"Trau keinem Auge"

Laudatio auf Erich Wonder anläßlich der Verleihung des Hein-Heckroth-Bühnenbildpreisen am Stadtheater Giessen


TIFF/Kultur, 16.04.2003
Rätselbilder gegen optische Überflutung
Erich Wonder mit Hein-Heckroth-Preis ausgezeichnet – Förderpreis für Annette Murschetz – Ausstellung in Kunsthalle
Thomas Schmitz-Albohn GIESSEN. "Ich nenne es eine glückhafte Entscheidung, dass mit der Stiftung eines Preises in Hein Heckroths Namen der Kunst des Bühnenbildners, die eine so lange Tradition hat, endlich ein rühmendes Forum geschaffen ist", sagte der bekannte Theaterkritiker und Ehrenpräsident der Frankfurter Akademie der darstellenden Künste, Dr.Günther Rühle, beim Festakt am Montagabend im Gießener Stadttheater. Rühle, selbst gebürtiger Gießener, war einer der prominenten Redner bei der erstmaligen Verleihung des Hein-Heckroth-Bühnenbildpreises. Er hielt die Laudatio auf den Namensgeber, den aus Gießen stammenden Maler, Bühnenbildner und Oscarpreisträger Hein Heckroth (1901 bis 1970). Zu dieser Preisverleihung im Stadttheater gab sich eine illustre Gesellschaft mit allen, die in der Kulturszene der Universitätsstadt Rang und Namen haben, ein großes Stelldichein. Der mit 5000 Euro dotierte und vom Land Hessen finanzierte Preis ging dabei an den Wiener Bühnenbildner Erich Wonder (Jahrgang 1944); seine Schülerin Annette Murschetz (Berlin) erhielt den mit 2500 Euro ausgestatteten Förderpreis, den die Stadt Gießen bereitstellt.
Rühle sprach von den Brüchen eines Künstlerlebens in zwei Weltkriegen, den Jahren des Exils in England und Amerika und dem Wagnis, ins Land der Täter wieder zurückzukehren: "Heckroth sah seine Zeit mit den Augen des Malers, aber mehr noch mit den Augen des Bühnenbildners, des Theaters, das eine Fülle vortäuscht, die doch nur die Masse von Wandlungen ist." Heckroth habe nicht nur im Bild die Metamorphosen gesucht, sondern auch in sich selbst. Er habe seinen Begriff von Malerei mit ins Theater genommen und für die Zwecke der Bühne transformiert. Das in fünf Jahrzehnten entstandene Lebenswerk Heckroths nannte Rühle leuchtend, aber auch "durchschattet von dem selbst erfahrenen Kummer, dass man den Maler in ihm weniger schätzte als den Bühnenträumer".
Der Gießener Kulturdezernent Dr.Reinhard Kaufmann erwähnte in seiner Begrüßung besonders die Vorsitzende der Hein-Heckroth-Gesellschaft, Dietgard Wosimsky: "Sie hat ihre Idee des Hein-Heckroth-Preises ebenso hartnäckig wie charmant verfolgt." Auch Intendantin Cathérine Miville lobte die "unermüdliche Motivatorin" und hob die Vergabe des Förderpreises als ein wichtiges Signal hervor.
In seiner Laudatio auf den Preisträger erinnerte der Komponist, Weggefährte und Gießener Professor der Theaterwissenschaft, Heiner Goebbels, daran, dass Wonder Anfang der siebziger Jahre unmittelbarer Nachfolger Heckroths an den Städtischen Bühnen in Frankfurt war und seither an nahezu allen wichtigen europäischen Opern- und Theaterhäusern gearbeitet hat. "Trau keinem Auge" habe Wonder einmal gesagt, und tatsächlich könne man bei ihm seinen Augen wirklich nicht trauen: "Warum schwebt der Konzertflügel über dem Bühnenboden wie ein Metronom, und wieso schneit es in einem Stück wie Heiner Müllers ,Auftrag‘, das doch eigentlich in Jamaika spielt? Und wie schafft er es, dass das riesige Stadion, in das wir eben noch zu größenwahnsinnigen Texten von d’Annunzio geblickt haben, plötzlich voller Bäume steht?"
In einer Zeit der optischen Überflutung gehe es Erich Wonder darum, "Rätselbilder zu schaffen, Geheimnisse zu wahren". Er baue den Schauspielern einen Raum, der ihnen eine andere, eine Theaterwirklichkeit anbiete – keine vorgebliche, sondern eine, an die sie sich halten können, halten müssen: der Panzer in Düsseldorf, Schächte in Hamburg, Sand in Wien und genau definierte Lichträume in Frankfurt. Seine Räume stellten gerade darin wieder eine eigene Maschinerie dar, die bezwungen werden müsse. "Das ist der Unterschied zur Kulisse", so Goebbels.
Erich Wonder, der über seine einstige Schülerin sprechen sollte, machte es kurz, indem er den Witz anbrachte, er lese offenbar dieselben Bücher wie Goebbels und wolle daher den Zuhörern die Wiederholung derselben Zitate ersparen. So begnügte er sich mit einer kleinen Anekdote und erwähnte, dass Annette Murschetz seit 1992 als Bühnenbildnerin in Wien, Barcelona, Berlin und Hamburg gewirkt hat.
* Nach dem Festakt im Theater herrschte in der Kunsthalle gegenüber dichtes Gedränge: Dort eröffnete Museumsdirektor Dr.Friedhelm Häring eine Ausstellung mit Gemälden von Erich Wonder – doch der Künstler war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Im oberen Teil der Halle sind meist großformatige, sehr expressiv und wuchtig wirkende Gemälde zu Richard Wagners "Ring des Nibelungen" zu sehen. "Das sind aber keine Illustrationen zum ,Ring‘", beeilte sich Häring zu sagen. So wie Wagner den politischen Impuls seines Werkes nie geleugnet habe, so fordere es auch immer zu politischen Interpretationsansätzen heraus. "Diese Bilder sind ein Schockerlebnis, ein Urerlebnis", sagte Häring und zeigte dabei auf jene Darstellungen, in denen ein notgelandetes Flugzeug in einem durchsichtigen Würfel wie in einem riesigen Eisklumpen gefangen ist: "Hier hat einer dem Werk Wagners einen eigenen melodramatischen Sinn eröffnet." Häring sprach von der "Präsenz der Farbe", der "innegehaltenen Zeit" und dem Glanz des Lichtes in diesen Bildern. "Darin ist Wonder einer der ganz großen Meister unserer Zeit", sagte er.
* Die Wonder-Ausstellung in der Kunsthalle ist bis 27.April zu sehen; dienstags bis samstags von 10 bis 16 Uhr, mittwochs von 10 bis 20 Uhr, sonn- und feiertags von 10 bis 13 Uhr.