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MUSIK&THEATER (Spezialausgabe August/September 2003), S.34 - 37
Wie Heiner Goebbels auf die Neugier seines Publikums zählt - auch
in Luzern
Der Musiker inszeniert seine Klänge
Der Komponist erfindet keine Klangwelten mehr, er findet sie bereits
vor und kombiniert sie neu: Heiner Goebbels, Composer in Residence beim
Lucerne Festival, arbeitet gezielt mit dem Sampler
Der heftige, mit seiner Energie fast jazzige Gestus im Bass erinnert an
improvisierte Musik, leitet jedoch dem Titel nach eine quasi barocke Chaconne
ein. Darüber legt sich Klanggezirpe wie aus einem Stück Neuer
Musik. Und kurz darauf mischt sich die Stimme eines jüdischen Kantors
mit melismatischem Gesang ein, nicht live, sondern deutlich hörbar
von einer alten Aufnahme. So beginnt die "Suite for Sampler and Orchestra",
die Heiner Goebbels' CD "Surrogate Cities" einleitet. Innerhalb
von nicht einmal einer Minute deutet sich die Klangwelt dieses Komponisten
mit zumindest einigen von ihren Facetten an, ja sie entfaltet sich fast
schon in ihrer ganzen Eindringlichkeit.
Sofort fällt dieses selbstverständliche Ineinander verschiedener
Musikstile auf. Zwischenjazz und Neuer Musik gibt es für Heiner Goebbels
keine Trennung; ja wenn man ihn zuweilen auch für einen "ernsten"
Komponisten hält, so nimmt er doch gern die Haltung eines Musikers
aus anderen Bereichen an. Alles mögliche mischt sich hinein: Frank
Zappa oder Prince genauso wie Monteverdi und Strawinsky. Goebbels hat
schon immer über den Hag gefressen, besser: Da war gar keine Abtrennung,
und so nimmt er auch Punkiges oder Rockiges auf. Schliesslich begann er
selber einst im Duo mit Alfred Harth und in der ArtRock-Band Cassiber,
und er gehörte zu den Gründern des musiko-anarchistischen "Sogenannten
Linksradikalen Blasorchesters".
Der jüdische Kantor in "Surrogate Cities" erklingt nun
ab Sampler, einem Gerät, das viel eher unter U-Musikern im Gebrauch
ist. Es ist längst zu einem der wichtigsten Instrumente von Goebbels
geworden. "Zum Charakteristikum des Samplers", so schreibt er,
"gehört, dass er keine Klänge erzeugen, sondern ohnehin
nur vorhandene Signale aufnehmen, speichern und bearbeiten kann: Geräusche,
Musik, Worte, was auch immer. Mit ihm <liest> man akustische Materialien
auf, und gibt sie - in anderem Kontext - der <akustischen> Umwelt
wieder. Man erfindet nicht, man findet, man <sammelt>, wie der Name
schon sagt." Das Eigene artikuliert sich durchs Verschieben dieses
Materials. Und das heisst auch: Goebbels will uns keine unverbrauchten,
neuen Klänge präsentieren, sondern bekannte neu zu lesen geben.
Das Material stammt nicht aus dem Elfenbeinturm, es ist nicht von Wirklichkeit
gereinigt. Vielmehr steckt es bereits voller Gefühle, Erlebnisse,
Klischee, und jeder Hörer wird sie aufs Neue damit füllen. "Alle
Strategien zur Umgehung des Klischees, zur Schöpfung eines "nie
zuvor gehörten Tons" laufen ins Leere; vor der Historizität
gibt es keinen Schutz." So Heiner Goebbels.
Gut, wenn man diese falschen Skrupel verliert - ohne damit ins Beliebige
zu geraten. Der Umgang mit dem Sampler kann auch verführen, alles
ist disponibel; er verlangt eine klare Auswahl. Gerade die unendliche
Zahl von Möglichkeiten würde ein Stück sofort zum Sprengen
bringen. So beschränkt sich Heiner Goebbels: Für das Musiktheaterstück
, "Die Wiederholung" verwendete er zum Beispiel nur Sounds aus
Prince-Songs. Damit charakterisiert er, damit fokussiert er, und damit
setzt er seine eigene Musik auch an einen bestimmten historischen Ort
- das bietet gerade ihm, dem Theatermusiker, eine Vielfalt. So verwendet
Heiner Goebbels Klänge bewusst als etwas Geschichtliches, mehr vielleicht
sogar als andere zeitgenössische Komponisten, die eben die Abnutzung
der Klänge umgehen wollen.
Ein wichtiger Bezugspunkt ist dabei die deutsche Geschichte. Mit Künstlern
der einstigen DDR hat sich Heiner Goebbels jahrelang beschäftigt.
Er griff die Texte von Künstlern auf, die in jenem sozialistischen
Land blieben, obwohl sie mit dem System in Konflikt gerieten: Die nicht
glatt reagierten. So "vertonte" er mehrmals Texte von Heiner
Müller. Wobei Vertonen eigentlich ein unpassender Begriff für
sein künstlerisches Vorgehen ist. Durchaus in Müllers Sinn betrachtete
Goebbels die Texte als Steinbrüche, deren Materialien er zum Beispiel
in Hör- und Theaterstücken bearbeitete. Die Roheit blieb dabei
gewahrt. Kürzlich hat er Hanns Eisler ein ebenso gefühlvolles
wie mitdenkendes Denkmal gesetzt: das wunderbare Stück "Eislermaterial".
Und wie Eisler, der Schönberg-Schüler, der die Zwölftontechnik
anwandte, aber auch tonale Arbeiterlieder komponierte, geht Heiner Goebbels
differenziert, aber pragmatisch mit den Klängen um.
All das prädestiniert ihn fürs Theater. Er denkt in dramaturgischen
Kategorien. Allein der erwähnte Auftritt des Kantors in der Suite
ist theatralisch. Das Orchester bietet dem Sänger eine Art Klangbühne.
Ein alter Gestus gewiss, von Heiner Goebbels neu inszeniert: Theater liegt
ihm seit je nahe, er ist auch als Regisseur tätig, wofür er
nicht unbedingt Schauspieler benötigt. Er hat ebenso ein "Augenmerk"
darauf, worum es in Musik geht. Sein "Schwarz auf Weiss" etwa
ist ein Musiktheater für Ensemble, Licht und Bühne. Zum Stück
"Surrogate Cities", das in Luzern von den Berliner Philharmonikern
unter Simon Rattle mit den Vokalsolisten David Moss und Audra MacDonald
aufgeführt wird, entwickelt er eine neue Lichtregie. "Komposition
als Inszenierung" heisst denn auch ein Band mit Artikeln von und
zu Heiner Goebbels, den Wolfgang Sandner beim Henschel-Verlag herausgegeben
hat.
"Wir haben viel vor für Luzern", so Goebbels, und er präzisiert:
"Ich sage <wir>, weil ich gerne die Ensembles, Orchester, Solisten,
Dirigenten, Toningenieure, Lichttechniker und Mitarbeiter mit einbeziehe,
die vor Ort viel mehr zu tun haben als ich und die auch an den Entscheidungen
darüber, was und wie gespielt wird, beteiligt sind." Es liegt
bei einem Theatermusiker wie Heiner Goebbels nahe, dass er gerne im Team
arbeitet: Mit dem Ensemble Modern, das "Schwarz auf Weiss" aufführt,
verbindet ihn bereits eine lange Freundschaft. Es spielt ausserdem einige
ältere (umwerfende!) Orchesterstücke wie "Berlin Qdamm",
"Herakles 2" oder "La Jalousie" sowie eine neue Suite
("Bildbeschreibungen"), die Goebbels aus der vergangenes Jahr
in Genf uraufgeführten Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten"
zusammengestellt hat - auch da ganz pragmatisch.
Charakteristisch für einen Theatermusiker ist auch, dass er direkter
auf das Publikum zugeht. Wie aus dem Gesagten klar werden dürfte,
interessiert Goebbels halt auch, was er mit seiner Musik auslöst.
Und so ist es für ihn spannend, als Composer in Residence nach Luzern
zu kommen. Keine Angst, er wird kaum residieren, sondern aktiv werden.
Was bedeutet ihm diese Aufgabe? "Mein Problem ist ja immer wieder,
dass ich keine <repräsentativen> Werke geschrieben habe, die
wirklich Auskunft über die Breite meiner Interessen geben, da ich
eben auch Theater mache, Musiktheater inszeniere, Hörspiele komponiere,
mich Literatur und bildende Kunst sehr anregen - und ich eben auch für
Orchester schreibe; aber das ist nur eine von mehreren Beschäftigungen.
Deswegen freue ich mich besonders darüber, dass ich einmal die Gelegenheit
habe, doch sehr viele Facetten meiner Arbeiten zu präsentieren. Zumal
die Schweiz immer mehr zu meiner künstlerischen Produktionsstätte
wird. Nach Lausanne (Theatre Vidy) und Genf (Opera) nun das Lucerne Festival:
das hat eine gewisse Logik." Und wie schätzt er das Umfeld ein,
in das er sich damit hineinbegibt "Da bin ich ganz gelassen. Im Gegenteil:
ein Umfeld, ein Publikum, das ich kenne, langweilt mich. Da werden zu
sehr Voreinschätzungen ausgetauscht, und es fehlt die Neugier. Ich
freue mich immer auf Zuschauer, die unvorbereitet sind. Erst dann weiss
ich, wie die Werke wirklich funktionieren."
(Thomas Meyer)
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