Ein Städtebewohner: Heiner Goebbels zum Geburtstag

Heiner Goebbels, Komponist, Regisseur, Musiker, Professor, ist Weltbürger, präsent mit seinem Werk von Japan bis Brasilien, von Skandinavien bis Portugal, unterwegs zwischen den Städten und Kulturen. Zugleich ist er: Frankfurtbewohner sforzando, con moto, überzeugter, emphatischer Städtebewohner. Sogar der gnadenlos die Illusionen zerstäubende Realismus einer Stadt wie Frankfurt funktioniert für ihn auch als produktives Element des Widerstands. Er ist einer von denen, auf die solche wie Brecht (in seinem kühlen Lesebuch für Städtebewohner zum Beispiel), aber auch Poe, Baudelaire und Robbe-Grillet als Leser rechneten. Er hat wohl, schon als er Soziologie studierte, die Stimmen der Stadt gehört: »Lasst eure Träume fahren, dass man mit euch / Eine Ausnahme machen wird. Was eure Mutter euch sagte / Das war unverbindlich. Aber das soll euch nicht entmutigen!«
Es gibt in jeder Stadt gewisse besonders interessante Orte, Treffpunkte, an denen man nicht vorbeikommt. Die Wege dahin sind immer auch Wege zu eigener weiterer Erkundung. Kommt man hin, fühlt man sich orientiert, gewinnt Blick und Überblick über das an Praxis, was »an der Zeit« ist. Dieses Stadtbild gilt auch für die Szenerie der Künste und es charakterisiert Heiner Goebbels' Werk, erstaunlich vielgestaltig, musikalisch und szenisch Markierungspunkte setzend, ungezählte nationale und internationale Preise sind nur das Indiz.
Entscheidend die Arbeitsweise: kein Elfenbeintürmchen, keine in sich vergrabene Formfindung, kein heutiges Spitzweg-Loft für selbstgenügsame Avantgarde-Formeln. Anders als viele E-Komponisten weiß er, wie es auf der Bühne zugeht, ist vor allem selber Musiker. Auf den Abstand zu hirnigen Isolationisten unter den gegenwärtigen Musikschöpfern legt er durchaus Wert, begreift - modern, postmodern, pop-artistisch, seine Praxis denkend - Musik- und Theatermachen als streng situiert und inspiriert durch gesellschaftliche Wirklichkeit, er will »treffen« - wirkliche Hörer und Zuschauer. Reflexion auf diese wirklichen Menschen, die seine Musik, sein Theater treffen soll, kommt bei ihm aus dem Reflex auf Realerfahrung (Stadt, Personen, Kollegen, Klangwelten). Schon komponierend, streng aufs Herzustellende konzentriert, schafft er Szenen, Begegnungen, Wegekreuzen, Zusammenspiel. Warum alles selbst erfinden, verknoten, krampfig verschweißen, wenn die Reibung unterschiedlicher Individuen und Temperamente, artistischer Impulse vielleicht die leuchtenderen Funken schlägt. Genie elektrischer Kollaborationen, die er zu kom-ponieren weiß. (Damit hat er, wie nebenbei, den Begriff des Kornponierens überhaupt weitergebracht.) In seinen Arbeiten teilt sich das Dialogische mit, die Situation zwischen Performern, Hörern, Zuschauern. Wen er sucht, das ist nicht der connaisseur rätselhafter Avantgarde-Formeln, nicht der hörend glotzende Zeitgenosse jedes events, sondern der bewusst lebende, die Städte bewohnende, politisch wache, künstlerisch provozierbare und amüsierbare Hörer/Zuschauer.
Urbane Haltung: dass Heiner Goebbels bei aller Emotionalität den Raum für Distanz lässt - lässig. Keine Tyrannei klebriger Intimität. Vielmehr Musik (Theater) als Denkraum, von Eisler, Brecht und Müller her. Das gibt einen Geschmack von Unabhängigkeit und Freiheit. Freiheit vom Diktat selbstversponnener Avantgarde, die nach keinem Hörer fragt; von der Forderung nach Popularität unter Niveau; von Produktionszwang und Sparten-Grenzzäunen. Urban ist aber noch in anderer Hinsicht ein Begriff, der hier den allerbesten Klang hat: Profession. Denn das strahlen diese Arbeiten aus: Professionalität, auch und gerade dort, wo sie die Professionen in ungewohnter Weise fordern.
Viele Gesichter zeigt sein Vokal- und Instrumentaltheater, das musikalische Stimmen sprechend werden und Sprachformen sich musikalisieren lässt - von den Zeiten des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters und des Duos Goebbels/ Harth über die Bühnenmusiken der 70er Jahre zu der langen Reihe von Arbeiten seit Mitte der 80er Jahre mit dem anderen Heiner, Müller, aus Deutschland: »Der Mann im Fahrstuhl«, »Maelstromsüdpol« »Wolokolamsker Chaussee« »Befreiung des Prometheus« usw. Goebbels ganz besonderer Sinn für Sprache, ihre Eigenrhythmik und poetische Dichte, macht seine Müller-Vertonungen singulär, macht seine Musik insgesamt fast undenkbar ohne das literarische Material darin.
Und wie haben seine Inszenierungen das Gesicht des Frankfurter TAT mitgeprägt - besonders in den Jahren vor und nach 1990: Diese präzisen, leicht erscheinenden, eleganten und zugleich hochreflektierten Inszenierungen (»Newtons Casino«, »Römische Hunde« etwas später »Die Wiederholung«, um nur einige zu nennen). Jetzt sind sie schöne Erinnerung - und schmerzliche in einer Zeit, wo sich die Frankfurter Spitzen anscheinend verschworen haben, alle jüngere Stadtkultur und -geschichte abzuwürgen. Die Kette seiner markanten Arbeiten setzt sich fort bis in die Gegenwart - bei »Hashirigaki« (2000), einer großen internationalen Ko-Produktion. zeichnet er für Konzeption, Regie, Arbeit an japanischer Musik verantwortlich. Großartig in ihrer Selbstrücknahme die Hommage »Eislermaterial«, die fast minimalistisch, asketisch das einfache Aufführen von Musik szenisch eindrücklich machte. Oder »Max Black«, Reflexion auf Wissenschaft und Theater ineins, mit pyromanisch-szenischem Witz, mit André Wilms, der da allerlei Gerätschaften betätigt und von den durch ihn selbst erzeugten, zeitversetzt erklingenden Klanggeräuschen eingeholt, verwirrt aus der Fassung gebracht wird. Oder die höchst spielerische Inszenierung des Ensemble Modern, für das er eine ganze Reihe von Auftragskompositionen geschrieben hat, in »Schwarz auf Weiß«. So viel anderes wäre noch zu nennen, die vielen »Hörstücke«, das riesenhafte »Surrogate Cities«, Kompositionen und Vertonungen.
Heiner Goebbels, Moderner und Postmoderner, Pop-Artist und Theaterdenker, ist inzwischen eine Autorität, einer den man fragt, weltweit (nebenbei bemerkt, in Frankfurt öfter hätte fragen sollen, wenn es um spannende Musik- und Theaterarbeit für diese Stadt ging). Gut, dass es ihn gibt, den brillanten Künstler, lebensklugen Städtemitbewohner, liebenswürdigen Nachbarn und Freund, den Denk- und Theaterspielkumpan, seit 1999 auch Professor der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen und immer aktiv, wo es um junge Talente, um ihre Ausbildung geht, auch am Mousonturm, bald auch mit der Hessischen Theaterakademie. Die Lust des Beginnens hat er sich erhalten. Darum darf man gespannt bleiben auf das nächste Neue von Heiner Goebbels.
(Hans-Thies Lehmann)

 

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG , 31.07.2002
Mr. Sample
Prometheisch: Wie der SWR Heiner Goebbels ehrt

Der Sampler ist kein Instrument. Er ist ein Speichermedium, das Stimmen, Klänge, andere Instrumente in sich aufbewahrt und nach Belieben reproduziert. Als eine Art Gedächtnis der akustischen Welt ist der Sampler ein Medium der Erinnerung einer Rückbesinnung freilich, die variiert, manipuliert, vielfältig verändert werden kann, und insofern ist es kein Wunder, daß der Sampler zum bevorzugten Handwerkszeug des Komponisten Heiner Goebbels avancierte: Alles, was der in Frankfurt am Main lebende Künstler an Hörspielen, Musiktheater, Performance oder Klanginstallation realisierte, speist sich aus der Erinnerung, der er gleichwohl einen völlig eigenen Ton zu geben vermag. Schon sein frühes Hörspiel, das mit dem Preis der Kriegsblinden ausgezeichnete Stück "Die Befreiung des Prometheus", öffnete den Raum zwischen Tradition und Erneuerung. Goebbels griff nach Texten Heiner Müllers auf uralte Erzählformen zurück. Zugleich zog er das Stück mit den Mitteln Neuer Musik und des Pop in die Gegenwart. Das Ergebnis ist eine Komposition, die in beeindruckender Weise vorgegebenes Material mit einer eigenständigen Sprache aufnimmt.
Am 17. August feiert Heiner Goebbels seinen 50. Geburtstag. Derjenige Sender, mit dem er unter der Dramaturgie von Hans Burkhard Schlichting die Mehrzahl seiner Radioarbeiten realisierte, widmet ihm aus diesem Anlaß eine Reihe: "Heiner-Goebbels-Material" nennt der Südwestrundfunk diesen Programm-Schwerpunkt , mit dem er einen Mann ehrt, der nichts weniger als eine Zeitenwende in der Radiokunst herbeigeführt hat.
Wie sorgsam er Sprache, Geräusche und Musik arrangiert, demonstriert die Auftakt-sendung "Arbeitsgeräusche". Zugrunde liegt diesem Beitrag ein Vortrag Goebbels', in dem er sein eigenes Werk durchreist: An-hand etlicher Tonbeispiele demonstriert er die Anknüpfungspunkte zwischen Sprache und Musik in Hörspielen wie "Wolokolams-ker Chaussee", "Shadow" nach Texten von Edgar Allan Poe oder "Die Wiederholung" nach einem Essay von Kierkegaard. Goeb-bels erläutert seine kompositorischen Prinzipien, sein Interesse an sprachlichen Struk-turen, auf denen seine musikalischen Ideen gründen. Die Sendung gibt Einblick in das Denken des Komponisten und macht zugleich neugierig auf den Fortgang der Hommage an einen Künstler, der solche Ehrung fürwahr verdient.
(Frank Olbert)

 

TAGESANZEIGER , 17.08.2002
Geschichten einkreisen, nicht erzählen
Heute Samstag wird der Frankfurter Komponist und Regisseur Heiner Goebbels fünfzig. Porträt eines Kulturarbeiters.

Einer passe in keine Schublade, das sagt sich leicht. Bei Heiner Goebbels ist es anders: Für ihn gibts keine passende Schublade, allenfalls seine eigene. Allein die Berufsbezeichnung füllt gute elf Zeilen: Komponist von zeitgenössischer und elektronischer Musik, von Theater- und Ballettmusiken, Pianist, Saxofonist, Computermusiker, praktizierender Jazz- und Rockmusiker, Kollagist von musikalischen Hörspielen, Autor und Regisseur ungewöhnlicher Musiktheater, Musikalischer Leiter des Schauspiels Frankfurt während der Ära Palitzsch, Professor für angewandte Theaterwissenschaften an der Universität in Giessen und anderes mehr. Kein anderer mir bekannter Musiker bewegt sich so souverän nicht bloss zwischen den verschiedenen Genres und Stilistiken, sondern in allen möglichen Schubladen zugleich.
Bekannt geworden ist Heiner Goebbels in den 70er-Jahren zunächst als Jazzmusiker; zusammen mit dem Saxofonisten Alfred Harth gehörte er zu den Vertretern der jungen deutschen Freejazzszene. Allerdings: Während die Brötzmanns und Schlippenbachs den konventionellen Jazz in wilden Orgien kaputtspielten, bearbeiteten Goebbels/Harth Lieder von Hanns Eisler. In Freejazzmanier, aber ohne wildgewordene Raserei, sondern mit dem aufmüpfigen Respekt der jüngeren. Und für das Sogenannte Linksradikale Blasorchester, einen fröhlichen Musikerhaufen der Frankfurter Politszene, arrangierte Goebbels Revolutionslieder, Zirkusmusik und Weihnachtslieder, deutsche Blasmusik und Freejazz, Frank Zappa und Eisler, Bach und Sun Ra, kurz: Hausmusik für Demonstrationen und linke Feste.
Geschürtes Gefühl mit Denkfreiheit
In den 8oer-Jahren gehörte sein Trio Cassiber zu den weltweit aufregendsten experimentellen Free-Rockgruppen; parallel dazu schrieb der studierte Soziologe und Musikwissenschafter seine ersten Theatermusiken für Koryphäen wie Hans Neuenfels, Claus Peymann, Matthias Langhoff und Ruth Berghaus, später war er während langer Jahre gleichsam der Hauskomponist für den grossen ostdeutschen Dramatiker Heiner Müller. Und ebenfalls damals collagierte er seine ersten Hörstücke, etwa «Berlin Q-Damm 12.4.78», eine Musik- und Toncollage über eine Demonstration, wo ein Polizist einen Teilnehmer mit der Pistole bedroht. «Stehen bleiben! Ich schiesse! Ich schiesse wirklich!» Immer wieder hört man diese angstlustvoll drohenden Sätze aus einem Fernsehbericht; Goebbels montiert sie zusammen mit Demonstrationslärm, Schreien, finsteren Geräuschen und Klängen und bedrohlicher Musik zu einem musikalischen Hörspiel, das Emotionen schürt, aufwühlt und zugleich Raum lässt fürs Denken.
«Ich brauch' ein Thema», meinte er schon früh in einem Gespräch, und spöttelte über jene Komponisten, die «denken, ach, ich hab das in mir drin, jetzt muss das raus, das Streichquartett, ich hörs schon». Das ist für ihn 19. Jahrhundert, das Bild eines von Obsessionen geplagten Individualisten. Er braucht ein Thema, etwas, an dem er sich abrackern kann, Fragen, Texte, aber auch eine musikalische Konstellation, an denen sich seine musikalische Kreativität entzünden, reiben kann. «Klar könnte ich sagen, gut, ich schreib ein Streichquartett. Aber es gibt ja wirklich wunderbare Streichquartette, auch neue. Ich würde also sicher ein halbes Jahr herumlaufen und mir überlegen, warum ich eigentlich ein Streichquartett schreiben soll. Oder mir Fragen stellen wie: Was ist denn das Besondere am Streichquartett? Oder: Was bedeutet eigentlich diese Konstellation von vier Leuten, die da zusammen im Halbkreis sitzen? Was bedeutet diese Klangkonstellation? Ich würde also vermutlich eine sehr lange konzeptionelle Phase vorschalten, bevor ich tatsächlich zum Schreiben käme.»
In seinen Hörstücken über Texte von Heiner Müller, Rainald Goetz und anderen schafft er Assoziationsräume. Text und Musik umkreisen ein thematisches Zentrum, sie bewegen sich in Widersprüchen, Andeutungen, lösen sich wieder auf. In «La Jalousie» etwa, einer Komposition nach einem Textauszug aus dem gleichnamigen Roman von Alain Robbe-Grillet, in dem ein Mann durch eine Jalousie, einen Rollladen, seine Frau mit einem Freund beobachtet, wobei bis zum Schluss unklar bleibt, ob sie ihn wirklich betrügt, be-schreiben Text, Musik und Geräusche emotionslos nur zahlreiche scheinbar nebensächliche Details, Spuren, Signale, die verzweifelte Schärfe der Wahrnehmung. Das hart hallende Klappern von Stöckelschuhen einer Frau, die sich entschlos-sen und beschwingt ent-fernt, gibt den rhythmi-schen Grund-Track, der sich durch das ganze Stück zieht, eine Autotür schlägt immer wieder zu, ein Auto fährt mit aufheu-lendem Motor davon, La-chen und Flüstern durch-brechen die Musik. Von Eifersucht ist nie die Rede, sie wird auch nie musikalisiert; und dennoch ist sie da, lauert hinter jedem Satz, jedem Geräusch, jedem Ton, unerbittlich, grausam, obsessiv.
Ein stetes Durchdringen
Von den Hörstücken führt ein direkter Weg zu den Theaterprojekten. Auch hier werden keine Geschichten erzählt, sondern eingekreist. Im 3-Personen-Stück «Die Wiederholung» etwa, das auf der gleichnamigen Erzählung von Søren Kierkegaard beruht, in dem der dänische Philosoph eine von ihm aufgelöste Verlobung verarbeitet und über die Wiederholbarkeit von bereits gemachten Erfahrungen reflektiert, mischt Goebbels die Kierkegaard-Textfragmente mit Dialogen aus dem Resnais-Film «L'année dernière à Marienbad» und dem Prince-Song «Joy Of Repetition» zu einem vielschichtigen, verwirrend widersprüchlichen musikalischen, Essay. Texte, Musik, Licht und Bühnenbild, alles verweist aufeinander, durchdringt sich: auch die Musik - Rock, Funk, Techno, Bach, Brahms, Beethoven und Chopin - ist bis ins letzte Detail sorgsam ineinander verzahntes Material und Mittel, Form und Inhalt zugleich in diesem dialek-tischen Prozess. Und dennoch keine postmoderne beliebige Collage - Goebbels Hörstücke und Musiktheater haben ein präzi-ses Ziel; sie lassen den Zu-hörern die Freiheit, oder wie Goebbels iro-nisch meint, die eine Freiheit, genau in dieses Zentrum zu rennen.
Goebbels weit verzweigtes Werk steht im heutigen Musik- und Theaterbetrieb ziemlich einsam da. Goebbels ist einer, der darauf besteht, dass Unterhaltung auch klug, emotional und zugleich intellektuell, schwierig und anstrengend sein darf. Oder mit Godard: Goebbels macht keine politische Musik, aber er macht Musik politisch, in einem überaus weit gefassten Sinn.
Die neueren Hörstücke von Heiner Goebbels sind auf dem Plattenlabel ECM erschienen. In Kürze erscheint die Aufnahme seines Musiktheaters Eislermaterial mit dem Ensemble Modern und dem Sprecher Josef Bierbichler (ECM New Series 1779).
(Christian Rentsch)

 

FRANKFURTER RUNDSCHAU, 17.08.2002
Angekommen
Der in Frankfurt lebende Komponist und Regisseur Heiner Goebbels feiert heute seinen 50. Geburtstag

Sein ästhetisches Manifest formuliert er gerne lapidar: Ich muss nichts loswerden", sagt er, oder: "Ich will nichts mitteilen." Das war nicht einmal Ende der siebziger Jahre anders, als sich Goebbels explizit als politischer Musiker verstand und mit dem Sogenannten Linksradikalen Blasorchester bevorzugt auf Demonstrationen aufspielte. Die Musik des Blasorchesters war lustvoll und anarchisch, folgte aber keinem konkreten politischen Programm. Sie war frei - und ohnmächtig.
Nach einem Auftritt bei einer großen Anti-Atommüll-Demonstration löst sich die Gruppe 1981 auf. Gemeinsam mit Alfred Harth, Christoph Anders und Chris Cutler gründet Goebbels das experimentelle Rock-Quartett Cassiber. Zeitgleich arbeitet er an Theater-, Film- und Ballettmusiken und entdeckt die Sprachgewalt Heiner Müllers für sich.
Das ist insofern charakteristisch, weil sich bis heute die Keimzelle der Werke Goebbels' nie im rein Musikalischen verorten lässt. Immer wieder weisen seine Stücke auf literarische oder theatrale Ursprünge zurück, auf Kierkegaard, Robbe-Grillet, Francis Ponge, Logik-Abhandlungen und immer wieder Heiner Müller. Auf die Frage, wie er sich thematisch einem Stück nähert, antwortet Goebbels gerne: durch Lesen. Komponieren bezeichnet er auch als akustische Inszenierung von Texten.
Die Texte Heiner Müllers, Die Befreiung des Prometheus etwa oder Verkommenes Ufer, verarbeitet er Mitte der achtziger Jahre zu Hörstücken, völlig neuartigen, schillernden und kraftvollen Hörstücken, die sich nicht so sehr an der Semantik der Müllerschen Worte abarbeiten, sondern an ihren strukturellen Angeboten. Rasch avanciert Goebbels zum Erneuerer eines bis dahin wenig beachteten Genres. Preise fliegen ihm zu. In einer Laudatio zu seiner Bearbeitung der Wolokolamsker Chaussee sagt Helmut Heißenbüttel: "Wenn es heute noch so etwas wie Oper geben könnte, dann wäre dies eine Oper."
Von Heißenbüttel ungewollt ist damit die Richtung gewiesen: Goebbels tendiert immer stärker zum szenischen Musikthea-ter. Im Ensemble Modern findet er einen verlässlichen Partner, anfangs auch im TAT. Aufregende und vor allem neue Perspektiven anzeigende Werke entstehen: ...oder die glücklose Landung, Schwarz auf Weiß, Max Black. Seine Kompositionstechnik bleibt dabei weitgehend unverändert, sie setzt auf die Montage heterogener Ereignisse. Er verbindet in seinen Werken verschiedenste musikalische, literarische und theatrale Stilmittel, ohne deren Autonomie zu gefährden. Er liebt es, über die Grenzen zu balancieren und mit offenem Ohr das zu musikalisieren, was ihm dort begegnet.
Längst ist Goebbels einer der wichtigsten deutschen Komponisten der Gegenwart geworden. Am 21. August wird ihm die Stadt Frankfurt die Goethe-Plakette verleihen. Im März 2003 werden die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle Goebbels' neuestes Werk uraufführen, das mag man durchaus als vorläufigen Höhepunkt einer vieljährigen Entwicklung ansehen.
Heiner Goebbels ist angekommen, wo er Ende der siebziger Jahre wahrscheinlich nicht hin wollte: im Olymp der Hoch-Kultur. Ein Frankfurter Sponti, der auf Demonstrationen die Anarchie predigte, fasst in Berlin Fuß. Irgendwie glaubt man, von so einem Lebenslauf schon mal gehört zu haben.
Heute wird Heiner Goebbels 50, Sein Geburtstag wird auch in Frankfurt nicht überhört. Heute abend wird in einer von Hans Romanov und dem Mousonturm organisierten Veranstaltung das Berliner Rechenzentrum Material von Heiner Goebbels in einen durchaus experimentellen, aber dancefloor-kompatiblen Kontext stellen. Ort ist die Honsellbrücke, Veranstaltungsbeginn ist gegen 22 Uhr. Das Ensemble Modern wird am 8. September an die Jahre erfolgreicher Zusammenarbeit erinnern und im Rahmen des "Auftakt 2002" in der Alten Oper Stücke wie "Herakles 2" und die Samplersuite aus "Surrogate Cities" aufführen. Am gleichen Tag wird dort ein von Wolfgang Sander herausgegebenes, Heiner Goebbels gewidmetes Buch vorgestellt. Es heißt, durchaus sinnig: "Komposition als Inszenierung".
(Tim Gorbauch)

 

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 17.08.2002
Mit feinem Gespür für Verbindungen
Der Frankfurter Komponist und Regisseur Heiner Goebbels wird heute 50 Jahre alt

Als Künstler würde er nie Dinge aus der Vergangenheit präsentieren. Er würde sie als Material behandeln, das für etwas anderes, Zeitgenössisches zur Verfügung steht. Wer das gesagt hat, war John Cage. Es könnte aber auch von Heiner Goebbels stammen, dem Frankfurter Komponisten und Regisseur, der sich gern auf Cages unorthodoxe Auffassung von Musik bezieht.
Der diplomierte Soziologe mit Staatsexamen in Musik, der 1972 zum Studium nach Frankfurt kam und seither, wie er es selbst einmal ironisch formulierte, "hier hängengeblieben" ist, war 1976 Mitbegründer des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters, eines Musikerkollektivs aus der Sponti-Szene, machte wenig später Theatermusik für Regisseure wie Claus Peymann, Hans Neuenfels oder Christof Nel, bevor er die elektronische Musik als Puls, Rhythmus und Atem der heutigen Zeit entdeckte. Sein Verfahren zielte dabei nie auf die akademische Reinhaltung der Musik, auf das Finden des einen richtigen Tons.
Umgeben von elektronischen Geräten, modernen Telekommunikationsmitteln, CDs und Büchern, ist sein Akt des Komponierens eher ein Prozeß der Vernetzung bei dem er Texte, Töne, Geräusche, Sounds und Samples aufspürt und kreiert, die die Spuren ihrer kulturellen Verwen-dung immer schon in sich tragen. Heiner Goebbels streckt die Fühler aus und spitzt die Ohren, um das dem Material einge-schriebene Gesellschaftliche hörbar zu machen, indem er die Teile wie in seinem szenischen Konzert "Eislermaterial" ge-treu dem Brechtschen Verfremdungsef-fekt so montiert, daß sie sich gegenseitig erhellen, spiegeln und kommentieren. Rhythmus und Klang des Materials selbst geben ihm dabei die Richtung vor.
Oft entzündet sich seine musikalische Phantasie an literarischen Texten etwa von Heiner Müller, die in den achtziger Jahren seinen preisgekrönten Hörstücken zugrunde lagen. Heiner Goebbels hat sich immer dagegen gewehrt, die Texte im herkömmlichen Sinn zu vertonen. Seine Kompositionen illustrieren nicht deren Aussage, die sich bei Müller ohnehin nicht ablösen läßt von der hochverdichteten Form. Sie spüren vielmehr den Brüchen, Zäsuren und rhythmischen Besonderheiten nach, die die Vorlage strukturieren, um mit den eigenen Mitteln darauf zu reagieren. Fast schon könnte man sein Verfahren eines der Unpersönlichkeit nennen, bei dem der Regisseur und Komponist hinter der Eigendynamik des Klangarchivs zurücktritt. Doch das hieße sein feines Gespür für Konstellationen und Verbindungen unterschätzen, die seinen Arbeiten doch ihren unverwechselbaren Stempel aufdrücken.
Seit Beginn der neunziger Jahre hat er sich verstärkt als Regisseur seiner eigenen Musiktheaterstücke hervorgetan, von denen viele am TAT in Frankfurt koproduziert und uraufgeführt wurden. Zusammen mit dem Regisseur und Bühnenbildner Michael Simon verwandelte er 1990 für "Newtons Casino" die Bühne des alten TAT am Eschersheimer Turm in den Grundriß von Troja, auf den die Zuschauer von der Empore hinunter wie auf eine Ausgrabungsstätte blicken konnten, in der die Gesetze der Schwerkraft erforscht wurden. 1991 folgte, wieder gemeinsam mit Michael Simon, "Römische Hunde", wo eine riesige Spirale die Bühne beherrschte. Im Bockenheimer Depot wurde 1995 "Die Wiederholung" nach Texten von Alain Robbe-Grillet, Sören Kierkegaard und Prince uraufgeführt. 1996 folgte "Schwarz auf Weiß" mit dem Ensemble Modern, für das Heiner Goebbels gerade eine Oper vorbereitet, die im Oktober in Genf uraufgeführt werden wird.
Goebbels Stücke leben auch von einer starken bildlichen Ebene. Licht, Bühne, Kostüm, Ton, Text, Stimme und Musik sind ihm gleichberechtigte Elemente, wobei jedes für sich auch einmal alleine eine Szene führen kann. Kein Wagnersches Gesamtkunstwerk, das alle Mittel lediglich aneinanderreiht, damit sie sich in ihrer Wirkung ergänzen, strebt er damit an, sondern ein Auseinandertreten, das Reibung erzeugt, die wiederum Freiräume für die Zuschauer und Zuhörer eröffnen soll. Sein Mißtrauen gilt auch hier Schauspielern, die ihre Rollentexte mit ihrer eigenen Psychologie unterfüttern und damit das Spezifische, Fremde des Textes zudecken,
Mit André Wilms, den er 1993 in "Ou bien le débarquement désastreux", begleitet von zwei senegalesischen Musikern, als Reisenden in ein fremdes Land schickte und der 1998 in "Max Black" als getriebener zweifelnder Wissenschaftler die Bühne in ein regelrechtes Feuerwerk der Experimente verwandelte, hat er einen ebenso kongenialen rhythmischen Sprecher gefunden wie in Josef Bierbichler und Ernst Stötzner, die mit Goebbels jeweils für "Eislermaterial" und "Die Befreiung des Prometheus" zusammengearbeitet haben.
Rund um die Welt feiert sein Musiktheater Erfolge - in Frankfurt war "Max Black" das letzte große Stück, das von Goebbels, der heute 50 Jahre alt wird, zu sehen war. Das soll sich nun ändern. Das Ensemble Modern spielt am 8. September in der Alten Oper zusammen mit der Mezzosopranistin Jocelyn B. Smith Werke von Heiner Goebbels. Der Mousonturm zeigt im Oktober noch einmal "Max Black", und das Schauspiel Frankfurt folgt im Dezember mit "Hashirigaki", das Texte von Gertrude Stein mit Songs der Beach Boys in eine wunderbar leichte oszillierende Schwebe bringt. Die Veranstaltungsreihe beginnt heute um 22 Uhr mit einer "Materialausgabe für Heiner Goebbels", die Hans Romanov mit dem Mousonturm an der Honsellbrücke am Osthafen veranstaltet. Am kommenden Mittwoch bekommt Heiner Goebbels die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main überreicht.
(Gerald Siegmund)