
Stifters Dinge
Interview mit Heiner Goebbels in: Tip Berlin 4.10.-17.10.07
NICHTS IST SCHÖNER ALS EINE LEERE BÜHNE
Heiner Goebbels über seine Musiktheater-Installation
"Stifters Dinge", über Theater ohne Menschen, Klaviere
im Regen und Einladung zum Sehen und Hören
Heiner Goebbels neues Musiktheaterstück "Stifters Dinge"
kommt ohne Menschen auf der Bühne aus keine Sänger, keine
Musiker,keine Schauspieler. Dafür bevölkern Dinge die Bühne:
Steine, Wasserbassins, Nebelschwaden, Klaviere, ein altes Gemälde
aus dem 17. Jahrhundert. Ausgangsmaterial sind unter anderem Naturbeschreibungen
von Adalbert Stifter ("Aus der Mappe meines Urgroßvaters").
Vor der Berliner Premiere hat uns der Komponist und Theater-Erfinder einige
Fragen zu seinem Projekt beantwortet.
- Was geschieht in Ihrer Inszenierung "Stifters Dinge"?
Geschieht überhaupt etwas?
Das werde ich Ihnen nicht verraten. Wo kämen wir da hin? Jedenfalls
nicht ins Theater. Denn das muß immer auch überraschen, neugierig
machen, etwas zeigen, das wir noch nicht gesehen haben, das unbekannt
ist, ein Rätsel, vielleicht ein kleines Wunder, schaun wir
mal.
- Ist der Abend ein Konzert, eine Klang-Installation, eine Art szenische
Meditation, eine neue Form von Musik-Theater ohne Handlung??
"Everything which is not a story can be a play" hat Gertrude
Stein gesagt und daran halte ich mich gerne, denn Geschichten haben wir
jetzt alle schon so viele gehört, und jede Marktfrau hat bessere
drauf als ich. Theater muß sich immer als eigene Realität ernst
nehmen, wenn es Kunst sein will, und nicht glauben, Mitteilungen über
die Realität machen zu müssen. Aber im Prinzip haben Sie gut
geraten: Stifters Dinge ist eine performative Installation mit vielen
Klängen Stimmen Bildern - und vor allem eine Einladung zum Hören
und Sehen
- Weshalb verabschieden Sie sich in diesem Stück ohne Darsteller,
einer Performance ohne Performer, von Menschen auf der Bühne?
Das ist ja nicht mein letztes Stück. Und im nächsten Musiktheaterstück
(mit dem Hilliard Ensemble) werden sogar leibhaftige Sänger auf der
Bühne stehen! Aber mich hat interessiert wie weit man mit der Abwesenheit
gehen und dennoch oder vielleicht gerade die Imagination
anregen kann. Ständig werden wir im Theater wie in den Medien
angeglotzt / angegangen / angeschrieen. Wir haben kaum Räume,
um selbst zu entdecken. Und ich habe in meinen Stücken Eislermaterial
und Eraritjaritjaka gemerkt, wie dankbar und angeregt das Publikum ist,
wenn das Zentrum der Bühne mal eine Zeitlang leer ist.
- In ihrem Stück stehen Klaviere auf der Bühne, eines spielt,
gesteuert von einer Software, eine Komposition von Bach. Ist das eine
Rationalisierungsmaßnahme, ein Gag oder ein Hinweis darauf, dass
Jonathan Meese mit seiner Großthese, die Kunst brauche den Menschen
nicht, im Prinzip recht hat?
Den Bach habe ich selbst gespielt. Kein Gag also, sondern ein biografisches
Moment - weil ich mit diesem Konzert (aber einem anderen Satz) im Alter
von 14 Jahren meinen ersten und letzten großen Erfolg als klassischer
Pianist hatte ... aber ein allein spielendes Klavier kann sehr anrührend
sein, wenn es dabei regnet.
Meine Arbeiten brauchen im übrigen den Menschen. Die Menschen. Die,
die sie machen, und die, die sie erfahren. Alle meine Stücke funktionieren
erst, wenn ein Publikum da ist und sie und ihre Elemente zusammensetzt.
Je individuell und sicherlich einfallsreicher, als wir uns das vorher
ausdenken können. Und vor allem "Stifters Dinge" braucht
das Publikum. Erst das Zuschauen macht daraus ein Stück.
- Was interessiert einen Komponisten, der sich intensiv mit dem Apokalyptiker
und Katastrophen-Liebhaber Heiner Müller beschäftigt hat, ausgerechnet
an einem biedermeierlichen Idylliker wie Adalbert Stifter?
Die Idylle täuscht. Und man hat bei der Waldbeschreibung "Aus
der Mappe meines Urgoßvaters" manchmal sogar den Eindruck,
Heiner Müller hätte das sehr genau gelesen bevor er "Herakles
2" schrieb. Das Interessante an Stifter ist doch, daß die Subjekte
und ihre Handlungen gegenüber anderen Kräften (zum Beispiel
den Beschreibungen von Eisstürmen und Hagelschauern) zurücktreten.
Wenn man dann nur darauf wartet, wie es ausgeht, langweilt das natürlich,
mir ging das in der Schulzeit genau so. Aber wenn man beginnt, sich für
das zu interessieren, was unbekannt bleibt, was Stifter "Ding"
nennt, dann kann die Lektüre sehr aufregend werden.
Theater hat doch die psychologisierende Neigung, alle Themen Konflikte
Erfahrungen auf das Verhältnis zwischen Figuren zu reduzieren. Ich
glaube es gibt Anderes, das dabei außer acht gelassen wird.
- Stifter schreibt Naturbeschreibungen das bedeutet: er verwandelt
Natur in Literatur. Gehen Sie den umgekehrten Weg, versuchen Sie mit diesem
Abend Musik, auch die Instrumente zu ihrer Herstellung, die Klaviere,
wieder in so etwas wie Natur zu verwandeln?
Ich verwechsele nicht die Bühne mit der Realität und weiß
sehr wohl, daß das ein Kunstraum ist. Und ein Raum für eine
künstlerische Erfahrung. Aber man kann tatsächlich, wenn man
es schafft, die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf das Geräusch eines
langsam sich bewegenden Steins zu lenken, "Dinge" entdecken,
die vielleicht einer Naturerfahrung nicht unähnlich sind - oder sich
selbst dabei anders entdecken.
- Welche Rolle spielen Stifters Texte für diese Raum- und Musikkomposition?
Waren sie das Ausgangsmaterial, kamen sie im Lauf der Arbeit hinzu, liefern
sie eine Erzählung?
Es gibt im Stück an einer Stelle zwar das Fragment einer Erzählung
von Stifter, aber diese steht nicht im Zentrum. Es ging mir nicht darum,
Stifter oder seine Texte zu inszenieren. Und es gibt auch ganz andere
Texte und Stimmen in diesem Raum. Theater bietet in einem konventionellen
Verständnis von Intensität und Präsenz dem Publikum
meist an, sich zu identifizieren, sich also selbst zu bespiegeln. Mir
geht es eher darum, zu einer Begegnung mit dem Fremden einzuladen, dem,
was wir nicht kennen.
- Ist der Bezug auf Stifter eine selbstgewählte Flucht aus der
Zeit? Und wenn das so ist, woher kommt das Bedürfnis, dem Angriff
der Gegenwart auf die gesamte übrige Zeit ab und zu auszuweichen?
Nicht wirklich. Es gibt auch sehr aktuelle Bezüge in
der Arbeit. Aber in einem anderen Sinne ist es aus der Zeit
durch die Entschleunigung, die eine Aufmerksamkeit des Hörens und
Schauens mit sich bringt. Und die übrigens auch Stifter dem Leser
auferlegt, wenn er ihn praktisch selbst zum Reiter durch den (Text)-Wald
macht. Das ist manchmal so eine Art real-time, die man bei
Stifter findet, wenn er fünf Seiten lang ein Gewitter beschreibt,
genau das Verhältnis von Blitz und Donner untersucht und die Regentropfen
auf dem Fenster. Aber gemütlich, biedermeierlich ist das im übrigen
nicht.
- Mit Platten wie "4 Fäuste für Hanns Eisler"
und Klangcollagen, zum Beispiel mit O-Ton-Material von Berliner Hausbesetzer-Demos,
haben Sie Ihre Musik politisiert. Sie haben sich als Musiker in Ihren
Anfängen beim "Sogenannten Linksradikalen Blasorchester"
in der Frankfurter Sponti-Szene als Teil einer politischen Bewegung verstanden
und später mit Chris Cutler in der Art-Punk-Band "Cassiber"
gespielt. Heute führen die Berliner Philharmoniker Stücke von
Ihnen auf. Ist das die Fortsetzung und Weiterentwicklung Ihrer Anfänge
oder einfach der berühmte Gang durch die Institutionen?
Mit den Institutionen habe ich auch heute noch meine Probleme. Und ich
suche mir bewußt utopisch, unentfremdete Arbeitsverhältnisse
z.B. mit selbstverwalteten Orchestern wie den Berliner Philharmonikern
oder dem Ensemble Modern oder in dem kleinen, flexiblen Theatre Vidy in
Lausanne, wo ich seit 10 Jahren fast alle meiner Stücke produziere.
Ich habe weder damals noch heute politisch plakativ gearbeitet, sondern
diesen Anspruch immer übersetzt in Produktionsweisen, in Materialstrukturen,
Fragen der Wahrnehmung, Rolle des Zuhörers/Zuschauers. Ich glaube
auch nicht, daß meine Stücke der letzten Jahre unpolitisch
wären. Aber mir geht es nicht um Zentrierung auf meine Interpretation
der Welt, sondern darum, Texte aufzuschließen, Bilder zu finden,
die den Blick zu öffnen - um die Vielstimmigkeit einer Produktion,
an der im übrigen sehr viele sehr kreativ mitwirken. Ich könnte
mir das alles gar nicht alleine ausdenken. Dann würde es mich ja
langweilen. Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren mit dem gleichen Team
und kenne oft nur den Ausgangspunkt der nächsten Produktion, die
Fragen, die ich mit meinem Team und dem Publikum teilen will. Nicht die
Antworten.
Interview: Peter Laudenbach
NZZ, 20. September 2007
Musikalische Schaltkreise
Wenn Heiner Goebbels Musik "ins Bild setzt"
An Überraschungen ist man bei Heiner Goebbels ja gewöhnt. Nach
»Max Black«, »Hashirigaki«, »Landschaft
mit entfernten Verwandten« und »Eraritjaritjaka« ist
sein neues, im Lausanner Théâtre de Vidy uraufgeführtes
Stück mit dem Titel "Stifters Dinge" ein weiteres Beispiel für
eine kreative Durchlässigkeit, die man kaum für möglich
hielte, wäre man nicht mit eigenen Augen und Ohren dabei gewesen.
Was sich hier an Transformationen und Metamorphosen ereignet, überbietet
bei weitem die inzwischen auch im Theater ja nicht mehr ganz unübliche
Suche nach Crossover-Bezügen, nach Verbindungen zur Kunst, zum Film,
zum Video und zur Musik. Heiner Goebbels selbst nennt seine Inszenierung
eine "performative Installation", die - in expliziter Anknüpfung
an Stifters impressionistischen Kult des bedeutsamen Gegenstandes - sich
der "Herausforderung des Fremden" , der "Begegnung mit übermächtigen
Kräften" stelle. "Bewusste Entschleunigung", "ritualisierte Wiederholung"
seien die Grundelemente dieser Ästhetik. Es wäre jedoch völlig
verfehlt, hinter solchen Beschreibungen eine in der neueren Stifter-Rezeption
ja relativ verbreitete antimodernistische Attitüde zu vermuten. Im
Gegenteil: Die visuell und klanglich inszenierte Natur in "Stifters Dinge"
ist eine dezidiert abstrakte. Was sich ansatzweise sakral gebärdet,
wird alsbald transformiert und als technisch-künstlerisches Konstrukt
wahrnehmbar.
Denn was Heiner Goebbels hier in minuziöser Kleinarbeit gemeinsam
mit dem Bühnenbildner und Lichtdesigner Klaus Gruenberg und dem Sounddesigner
Willi Bopp entwickelt, folgt in gewissem Sinne der Dramaturgie einer klassischen
Zaubervorführung: Erst nachdem der Magier sein gesamtes Repertoire
an Tricks und Kunststücken gezeigt hat, ein wahres Feuerwerk an überraschenden
und faszinierenden Effekten gezündet hat, lüftet er ein wenig
den Vorhang und zeigt seinem Publikum die Mechanik, offenbart seine Wunderwelt
als von Menschenhand gefertigte und aus Menschenhirn geschlüpfte
Kunst. Und - das ist dann der Knalleffekt der Inszenierung - man erkennt:
alles beruht auf einer unglaublichen Präzision, dem genauen Kalkül
der Lichtverhältnisse, dem Kalibrieren und Austarieren unzähliger
Vorrichtungen und Geräte.
Denn auf dieser Bühne gibt es weder Musiker noch Schauspieler. Man
ist konfrontiert mit einem Kaleidoskop an akustischen und visuellen Eindrücken,
mit Tönen, Stimmen, rhythmisch musikalischen Elementen. Man sieht
Rauminstallationen, deren puristische Linien zunächst an japanische
Avantgardefilme der 60er Jahre erinnern, wenn aus Salz und weißen
Tüchern, aus spiegelnden Wasseroberflächen und leisen Windstößen
eine Schönheit der Ruhe heraufbeschworen wird. Später dann fühlt
man sich versetzt in eine apokalyptische Traumlandschaft aus verschattetem
Licht und Science Fiction artig anmutenden Industrieruinen, welche sich
sodann wieder in einen nächtlichen Wald oder in ein riesiges Aquarium
verwandeln - stets begleitet von akustischen Reizen, die sich immer mehr
zu Musik verdichten. Zitate aus der bildenden Kunst, Film und Literatur
geben dem Ganzen seine kunsthistorische und philosophische Dimension.
Und wenn am Ende die riesige Licht- und Klang-Maschinerie aus dem Hintergrund
auf den Zuschauerraum zufährt, und man - unter Normalbeleuchtung
- allmählich erkennt, dass die nun sichtbaren Bewegungen der zusammengefügten
Gerätschaften keineswegs einer sinnfrei spielerischen Tinguely-Ästhetik
gehorchen, sondern einer Logik der genau berechneten Vieldeutigkeit, taucht
man auf aus den geträumten Bilderfluten und bestaunt die Wunder von
Kunst und Technik: fünf mechanische Klaviere, elektronisch vernetzt
und vertikal aufgetürmt sind des Rätsels Lösung, akustische
Quelle und Kulisse dieser ganzen Zauberei.
(Sabine Haupt)
3SAT KULTURZEIT, 17. September 2007
Der Reiter durch den Text
Heiner Goebbels inszeniert Adalbert Stifters Naturliteratur in Lausanne
Natur pur - bei "Stifters Dinge" in Lausanne
Mittagspause am Genfer See - Heiner Goebbels kann sie nun genießen. Sechs Wochen Probenarbeit im Lausanner "Théâtre Vidy" liegen hinter ihm. In seiner Heimatstadt Frankfurt/Main hat der Komponist und Theatermacher nicht die Produktionsmöglichkeiten, um seine Musiktheaterstücke zu erarbeiten. Die aber fand er in der Schweiz.
"Stifters Dinge" ist der Titel seiner neuesten Arbeit. Ein Stück ohne menschliche Akteure, inspiriert von den Naturbeschreibungen Adalbert Stifters. Diesmal hat Heiner Goebbels etwas völlig Neues gewagt - ein Stück, in dem die Requisiten die Hauptrolle spielen: das Licht, die Bilder, Geräusche, Töne, Wind und Nebel, Wasser und Eis. Das Motto ist: Keine Psychologie auf der Bühne!
Das Dekor erzählt
Heiner Goebbels: "Ich möchte mit dem Stück versuchen, ob die Mittel, die Theater auf der Bühne hat, die aber nur als Dekor oder Illustration vorkommen, nicht auch erzählen können, uns nicht auch berühren können, einen Charme haben oder uns anziehen", erklärt Goebbels. Es ist ein Stück gegen die mediale Bilderflut. Man schaut dem Lauf des Wassers zu und lauscht dem ständigen Wechsel der Töne. Es gibt keine menschliche Aktion, mit der man sich identifizieren könnte. Nur manchmal kommen Stimmen vor: Tondokumente der Ethnografie etwa, zum Beispiel aus Papua-Guinea. Das sind Fundstücke aus einer rätselhaft fernen Welt, die Goebbels auch in den Texten von Stifter fand: die genaue Beschreibung unbekannter, fremder Dinge.
"Stifter ist ja eine sehr widersprüchliche Figur", erklärt Goebbels. "Wir haben ihn als langweilig empfunden, als wir in der Schule seine Texte lesen mussten. Das hat damit zu tun, dass die Handlung nie richtig spannend vorangeht." Dabei mache er doch etwas sehr Aufregendes: "Eine Entschleunigung, er verlangsamt das Tempo, er zwingt uns, wenn etwa ein Reiter durch den Wald reitet, den Wald so genau anzusehen, wie das ein Reiter möglicherweise tun muss, er macht den Leser zum Reiter durch den Text. Er zwingt uns zur Aufmerksamkeit gegenüber der Natur oder ökologischen Katastrophen und gegenüber Dingen, die uns fremd sind und unbekannt erscheinen und die nennt er auch immer Dinge."
Selten sieht man, was man hört
Ein seltsames Geräusch begleitet diesen Stifter-Text: Es stammt von einer Steinplatte, die über andere Steinplatten gezogen wird, übertragen von einem Mikrofon und im Computer bearbeitet. Alle Geräusche und Töne werden von den beweglichen Gegenständen im Bühnenraum erzeugt. "Mich interessiert die Klangqualität sehr, wenn ein Stein über andere Steine rutscht", sagt Heiner Goebbels. "Deswegen habe ich mir diese Konstruktion bauen lassen. Und man muss sagen, viele Klänge haben wir überhaupt erst bei der Arbeit entdeckt, zum Beispiel das Blech, wenn es gedreht wird. Eigentlich kommen alle Klänge, die wir hören, aus den Materialien, auf die wir auch den Blick richten wollen." Heiner Goebbels ist kein Komponist, der eine fertige Partitur zur Aufführung mitbringt. Alle seine Stücke entstehen in wochenlanger Zusammenarbeit mit den Beteiligten. Zahlreiche Vorrichtungen entlocken den fünf Klavieren ungewohnte Töne. Doch welcher Klang passt zu welcher Bewegung? Nur selten entdeckt man eine Synchronität. Nur selten sieht man, was man hört.
"Das Hören kann dem Sehen widersprechen, das haben wir in der Arbeit gerade festgestellt", sagt Goebbels. "Ich glaube, wenn wir uns die Dinge, um mit Stifter zu reden, nicht selbst zusammensetzen, sondern sie als zusammengesetzt präsentiert bekommen, dann machen wir auch nicht wirklich eigene Erfahrungen. Und Theater muss die Möglichkeit erlauben, eigene Erfahrungen zu machen. Und daran arbeiten wir." Auch Heiner Goebbels' neues Stück spielt mit der Wahrnehmung des Betrachters. Man sucht nach Orientierung, und wird niemals so richtig fündig. Nichts passt so recht zusammen, doch man kommt aus dem Staunen nicht heraus. "Stifters Dinge" ist in seiner schönen verspielten Harmlosigkeit ein radikales Stück: Man wird auf sanfte Art gezwungen, die eigene Wahrnehmung zu ändern, anders hinzusehen und hinzuhören, und: Es ist niemals langweilig.
(Manfred Scheyko)
FRANKFURTER RUNDSCHAU, 14 September 2007
Was ein Klavier zu erzählen weiß
Heiner Goebbels' "Stifters Dinge"
Seit wann eigentlich gibt es keine Natur mehr? In Heiner Goebbels' Musiktheater-Produktion
"Stifters Dinge", die jetzt in Lausanne uraufgeführt wurde und ursprünglich
den Arbeitstitel "The Piano Piece" trug, spielt das Jahr 1864 eine wichtige
Rolle: das Erscheinungsjahr von Adalbert Stifters "Aus der Mappe meines
Urgroßvaters". Ein Datum allerdings hilft wenig, eher geht es um
einen historischen Prozess und um Phänomene, Haltungen und Artefakte,
die sich als Symptome des Verlustes lesen lassen.
Bachs Musik könnte dazu gehören: Sie akzeptiert keine klaren
Schranken mehr zwischen weltlicher und sakraler Charakteristik und bezieht
daraus eine bis dato unbekannte Universalität. Jacob Isaacks van
Ruisdaels Bild "Der Sumpf" (1660) macht sich auffällig dadurch, dass
es zugleich naturalistisch und stimmungsvoll sein will. Die deutsche Romantik
ist anderthalb Jahrhunderte später ein vorbildlicher Symptomträger,
die Erfindung des deutschen Waldes markiert fast schon einen Endpunkt
dieser Entwicklung: Da waren die Europäer aufgebrochen, um die letzten
Reservate unangeeigneter Natur auf anderen Kontinenten zu kartografieren,
in Sammlungen und Beschreibungen zu fassen und bald auch zu unterwerfen.
Theatrale Installationskunst
Heiner Goebbels' neues Stück ist auch so ein Symptom: Es reflektiert
den Verlust von Natur, indem es Artefakte visuell und akustisch zu einer
Natur-Maschine arrangiert. Es hat aufgehört, Theater sein zu wollen,
kommt ohne Handlung, Interaktionen und dramatischen Text aus. Nur zwei
Männer geben anfangs der Maschine ein wenig Input. "Stifters Dinge"
ist eine theatrale Installation, die zu Betrachtungen unter anderem über
das Theater einlädt. Eine reflexive Verwandtschaft besonders zu den
älteren Arbeiten wie "Eraritjaritjaka" und "Ou bien le débarquement
déastreux / Oder die glücklose Landung" ist deutlich, wobei
die neue Produktion die Illusion und die Dinge zuspitzt.
Musiktheater ist das Stück auch dadurch, dass es Klaviere sind, die
das Massezentrum der großen Bühnenmaschine bilden. Sie stehen
nicht wie Klaviere dort, sondern wie eine Skulptur, und niemand spielt
auf ihnen, sie spielen selber: Moderne Midi-Technik ist nicht zu schlagen,
wenn es um die Herstellung archaischer Eindrücke geht. Kahle Äste
signalisieren emotionale Reste des deutschen Waldes, Ruisdaels Bild wird
in verschiedenen Farben auf den Prospekt projiziert, ein Klavier spielt
Bachs Italienisches Konzert in F BWV 971, aus Lautsprechern, einer Bassdrum
und gestimmten Plastikrohren kommen geräuschhafte Musikinseln und
Klangbänder, die der Maschine ihren Rhythmus zeigen und sich manchmal
zu den eingespielten Texten illustrativ verhalten. Den größten
Raum nehmen drei Wasserbecken ein, die als Spiegelflächen benutzt
werden und am Ende zur Simulation eines dampfenden, schäumenden Miniatur-Ur-Meeres.
Adalbert Stifter, biedermeierlicher Namenspatron dieser Produktion des
frühen 21. Jahrhunderts, liefert mit seiner geduldig-demütigen
Art der Betrachtung von Natur und Gegenstandswelten das Paradigma. Stifters
Texte erzählen vom Eigenleben der Dinge, in dem Menschen eine wahrnehmende,
kaum handelnde Randerscheinung sind. Heiner Goebbels' Installation arrangiert
die Dinge so, dass sie eine Geschichte erzählen, die ihre eigene
sein könnte: Was wüsste allein schon ein Klavier zu erzählen!
Unbeirrbare Entschleunigung
Zugleich macht sie deutlich, dass Dinge nur dann von sich erzählen
können, wenn sie zu diesem Zwecke hergerichtet worden sind und wenn
es Menschen gibt, die ihre Geschichte auf sich wirken lassen. Das Stifter/Goebbels'sche
Maschinen-Installations-Theater nötigt durch unbeirrbare Entschleunigung
zu ruhiger, staunender Wahrnehmung und beschäftigt durch die Skurrilität
und suggestive Klarheit seines Eigenlebens, das sich nicht zuletzt der
verspielten Anwendung zeitgenössischer Technik verdankt. Eine geschlossene
Mannschaftsleistung, die eine ambivalente Menschheitsleistung reflektiert.
Am Ende kommt langsam und hydraulisch geräuschlos die schwere Bühnenmaschine
nach vorn gefahren. Nein, sie verbeugt sich nicht, aber sie will Beifall,
ganz offensichtlich. Das Publikum muss sich damit abfinden, einer Maschine
zu applaudieren. Das Theater fand in den Köpfen statt.
(Hans-Jürgen Linke)
Berliner Zeitung. 8.10.07
Die Entdeckung der Unschärfe
Mit Heiner Goebbels "Stifters Dinge" wurde die Saison von spielzeiteuropa
eröffnet
von Dirk Pilz
Drei flache Wasserbecken, mehrere Lautsprecher und an der Rückseite
eine Apparatur aus ineinander verschachtelten Pianos, die eine surreale
Welt aus Klängen, Licht und Stimmen produziert. Das ist "Stifters
Dinge", der neueste Streich des Komponisten und Perfomancebastlers
Heiner Goebbels. Ein Theater der Dinge, das ein gewieftes Spiel mit dem
Abwesenden treibt, ohne Schauspieler, aber von enormer suggestiver Kraft.
Die vermeintlich biedermeierliche Dichtung Adalbert Stifter spielt insofern
eine Rolle, als eine Passage aus der "Mappe meines Urgroßvaters"
eingelesen wird. Vor allem aber ist Stifter der geistige Mentor dieser
Theaterinstallation: Seine minutiösen Naturbeschreibungen, die fast
mystischen Versenkungseinübungen in das Reich der Dinge transformiert
Goebbels in eine hoch verdichtete Bild- und Tonsprache, mit der er die
Sphäre des Unsicht- und Unhörbaren auslotet.
Stifters Erzählen ist, wie er selbst schreibt, von der "sanft
schmerzenden Rückliebe" zu jenen Gegenständen und Landschaften
getragen, die dem Menschen seine eigene Vergänglichkeit anzeigen;
für Goebbels offenbart sich in der rückwärtsgewandten Konzentration
auf die unbelebten Dinge auch die Endlichkeit des Kommenden. Die Sprache
der Dinge ist hier auf eine Sterbensmelodie gestimmt.
Alles ist hier deshalb vom Wissen um das heillose Rumoren hinter dem Schweigen
der Dinge getragen, von Goebbels ahnungsvoller Musik bis zum Unheil verkündenden
Licht- und Raumkonzept Klaus Grünbergs. Der Abend gibt Thomas Mann
Recht, der bei Stifters "eine Neigung zum Exzessiven, Elementar-Katastrophalen,
Pathologischen" wirken sah.
Deshalb die brüchigen Arrangements. In einer zentralen Sequenz spielt
ein Klavier von Geisterhand Bachs "Italienisches Konzert". Nebelschwaden
fliehen durch den Raum, dazu Regen und Dämmerlicht. Kurz bevor man
aber in schmachtender Melancholie versinkt, vermeldet von links die Stimme
Claude Levi-Strauss', dass es keine guten Gründe gebe, dem Menschen
zu vertrauen. Und den Dingen? Sie führen ein Eigenleben und entziehen
sich letztlich der Verfügungsmacht des Menschen: Goebbels 80-minütige
Session gilt einer Erfahrung, die das Begegnen mit der unbelebten Umwelt
als Widerfahrnis begreift. Die Dinge - eine Bedrohung. Aber voller Magie.
Am Ende fährt die Pianowand nach vorn und gibt gleichsam den Blick
ins Hirn dieser Installation frei. Man sieht die Kabel, Computerfestplatten,
die ganze Mechanik. Die Nachbarschaft von Mensch und Ding wird dadurch
in ihrer Labilität noch gesteigert, das Magische nicht gebannt. Denn
wer die Dinge genau betrachtet, sieht sie nicht besser, sondern erfährt
ihre beunruhigende Unschärfe - und trifft auf den Hohlraum der Sinnlosigkeit
hinter allem Sein. Goebbels hat ein metaphysisches Drama der Wahrnehmung
entworfen. Mit einer radikal modernen Ästhetik.
Die Eröffnung der diesjährigen Saison von spielzeiteuropa ist
damit auch eine bewusst irritierende Hör- und Sehherausforderung.
Inszenierungen von Alvis Hermanis, Fréderic Fisbach oder Grzegorz
Jarzyna werden bis Januar noch folgen. Motto: "Paradies jetzt".
Goebbels hat seinen Kunsthimmel schon gefunden: im unerschöpflichen
Reichtum der Wahrnehmung.
Tagesspiegel 7.10,.07
Stimmen der Stille
Von Volker Hagedorn
Drei Plastiktanks schimmern fahl, metallische Klänge sind zu hören,
ab und zu ein dumpfer Schlag, hinten im Dunkel glühen Leuchtdioden
in rätselhaften Geräten. Die Seitenbühne des Festspielhauses
ähnelt einem Industrielabor es würde passen, wenn jetzt
Männer in weißen Schutzanzügen kämen, um mit strahlenden
Substanzen zu hantieren. Doch die beiden Herren, die große rechteckige
Siebe herbeischleppen und mit Sand füllen, tragen die schwarze Montur
der Bühnenleute. Es ist ein Experiment, das hier beginnt, und es
soll ins Herz der Dinge führen. Nur wird man dort nicht Moleküle
finden, sondern Stimmen und Einsamkeit. "Stifters Dinge" heißt
die Installation, die Komponist Heiner Goebbels und Raumgestalter Klaus
Grünberg hier realisieren.
Stifter, Adalbert? Ist das nicht der sanfte, gründliche Naturbeschreiber,
Lichtjahre entfernt von Goebbels Lieblingsdichter Heiner Müller,
dessen berstende Texte uns der Komponist früher rüde auf die
Ohren hämmerte? Hier wird, zum Auftakt der Reihe "Paradies jetzt",
Stifter neu entdeckt. Seine Schilderung eines im Eis erstarrten Waldes
ist von radikaler Präzision und lässt sich auf die "Dinge"
ein so fokussiert, dass es Goebbels faszinieren musste, der schon
immer die Geräusche der Welt in seine Stücke hineingesampelt
hat. Diesmal verzichtet er ganz auf lebende Akteure und Musiker. Die beiden
Bühnenarbeiter sind die letzten Menschen, die wir sehen, sie treffen
ihre Vorkehrungen in der Ruhe einer japanischen Teezeremonie.
Dann sind die Dinge sich selbst überlassen, und die Klänge.
Sparsam hat Goebbels sie eingesetzt. Teils kommen sie aus den Boxen rings
um die Bassins, teils aus Röhren, denen durch ferngelenkte Klappen
dumpfe Bassschläge entlockt werden. Und immer häufiger tönt
etwas von hinten, aus einem Gebirge dunkler Geräte es sind
fünf alte Klaviere, die sich selbst spielen, digital gesteuert. Eins
bringt nur Restgeräusche hervor, wie eine kaputte Spieluhr, eins
spielt dreistimmig Bach, eines spuckt ab und zu Dampf. Sie bilden, einer
Jules Verneschen Wundermaschine ähnelnd, das Artefakt, selbst
schon brüchig, das an die Stelle der Natur getreten ist. Natur finden
wir nur noch bei Stifter, im Eis erstarrt, im Eis brechend. Der Text ist
aus dem Off zu hören und wirkt stark.
So stark, dass für eine Weile alles andere nur noch dekorativ wirkt.
Goebbels hat da viel riskiert. Er hat Stifter nicht zerlegt, er kommentiert
ihn klanglich kaum, die paar Laute, die man hört, wirken eher, als
nähmen die Geräte diese intensiven Sätze zur Kenntnis.
Und auf einmal wird deutlich, wie viel uns von Stifter trennt, von seiner
völligen Versenkung in die eine Situation, in den Sog dieses eisstarren,
vom Eis tönenden Waldes mit seinem "Klingeln und Geschiener,
als ob unendliches Glas durcheinandergeschoben und gerüttelt werden
würde". Dem setzt Goebbels Fragmente wie kleine Wärmequellen
entgegen. Teile eines Interviews mit Claude Lévi-Strauss, ethnische
Gesänge, ein Burroughs-Zitat. Zeichen von Verlassenheit, die sich
nicht zu etwas Ganzem fügen.
Es ist ja auch kein Werk, das hier entsteht, sondern ein Raum, in dem
man Ruhe und Weite findet und wunderbare Bilder, Lichtkissen etwa, die
durchs Wasser der Bassins schweben. Über sie gleitet die Klavierfestung
nach vorn und steigert sich in ein rasendes, boogieähnliches Tastengewitter.
Es ist, als wolle Goebbels nach so viel Meditation auch mal Spaß
und Tempo haben. Wer darüber hinaus auch noch Sinn sucht, muss ihn
sich schon selbst erdenken denn zwischen Eiswald und Klavierattacke
bleibt alles offen in diesen 80 Minuten. Es bündelt sich nichts.
Aber wie seltsam geborgen fühlt man sich zwischen all den Fragmenten.
FAZ, 8.10.07
Der unaufhaltsame Gang
Heiner Goebbels vertont in Berlin "Stifters Dinge"
Die Erfahrung des Fremden beginnt nicht erst beim Aufbruch zu solchen
Expeditionen, von denen die flatternden Stoffbahnen und die Südseegesänge
am Anfang von Heiner Goebbels neuem Stück "Stifters Dinge"
erzählen. Das Fremde liegt uns vielmehr ständig im Blick, vor
allem in der Begegnung mit den Dingen der Natur. Davon und von der Eroberungslust
trotz einer "Furcht, in das Ding hineinzufahren", die Adalbert
Stifter in seiner Erzählung "Die Mappe meines Urgroßvaters"
mit Detailversessenheit beschreibt, handelt Goebbels menschenleeres Bühnenspiel,
das nach der Schweizer Uraufführung jetzt vom Haus der Berliner Festspiele
aus auf Tournee geht mit Stationen in Luxemburg, Frankfurt und München.
Zwei Bühnenarbeiter, die zu Beginn den Expeditionsraum zu dem Modell
einer Stifterschen Schneelandschaft herrichten, sind die einzigen Darsteller
in einem Raum, der, gesteuert von einem verborgenen High-Tech-Weltenlenker,
seine Erzählung aus Licht, tönenden und stummen, beweglichen
und starren Objekten und einer Montage aus Projektionen, Stimmen und Geräuschen
entwickelt. Siebzig Minuten dauert dieser Prozess, und diese weise Beschränkung
hilft, einen Beziehungszauber zu entfalten, der die Schönheit und
den Eigenwert der einzelnen erzählerischen Elemente ausstellt. Da
wirkt Goebbels Ästhetik geradezu klassischem Kompositionsdenken verpflichtet,
und man spürt nur hier, in dieser Art von Kombinatorik, dass dieses
geamtkunstwerkelnde Theater von der Musik her gedacht ist, einer Musik,
die sich ansonsten mit sparsamen Gesten einfügt in die hierarchiefreie
Ordnung dieser Musiktheaterwelt.
Es ist allerdings kein reines Spiel tönend und nicht tönend
bewegter Formen, das Augen- und Ohrenlust hier gleichermaßen zu
fesseln vermag. "Time has changed" verkündet aus dem Lautsprecher
die Stimme des afroamerikanischen Bürgerrechtlers MalcolmX und prallt
in ihrer revolutionären Gewissheit auf die erschreckende Lakonie
von Claude Lévi-Strauss, der in einem Interview bekennt, absolut
kein Vertrauen mehr in den Menschen zu haben. Da ist das schnarrende Ticken,
das zu Beginn so mahnend insistierte, längst abgelaufen, denn wir
sind schon jenseits, am Ende der Zeit, und nun wird richtig Musik gemacht.
Die Szene hat sich, etwa in der Mitte des Stückes, vom Hintergrund
aus nach vorne geschoben, ein seltsames Installationsgestrüpp aus
Klavieren, Perkussionsinstrumenten und kahlen Bäumchen. Dies ist
die theatralische Verwandlung des Stifterschen Eiswaldes mit seinen Todesdrohungen,
von dem zuvor zu hören war. Derart mit Bedeutung aufgeladen, gewinnt
nicht nur jeder Ton, sondern auch jeder Augenblick der Stille gewaltiges
Potential, und die eigentlich kurze Dauer spannt sich zu epischer Weite
mit Stationen endloser Melancholie. Bilder brodelnder Urmaterie und ein
zaghaftes Anknüpfen an den tickenden Anfangspuls inmitten einer musikalischen
Trümmerlandschaft signalisieren am Schluss die Möglichkeit eines
Neubeginns, begleitet von musikethnologisch dokumentierten Aufnahmen archaischer
Gesänge, die allerdings gegenüber den anderen Tondokumenten
verdinglicht, arabeskenhaft erscheinen. MARTIN WILKENING
DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42
Ein Lied in allen Dingen
Heiner Goebbels und seine Klanginstallation »Stifters Dinge«
beim Berliner Festival Spielzeit Europa
Von Claus Spahn
Was bleibt eigentlich vom Theater, wenn man sich den Menschen darin wegdenkt?
Wenn die lärmende und schwitzende, immerzu ins Scheinwerferlicht
drängende und alle Aufmerksamkeit auf sich ziehende Meute der Darsteller
samt den Einfällen ihrer Regisseure in der Garderobe bleibt und das
leere Bühnengehäuse im Dämmerlicht vor sich hin schweigt?
Dann hat die Theatermaschinerie ihren großen Auftritt, und die Kulisse
beginnt, mit sich selbst zu spielen. Dann füllt sich der Bühnenboden
mit Wasser, und auf seiner spiegelnden Oberfläche schreiben sich
oszillierende Lichtzeichen in den Raum. Prospektzüge fahren wie von
Geisterhand gesteuert auf und nieder. Ein Diaprojektor kramt in seinem
Gedächtnis und erinnert sich an Jakob van Ruisdaels Gemälde
Sumpf und an die Jagd bei Nacht von Paolo Uccello. Die Lautsprecher wispern
Zitatschnipsel aus Interviewmitschnitten, ethnologischen Musikaufnahmen
und Rezitationen von Adalbert-Stifter-Texten, während im Hintergrund
ein geheimnisvolles Felsmassiv rumort: fünf quer und hochkant verkeilte
Klaviere, die zirpende, ratternde, stotternde Selbstgespräche führen.
Es ist ein merkwürdiger Theaterabend, der da im Haus der Berliner
Festspiele in achtzig Minuten bedächtig vorüberzieht. Er zelebriert
die Abwesenheit von allem Wichtigen. Er umkreist ein leeres Zentrum und
erklärt den Rand zur Mitte. So ist es oft in den Bühnenstücken
von Heiner Goebbels: Der Komponist, der unter Komponieren ganz im Wortsinne
das Zusammensetzen von vielem versteht, hat nicht viel übrig für
die Zentralperspektive, sein Blick geht schweifend über das vermeintlich
Beiläufige und Ephemere. Der Musiker, der einst im Frankfurter Linksradikalen
Blasorchester aktiv war, will keine Machtzentren auf der Bühne errichten.
Er hegt Skepsis gegenüber allen sich demiurgisch gebärdenden
Theatermachern, ihrem Regie-Aktionismus und der Bilderflut, die sie auf
den Zuschauer niedergehen lassen. Goebbels Theaterkonzepte leben
von der Offenheit der Räume und dem offenen Ausgang szenischer Suchbewegungen.
Aus dem improvisierten und nicht selten zufälligen Zusammenwirken
von Divergentem erwachsen bei ihm die künstlerischen Kräfte.
In seinem neuen Stück Stifters Dinge hat er deshalb den romantischen
Dichter Adalbert Stifter für sich entdeckt. Auch er widmet sich auf
seinen literarischen Streifzügen hingebungsvoll den Erscheinungen
am Rande des Geschehens, vertieft sich in sie und bringt sie in ausführlichen
Detailbeschreibungen zum Sprechen. Stifters Hingabe für den Gegenstand
und seine Bedächtigkeit in der Betrachtung haben Goebbels fasziniert.
Der von ihm zitierte Stifter-Satz »Wir harreten und schauten hin,
ich weiß nicht, war es Bewunderung oder Furcht, in das Ding hinein
zu fahren« klingt wie das geheime Programm zu seiner Klanginstallation.
Liebevoll hat der Profi des elektronischen Sampelns dieses Mal seine Musikapparatur
von Hand zusammengebastelt. Tote Äste ragen aus dem Klaviergekröse.
Es zischt Dampf aus den Ritzen hervor, und man sieht, wie bei der Klangerzeugung
Klöppelmechanismen ausgelöst werden, Gelenkarme arbeiten, Zahnräder
vor- und zurückschnurren. Einmal erklingt traumverloren das Adagio
aus Bachs Italienischem Konzert, während in einem vernuschelten Interview-O-Ton
der Ethnologe Claude Lévi-Strauss erklärt, dass ihm jegliches
Vertrauen in den Menschen abhandengekommen sei. Einmal fährt die
Maschine ganz nahe an die Zuschauertribüne heran und wirft sich gleichsam
primadonnenhaft in Pose, indem sie rauscht und rattert, was die Klaviersaiten
hergeben. Dann zieht sie sich wieder zurück, und der Zuschauer blickt
auf eine Miniatursumpflandschaft, aus der kleine Blubberblasen aufsteigen,
zerplatzen und als herbstliche Nebelschwaden über der Wasseroberfläche
wabern. Sehr romantisch, das Ganze. Als hätte Heiner Goebbels bei
seiner Klang-Raum-Installation neben Stifter immer auch an Eichendorff
gedacht: »Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen
fort und fort
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