"Trau keinem Auge"
Laudatio auf Erich Wonder anläßlich der Verleihung des Hein-Heckroth-Bühnenbildpreises
am Stadtheater Giessen
von Heiner Goebbels
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute abend
Laudator zu sein, weil, Dir, lieber Erich Wonder diesen Preis zu verleihen,
ist für mich als Theatermacher eine wunderbare Gelegenheit, zurückzugeben,
was ich im Laufe der letzten 25 Jahre von Dir bekommen und gelernt habe.
In dieser Hinsicht 'oute' ich mich gerne auch als Wonderschüler.
Als junger Theater-Komponist, ich hatte damals gerade an den Frankfurter
Städtischen Bühnen angefangen, habe ich zum Beispiel einen radikaler
schwarzen Würfel erlebt, der nur gelegentlich vom gleißend
blendenden Strahl eines scheibenwischerartigen Lichtarms ausgewischt wurde.
Es war Erich Wonders Raum als starkes Pendant für die Hölderlinschen
Verse (nach Sophokles) in Christof Nels Antigone. Ich konnte auch erfahren,
welche Musik dieser Würfel erträgt und welche nicht. Und, ich
weiß das nicht mehr genau, vielleicht hat mich dieser schwarze Würfel
auch dazu angeregt mit dem antiken Chor, der in heutigen trivialen bunten
Kostümen auftrat, einen Schlager einzustudieren; das war mühsam,
denn der Refrain ging:
"Ene mene ming mang ping pang ene mene acka dacka eia weia weg"
Der Raum hat die bewußt 'ungeheuerliche' ästhetische Fallhöhe
ausgehalten, im Gegenteil:
er gewann an Instanz und Form. Mit diesem Raum hat Wonder auch schlagend
bewiesen, daß starke Räume und starke Bilder dem Zuhören
eines Textes nichts wegnehmen müssen. Im Gegenteil - da sie so ihre
Unabhängigkeit großzügig unter Beweis stellen, und sich
nicht einlassen auf kleinteiliges Illustrieren - können sie ein empfindsames
Hören befördern, das in den Theatern selten geworden ist.
Später haben wir zusammen an zwei freien Projekten gearbeitet, an
"Scratch" eine Rauminszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus
und ich konnte mitbekommen, wie schwierig es ist, ständig, in Sicht-
und Hörweite über den Köpfen des Publikums einen Panzer
rollen zu lassen. In "Maelstromsüdpol" unserer Aktion zusammen
mit Heiner Müller konnte ich dabei sein, wie Erich Wonder auf ortsspezifische
Perspektiven außerhalb der Theater reagiert: wie er bei der documenta
in Kassel die Mittelachse der Karlsaue aufnimmt (mit tatkräftiger
Hilfe der örtlichen Bundeswehr), wie er unter den mißtrauischen
Augen der Grenzsoldaten und ihrer Feldstecher den Landwehrkanal entlang
der Berliner Mauer in einen magischen Sog verwandelt, und wie er in Linz
bei der ars electronica die glühenden Abstiche im Stahlwerk aufgreift
und brennende Männer vor fahrende Züge laufen läßt
- dabei immer die vorgefundenen Kräfteverhältnisse auf den Punkt
bringt, für sich nutzt, und die Balance findet, ausreichend bildnerische
Impulse zu liefern und dennoch den Köpfen der Zuschauer freien Raum
zu lassen - wenn man mal von dem Panzer in Düsseldorf absieht.
Und in den gemeinsamen Arbeiten mit Ruth Berghaus, "Dantons Tod"
am Thalia Thetaer in Hamburg und "Penthesilea" am Burgtheater
Wien, konnte ich erleben, wie strukturbildend die aus der industriellen
Recherche gewonnen Bilder für die Stücke sein können, wieviel
sie mit der Mechanik der Texte von Büchner und Kleist zu tun haben,
wenn sie klug übersetzt ins Theater geholt werden. Auch hier hattest
Du wieder großen Einfluß auf meine Klangarbeiten und Kompositionen.
Mit Schächten, Sandgruben und einem Stahlarm, der periodisch die
Spuren der Schauspieler im Sand immer wieder glatt streicht und die Erinnerung
an die Schlachtszenen auszulöschen versucht.
Im Gegensatz zu vielen Kollegen definiert Wonder die Bühne immer
wieder anders, er repetiert nicht immer nur eine Ästhetik; er findet
/ erfindet neue Herausforderungen für seine Perspektiven. Nur so
ist auch zu erklären, was mich zunächst verwundert hat, daß
er Mitte der Neunziger Jahre plötzlich einen Ehrgeiz für Interieurs
entwickelte, also für geradezu klassische, konkrete Innenräumen
- fast mit Sofa und Schrankwand - dabei ließ er allerdings nicht
die Wonder-spezifische Überzeichnung und Dimensionierung außer
acht, ohne die solche Räume schnell zum willfährigen Requisit
der Schauspieler werden oder zum allzubekannten Abziehbild unserer Erfahrung.
Auch hier bestand er auf dem Trugbild: wenn am Fenster die Welt vorbeifährt,
und das Fenster gleich mit, aber in die andere Richtung, und der Flügel,
an dem Bach gespielt wird, sich auch noch zu drehen beginnt, - wie in
meinem Stück "Die Wiederholung" - weiß das Publikum
schlußendlich nicht mehr, ob es sich in einem Traum befindet, in
einem Film oder vielleicht in einem Theater a la Wonder - den, wie ein
Kritiker einmal formuliert hat, "nur ein dunkler Vokal von dem trennt,
zu dem er befähigt ist": kleine und große Wunder.
Um ihre Zeit nicht über Gebühr zu beanpruchen überlasse
ich alles Enzyklopädische Ihrer Suchmaschine. Daß er Österreicher
ist, hört man, mit welchen Regisseuren Wonder gearbeitet hat ist
mittlerweile müßig aufzuzählen (so etwas macht man am
Anfang einer Karriere.....) vor allem wenn jemand wie Erich Wonder an
nahezu allen wichtigen europäischen Opernhäusern und Theatern
gearbeitet hat - und daß er Anfang der 70er Jahre als Ausstattungsleiter
an den Städtischen Bühnen Frankfurt die unmittelbare Nachfolge
von Hein Heckroth angetreten hat, ist nicht der Grund warum er heute hier
ist, es ist nur ein wunderbarer Zufall. Reden wir weiter über seine
Arbeit
"Trau keinem Auge" hat Erich Wonder einmal gesagt, und wer ihn
nicht kennt, könne glauben, es schwinge ein moralischer Unterton
mit; dabei ist er heilfroh darüber und nützt dieses unser Defizit
schamlos aus. Man kann bei Wonder seinen Augen wirklich nicht trauen.
Warum schwebt der Konzertflügel über dem Bühnenboden wie
ein Metronom, und wieso schneit es dann auch noch in einem Stück
wie Heiner Müllers "Auftrag", das doch eigentlich in Jamaica
spielt ? Und Wie schafft er es, daß das riesige Stadion, in das
wir eben noch - zu größenwahnsinnigen Texten von d'Annunzio
- geblickt haben, plötzlich voller Bäume steht, wenn ich mich
überhaupt richtig erinnere, oder war es doch ganz anders ?
"In einer Zeit der optischen Überflutung" sagt Erich Wonder
würden Theaterbilder immer wichtiger; es gehe ihm darum "Rätselbilder
zu schaffen, Geheimnisse zu wahren."
Damit und dafür sind wir ihm dankbar, geht er genau den entgegengesetzten
Weg, den das Theater in den letzten Jahren auf der Jagd nach neuen Zuschauerschichten
oft gegangen ist: sich dem schlechten Geschmack der Medien anzubiedern,
zu kalauern, auf billige Weise Figuren zu denunzieren, und sich im trash
der Ausstattung zu überbieten.
Er formuliert auf der Bühne ein selten gewordenes Argument für
die Kunst; für die Fremdheit in den Bildern, deren Verständnis
nie restlos aufgeht. Er verschafft den Theatern, die doch so auf Nähe
zum Publikum versessen sind, eine Weite. Plötzlich tun sich auch
auf kleinen Bühnen endlose Perspektiven auf, die man ihnen nie zugetraut
hätte. Und er schafft damit den Betrachtern eine Offenheit, um die
uns vielleicht die Medien eines Tages beneiden werden.
Manches mal konnte man sich dabei auch des Eindrucks nicht erwehren, die
Regisseure wären nicht immer in der Lage gewesen, mit den ihnen gestellten
szenischen Aufgaben seiner Räume wirklich zu arbeiten; dann haben
sie diese reduziert auf das, was ihnen in der Regel ein Bühnenbild
ist: nämlich Kulisse. Vielleicht sagen sie ja jetzt, was kann denn
ein Bühnenbild anderes sein ? was ist der Unterschied zwischen einer
Kulisse und den Räumen Erich Wonders ?
Kulissen, sehr vereinfacht gesagt, unterstützen die Überlegungen
der Autoren, Dramaturgen, und Regisseure, indem sie Zeichen sind, indem
sie fiktive Welten und Zeiten repräsentieren, die so auf der Bühne
nicht vorzufinden sind. Und uns für die Dauer eines Abends glauben
machen wollen, wir sähen ein Wohnzimmer mit Schrankwand, ein Sommerhaus
am See, ein Wald voller Bäume, ein Schiff am Horizont. Das steht
meistens schon so im Stück, ist mal besser mal schlechter gemacht
oder übersetzt und dient der Erzählung. Und man könnte
auch sagen, das ist auch gut so. Wonder macht etwas anderes - wie kein
Anderer. Selbst dann wenn er die gute alte Prospektmalerei wieder neu
erstehen läßt.
Wenn er scheinheilig behauptet "ich versuche immer den handelnden
Personen einen Lebens- und Aktionsraum zu geben, in dem sie wie selbstverständlich
zu hause sind" ist das reines Understatement. Vordergründig
bedient er sie nicht. Im Gegenteil: er formuliert Widerstände, strukturiert
mit Licht und Bauten Hindernisse, die dann aber, wenn sie von den Regisseuren
klug genutzt werden, die Darsteller in einem gesellschaftlichen Licht
erscheinen lassen; das kann mal menschlich sein, und mal unmenschlich
- so ist das Leben und das möchte Wonder dem Theater nicht ersparen.
In Wirklichkeit setzt er den Schauspielern also etwas entgegen. In Wirklichkeit
heißt aber auch, und genau das meinte er mit dem gerade zitierten
Satz, versucht er ihnen einen Raum zu bauen, der Ihnen eine andere, eine
Theaterwirklichkeit anbietet. Keine vorgebliche, sondern eine, an die
sie sich halten können, halten müssen: der Panzer in Düsseldorf,
Schächte in Hamburg und Sand in Wien, genau definierte Lichträume
in Frankfurt u.v.a.m.- einen Raum, der gerade darin wieder eine eigene
Maschinerie darstellt, die bezwungen werden muß. Das ist der Unterschied
zur Kulisse.
Dabei gelingt die Gratwanderung, den künstlerischen Anspruch an dieses
Handwerk weder aufzugeben, noch gegen die Stücke zu wenden. Auch
wenn er selbst dem verbreiteten Gerücht, er lese die Stücke
gar nicht, immer wieder Nahrung gibt, und ich es zumindest in einigen
Fällen auch bestätigten kann, (zumindest liest er sie nicht
einfach von vorne nach hinten): immer sind es seine Räume, die auf
einer übersetzten, manchmal abstrakten, aber strukturell schlüssigen
Ebene einen Großteil der inszenatorischen Arbeit bereits vorgeben.
Durch seine Weichenstellung ist diese sehr genau vorbereitet, Akt für
Akt, Szene für Szene, Auftritt für Auftritt, wenn auch manchmal
aus niederen Motiven schon allein deswegen, damit er nicht so oft auf
die Proben kommen muß.
Es ist eine Besonderheit seiner Arbeiten, und vielleicht die einzig wiederkehrende
Konstante in den so unterschiedlichen Bildwelten, daß immer wieder
mehr oder weniger direkte Referenzen auf die Arbeit des amerikanischen
Malers Mark Rothko aufgenommen werden; (sehr prominent zum Beispiel in
seinem Bühnenbild für Tristan und Isolde - Heiner Müllers
Inszenierung in Bayreuth); Mark Rothko, der bekannt wurde für seine
zunächst sehr farbigen und gegen Ende seiner Arbeiten immer dunkler
werdenden magischen, überdimensionierten Rechtecke. Vielleicht gibt
uns die Frage, warum Rothko so gemalt hat, auch eine Antwort auf die Motive
von Erich Wonder:
"Ich male sehr große Bilder. Mir ist klar, daß es historisch
gesehen die Funktion großer Gemälde ist, etwas Grandioses und
Pompöses zu malen. Der Grund warum ich sie male dagegen, ist genau
die Tatsache, daß ich sehr intim und menschlich sein möchte.
Ein kleines Bild zu malen heißt sich selbst außerhalb der
Erfahrung zu platzieren, auf eine Erfahrung zu schauen wie mit einem Fernglas
oder einem Verkleinerungsglas. Wenn Sie im Gegensatz dazu größere
Bilder malen, sind Sie mitten drin. Es ist nicht mehr etwas, was Sie kontrollieren
können."
Das heißt auf die Räume Wonders übersetzt: er provoziert
damit, daß Schauspieler in den Räumen / daß Zuschauer
mit den Räumen Erfahrungen machen können, und dabei einer andern
Instanz unterworfen sind; dabei, wie es Rothko für sich formuliert
hat, auch die Erfahrung machen, 'nicht selbst alles kontrollieren zu können'.
Das sind gesellschaftliche, politische Erfahrungen, über die uns
seit der antiken Tragödie die Theaterstücke viel erzählen
wollen. Wonder hat jetzt auch die Bilder dafür.
Der neu ins Leben gerufene Hein Heckroth Bühnenbildpreis ist gemäß
den Ansprüchen seines Paten ein Theaterpreis, aber auch ein Kunstpreis.
Dieses erste Mal ist es der Jury, Jürgen Flimm, Frau Wosymski und
mir, sehr leicht gefallen, diesem Doppelcharakter zu entsprechen. Das
nächste mal wird es schon schwieriger werden. Ich danke Dir auch
persönlich, lieber Erich, für die - wie Du sie am besten genannt
hast - "Zwischenräume und Nachbilder " - und bin neugierig
auf das, was als nächstes kommt. Diese Räume und das ist ihr
Qualität klingen lange nach, - wie der im rot beleucheten Kreis herumgeführte
Schäferhund im Schiffsbauch eines Lastkahns auf der Donau - und brennen
sich ein in die Sinne der Betrachter. Deswegen schließe ich mit
einem Ernst Jünger Zitat, das Heiner Müller Dir einst auf einen
Zettel gekritzelt hat: "Die Bilder sind das Urgestein der Kulte,
sie leben länger als die Götter, zu deren Ehren sie errichtet
wurden" Dazu beizutragen, danken wir Dir.
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