
Surrogate Cities
BZ (25. September 2003)
"Surrogate Cities" - Klang-Orgie in der Philharmonie
Solche Tüne hat die Philharmonie in ihrem 40-jährigen Bestehen
noch nie gehört: Schnelle, fast technomäßige Rhythmen,
elektronisch verzerrte Geräusche, dazu die volle Stimme von Jazzerin
Jocelyn B. Smith und das Wimmern, Stöhnen und Schluchzen von Sprachkünstler
David Moss. Selbst Dirigent Simon Rattle griff zum Mikro. "Surrogate
Cities" von Heiner Goebbels - eine Komposition, die alles vermischt:
Jazz, Rock, Pop, Klassik, elektronische Musik. Auch für die Philharmoniker
eine neue Erfahrung. Angefeuert durch eine aufregende Light-Show, die
die Musiker in grelle Lichteffekte tauchte. Vor allem die Schlagzeuger
gaben ihr Bestes, trommelten auf Stahl- und Alublechen, raschelten mit
Papier und Schilfhalmen. Goebbels' Komposition enthält auch sehr
lyrische Elemente, z.B. sampelt ei Schellack-Aufnahmen jüdischer
Kantoren aus den 30er Jahren - ein bewegendes Hörerlebnis. Spannend
war es, Orchester und Dirigent zu beobachten, und spannend war es, diesen
Rhythmen und Tönen zu lauschen. Die Zuhörer in der völlig
ausverkauften Philharmonie dankten mit begeistertem Applaus. Und Sir Simon
Rattle hat bewiesen: Auch neue Musik kann ein Erlebnis werden!
(Susanne Maier)
NEUE ZÜRICHER ZEITUNG (22. September 2003)
Am Strand, in der Stadt
Abschluss mit den Berlinern und Simon Rattle
(...) Vergessen wir's - denn das Sinfoniekonzert Nummer dreissig, mit
den Berlinern und Rattle, geriet zum krönenden Finale einer ausgesprochen
vielfältigen, an Glanzpunkten reichen Ausgabe von Lucerne Festival.
Da war nun das Bild radikal anders. Das Orchesterpodium randvoll und bestückt
mit einer grossen Perkussion, dafür weit und breit kein Frack. Die
Echokammer vollständig verschlossen, auch die Orgel (bis auf die
spanischen Trompeten, die durch drei Luken herausragten) hinter Türen
versteckt, selbst die Vorhänge waren gezogen. Und im Publikum viel
junge , Leute, viel Farbe, gespannte Aufmerksamkeit Angesagt war "Surrogate
Cities" für Mezzosopran, Sprechstimme, Sampler und grosses Orchester
von Heiner Goebbels, der es wie seine Kollegin Isabel Mundry als Composer
in residence ins Sinfoniekonzert geschafft hat.
Und in was für eines. Mit kurzen, witzigen Sätzen führte
Simon Rattle ins Werk ein, dann wurde es dunkel. Denn "Surrogate
Cities" ist auch ein Stück zum Schauen. Light gab es wie in
der Show, als Sinnenkitzel, manchmal ein wenig banal, manchmal vielleicht
mit tieferer Bedeutung versehen. Und eingesetzt wurde, was Wunder bei
Heiner Goebbels, die Saaltechnik; jedenfalls öffneten sich vor dem
zweitletzten Teil des Stücks die Wände neben der Orgel, wurden
die Vorhänge lautlos eingezogen und wenig später ebenso lautlos
wieder ausgefahren. Das ist nicht Spielerei, sondern gehört zum Konzept
dieser gewissermassen unreinen Musik, die sich an allen Tischen bedient,
stünden sie nun auf der Seite des Ernsten oder jener des Unterhaltenden.
Sie tut das freilich mit einem Reichtum an Ideen und einer handwerklichen
Fertigkeit, die ihresgleichen suchen. Und dann dieser ausgeprägte
sinnliche Reiz. Wie stets bei Heiner Goebbels könnte man auch bei
"Surrogate Cities" den raffinierten inhaltlichen Verknüpfungen
nachgehen oder sich an der hochstehenden Faktur erfreuen, man kann sich
dem Werk aber auch einfach hingeben - kann die Imaginationsräume
betreten, die es eröffnet, und die von ihm angebotenen Assoziationsfelder
ausschreiten. Wie auch immer, am Ende sieht man sich in einer eigenartigen
Weise erfrischt und belebt - ja selbst: beglückt.
Angesichts der fulminanten Wiedergabe durch die Berliner Philharmoniker
und Simon Rattle ist das kein Wunder. Spielt das tragische Geschehen bei
"Idomeneo" am Strand von Kreta, so geht es bei "Surrogate
Cities" um die Stadt: um den Dschungel, in dem sich das Individuum
nur schwer behauptet, um den beständigen Wandel, der auch verunsichert,
nicht zuletzt um Kampf und Gewalt. Mit heftigen Schlägen rammt das
grosse Orchester, in dem alle Instrumente elektronisch verstärkt
sind, die Horizontalen und die Vertikalen der Architektur ein - und da
wird denn gleich deutlich, dass "Surrogate Cities" an diesem
Abend eine andere Gestalt annimmt. Das Stück von 1993/94 ist nämlich
bekannter in jener kammermusikalischen Version, für die sich das
Frankfurter Ensemble Modern stark gemacht hat; im Klanggewand des grossen
Orchesters treten neue, vielleicht eher räumliche Züge in Erscheinung.
Und die Visualisierung, die das Theater Freiburg vor kurzem zur Diskussion
stellte, erweist sich als überflüssig, so plastisch wirkt die
Musik. Wenig später schlägt die Stunde von David Moss, der am
Mikrofon singt, sprudelt, stottert, hechelt, um Worte ringt - das ist
in seiner Kunst Lichtjahre entfernt von dem billigen Populismus, den sich
die Wiener Philharmoniker mit Bobby McFerrin geleistet haben. Eine echte
Suite, durchsetzt mit den unechten Klängen eines Samplers, bildet
das Herzstück und darauf die Geschichte von Hora
tius in der Erzählung von Heiner Müller, zugleich aber im Tonfall
eines Songs mit Big-Band-Begleitung - grossartig die Sängerin Jocelyn
B. Smith, hinreissend das Orchester, das hier rhythmisch voll ins Schwarze
traf. Ein super Abschluss; bei Lucerne Festival scheint tatsächlich
die Zukunft begonnen zu haben.
(Peter Hagemann)
TAGESANZEIGER (22. September 2003)
Von der Freiheit des Denkens
Mit "Surrogate Cities" von Heiner Goebbels fand das Lucerne
Festival seinen Abschluß.
Heiner Goebbels ist gerade auch als Musiker ein Mann des Theaters. Bei
seinen Kompositionen für die Konzertbühne ist dies schon äußerlich
hör-, mehr noch sichtbar. In seiner abendfüllenden Komposition
"Surrogate Cities" für Solisten, Sampler und Orchester,
das am Samtag den frenetisch umjubelten applaudierten Abschluß des
Lucerne Festival bildete, ist die Form des Sinfoniekonzerts gleichsam
ins theatralische erweitert. Einzelne Orchestergruppen werden im wörtlichen
Sinne ins Rampenlicht gestellt, eine Lightshow im abgedunkelten Konzertsaal
sorgt für Stimmungen, da etwa, wo hellrotes Licht nach und anch die
Bühne in Beschlag nimmt.
Lichtführung und damit das In-Szene-Setzen von Musik jedenfalls ist
ein integraler Bestandteil von Goebbels Partitur. Doch die Orientierung
an Theater und Inszenierung reicht weiter, bis in den Schaffensprozeß
selbst hinein: Goebbels arbeitet nicht im stillen Kämmerlein. Vielmehr
sind seine Interpreten Teil eines Teams, das sich bei der Erarbeitung
eines neuen Werkes am Arbeitsprozeß maßgeblich beteiligt.
Ohne die Vorarbeiten mit dem Ensemble Modern, das die Materiallieferungen
Goebbels` oft selbsttätig weiterdenkt und schreibt, oder ohne
den Vokalisten und Schlagzeuger David Moss wäre "Surrogate Cities"
wohl undenkbar. Und auch wo die Musik vom Komponisten selbst stammt, hat
er sie teilweise durch seinen Assistenten Ali N. Askin arrangieren und
instrumentieren lassen.
Goebbels` Theater für die Konzertbühne allerdings braucht Figuren.
In "Surrogate Cities" ist es neben der vokalen Akrobatik eines
David Moss die Stimme der amerikanischen Soul- und Jazzsängerin Jocelyn
B. Smith, und immer wieder ist es der Sampler. Im weiten Sinne könne
man Bert Brecht und Heiner Müller als geniale Sampler-Spieler beizeichnen,
meinte Goebbels einmal, weil sie nämlich eher eine Perspektive auf
das Vorgefundene suchen als Originalität und Individualität.
Der Sampler erfindet nicht, er findet. Und Goebbels such nicht nach der
Neuheit des Materials, sondern er kombiniert und rekombiniert, was ihm
begegnet.
Oft liegt dies weit auseinander. In der zentralen Chaconne (Kantorloops)
der Samplersuite beispielsweise, die ihrerseits das gewichtige Zentrum
von "Surrogate Cities" bildet, sind es urtümliche Gesänge
jüdischer Kantoren, festgehalten auf dem kratzenden Speichermedium
der Schallplatte, die mit Hilfe modernster Sampletechnik bearbeitet, in
eine barocke musikalische Form gegossen und von einem Klangkörper
begleitet werden, dessen historischer Ort sich irgendwo im 19. Jahrhundert
befindet.
Daß die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle sich dabei in
einem Hightech-Saal präsentieren, der sich in seiner ästhetischen
Haltung an der vorletzten Jahrhundertwende orientiert, erhöht nur
die verfremdete Spannung, um die es Goebbels geht. Die Widersprüchlichkeit
der Gegenwart und die Freiheit des Denkens, die sich aus solcherart bearbeiteter
Geschichte ergeben mag,
(Patrick Müller)
TAGESSPIEGEL (25 September 2003).
Zwischen Forte und Fortissimo
KLASSIK
Diese Hektik. Warum tut man sich das eigentlich an: Leben in der Großstadt?
Ist doch nur Krach, Stress, Chaos, Einsamkeit, kalte Fassaden, Kakophonie.
Alles rennet, rettet, flüchtet. Dieses Staccato, dieses insistent
und impertinent Immergleiche: Kaum weht so etwas wie Klang durch die Straßenschlucht,
schon steckt er im Stau. Jeder Ton hat messerscharfe Kanten, und jeder
Sound wächst sich zum Wolkenkratzer aus, zum akustischen Moloch:
Babylon revisited.
Heiner Goebbels monumentales Orchesterwerk "Surrogate Cities"
(von 1994) ist eine Hassliebeserklärung an die Stadt, basierend auf
Texten von Paul Auster, Italo Calvino, Franz Kafka, Heiner Müller
und Hugo Hamilton. Die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle machen
daraus ein ohrenbetäubendes, herzergreifendes MetropolisVerwirrspiel,
einen düsteren, hellsichtigen, gleißenden Abend. Nur die Pultlichter
sind angeknipst im Scharoun-Bau, und die Lichtregie jagt mal grelles,
mal schnelles, mal eisblaues Blendwerk durch den Raum.
Die Stadt als Kriegsschauplatz. Und als Überlebenskunstwerk: War
das nicht Scarlatti, zwischen Trommelgewitter und Blechkollision? Gesampelter
jüdischer Kantorengesang? Jocelyn B. Smith singt einen coolen (und,
nun ja, auch kitschigen) Blues von Stammesfehde und Blutrache, und der
Stimmakrobat David Moss verwandelt alles Urbane in seine berühmten
mikroskopisch präzisen, ekstatischen Zuckungen. Oasen? Nirgends.
Diesmal verbietet sich sogar der Romantiker Rattle das Schwelgen und peitscht
die Philharmoniker durch die Partitur. Ein großartiger Kraftakt.
Denn die Wucht des Werks gründet nicht auf Gewalt, sondern im Drang
nach Freiheit. Die Stadt mag ein Labyrinth sein. Aber eines, in dem jeder
nach seiner Fasson selig werden kann.
(Christiane Peitz)
NEUE ZÜRICHER ZEITUNG (22. September 2003)
Am Strand, in der Stadt
Lucerne Festival
Abschluss mit den Berlinern und Simon Rattle das Sinfoniekonzert Nummer
dreissig, mit den Berlinern und Rattle, geriet zum krönenden Finale
einer ausgesprochen vielfältigen, an Glanzpunkten reichen Ausgabe
von Lucerne Festival. Da war nun das Bild radikal anders. Das Orchesterpodium
randvoll und bestückt mit einer grossen Perkussion, dafür weit
und breit kein Frack. Die Echokammer vollständig verschlossen, auch
die Orgel (bis auf die spanischen Trompeten, die durch drei Luken herausragten)
hinter Türen versteckt, selbst die Vorhänge waren gezogen. Und
im Publikum viel junge Leute, viel Farbe, gespannte Aufmerksamkeit. Angesagt
war «Surrogate Cities» für Mezzosopran, Sprechstimme,
Sampler und grosses Orchester von Heiner Goebbels, der es wie seine Kollegin
Isabel Mundry als Composer in residence ins Sinfoniekonzert geschafft
hat.
Und in was für eines. Mit kurzen, witzigen Sätzen führte
Simon Rattle ins Werk ein, dann wurde es dunkel. Denn «Surrogate
Cities» ist auch ein Stück zum Schauen. Light gab es wie in
der Show, als Sinnenkitzel, manchmal ein wenig banal, manchmal vielleicht
mit tieferer Bedeutung versehen. Und eingesetzt wurde, was Wunder bei
Heiner Goebbels, die Saaltechnik; jedenfalls öffneten sich vor dem
zweitletzten Teil des Stücks die Wände neben der Orgel, wurden
die Vorhänge lautlos eingezogen und wenig später ebenso lautlos
wieder ausgefahren. Das ist nicht Spielerei, sondern gehört zum Konzept
dieser gewissermassen unreinen Musik, die sich an allen Tischen bedient,
stünden sie nun auf der Seite des Ernsten oder jener des Unterhaltenden.
Sie tut das freilich mit einem Reichtum an Ideen und einer handwerklichen
Fertigkeit, die ihresgleichen suchen. Und dann dieser ausgeprägte
sinnliche Reiz. Wie stets bei Heiner Goebbels könnte man auch bei
«Surrogate Cities» den raffinierten inhaltlichen Verknüpfungen
nachgehen oder sich an der hochstehenden Faktur erfreuen, man kann sich
dem Werk aber auch einfach hingeben - kann die Imaginationsräume
betreten, die es eröffnet, und die von ihm angebotenen Assoziationsfelder
ausschreiten. Wie auch immer, am Ende sieht man sich in einer eigenartigen
Weise erfrischt und belebt - ja selbst: beglückt.
Angesichts der fulminanten Wiedergabe durch die Berliner Philharmoniker
und Simon Rattle ist das kein Wunder. Spielt das tragische Geschehen bei
«Idomeneo» am Strand von Kreta, so geht es bei «Surrogate
Cities» um die Stadt: um den Dschungel, in dem sich das Individuum
nur schwer behauptet, um den beständigen Wandel, der auch verunsichert,
nicht zuletzt um Kampf und Gewalt. Mit heftigen Schlägen rammt das
grosse Orchester, in dem alle Instrumente elektronisch verstärkt
sind, die Horizontalen und die Vertikalen der Architektur ein - und da
wird denn gleich deutlich, dass «Surrogate Cities» an diesem
Abend eine andere Gestalt annimmt. Das Stück von 1993/94 ist nämlich
bekannter in jener kammermusikalischen Version, für die sich das
Frankfurter Ensemble Modern stark gemacht hat; im Klanggewand des grossen
Orchesters treten neue, vielleicht eher räumliche Züge in Erscheinung.
Und die Visualisierung, die das Theater Freiburg vor kurzem zur Diskussion
stellte, erweist sich als überflüssig, so plastisch wirkt die
Musik. Wenig später schlägt die Stunde von David Moss, der am
Mikrofon singt, sprudelt, stottert, hechelt, um Worte ringt - das ist
in seiner Kunst Lichtjahre entfernt von dem billigen Populismus, den sich
die Wiener Philharmoniker mit Bobby McFerrin geleistet haben. Eine echte
Suite, durchsetzt mit den unechten Klängen eines Samplers, bildet
das Herzstück und darauf die Geschichte von Horatius in der Erzählung
von Heiner Müller, zugleich aber im Tonfall eines Songs mit Big-Band-Begleitung
- grossartig die Sängerin Jocelyn B. Smith, hinreissend das Orchester,
das hier rhythmisch voll ins Schwarze traf. Ein super Abschluss; bei Lucerne
Festival scheint tatsächlich die Zukunft begonnen zu haben.
(Peter Hagmann)
MITTELDEUTSCHE ZEITUNG (27.09.2001)
Ein Aufbruch in die Gegenwart
Grandioses Sinfonie-Konzert von Heiner Goebbels
Auch wenn es dem Dirigent zwei Stunden später beim Publikumsgespräch
glückt, übertriebene Erwartungen ebenso wie unbegründete
Befürchtungen zu dämpfen, ist der Auftakt mit den "Surrogate
Cities" von Heiner Goebbels zweifellos programmatisch und polarisierend.
Nicht alle Zuhörer können oder wollen dem Orchester auf seinem
Schritt in die Gegenwart folgen. Neben frenetisch applaudierenden Weggefährten
sieht man am Schluss auch ungerührt schweigende Besucher.
Aber solcher Widerstand scheint eher ein Qualitätsbeweis für
jenes große Werk, das interesseloses Wohlgefallen kaum zulässt.
Der siebenteilige Zyklus des Komponisten Goebbels ist eine unmittelbare
Attacke auf die Wahrnehmung, deren Wucht durchaus dem gewählten Thema
gleichkommt. Der Lebensraum Stadt in seiner Ambivalenz zwischen Zuflucht
und Bedrohung, in seiner Springflut von Aspekten wird hier zu einer Rush
Hour gebündelt und zugleich reflektiert: Ein Meisterwerk der Beschreibungen
und Bewertungen, die über bloße Illustration oder Impression
hinausweisen.
Dabei liebt Goebbels, der auch für die Raum- und Lichtregie verantwortlich
zeichnet, durchaus den dramatischen Effekt: Mit kaltem Blau oder fahlem
Grün senkt er die Temperatur von kühl kalkulierten Passagen
zusätzlich, warmes Gold überhöht seltene kostbare Momente.
In extremen Steigerungen türmt und verdichtet er Nuancen zum monolithischen
Block, um wenig später elektronisch fixierte Alltagsgeräusche
durch transparente Klang-Gewebe wehen und von traditionellen Instrumenten
variieren oder umspielen zu lassen. Dieses architektonische Prinzip, das
zwischen massiven Wänden immer wieder überraschende Ausblicke
freigibt, ist eine kongeniale akustische Übersetzung des Stadt-Bildes.
Hinzu kommt die Qualität der literarischen Vorlagen, die von der
Trauer um den fortwährenden Verlust des Gewohnten bei Paul Auster
("In the Country of the Last Things") über die scharfe Agitation
zu Schuld und Verdienst bei Heiner Müller ("Horatier-Lieder") bis
zur atemlosen Irritation bei Hugo Hamilton ("Surrogate") reicht. Im warmen
Mezzosopran von Jocelyn B. Smith und in der vielstimmigen Virtuosität
von David Moss erklingen diese Texte als existenzielle Wortmeldungen in
einer berauschenden und beängstigenden Umwelt, die auch in ihren
inhumanen Teilen Menschenwerk bleibt. Zwischen Flüstern und Schreien,
zwischen unartikulierter Klage und expressiver Improvisation bieten beide
Solisten Meisterstücke.
Daneben finden sich in der zentralen Suite wenn nicht sentimentale, so
doch meditative Inseln, wenn etwa in die Chaconne jüdische Kantorengesänge
eingespielt werden. Hier wird das "Surrogat", also das Ersatzmittel Stadt,
zum utopischen Ort eines geglückten Zusammenlebens - und spätestens
hier greift die Erinnerung an das jüngste Scheitern dieses Traums.
Es war selbstverständlich, dass die Diskussion über die Attentate
von New York und Washington auch das absolut verdiente Lob für die
Philharmonie und ihren außerordentlich präzisen, dabei stets
den Musikern und Solisten dienenden Dirigenten im folgenden Podiumsgespräch
überschatten würde. Doch weder Heiner Goebbels selbst noch der
Bauhausdirektor Omar Akbar mochten aus den tödlichen Treffern in
die Nervenzentren der amerikanischen Metropolen ein generelles Scheitern
des urbanen Modells ableiten. Akbar sah - noch ganz im Bann des Konzertes
- vielmehr die Notwendigkeit, die Potenziale der auch zuvor schon verletzten
und gebrochenen Wirklichkeit in den Städten zu erkennen, anstatt
einem längst verlorenen Idealzustand nachzutrauern.
(Andreas Hillger)
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (20.07.2000)
Was röhrt und plärrt, brüllt und grunzt
Wie es über und unter dem Pflasterstrand klingt: "Surrogate
Cities" von Heiner Goebbels als multimediales Bildermusiktheater
in Nümberg
Die "Surrogate Cities" von Heiner Goebbels als Klang- und Raum-Installation
in Nürnberg: Stadtgeräusche erfüllen dunkle schwere Luft
in der Tafelhalle, diesem zum Multikulturzentrum umgenutzten Fabrikgebäude
aus den heroischen Zeiten der Metallindustrie. Wortfetzen und Motorgebrumm,
stockende Dialoge und zwischenmenschliche Reibungslaute - elektroakustisch
gefiltert, gemixt und als Präludium serviert. Dann Licht. Und mit
geballter Wucht, scharf skandierend die Skyline der erhöht postierten
Blech-Einsatzkräfte. Andrea Molino treibt auch die schwergewichtigen
Teile der Orchester-Suite "Surrogate Cities" tänzelnd an.
Die Hofer Symphoniker, unterstützt von den Männern an den Reglern,
implantieren das über Jahre weg gewachsene, vom Dirigenten für
den besonderen Anlass neu zusammenmontierte symphonische Klanggedicht
mit sichtlicher Spielfreude in Nürnberg.
Heiner Goebbels hatte mit diesem work in progress zunächst den Versuch
unternommen, "die Stadt als Text zu lesen, etwas ihrer Mechanik,
Architektur in Musik übersetzen". Eigenwillige Stadtporträts
also. Freilich nicht nur musikalische Nahaufnahmen und Programm-Musik,
sondern Gedächtnisprotokolle eines geschäftigen Stadtbenutzers,
der sich ein Sensorium bewahrt hat für das, was über und unter
dem Pflasterstrand so klingt - brüllt und dödelt, vibriert und
grunzt, scharrt und röhrt, plärrt und mährt und möhrt.
Musik des Flanierens und des atemlosen Rennens, der täglichen Hast
und des abendlichen Schlenderns. Maschinenlärm aller Stärkegrade,
diesseits und jenseits der Grenzwerte von Lärmschutzverordnungen.
Und ein Wind geht durch die Häuserschluchten: ein frischer, scharfer
Wind. Zehn Sätze tragen mit gattungsgeschichtlichem Regelverletzer-Stolz
die Namen der alten Suiten-Tänze - Courante, Gigue, Gavotte; mitunter
auch beziehungsreiche Doppeltitel wie "Allemande / Les ruines'' oder
"Menuett / L´ingénieur". Ein halbes Dutzend weitere
Abschnitte des lose gefügten Werks stützt sich auf Zeilen von
Heiner Müller, Paul Auster, Franz Kafka und Hugo Hamilton - über
die Sehnsüchte, Ängste, Phantasien und Depressionen in den Städten
und den Willen zur Macht, den ihr Bau und ihre Stabilisierung benötigten.
Und damit geht es um Verlust und Wiedergewinnen menschlicher Identität
in der Stadt. Von den Kämpfen um ihre Nutzung ist nicht die Rede;
aber anzunehmen bleibt, dass auch sie den Komponisten und Musik-Mixer
animierten.
"Jede Stadt ist voll widersprüchlicher Zeichen", betont
der Schauspieler, der sich als Erster ins Orchester-Getümmel wagt.
Er reflektiert mit Partikeln, die von den Dramaturginnen der Nürnberger
Pocket Opera aus Texten von Italo Calvino, Rolf Schneider, Hermann Glaser
und vielen anderen zusammenkompiliert wurden: über die Langwierigkeit
des Städtebaus, über die Haltbarkeit und Vergänglichkeit
der urbanen menschlichen Gemeinschaftsleistungen, über deren Planbarkeit
und Anarchie, über Zuwanderung, Unwirtlichkeit und Utopie. Doch schon
wieder reißt das Orchester mit seiner suggestiven Definitionsmacht
die Verhandlungsführung an sich. Das Kollektiv der Musiker legt sich
schwer ins Zeug, um die rhythmische Impulsivität, den Farbenreichtum,
die kesse Frische der goebbelsschen Musik freizuspielen. Unbestritten
ist es zunächst und für geraume Zeit der Hauptakteur.
Was Heiner Goebbels musikalisch verallgemeinerte, wurde nun konkret in
Nürnberg angewandt - im Auftrag des Meister-Singer-Festivals. Und
fortentwickelt zum "multimedialen Bildertheater": Sarah Derendinger
ließ man Häuser-Fassaden filmen: Gründerzeit-Portale und
neue Sachlichkeiten, Plattenbeton, Kunststoff-Fenster. Diese Stadtpartikel
ziehen auf luftigen Gazevorhängen quer durch die Halle, trennen die
Streicher von den Bläsern. Die Schauspieler ergänzen Hinweise
auf die Ur-Großbaustelle zu Babel und erörtern, was auf Sand
gebaut ist. Der starke Sopran von Elizabeth Lombardini-Smith wölbt
sich übers Orchester, die bärenstarke schwarze Stimme von David
Moss erhebt sich aus seiner Mitte: urbane Musik, die sich vielleicht nicht
so schnell abnutzt.
Bevor sie erschöpft, setzt sich die Inszenierung in Bewegung. Das
Publikum ins Freie geleitet, lauscht am Rande des Ödlandes hinter
der Tafelhalle dem fernen Klang des goebbelsschen Ready-Mades. Zu sehen
ist, wie nach dem gescharrt wird, was als Surrogat unter der Oberfläche
liegen könnte. Dann schlucken die Busse die Interessierten. Beschallt
mit Absurditäten, die auch ansonsten bei Sightseeing-Tours zum Besten
gegeben werden, erreichen sie das Reichsparteitagsgelände. Auch da
archäologische Bemühungen. Bis Oktober zeigt in der Steintribüne
eine Fotoausstellung "Faszination und Gewalt". Im Goldenen Saal
hat bereits wieder eine Kammermusik-Formation des Hofer Orchesters Position
bezogen. Es fährt - unterm Hakenkreuz-Mäandermuster - mit
dem Vortrag der Musik-Portraits fort: dekliniert die "Surrogate Cities"
bis zur Neige durch. Immunisiert sich gleichsam durch Hartnäckigkeit
gegen das schreckliche Ambiente. Damit hat Nürnberg nach den Industrie-
auch die Großmacht-Aspekte seiner Geschichte zur Geltung gebracht.
Die Organisation klappte perfekt. Die Busse spedierten, spät in der
Nacht, die vielfach gedankenbeschwerten Performance-Teilnehmer an ihren
Ausgangspunkt zurück. Die Bürgersteige waren da schon hochgeklappt.
(Frieder Reininghaus)
AZ (16./17.11.1996)
Die Großstadt - ein Sound-Moloch
Prinzregententheater: Heiner Goebbels' "Surrogate Cities"
Aufregend und verbüffend vom ersten Ton an ist es, das Orchesterwerk
"Surrogate Cities" des Frankfurter Komponisten Heiner Goebbels.
Die "szenische Komposition" von 1994 war jetzt mit der Jungen
Deutschen Philharmonie unter Peter Rundel zum erstenmal in München
zu erleben: Ungemein spannende anderthalb Stunden im Prinzregententheater,
das damit seinen ersten Gastspiel-Höhepunkt hatte. Die paar völlig
unverdienten Buhs für den Komponisten gingen in langem füßestampfenden
Applaus unter.
Alle Seh- und Hör-Gewohnheiten aus anderen Erfahrungen mit der Gegenwartsmusik
muß man ablegen. Das Stück braust mit harschen Bläserfanfaren
und grellen Streicher-Akkorden zu Lichtergeflacker, das über die
Orchestergruppen hinwegfegt, wie ins Sinfonische gesteigerte Rockmusik
los, und zieht dem Publikum in den folgenden sechzehn Sätzen mit
ständig neuen Klang- und Lichtmixturen immer wieder den Boden unter
den Füßen weg.
Heiner Goebbels' "Surrogate Cities" ist eine Materialsammlung
zum Thema Großstadt. Texte von Heiner Müller ("Der Horatier"),
Italo Calvino, ("Die unsichtbaren Städte"), Hugo Hamilton
("Surrogate City") und Paul Auster ("In The Country of
Last Things") liefern den literarischen Untergrund für eine
raffinierte Architektur aus dem Klang des elektrisch verstärkten
Orchesters und Alltags-Geräuschen der Metropolen aus dem Sampler.
Die Großstadt, hier: ein Sound-Moloch, so faszinierend wie bedrohlich,
der den Menschen verschlingt und zu gleich heimelig umfängt. Da wird
eine Scarlatti-Klaviersonate plötzlich von schabenden, scharrenden
Geräuschen überrollt, taucht mit den über Sampler eingespielten
Gesängen Jüdischer Kantoren aus den 30er Jahren ein Echo der
Vergangenheit auf, knallen, Percussion-Gewitter mit Pauken, Trommeln und
Metallblechen los.
Und zwischendrin: Gospel-Schmelz vom warmen Mezzosopran Gail Gilmores
und die phänomenalen Eskapaden der Noise-Art-Wunderstimme von David
Moss, - mit Raunzern, röhrenden Schreien und rhythmischem Hecheln.
Die große Qualität von Goeb-bels' Komposition: Babylonische
Sound-Vielfalt wird nicht zum eklektischen Sammelsurium, son-dern kommt
formal absolut ge-schlossen daher. Ein Großstadt--Soundtrack des
ausgehenden 20. Jahrhunderts, den die Musiker der Jungen Deutschen Philharmonie
unter Peter Rundel packend reali-sierten. Schön, daß es nicht
bei diesem Konzert bleibt: Das Orchester spielt "Surrogate Cities"
jetzt auf CD ein.
(Roland Spiegel)
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (02.09.1994)
Schöne Grüße aus dem Großraumbüro
"Surrogate Cities" von Heiner Goebbels bei den Frankfurt Festen uraufgeführt
Schlachtfelder der Phantasie, Gefängnisse der Imagination - Städte als
Chiffren menschlichen Zusammenlebens sind zugleich Brutstätten von Widersprüchen.
Galt die Stadt früher als Synonym für einen funktionierenden Organismus,
als Garant für persönliche Freiheit und gegliederte Geborgenheit, so ist
sie heute der profane Arbeits- und Wohnbereich für Millionen. Der liebgewonnene
kulturpessimistische Dreischritt sieht allein die fatale Entwicklung von
der ordnungsliebenden Polis über die anarchische Metropolis zur geisttötenden
Gleichförmigkeit einer rasterförrnigen Megalopolis. Zugleich wachsen die
Zweifel, daß das Stadtgeschehen heute noch durch technische Utopien reguliert
werden kann. Doch gegen diese apokalyptische Vision regt sich seit Jahren
Widerstand: Städtische Räume wurden als Spielwiesen kultureller Vielfalt
wiederentdeckt. Vor zehn Jahren noch als Sinnbilder eines zerstörten Lebens
verteufelt, sind Großstädte plötzlich Projektionsflächen postindustrieller
Wunschträume. Städtische Öffentlichkeit wird zum High-Tech-Terrain. Die
Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, die Unübersichtlichkeit öffentlicher
Regungen, die Reibungen und Spannungen, all das verheißt im besten Fall
eine Vitalität, die die gegenwärtigen Krisen meistern hilft. "Ich versuche,
musikalische Bauten zu errichten, die uns ähnlich schroff gegenübertreten,
wie die realen Gebäude einer Stadt." Mit seinem ersten Orchesterstück
"Surrogate Cities" will der Frankfurter Komponist Heiner Goebbels kein
pessimistisches Lehrstück über Urbanität liefern. Ihm geht es vielmehr
um ein abstraktes Großstadtbild, um die im ständigen Umbau begriffene
Architektur möglicher Metropolen. Die Junge Deutsche Philharmonie entwirft
deshalb Klangräume, in die melodische Kreuzungspunkte nur rudimentär eingezeichnet
sind, die aber den Lärmströmen der Großstadt neue Fluchtwege eröffnen.
Das Geräusch als Rausch, die Stadt als Text: Bei seiner Uraufführung im
Rahmen der "Frankfurt Feste" der Alten Oper entpuppte sich das Werk jetzt
als betörendes Labyrinth aus musikalischen Erinnerungen, literarischen
Geschichten, Gefühlsfragmenten und Ruinen einstiger Rebellion. "Nicht
die Stimme, sondern das Ohr bestimmt die Erzählung", behauptet Marco Polo
in Italo Calvinos Prosagedicht "Die unsichtbaren Städte". Während der
italienische Romancier seine fünfundfünfzig Städtebilder allein aus Wörtern
zusammensetzt, kombiniert Heiner Goebbels seine aufstachelnden Klanggesten
mit wohlbedachten Textauszügen. Nicht nur Calvino ist mit seiner Totenstadt
"Argia" im Spiel, auch Paul Auster, franz Kafka und Heiner Müller liefern
städtische Sprachszenarien. Wie die fünf Faustschläge in Kafkas "Stadtwappen""schlagen
gleich zu Beginn scharfe Tutti der Streicher und Bläser tiefe Schneisen
in den Hörraum: "Alles, was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden
ist, ist erfüllt von der Sehnsucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem
die Stadt von einer Riesenfaust in fünf kurzen aufeinanderfolgenden Schlägen
zerschmettert wird." Gleicht das symphonische Werk - genaugenommen eine
Folge von neun Einzelstücken - anfangs noch einem scharfkantigen, unwirtlichen
Klanggehäuse, so gewinnt es im Fortgang weichere Konturen, erzeugt Momente
unwirklichen Wohlklangs. Die kalkulierte Zerrissenheit der Komposition
verdankt sich nicht zuletzt Heiner Goebbels' Haßliebe zum Orchesterklang.
,Der klassische Orchesterklang ist immer museal, und kann sich kaum über
die eingebaute Seriosität hinwegsetzen; es ist gleich ein feierlicher
Tonfall da, ein Pathos." Und das will Goebbels um jeden Preis vermeiden.
Deshalb zertrümmert er alle Sentimentalitäten, setzt auf harte Kontraste
und hitzige Atmosphären. Daß dieses riskante Spiel mit jähen Gegensätzen
gelingt, liegt vor allem an David Moss, dem Bürgermeister der "Ersatzstädte".
Als "Pavarotti der Geräuschkunst" steigert er sich immer wieder in wahnwitzige
Stimmlagen. Flehendes Pathos schlägt in meckerndes Gelächter um. Mickeymaus
streitet mit Louis Armstrong um Gesangsvorrechte, eine seelenvolle Arie
verendet in fauchender Hysterie - und das alles in zwei Sekunden. Die
Auftritte von Moss haben eine hypernervöse Präsenz, und doch bleiben seine
eruptiven Vokalismen immer präzise und kontrolliert. Wie ein vor Angst
schlotterndes Kind rezitiert er Hugo Hamilton, den irischen Schriftsteller,
der lange in Berlin gelebt und mit seinem Buch "Surrogate Cities" Heiner
Goebbels den Namen für seine Klangarchitekturen geliefert hat. Doch schon
im nächsten Augenblick gleicht Moss einem Veitstänzer, der im Schutt der
Signale und Zeichen seinen Lieblingsreim verloren hat. Mit maschineller
Präzision generiert das Orchester die perkussiven Verwirrspiele. Mechanische
Rhythmen werden immer wieder bewußt zum Stottern gebracht. Düster dräuende
Motivketten der Bässe und Celli zerschellen an zwei gleißenden Schlagblechen
im Bühnenhintergrund. Dem geometrischen Lichtspiel an den Wänden, den
Quadraten, Kreisen und Linien korrespondiert der strukturelle Geist der
Musik. Heiner Goebbels, Fragmentarist aus Passion, liest den Stadtplan
bisweilen wie ein Mathematikbuch. Die Explosion der Vertikalen in Hochhäusern
und die Wucherung des Horizonts in Trabantenstädten - strenge Formen werden
immer wieder von organischen Prozessen unterminiert. Vielleicht bekommen
deshalb die schwebenden Klangflächen der Violinen plötzlich Risse und
zerbröseln im trockenen Schlaggewitter von drei Perkussionisten. Der Dirigent
Peter Rundel verleiht den perkussiven Einbrüchen bei aller intendierten
Mechanik eine geradezu sinnliche Schubkraft, wie in der Rockmusik. Durch
wechselnde Anordnungen der Instrumente wird der Große Saal der Alten Oper
ständig neu möbliert. Die Blechbläser jagen von der Empore motivische
Kürzel in den Raum, während Violinen auf der Gegenseite wie Gitarren geschlagen
werden. Ein hoher einsamer Ton von Gail Gilmore karikiert vom Balkon aus
das Stimmengewirr von David Moss auf der Bühne. In "Drei Horatier-Songs"
offenbart sich dabei die untergründige Blues-Tönung der Mezzo-Sopranistin.
Ihr dunkler Schmelz verwandelt gar in "Dwell where the dogs dwell"den
alte Livius-Stoff in ein Sehnsuchts-Manifest, das von George Gershwin
stammen könnte. Gute Grüße aus dem Großraumbüro: Rechner-Geräusche aus
dem Sound-Sampler überlagern die menschliche Stimme. Das technische Ambiente
der Großstadt kollidiert mit uralten Gesängen eines jüdischen Cantors,
die- Ironie der Computer-Kultur - ebenfalls nur im Digitalspeicher überleben.
Der schnelle Wechsel der Dinge und Erinnerungen läßt die Stadt gestaltlos
werden. Deshalb endet das szenische Orchesterstück mit den Worten: "Wenn
du in der Stadt lebst, lernst du, nichts für gewiß zu halten. Schließ
für einen Moment die Augen und das Ding, das eben noch da war, ist plötzlich
verschwunden." Was Paul Auster hier als notwendige Irritation des Sehens
beschreibt, hat Heiner Goebbels als Verunsicherung des Hörens komponiert.
(Peter Kemper)
BZ (18.10.02)
Symphonie(konzert) der Großstadt
Umjubelter Saisonstart am Theater Freiburg mit Heiner Goebbels' Musiktheaterstück
"Surrogate Cities"
Wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin? Auf der Bühne herrscht
geschäftige Bewegung, die sich aus der Distanz des Beobachters durch
ihre Ziellosigkeit auszuzeichnen scheint. Menschen kommen und gehen, ihre
Wege kreuzen sich, ohne dass Anonymität und Zufall dadurch aufgehoben
würden. Das ist der Mechanismus der Großstadt, deren Perpetuum
mobile, das der Komponist Heiner Goebbels in seiner Komposition "Surrogate
Cities" von 1994 zu beschreiben sucht.
Zugegeben: Man braucht im beschaulichen Freiburg schon etwas Phantasie
und reichlich Distanz, um angesichts der Vertrautheit von Bächle
und Gässle nachzuvollziehen, wie die antike Polis zur modernen Metropolis
wurde. Zum "Labyrinth von endlosen Schritten", in dem das Individuum
"immer das Gefühl, verloren zu sein" hat, wie der amerikanische
Schriftsteller Paul Auster in seiner New York-Trilogie schreibt. Oder
eben als jenes "moderne Babylon", als das es Alfred Döblin
definiert hatte. Und Gottfried Benn: "Ich sehe nicht viel Natur,
komme selten an Seen, / Gärten nur sporadisch, mit Gittern vor, /
oder Laubenkolonien, das ist alles, / ich
bin auf Surrogate angewiesen".
Die Surrogate, mit denen das Theater Freiburg zu seinem ehrgeizigen Saisonstart-Projekt
aufwartet, entsprechen der Summe der Möglichkeiten, die dem modernen
Theaterbetrieb zur Verfügung stehen: Musiktheater, Tanztheater, Schauspiel,
Performance, Experiment, kurzum: modernes Welttheater, das bei der Reflexion
des Topos Stadt aber vor allem eines nicht sein will: bloßes Stadttheater.
Andreas Janders Bühne liefert dafür beste Voraussetzungen. Ein
großer, offener Raum mit einem schachbrettartig angelegten (Stadt)Grundriss,
über den sich eine transparente Balkenkonstruktion spannt, die als
Synonym für die Hybris der Großstadt gelten kann. Auch wenn
Meyerholds Bühnen-Konstruktivismus der 20er-Jahre und ein bisschen
auch Andreas Reinhardts legendäres Bayreuther "Parsifal"-Bühnenbild
von 1982 Pate gestanden haben mögen - Janders Raum hat Größe,
auch im übertragenen Sinn. Denn zwischen den "Straßen"
und auch in den "Hochhäusern" am Horizont sitzt das Orchester,
verteilt über die ganze "Stadt". Und der Dirigent steht
wie ein Verkehrspolizist in der vorderen Mitte des Raums, räumt auch
mal das Feld, um den Verkehrsfluss nicht zu beeinträchtigen. Fast
wie im richtigen Leben.
Hier bietet sich ein Innehalten in den Betrachtungen an. Hat das Leben
eine Dramaturgie? Und wenn ja, lässt sie sich maßstabgetreu
auf das Theater übertragen? Ein Theatermacher wie Peter Zadek würde
sagen: "Theater ist nicht nur wie das Leben, es ist das Leben und
darf sich nicht zu weit aus dem Leben der Nicht-Theaterwelt zurückziehen."
Die Freiburger Produktion allerdings ist nicht frei von solchen Selbstbeschränkungen,
ja, sie hat sogar etwas Neo-Biedermeierliches. Die szenischen Anweisungen
von Regisseur Thomas Krupa und Choreografin Amanda Miller, die das Programmheft
als für die Inszenierung ebenbürtig Verantwortliche ausweist,
scheinen jede Form von dramaturgischer Stringenz bewusst zu ignorieren.
Wenn der Komponist über sein Werk sagt, es sei "der Versuch,
sich von verschiedenen Seiten der Stadt zu nähern, sie zu beobachten",
dann haben dies Krupa und Miller (und mit ihnen Kostümbildnerin Gabriele
Wasmuth) wohl als Anleitung zur Neutralität und Zurückhaltung
verstanden. Ihre Bilder bleiben meist im Bereich des Unbestimmten, Genügsamen.
Die Schauspieler (Ilse Boettcher, Miguel Abrantes Ostrowski, Janina Sachau)
schreiten, rennen und rezitieren, ebenso auch mitunter die Tänzer,
die sich im übrigen der hinreichend bekannten Nomenklatur von Amanda
Millers Ausdruckssprache bedienen. Die vom Produktionsteam versprochene
spartenübergreifende Sinnlichkeit bleiben beide Seiten selbst im
Fokus einer stimmigen Lichtregie (Bernhard Oesterle, Jander) ein bisschen
schuldig.
Wer echten Gewinn aus dem Abend ziehen will, der beobachte mit den Ohren.
Denn die Symphonie der Großstadt ist in Wahrheit ein Symphoniekonzert
der Großstadt. Mit großstädtischem Zuschnitt zumal. Was
Kwamé Ryan und das Philharmonische Orchester aus den rhythmisch
komplexen, stilistisch so differenten Strukturen von Goebbels' Musik machen,
verdient höchstes Lob. Sie bearbeiten diesen "mächtigen,
splittrigen Brocken", wie der Musikkritiker Hans-Klaus Jungheinrich
Goebbels' erste große Orchesterarbeit umschrieben hat, mit Professionalität
und Abgeklärtheit, aber in geradezu anrührender Emotionalität.
Das Orchester verkörpert nahezu alles an diesem Abend: vom ostinaten
Großstadtgetöse bis zum stillen (Auf-)Begehren des Individuums.
Und Ryan stiftet Ordnung in dieser Welt der eklektizistischen und dennoch
eigenwilligen Klänge. Richtig nah gehen einem die drei Horatier-Songs,
denen Inge Bidlingmaier die Unmittelbarkeit von Soul und Blues grandios
einhaucht. Ebenso perfekt finden sich ein Sänger (Gregor Dalal) und
eine Schauspielerin (Janina Sachau) in der eruptiv rappenden Mischung
aus Gesang und Geräusch zurecht.
Den einhelligen Jubel des Premierenabends hat sich die Produktion schon
ob dieser klangvollen Mischungen verdient. Noch etwas mehr gewagt in szenischer
Hinsicht - und der Abend wäre womöglich wirklich zu einer ganz
neuen "sinnlichen" Erfahrung geworden.
(Alexander Dick)
NEUE ZÜRICHER ZEITUNG (18.10.02)
Klangräume, Tagträume
Heiner Goebbels in Freiburg und Genf
Das Eigenartige: diese Sogwirkung; diese Kraft, das Innere zu beleben
und die eigene Imagination anzuregen; am Ende dies Gefühl von Erfrischung,
ja von Glück. Eine konkrete Botschaft, eine nacherzählbare Geschichte
vermitteln die Produktionen des 1952 geborenen Frankfurter Komponisten
Heiner Goebbels nicht. Ihre Stärke liegt vielmehr darin, wie sie
Atmosphären aufbauen, die jeweils den ganzen Raum erfüllen,
und wie sie Bausteine auslegen, in denen man sich nach eigenem Gutdünken
umtun und an denen man sich wahrhaft satt sehen und satt hören kann.
Die Gegenstände, denen sie sich zuwenden, sind abstrakter Natur,
das lassen schon die Titel erahnen. Und ihre Methode ist die Musik - freilich
die Musik in ihrer ganzen stilistischen Breite und, vor allem, in ihrem
ganzen theatralischen Potenzial. Fundstücke werden da zusammengesetzt,
verfremdet, weitergedacht; und stets wird die mit dem Herstellen von Klang
verbundene Körperlichkeit, die auf dem Konzertpodium und im Orchestergraben
nach Massen kaschiert wird, für die Erzeugung szenischer Aktion genutzt
- unter tatkräftiger kreativer Mitwirkung der Interpreten. Darin
ist das Schaffen von Goebbels mit dem Denken von Christoph Marthaler verwandt,
auch wenn es in der Wirklichkeit des Abends grundsätzlich anders
erscheint,
«Eislermaterial» von 1998 zum Beispiel - ein in Zusammenarbeit
mit dem Ensemble Modern entstandenes Projekt der Erinnerung an Hanns Eisler
im Jahr seines hundertsten Geburtstags. Bei der Uraufführung in der
Münchner Muffathalle gab es nicht viel zu sehen. Die Mitglieder des
Ensembles waren längs der drei Seiten der schwarz ausgeschlagenen
Bühne aufgestellt; in der Mitte, wo sonst der Dirigent seinen Platz
hätte, ein Stapel Notenbände, eine Auswahl aus der Eisler-Gesamtausgabe,
und auf ihnen eine kleine Statue des Komponisten. Dennoch war der Raum
ganz und gar erfüllt von der Person und der Persönlichkeit Eislers.
Das lag an der Präsenz seiner Musik, die Goebbels ausgewählt,
bearbeitet und durch Eigenes ergänzt hat: der vielen auf Texte Brechts
geschriebenen Lieder, die einen Begriff von dem ästhetisch-gesellschaftlichen
Engagement Eislers vermittelten. Es ging auf die Ausstrahlung des Schauspielers
Josef Bierbichler zurück, der die Lieder sehr gekonnt mit jener schütteren
Stimme, die an Eislers eigene Auftritte erinnerte, und mit jener scheuen
Zurückhaltung vortrug, die den ehrlichen Kern der Werke hervortreten
liess. Und natürlich ergab es sich aus jenen zwei Textcollagen, welche
die Stimme Eislers vielfach übereinander geschichtet in den Raum
trug. Das alles wird durch die von ECM vorgelegte CD-Aufnahme vorzüglich
vermittelt.
Auch «Surrogate Cities» von 1996 liegt auf CD vor, doch ist
das hier vielleicht nicht das geeignete Medium. «Surrogate Cities»
lebt nämlich in weitaus höherem Mass von szenischer Aktion -
so jedenfalls der Eindruck bei der blendenden Produktion, mit der das
Theater Freiburg im Breisgau seine neue Saison und zugleich die Intendanz
von Amélie Niermeyer eröffnete. Spartenübergreifendes
Denken soll in diesem Stadttheater, das nach traditioneller Weise Oper,
Schauspiel und Tanz unter einem Dach vereinigt, jetzt herrschen. Und so
brachte «Surrogate Cities» das von Kwamé Ryan mit einzigartiger
rhythmischer Elastizität geleitete Freiburger Orchester, das Ballett
in einer Choreographie seiner Leiterin Amanda Miller sowie, angeführt
von dem für die Oper wie für das Schauspiel zuständigen
Oberspielleiter Thomas Krupa, eine Reihe von Schauspielern und Sängerinnen
zusammen. Eine enorme Fülle an Bewegungen, Klängen, Textfetzen
ergab sich da - und eine Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Aktivitäten,
wie sie sich auf den Strassen der Grossstadt erleben lassen. Das Orchester
war in zwei nach hinten verlaufenden Gruppen auf der von Andreas Jander
gestalteten Bühne placiert, und in den ruhigen Gängen der Musiker
spiegelte sich jene Beweglichkeit, welche die rhythmisch orientierte,
durch elektronische Klänge angereicherte Partitur vorgibt. Auch hier
viele Einwürfe, Ausrufe und vielsprachige Textverläufe, die
nicht auf stringente Gedankenführung, vielmehr auf kreatives Assoziieren
ausgerichtet sind. Wie das alles vom versammelten Ensemble des Freiburger
Theaters gemeistert wurde, sorgte für einen wahrhaft markanten Auftakt.
Von durchgehender Spannung getragen das Ganze - und genau das ist
es, was «Paysage avec parents éloignés», dem
jüngsten Stück von Heiner Goebbels, zu fehlen scheint. Mag sein,
dass es mit der noch eine Spur abstrakteren Thematik zusammenhängt.
«Paysage avec parents éloignés», entstanden
im Auftrag der Europäischen Festival- Vereinigung und durch das Genfer
Grand Théâtre in dem dafür sehr geeigneten Bâtiment
des Forces Motrices uraufgeführt, setzt sich mit der Tatsache auseinander,
dass in der Betrachtung eines - im Gegensatz zu dem stets zielgerichteten
Lesen eines Textes oder dem Hören von Musik - jederzeit ein Innehalten,
ein Wechsel der Perspektive, ein Wahrnehmen anderer Einzelheiten möglich
sind. So stellt Goebbels auch hier eine ganze Reihe von Auszügen
aus kunsttheoretischen Texten, aber auch von Betrachtungen allgemeiner
Art zusammen - wie stets in den verschiedensten Sprachen. Und wie stets
mischt er Musiken verschiedenster Provenienz, bringt er Anklänge
an weit vergangene Epochen mit exotischen Instrumenten zusammen. So öffnet
auch «Paysage avec parents éloignés» weite Klangräume
und lädt eine Dramaturgie des Traums zur Hingabe ein - allein: Das
Thema packt nicht wirklich, die Abfolge der Texte wirkt nicht selten beliebig,
der Einstieg entwickelt sich zähflüssig, und nach zwei Dritteln
dieses gut zweieinhalbstündigen, ohne Pause gegebenen Abends kommt
es zu Durchhängern. Die Reaktion des Publikums stand dafür;
es gab geräuschvollen Premierenschlaf und bedeutende Abgänge.
Dabei hat Goebbels, was Imagination und Handwerk betrifft, eine Virtuosität
sondergleichen erreicht und steht ihm mit dem Ensemble Modern (Leitung:
Franck Ollu) ine Gruppe kongenialer Interpreten zur Seite. Und das braucht
es hier, denn «Paysage avec parents éloignés»
ist für ein Ensemble komponiert, dessen Mitglieder nicht nur ihre
Instrumente betätigen, sondern auch rezitieren,singen und auf der
Bühne agieren. Es gibt einen Sprecher (David Bennent, des Französischen
wie des Deutschen mächtig), es gibt einen Bariton (Georg Nigl) -
den ganzen Rest des zahlreichen Personals stellt, neben dem 16-stimmigen
Chor des Genfer Grand Théâtre, das Ensemble. Da wird ein
Triumphmarsch getrommelt und geschrien, da werden riesige Puppen bewegt,
werden Modelle mittelalterlicher Burgen in Brand gesetzt, wird eine rührselige
Country-Szene gestellt, und am Ende kommt es zum durchgehenden Klang indischer
Tempelglocken, zu einer Abschiedssinfonie à la Haydn. Reichhaltig
assoziierend die Bühne von Klaus Grünberg und raffiniert sein
Licht, verspielt die Kostüme von Florence von Gerkan. An Sinnesreizen
fehlt es nicht - und doch: An «Surrogate Cities», an
«Eislermaterial» und erst recht an eine Grosstat wie das Hörspiel
«Wolokolamsker Chaussee» von 1989 kommt diese Produktion nicht
heran.
(Peter Hagmann)
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