Le Lieux de La
BÜHNE DRESDEN (07.10.02)
Spiel der Kraftvollen
Wenn zwei charaktervolle künstlerische Handschriften aufeinandertreffen,
kann das zu unterschiedlichen Wirkungen führen. Entweder, sie ergänzen
sich oder weichen sich gegenseitig auf. Möglich ist ebenso ein ausgewogenes,
gleichgewichtetes Verhältnis. Das vielleicht auch zulassen würde,
jeden Part für sich zu nehmen. Genau besehen brauchen die suggestiven,
bewegten Klangräume von Heiner Goebbels kaum ein zusätzliches
szenisches Realisieren. Sie sind so bildkräftig, aufregend, im besten
Sinne formend, dass sämtliche Sinne dabei ausgiebig gefordert werden.
Daran wird sich gewiss auch jeder erinnern, der die Aufführungen
von "Schwarz auf Weiß" und "Eislermaterial"
mit dem Ensemble Modern bei früheren Tagen zeitgenössischer
Musik erlebte.
Die Bewegungssprache der französischen Choreographin Mathilde Monnier
beweist ihrerseits so viel Eigenständigkeit - und das beileibe nicht
nur in diesem Stück -, dass das musikalische Material, rhythmisierte,
treibende, sphärische Klangstrukturen, quasi in der Körpersprache
aufgehoben scheinen. Man sieht nicht nur Bewegung, sondern spürt
sie in ihrer Musikalität fast körperlich. Und nimmt die sich
fast beiläufig ergebenden Situationen, Konstellationen, wahr, ohne
sie übermäßig deuten zu wollen, zu müssen.
Mathilde Monnier verzichtet auch in "Les lieux de lˆ" weitgehend
auf einen künstlichen Gestus. Sie entwickelt ihre Bühnensprache
fast zeichenhaft aus Notwendigkeiten heraus, schafft im Tanz - zuweilen
wirkt ihre Art schon bald wie eine Verweigerung desselben - ein Geflecht
sozialer Beziehungen. Worin der Einzelne eingewoben ist, aus dem er verstoßen
wird; da gibt es Innen- und Außenkreise, Getrenntes und Verschmolzenes.
Beeindruckend ist, wie es die Choreographin versteht, Stimmungen und Sinnbilder
zu assoziieren. Zum Beispiel, wenn sie ein geführtes Doppelwesen
entwirft, Körper wie das Pendel vom Metronom "ausschlagen"
lässt oder zu Ballungen anhäuft, um diese vielgestaltig wieder
aufzulösen. Die elf Tänzer der Mathilde Monnier Dance Company
aus Montpellier sind höchst individuell ausgewählt, haben trotz
gemeinsamer Ansatzpunkte unterschiedliche stilistische Prägungen.
Sowohl im Bühnenbild von Annie Tolleter wie auch im szenischen Geschehen
spielen Mauern, hoch und quer Gestapeltes, Gehäuftes als Metapher
eine Rolle. Feststehende Wände werden überwunden, Darsteller
zwängen sich durch schmale Zwischenräume, eine Tänzerin
wird in die Spalte geklemmt, kann sich nur mühsam halten. Und es
formen sich Mauern aus Leibern, sind Symbol bröckelnder Geschlossenheit,
von Nähe und Distanz, reihen sich Körper schutzsuchend aneinander,
wagt der eine oder andere den Sprung ins Ungewisse. Zum Schluss ein Bild
in Grau; Menschen im vergeblichen Bemühen. Wer denkt da nicht an
jüngst Erlebtes, schmerzhaft Erfahrenes.
Zwei Jahre hat es für dieses Stück von Mathilde Monnier gebraucht,
das sie selbst als ein choreographisches Tagebuch bezeichnet. Eine treffende
Charakterisierung. Spürt man doch deutlich, wie Möglichkeiten
immer wieder durchgespielt, Varianten ausprobiert werden. Auch, wenn sie
sich nicht zwangsläufig bedingen; missen möchte man an diesem
Abend weder die Klangräume von Goebbels noch die Körpersprache
der Monnier. Übrigens sitzt der Musiker Alexandre Meyer mit seinem
Instrumentarium wie auf einer Insel im Hintergrund des Bühnengeschehens.
Und erfüllt im Zusammenklang von Gitarre und Elektronik den Raum
gleichgewichtet, unüberhörbar. Ein Spiel der Kräfte. Und
zweier Kraftvoller.
(Gabriele Gorgas)
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