Die Wiederholung


BERLINER MORGENPOST (15.10.1995)
"Wunderbare Einladung an die Phantasie
Hebbel Theater: Heiner Goebbels' 'Die Wiederholung'
Der Anfang ist klug gesetzt und erzwingt unbedingte Aufmerksamkeit: Ein Mann sitzt an einem langen Tisch mit dem Rücken zum Publikum; er beschreibt einen Bühnenvorgang bis ins Detail und führt ihn aus. Und plötzlich stimmen Text und Handlung nicht mehr überein, der Bühnenraum ist nicht mit dem Beschriebenen identisch, aber man kann ihn sich vorstellen.
Der Zuschauer ist eingeladen, das Bühnengeschehen mit seiner Phantasie in Einklang zu bringen, und der Bühnenbildner Erich Wonder hat Räume geschaffen, in denen das Wunderbare geht. Die Bühne wird zum vollendeten Imaginationsraum. Wände bewegen sich lautlos, Lichtkorridore gliedern die leere Bühne, und die Drehbühne wird zum Mitspieler der Akteure.
Szenenwechsel: Salongeplänkel zwischen Mann und Frau, gesuchte und unmögliche Nähe, fast eine Liebesgeschichte. Die Szene taucht wieder auf, und diesmal sind die Rollen verkehrt, die Akteure ausgetauscht.
Der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete, vielfältige Künstler Heiner Goebbels hat nach Motiven des Philosophen Sören Kierkegaard und des Romanciers Alain Robbe-Grillet einen Abend gestaltet, der mit Wiederholungen spielt, sie aber nicht stupide durchexerziert. Die Texte, auf die er für 'Die Wiederholung' zurückgriff, sind keine Theatertexte. Aber ihm ist eine, wundersame, alle Sinne schärfende Umsetzung gelungen.
Drei präzis agierende Darsteller bringen die Texte zum Leben, untermalen sie mit Musik. Zusammen mit Wonders Bühne ist ein kleines Gesamtkunstwerk entstanden. Goebbels hat ein überzeugendes Gespür für den richtigen Rhythmus, das Tempo stimmt immer. Zwar hat er die Schauspieler in eine feste Choreographie gezwungen, aber es gelingt den Dreien stets, die strenge Form auch mit Inhalt zu füllen. Fast alle Texte werden mehrfach verwendet, in der Wiederholung sind sie immer wieder neu erlebt und völlig anders. Das alles ist kein vergeistigtes, kopflastiges Theater, sondern Theater auf höchstem Niveau."
(Christine Gerberding)

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG (10.04.1995)
"Im Reich der Sinne
Heiner Goebbels' Musiktheaterstück 'Die Wiederholung' am Frankfurter Theater am Turm uraufgeführt
Der Alltag war Sören Kierkegaards philosophisches Labor. Ein Höflichkeitsdienst für eine schöne Dame oder die Reise in seine Berliner Wohnung entfachten ausschweifende, zugleich minutiöse Betrachtungen, etwa zum Thema Wiederholung im gleichnamigen Essay von l843. Wie nebenbei seziert Kierkegaard dort Alltägliches und entblößt das komplexe Wesen ganz gewöhnlicher Dinge. Solche Experimente übertrug der Komponist Heiner Goebbels vom Leben auf die Bühne, in seinem neuen, von Kierkegaard inspirierten Stück 'Die Wiederholung', uraufgeführt im Frankfurter TAT als Koproduktion mit dem Hebbel-Theater Berlin. und dem Kaaitheater Brüssel.
'Ich habe angeklopft, haben Sie nicht gehört?' sagt er zu ihr. Wie aber klingt das, wenn Sie den gleichen Satz zu ihm sagt, wenn einer von beiden es in Englisch oder Französisch spricht, wenn es von rechts oder von links kommt, in gelbes, weißes oder rötliches Licht getaucht? Es ist immer die gleiche Szene, ein Dialog aus Alain Robbe-Grillets Film 'Letztes Jahr in Marienbad'. Die schlichten Worte aber sind mit jeder Wiederholung in eine neue Stimmung, in einen anderen Raum, in eine andere Sinnlichkeit transponiert. Dort, im Reich der Sinne, sucht Heiner Goebbels nach Antworten auf Kierkegaards zentrale Frage, ob Wiederholung überhaupt möglich sei.
Dazu benutzt der Komponist wie in seinen bisherigen TAT-Musiktheater-Produktionen ('Newtons Casino' l990, 'Römische Hunde' 199l, 'Die glücklose Landung' l993) Text und Tonmaterial ganz unterschiedlicher Herkunft: Essays von Kierkegaard, Filmdialoge von Robbe-Grillet sowie den Prince-Song 'Joy in Repetition' als wichtigste musikalische Schicht neben Samples, selbst Komponiertem und Musik von Bach, Beethoven, Schubert, Brahms und Chopin. Dieses Material mit unterschiedlichster historischer Perspektive prallt unvermittelt aufeinander, zusätzlich verfremdet durch die Dreisprachigkeit der Texte: Deutsch, Englisch, Französisch.
Im Gegensatz zu Heiner Goebbels' anderen Musiktheaterstücken ist die 'Wiederholung' eine ruhige, reduktive Arbeit. Der Bühnenbildner Erich Wonder, langjähriger künstlerischer Partner von Goebbels, entwarf einen schlichten Innenraum aus samtig dunklen Wandelementen. Er gestaltet diesen Raum durch permanente Bewegung der Elemente und ein raffiniert-geschmackvolles Spiel mit vielfarbigem Licht. Fließend öffnet er großräumige Flächen, verschmälert die Bühne zu engen Schluchten, bildet ganz ohne Requisiten kleine Zimmer oder bourgeoise Salons. Das hat oft filmischen Charakter, als blende man von einer Szene zur nächsten. Auch die Beleuchtung ruft filmische Assoziationen hervor; an Louis Malles Nachtaufnahmen ohne Kunstlicht, an bedeutungsschwangere Spots aus der schwarzen Serie.
In diesen Räumen wiederholen zwei Männer und eine Frau die irnmergleichen Szenen, sprechen Kierkegaard-Texte oder spielen kurze Filmdialoge. Neben den aus dem OFF klingenden Samples (Ali N. Askin) bilden sie zugleich das musikalische Ensemble: die kanadische Pianistin und Performance-Künstlerin Marie Goyette, der amerikanische Noise-art-Gitarrist und Geiger John King und, ohne musikalische Aufgaben, der niederländische Schauspieler Johan Leysen. Heiner Goebbels setzt die Musik als stimmungssteigernden Faktor ein, zitiert Partikel klassischer Klaviermusik, die kaum semantisch wirken, sondern Ambiente schaffen: Die Stücke wechseln. wie die Kostüme (Jasmin Andreae) der Pianistin. Darüber hinaus krachen gesampelte Perkussionspassagen in die Szene, und John Kings kurzgliedrige Gitarrenimprovisationen bilden die Satzzeichen von Heiner Goebbels' Regie.
'Die Wiederholung' ist ein intellektuelles Stück, mit Klang, Licht und Geste zwar kunstvoll ins Sinnliche überführt, aber durchaus mit Gewicht auf dem Text. Goebbels hat daher das Sprachmaterial in seinem Medium belassen und auf eine Vertonung der Texte verzichtet. Das korrespondiert mit der Originalgestalt, in der die zitierte Musik meist erscheint, läßt die Sprach- und Klang-Bausteine, die der Komponist ausgewählt hat, unverfälscht aufeinanderprallen. Dabei blitzt und kracht es, und Funken der Erkenntnis sprühen aus den mehrdimensional geschichteten Nahtstellen der Fragmente.
Denn nichts wird wiederholt, obwohl alles wiederholt wird. Szenen vom Beginn tauchen viel später wieder au, jetzt schneller oder langsamer gespielt. Gegen Schluß repetiert Goebbels sogar, gewissermaßen in doppelter Brechung, Fragmente seines eigenen Stücks. Der kontinuierliche Zeitverlauf zerbricht, beschleunigt sich oder scheint zu verharren. Goebbels hält (in bezug auf einen Text) eine ganze Minute Ruhe und Bewegungslosigkeit aus und bettet umständliche, deskriptive Texte in langatmige Szenen. Zeitbremsende Langeweile ist da höchst spannend inszeniert, unterstützt durch das filmisch motivierte, oft marionettenhaft lakonische Spiel der Darsteller (John King und Marie Goyette mit großem Einfühlungsvermögen, Johan Leysen gestisch überzeugend, aber mit Textschwächen).
Dabei spiegelt sich das Thema Wiederholung, wie auch in Kierkegaards Essay, in den Motiven Verführung und Voyeurismus. Auch das erzeugt Spannung, denn die vielen Kurzszenen zwischen Mann und Frau, die Goebbels spielen läßt, haben stets eine erotische Komponente. Sie wirkt durch die musikalisch inspirierten Stimmungsvariationen der Szenen seltsam verfremdet, wahrt Distanz zum Publikum und verweigert ihm die Identifizierung. Auf diese Weise betont Heiner Goebbels das reflektierende Moment, stets aber integrativ mit dem Sinnlichen verknüpft. So lautet das heimliche Motto dieses höchst kunstvollen Musik-Theater-Stücks: 'Joy in Repetition'."
(Hanno Erler)