters bildeten in den späten siebziger Jahren
den Anfang eines umfangreichen musikalischen Schaffens, das sich später
des Theaters, des Hörspiels, der Philharmonie und schließlich
der Oper bemächtigte. Goebbels tritt in dieser Biographie in unterschiedlichsten
Funktionen auf, als musizierender Demonstrant, als experimenteller Rockmusiker,
als Theatermusiker, als Komponist und Regisseur. Bald auch dient er als
Aushängeschild der Hochkultur: Im nächsten Jahr wollen die Berliner
Philharmoniker unter Simon Rattle ein Auftragswerk von Heiner Goebbels
uraufführen. Gerne wird solcher Wandel neuerdings mit der Biographie
Joschka Fischers verglichen, so viele Frankfurter haben es ja nicht nach
Berlin geschafft. Und so muss sich auch Goebbels der Gretchenfrage aussetzen:
Bereuen Sie etwas?
Wolfgang Sandner stellt die Frage bei der Präsentation des von ihm
herausgegebenen und Heiner Goebbels gewidmeten Sammelbandes Komposition
als Inszenierung. Goebbels verneint sie vehement und verweist auf ästhetische
Strukturen seiner frühen Stücke, die heute noch gültig
seien. Wichtiger noch ist der Hinweis auf das, was Goebbels die "Haltung
des Musikmachens" nennt. Seine Werke wollen nicht in den Elfenbeinturm,
nicht einmal die Nische der Neuen Musik ist ihr Adressat. Sie bewegt sich
in und mit der Zeit, sie ist durchdrungen von der jeweiligen Gegenwart,
sie demonstriert, so Goebbels, "meine Transparenz gegenüber
der Zeit".
Diese Haltung bleibt vom Wandel der musikalischen Sprache weitgehend unberührt.
Eine geradezu radikale Offenheit prägt Goebbels Stücke, sie
saugen außermusikalische Einflüsse auf, reiben sich an ihnen
und reagieren musikalisch darauf. "Reale Musik" nennt das Stefan
Fricke im Programmheft zum Geburtstagskonzert des Ensemble Modern in der
Alten Oper.
Das Ensemble Modern ist seit 1986 der vielleicht wichtigste musikalische
Partner Heiner Goebbels' und damit zugleich Teil der Werke selbst, die
Kompositionen entstehen immer in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen
Interpreten. Auch in diesem Punkt ist Goebbels' Musik das Gegenteil von
hermetisch. Mit Berlin Qdamm 12.4.81 hatte das Ensemble Modern zugleich
ein Zeugnis des frühen Goebbels im Programm, eine von Ali N. Askin
ganz frisch für Ensemble gefasste, ursprünglich für Tonband
konzipierte Komposition, die das Zitat eines mit der Pistole auf steinewerfende
Demonstranten zielenden Zivilpolizisten umkreist und bearbeitet: "Ich
schieß, ich mach keinen Spaß!" Schon 1981 erliegt Goebbels
nicht der naheliegenden Geste des Protests, eindeutig waren seine Stücke
nie. Wenn das Zitat des Polizisten das erste Mal auftaucht, verstummen
E-Gitarre und Schlagwerk, und das Stück wird getragen von einer geradezu
fragil-melancholischen Streicherfigur. Massen kann man so nicht mobilisieren.
Später gewinnen seine Stücke an Tiefe Komplexere Strukturen
ersetzen die frühe Rockattitüde, der Klang wird offener, der
Rhythmus freier, vertrackter. Was bleibt, ist einerseits die Körperlichkeit
wie in Herakles 2 und vor allem den ersten beiden der Drei Horatier-Songs
aus Surrogate Cities, andererseits die Liebe zu heterogenem Material,
das Goebbels virtuos montiert schichtet. In die Samplersuite aus Surrogate
Cities, in eine von innerer Unruhe getragene, von nervösen Rhythmen
und harten Schnitten gekennzeichnete urbane Klanglandschaft blendet Goebbels
plötzlich den sanften Fluss einer Scarlatti-Sonate ein - gleichsam
als das musikalisch Andere. Damit öffnet er Räume, klanglich
wie bildlich. Und insofern ist Komposition bei Heiner Goebbels immer auch
Inszenierung.
(Tim Gorbauch)
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