Schwarz auf Weiss


FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (16.03.1996)
"Heiner Goebbels hat hier ein Stück entworfen, das dem Musiktheater neue Perspektiven weisen kann. Es bezieht sich auf experimentelle Konzepte der Avantgarde, kopiert diese aber nicht, was anachronostisch wäre, sondern sucht sie sinnlich zu füllen. Goebbels amalgamiert Szene, Licht und Musik, ohne jedoch die Selbständigkeit des Einzelnen anzutasten. Illusion, die in früheren Arbeiten eine durchaus wichtige Rolle spielt, ist dabei nicht mehr nötig. Sie wird in 'Schwarz auf Weiss' zum Zitat: Wenn das freistehende Bühnenportal mit großem Krach zu Boden fällt, dann ist das Theater zu Ende."
(Hanno Ehrler)

FRANKFURTER RUNDSCHAU (18.03.1996)
"Goebbels' Werk entstand (in der Konzeption) vor Müllers Tod, und vielleicht gerade deshalb geriet es zu einem Liebeslied und einer Todesklage von solcher Intensität, die nur durch trockene Distanz erreicht wird. Jede der Aufführungen wird anders ausfallen, für andere Spielorte müßte ein anderes Konzept erarbeitet werden (das gleichwohl funktionieren kann), und mit einem anderen als dem Ensemble Modern scheint es unmöglich, ein solches Projekt zu realisieren. Hier handelt es sich um Musiker und Musikerinnen, die -jenseits von handwerklicher Meisterschaft- ein Konzept mit einer Vitalität ausstatten, daß man die Intensität noch mit nach Hause nimmt, wenn einen die Inszenierung in die schwarz-weiß beleuchtete Frankfurter Nacht entläßt."
(Michael Rieth)

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (18.03.1996)
"Schattenrisse der Ensemble-Mitglieder vor einer weißen Wand, die Proportionen grotesk umgekehrt; ein helles Aufglühen der beleuchteten Bankreihen; traumverlorene Bewegungen des Lichts und der Musiker - all dies sind höchst virtuos eingesetzte dramaturgische Mittel, um den tradierten Aufführungscharakter eines klassisch agierenden Ensembles zu unterlaufen. Obwohl oder gerade weil Heiner Goebbels 'Schwarz auf Weiss' vor Heiner Müllers Tod konzipiert hatte, geriet die Aufführung zum einzig adäquaten Requiem auf den Dichter. Es ist ein grandioses Stück der Trauer in einer Zeit, da alle ihre Zeichen und Formen schal und belanglos geworden sind.
(Harry Lachner)

STRANDGUT (März 1996)
"Die leisen, zwanglosen, unmerklichen Übergänge bestimmen die Atmosphäre der Aufführung, die Akteure kommen und gehen scheinbar wie es ihnen behagt, niemand ist an seinen Platz gefesselt, noch an sein Instrument. Wir sind in Heiner Goebbels' jüngstem Konzerttheater, in dem die Musiker des Ensemble Modern zugleich Darsteller sind. Der Titel heißt 'Schwarz auf Weiss', aber was praktiziert wird, ist beinahe das Gegenteil davon: Nichts wird bewiesen, nichts steht unumstößlich fest, alles ist im Fluß, in Bewegung, in der Schwebe. Wie einen Schleier aus unterschiedlich getönter Gaze benutz Kalman sein Licht, macht es in jedem Moment über seine dramaturgische Funktion hinaus zum Mitakteur. Manchmal sind es erst die sich verbreiternden und verdüsternden Schatten, die in den Raum einfallen und uns plötzlich gewahr werden lassen, wie dicht das beieinander ist: Übermut und Melancholie, Spiel und Ernst. Denn das, wovon wir langläufig meinen, es seien sich ausschließende Gegensätze, führt die Aufführung zusammen: in einem fortwährenden Changieren und Überschreiten ihrer jeweiligen Stimmungen."
(Jutta Baier)

DER TAGESSPIEGEL (19.03.1996)
"Was fängt an? Ein Spiel von Suchen und Fragen, bisweilen auch finden. Lauter schöne, leichtgewichtige Bilder und Szenen, manche grau in grau, andere hübsch koloriert. Sinnfällige und abschweifende. Ein Spaziergang des Sehens, wohltuend bedächtig, ohne Überfälle von hinten. Gemächlich und gelassen tauchen wir ein in eine Tagtraumwelt. Schwarz auf Weiss, so klar ist die Aussage nicht, wo doch alles Bedeutsame verschwimmt, in Frage gestellt wird. Da hat einer einen Plan und überläßt doch vie1 dem Zufall, dem inneren Rhythmus der Einzelnen. Ein Stück über die Freiheit? Das schon."
(Manael Brag)

STUTTGARTER NACHRICHTEN (13.06.2001)
Heiner Goebbels "Schwarz auf Weiss" in Baden-Baden
Hommage an Heiner Müller
Schwarz auf weiß liest man Kritiken, Romane, Rechnungen, und mancher Zeitgenosse glaubt grundsätzlich nur, was er schwarz auf weiß sieht. Ungeahnt fantastisch ist das Spektakel, das der Komponist und Theatermann Heiner Goebbels "Schwarz auf weiß" als modernes Musiktheater für das Ensemble Modern geschrieben hat.
Andreas Mölich-Zebhauser, dem Ensemble Modern aus früheren Zeiten verbunden, lud das 18-köpfige Spezialistenorchester für Zeitgenössisches samt Goebbels und dem Stück "Schwarz auf weiß" mutig zu den Pfingstfestspielen nach Baden-Baden ein. Modernes Musiktheater ist nicht unbedingt der Renner beim breiten Publikum, aber die Kenner und Liebhaber fanden sich tatsächlich im Festspielhaus ein, um 75 Minuten lang einem ebenso kryptischen wie faszinierenden Geschehen zu folgen.
Als literarische Vorlage diente Morbides von John Webster und Edgar Allan Poe, aber auch ein Text von Maurice Blanchot. Auf der Bühne sieht man einen schreibenden Menschen, der zum Schreiben halblaut in Französisch Blanchots Worte mitspricht, man hört, tonbandverstärkt, die Schreibgeräusche. Nach und nach füllt sich die Bühne mit Musikerinnen und Musikern, die gelassen ihren Platz suchen.
Souverän tun die Mitglieder des Ensemble Modern so, als wären sie allein im Saal, und kehren dem Publikum den Rücken zu. Bald herrscht muntere Anarchie auf der Bühne, die einen werfen mit Bällen nach dem Schlagwerk, die anderen spielen Federball. Doch die ständige Bewegung, die immer neuen Formationen der Musiker und Instrumente sind genau choreografiert. Jeder Einsatz in dem scheinbar zwanglos improvisierten Musiktheater sitzt exakt, ob Webster oder Poe in Englisch, Französisch und Deutsch deklamiert werden oder die Instrumente allein das Sagen haben.
Goebbels versieht die schaurigen Texte mit ironischen Brechungen, während in Poes Erzählung "Schatten" von unheimlichen Ereignissen im antiken Ptolemais die Rede ist, kocht sich einer der Musiker seinen Tee. Gekonnt hat Goebbels gesprochenes Wort, Aktion und Musik verbunden, zum dampfenden Teekessel bläst der Teeliebhaber sein Solo auf der Piccoloflöte. Die Spitzentöne erinnern nicht von ungefähr an das Pfeifen eines kochenden Wasserkessels.
Eine phänomenale Vielseitigkeit legt das Ensemble Modern in "Schwarz auf weiß" an den Tag. Nicht nur, dass jeder virtuos sein Instrument beherrscht, beherzt greifen die Streicher auch mal zum Blech und die Bläser umgekehrt zur Geige. Letzteres allerdings nur, um ein dekoratives Violinenballett auszuführen, derweil eine sinnreiche Konstruktion der chinesischen Zither mechanisch eine aparte Tonfolge entlockt.
Elegant hat Goebbels moderne elektronische Rhythmen mit den Motivfetzen und improvisatorischen Soli der Musiker zu einer Einheit verbunden. Trotz aller Brüche reißt der rote Faden nie ab. Dieses Musiktheater ist zu quirlig, um ein Requiem für den Dramatiker Heiner Müller abzugeben, doch eine Hommage auf den großen Autor ist es allemal, wenn am Ende aus dem Off Müllers Stimme spricht. Ungewöhnlich, dank der engagierten, hoch professionellen Interpretation des Ensemble Modern aber auch spannend, erwies sich das Stück als zeitgenössischer Kontrapunkt der Pfingstfestspiele.
(Nike Luber)

TAGESANZEIGER, 25. August 2003
Duett mit pfeifendem Teekessel
Musik, die aus dem Kollektiv entsteht und in Dialog zur Umwelt tritt: zwei Konzerte und eine Begegnung mit dem deutschen Komponisten Heiner Goebbels.
Er gilt als Mittler von E-Musik, Jazz und Rock, als Strassenkämpfer und politischer Komponist, der zu seinen Vorbildern Hanns Eisler zählt und der immer wieder die Texte von Heiner Müller vertont hat. Mit diesem Bild von Heiner Goebbels im Hinterkopf erlebt man dann auf der Bühne zum Beispiel dies: Ein Musiker trägt einen Gaskocher rein, stellt einen Teekessel drauf und bringt Wasser zum Sieden. Er erledigt dies und das, im Hintergrund ist sonst einiges los. Und wenn der Teekessel nach einiger Zeit pfeift, nimmt er seine Piccoloflöte hervor und pfeift zu diesem "Orgelton" seinerseits Tonarabesken. Das sind die Elemente, die einen zum Staunen bringen und ein Musiktheater wie "Schwarz auf Weiss" zum Hör- und Seherlebnis machen. Die Musik und das Theater: Sie werden bei Heiner Goebbels aus den Gegenständen entwickelt.
Geschlecktheit vermeiden
Sensibilisiert durch das Motto: "Ich", das sich das Lucerne Festival heuer übers Programm geschrieben hat, fragt man sich gleich, wie einer auf solche Ideen kommen mag. Das ist keine Kunst, die zu Hause im Elfenbeinturm ausgedacht wurde. Sie entsteht spürbar im Kontakt mit den Musikern des auch an diesem Abend wieder hervorragenden Ensemble Modern. Die Partituren, so sagt der 51 Jahre alte Komponist, seien zwar am Schluss exakt notiert, aber wenn er fast ein Jahr vor der Aufführung zur ersten Probe komme, habe er noch nichts geschrieben. Im Kontakt mit den Musikern entstehen Bilder und Ideen. So geschah es bei "Schwarz auf Weiss", das bewusst auf einen Protagonisten verzichtet, oder auch bei der Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten", die vergangenen Oktober in Genf uraufgeführt wurde. "Nach dieser ersten Erfahrung ziehe ich mich zurück und versuche, etwas zu schreiben, das all diese Stimmen vorkommen lässt. Denn bei einem Ensemble wie diesem sind viel mehr Stimmen zu hören, als ich mir als Einzelner ausdenken kann."
So vielstimmig komponierend, arbeite er eigentlich am Verschwinden des Komponisten-Ichs. "Ich tue genau das Gegenteil. Ich versuche, nicht ständig Ich zu sagen. Deshalb liebe ich dieses Zitat von Walter Benjamin, der über Franz Kafka sagt: Kafka habe erst da angefangen, grosse Literatur zu schreiben, als er in der Lage war aufzuhören, Ich zu sagen." Spannend werde es doch erst, wenn sich etwas şberindividuelles formulieren lasse. "Starke Künstler machen das aus einer Obsession heraus, andere eher aus der gesellschaftlichen Beobachtung. Und zu denen würde ich mich eher rechnen: Das Ich als ein Kollektives; Kunst als Ausdruck nicht einer persönlichen Obsession, sondern als kollektive Erfahrung und als gesellschaftlicher Schatz."
Das ist in "Schwarz auf Weiss" exemplarisch erlebbar. Auf spielerische Weise entstehen die Bilder: Ob nun die Musiker Tennisbälle auf eine grosse Trommel werfen oder ob sie einzelne Töne skandierend über Bänke schreiten. Dieses Ensemble-Kollektiv geht dabei freudig einen Schritt über sein hohes Spezialistentum hinaus. Jeder Musiker greift sich immer wieder Instrumente, die er nicht oder nur ansatzweise beherrscht - was der Musik wiederum etwas Ursprüngliches, Rohes gibt. Jede Geschlecktheit wird vermieden. Und schliesslich bleibt es auch nicht beim blossen Spiel. Hinter dem Stück stehen Texte von Edgar Allan Poe, T. S. Eliot und Maurice Blanchot, die von Abwesenheit, Tod und Ich-Verlust handeln. Und selbst wenn die literarischen Zusammenhänge nur stellenweise erahnbar sind, so erhält dieses Musiktheater etwas Zwingendes: So und nicht anders muss es sein. Gefordert ist absolute Präzision, weil sonst die Prägnanz des Rhythmus verloren geht.
Viele Stücke von Heiner Goebbels entstehen aus der Beschäftigung mit Texten oder Bildern. "Es gibt wenige Stücke, die keine aussermusikalische Idee haben, und selbst bei diesen würde ich vielleicht sagen: Es ist Musik über Musik." Was in der Viel- oder Verschiedenstimmigkeit des musikalischen Materials zu hören ist. Auch das ist ein Kollektiv. Es drückt sich in der Arbeit mit dem Sampler aus: Das Eigene steckt in der Verfahrensweise: "Wie montiere ich die Materialien, die nicht originär von mir sein müssen? An den Schnittstellen können Sie mich ausmachen. Da entscheidet sich, ob eine Konfrontation funktioniert. Nicht wichtig ist ja, ob ich mit Hip Hop, griechischen oder dokumentarischen Elementen arbeite, sondern wie ich das tue."
Pauken mit Tüchern schlagen
In Stücken wie "La Jalousie" oder "Heracles 2", die am Freitag ebenfalls mit dem Ensemble Modern in Luzern zu hören waren, ist das konsequent dargestellt. Die Montage des heterogenen Materials erscheine schlüssig, wenn sie nach musikalischen Kriterien funktioniere: "Wenn in einem Geräusch Obertonreihen aufscheinen, die anschliessend in der elektronisch verzerrten Geige ihr Echo finden, oder wenn in einem vorbeifahrenden Auto eine Tonhöhe angespielt wird, die im Cello weitergeht".
So entwickelt er in der Musik sinnfällige, sinnliche Bilder, etwa wenn in "Industry and Idleness " (was sich als "Fleiss und Faulheit" übersetzen liesse), die Pauken über längere Zeit beharrlich mit laschen zusammengefalteten Tüchern geschlagen werden. Das ist weitaus mehr als ein simpler Effekt. Wen wunderts, dass Goebbels rhythmisch, harmonisch, klangfarblich ständig mit der Umwelt kommuniziert, auch ausserhalb seiner Musik, zum Beispiel "wenn ich eine Treppe runtergehe, oder wenn ein Specht gegen einen Baum klopft". Das Ich ist hier ein Medium, freilich nicht eines der mystischen Art, sondern eines, das auf dem Boden bleibt.
(Thomas Meyer)


NEUE ZÜRICHER ZEITUNG, 25. August 2003
Die Perspektive des Hörers
Heiner Goebbels - präsentiert vom Ensemble Modern
Aus den Lautsprechern ist ein Sprecher zu vernehmen, der den Schluss der Kurzgeschichte «Schatten» von Edgar Allen Poe liest: Den Überlebenden einer
Pestseuche erscheint ein Schatten, in dessen Tonfall sie schaudernd die Stimmen der dahingerafften Freunde erkennen. Die Musikerinnen und Musiker des Ensemble Modern setzen sich verstreut auf die Bänke des verdunkelten Bühnenraumes. Mit stilisierten Bewegungen beginnen sie zu spielen, doch es erklingen nur geräuschhafte Fetzen. Das seitliche Scheinwerferlicht lässt lange Schatten entstehen. Auch oben an der Bühnenrückwand ist ein Schatten zu sehen. Plötzlich kracht der Bühnenrahmen herunter, alle erstarren. Katastrophe? Jedenfalls das Ende.
So hört das Musiktheater «Schwarz auf Weiss» von Heiner Goebbels auf, das die Werkschau wichtiger Kompositionen des diesjährigen «composer in residence» am Lucerne Festival eröffnete. Dass sich die verschiedenen Elemente in der Schlussszene so eindeutig dem vorgetragenen Text unterordneten, war ein Extremfall der Aufführung. Denn Goebbels sucht sowohl als Komponist wie als Regisseur das Illustrative und das Hierarchische zu vermeiden. In der Tat führten Text, Musik, Bühnenbild, Licht und Szene ein starkes Eigenleben. Trotz den rezitierten Texten gibt es in «Schwarz auf Weiss» keine narrative Struktur. Die Akteure sind die achtzehn Instrumentalisten des Ensembles, und ihre «Handlungen» bestehen vornehmlich im theatralischen Bedienen ihrer Instrumente: auspacken, aufstellen, einrichten, spielen, wegräumen. Dabei bläst eine Streicherin auch mal in ein Horn, oder die Bläser werfen mit Tennisbällen nach der
grossen Trommel. Dieser Performance-Charakter - die Musiker brachten ihre Individualität so lebhaft ein, dass Werk und Aufführung weitgehend ineinander verschmolzen - bildete das stärkste Erlebnis des ersten Abends.
Die musikalischen Merkmale der Handschrift von Goebbels, die bei «Schwarz auf Weiss» zu hören waren, zeigten sich auch beim Porträtkonzert des zweiten
Abends, wenngleich in unterschiedlichen Spielarten.
Goebbels' Musik klingt polystilistisch; ihre Ahnen sind nicht primär bei der deutschen Nachkriegs-Avantgarde zu suchen, sondern im Free Jazz, bei der Improvisation, der Popmusik, der Politmusik Hanns Eislers und der traditionellen Kunstmusik. In der Ensemblefassung «Industry and Idleness», bei der der Dirigent Franck Ollu das gross besetzte Ensemble Modern sicher durch die rhythmischen Klippen führte, sind diese Stilschichten eng miteinander verflochten. Schräges und Schönes waren gleichzeitig zu vernehmen, so etwa die flatterhaften Töne einer Trompete und die langgezogenen Terzenparallelen zweier Oboen.
Oft lässt sich Goebbels von einem literarischen Hintergrund inspirieren. Im Fall des Stücks «La Jalousie» nach einem Roman von Alain Robbe- Grillet führt dies zu einer mehr angedeuteten als ausgeführten Semantik, während sich der Inhalt des Stücks «Herakles 2», der Kampf des Helden gegen die Hydra, in einer Musik niederschlägt, die immer mehr ins Stolpern gerät und am Schluss auf einem endlos wiederholten Ton der Trompete endet. Solchen autoritär gesteuerten dramatischen Entwicklungen misstraut Goebbels zwar in der Theorie, doch in der Praxis lässt er sie gelegentlich zu. In den «Bildbeschreibungen», die zum Schluss des zweiten Abends uraufgeführt wurden, greift er das Thema des Autoritären sogar explizit auf. Das Werk stellt sozusagen ein Abfallprodukt seiner 2002 entstandenen Oper «Landschaft mit entfernten Verwandten» dar.
Gegenstand der Oper und der Suite sind Bilder, vorwiegend Landschaften, in denen die Maler kein Zentrum festgelegt haben und der Betrachter sich seine
eigene Perspektive zurechtlegen kann. Wer bei «Bildbeschreibungen» eben diese Freiheit für sich beanspruchte, konnte vermutlich den grössten Gewinn
verbuchen.
(Thomas Schacher)