Die Befreiung des / The Liberation of Prometheus
MATERIAL

Die Befreiung des Prometheus ist ein Prosatext, den Heiner Müller wie einen erratischen Block in das Theaterstück Zement gesetzt hat und woran sich das Theater die Zähne ausbeißt, weil es mit seinen eigenen Mitteln ihm nicht gerecht werden kann. Ob ich es schaffe, weiß ich nicht; ich versuche aber mit selbständigen musikalischen Mitteln, die in der Ausdruckshierarchie nicht unter, sondern neben dem Text rangieren (mit Songformen, Collagen, der Filmtechnik nahestehenden Schnitten und Rückblenden), mindestens zweierlei hörbar zu machen:
- die große Faszination, die die unvorstellbaren Dimensionen von Arbeit und Zeit, Kot und Gestank in dem Text auf mich ausüben,
- und die - nach André Gide und Kafka - neuen politischen Perspektiven der Arbeit am Mythos, mit denen Müller den Doppelcharakter des Prometheus humorvoll und scharf ausstattet: als Feuerräuber für die Menschen und als privilegierter Gast am Tisch der Götter. Das macht es mir möglich, dazu weitere Texte von Heiner Müller (zum Beispiel aus dem Stück Der Auftrag) analog zu assoziieren und Prometheus 10000 Jahre runter- (bzw. rauf-)fallen zu lassen, als ein mittlerer Angestellter im Fahrstuhl auf dem Weg zum Chef. Arrangement mit der Unterdrückung, Heimweh nach dem Fahrstuhl, die Sehnsucht nach dem geliebten Adler im Felsenbett, sind stärker als das Abenteuer unter veränderten Lebensbedingungen.
(Heiner Goebbels)

The Liberation of Prometheus is a prose text which Heiner Müller has dropped into his play, Cement, like an erratic block - a real stumbling block for the theater which cannot do it justice with ordinary theatrical methods. Whether I can manage it, I don't know; but I'm trying - with independent musical means which, in the hierarchy of expressiveness, are not beneath the text but equal to it (with song forms, collages, flashbacks and the kind of editing used in films) - to make at least two things audible:
- the great fascination I feel at the unbelievable dimensions of work and time, filth and stench in the text,
- and the new (since André Gide and Kafka) political perspectives of myth interpretation with which Müller humorously and incisively endows the double character of Prometheus: as the fire-stealing benefactor of mankind and the privileged guest at the table of the gods.
This enables me to make analogous association with other texts by Heiner Müller (for example from his play Der Auftrag) and let Prometheus drop 10000 years down (or up) as a mid-level employee in an elevator on his way to see the boss. Acceptance of oppression, nostalgia for the elevator, a longing for the beloved eagle on the rock, - all these are stronger than the quest for altered living conditions.
(Heiner Goebbels)

Die Befreiung des Prometheus

Prometheus, der den Menschen den Blitz ausgeliefert,aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen, weil er an den Mahlzeiten der Götter teilnahm, die mit den Menschen geteilt weniger reichlich ausgefallen wären, wurde wegen seiner Tat beziehungsweise wegen seiner Unterlassung im Auftrag der Götter von Hephaistos dem Schmied an den Kaukasus befestigt, wo ein hundsköpfiger Adler täglich von seiner immerwachsenden Leber aß. Der Adler, der ihn für eine teilweise eßbare, zu kleineren Bewegungen und, besonders wenn man von ihr aß, mißtönendem Gesang befähigte Gesteinspartie hielt, entleerte sich auch über ihn. Der Kot war seine Nahrung. Er gab ihn, verwandelt in eigenen Kot, an den Stein unter sich weiter, so daß, als nach dreitausend Jahren Herakles sein Befreier das menschenleere Gebirge erstieg, er den Gefesselten zwar schon aus großer Entfernung ausmachen konnte, weißschimmernd von Vogelkot, aber, zurückgeworfen immer wieder von der Mauer aus Gestank, weitere dreitausend Jahre lang das Massiv umkreiste, während der Hundsköpfige weiter die Leber des Gefesselten aß und ihn mit seinem Kot ernährte, so daß der Gestank zunahm in dem gleichen Maß wie der Befreier sich an ihn gewöhnte. Endlich, von einem Regen begünstigt, der fünfhundert Jahre anhielt, konnte Herakles sich auf Schußweite nähern. Dabei hielt er mit einer Hand die Nase zu. Dreimal verfehlte er den Adler, weil er, von der Welle des Gestanks betäubt, die auf ihn einschlug, als er die Hand von der Nase nahm, um den Bogen zu spannen, unwillkürlich die Augen geschlossen hatte. Der dritte Pfeil verletzte den Gefesselten leicht am linken fuß, der vierte tötete den Adler. Prometheus, wird erzählt, weinte laut um den Vogel, seinen einzigen Gefährten in dreitausend Jahren und Ernährer in zweimal dreitausend. Soll ich deine Pfeile essen,schrie er und,vergessend,daß er andere Nahrung gekannt hatte. Kannst du fliegen, Bauer, mit deinen Füßen aus Mist. Und erbrach sich vor dem Stallgeruch, der dem Herakles anhing, seit er die Ställe des Augias gesäubert hatte, weil der Mist zum Himmel stank. Iß den Adler, sagte Herakles. Aber Prometheus konnte den Sinn seiner Worte nicht begreifen. Auch wußte er wohl, daß der Adler seine letzte Verbindung zu den Göttern gewesen war, seine täglichen Schnabelhiebe ihr Gedächtnis an ihn. Beweglicher als je in seinen Ketten beschimpfte er seinen Befreier als Mörder und versuchte ihm ins Gesicht zu spein.
Herakles, der sich vor Ekel krümmte, suchte währenddem die Fesseln, mit denen der Tobende an seinem Gefängnis befestigt war. Zeit, Wetter und Kot hatten Fleisch und Metall voneinander ununterscheidbar gemacht, beides vom Stein. Gelockert durch die heftigeren Bewegungen des Gefesselten wurden sie kenntlich. Es stellte sich heraus, daß sie von Rost zerfressen waren. Nur am Geschlecht war die Kette mit dem Fleisch verwachsen, weil Prometheus, wenigstens in seinen ersten zweitausend Jahren am Stein, gelegentlich masturbiert hatte. Später hatte er dann wohl auch sein Geschlecht vergessen. Von der Befreiung blieb eine Narbe. Leicht hätte sich Prometheus selbst befreien können, wenn er den Adler nicht gefürchtet hätte, waffenlos und erschöpft von den Jahrtausenden wie er war. Daß er die Freiheit mehr gefürchtet hat als den Vogel,zeigt sein Verhalten bei der Befreiung. Brüllend und geifernd, mit Zähnen und Klauen, verteidigte er seine Ketten gegen den Zugriff des Befreiers. Befreit, auf Händen und Knien,heulend in der Qual der Fortbewegung mit den tauben Gliedmaßen, schrie er nach seinem ruhigen Platz am Stein, unter den Fittichen des Adlers, mit keinem andern Ortswechsel als dem von den Göttern durch gelegentliche Erdbeben verfügten. Noch als er schon wieder aufrecht gehen konnte, sperrte er sich gegen den Abstieg wie ein Schauspieler, der seine Bühne nicht verlassen will. Herakles mußte ihn auf den Schultern vom Gebirge schleppen. Weitere dreitausend Jahre dauerte der Abstieg zu den Menschen. Während die Götter das Gebirge aus dem Grund rissen, so daß der Abstieg durch den Wirbel der Gesteinsbrocken eher einem Absturz glich, trug Herakles seine kostbare Beute, damit sie nicht zu Schaden kam, wie ein Kind an seine Brust gebettet. An den Hals des Befreiers geklammert, gab Prometheus ihm mit leiser Stimme die Richtung der Geschosse an, so daß sie den meisten ausweichen konnten. Dazwischen beteuerte er, laut gegen den Himmel schreiend, der vom Wirbel der Steine verdunkelt war, seine Unschuld an der Befreiung. Es folgte der Selbstmord der Götter. Einer nach dem andern warfen sie sich aus ihrem Himmel auf den Rücken des Herakles und zerschellten im Geröll. Prometheus arbeitete sich an den Platz auf der Schulter seines Befreiers zurück und nahm die Haltung des Siegers ein, der auf schweißnassem Gaul dem Jubel der Bevölkerung entgegenreitet.
(Heiner Müller: Zement. © Henschel Verlag Schauspiel, Berlin, vertreten durch den Verlag der Autoren, Frankturt/Main)

The Liberation of Prometheus

Prometheus, who brought lightning to the humans, but did not teach them how to use it against the gods because he sat at the gods' table and their meals would have been less sumptuous if shared with the humans, was, either on account of his action or his omission, and on order of the gods, fastened by Hephaestus the smith to the Caucasus, where every day a dog-headed eagle returned to his constantly regenerating liver to feed. The eagle, which considered him to be a partly edible rock formation capable of small movements and, especially when being eaten, of discordant song, emptied his bowels over him. The faeces were his nourishment. He passed them, in the form of his own faeces, on to the rock below, and so when, after three thousand years, Herakles, his liberator, reached the top of the unpopulated mountains, he was able, even from a great distance, to make out the prisoner, glistening white with bird faeces. But, repelled again and again by the wall of stench, he circled the massif for another three thousand years, while the dog-headed eagle fed off the liver of the prisoner, so that the stench grew to the degree that the liberator became accustomed to it. At last, helped by a rain which lasted five hundred years, Herakles managed to approach within shooting range. He held his nose with one hand. He missed the eagle three times for, stupefied by the wave of stench which struck him, he took his hand away from his nose to stretch his bow and involuntarily closed his eyes. The third arrow wounded the prisoner slightly on his left foot, and the fourth killed the eagle. Prometheus, it is told, wept aloud for the eagle, his only companion in three thousand years and his provider for twice three thousand. Am I supposed to eat your arrows, he cried out, forgetting that he had known other food: Can you fly, peasant, with your feet of dung. And he vomited from the stable smell which had clung to Herakles since he had cleaned out the stables of Augeas, because the dung stank to high heaven. Eat the eagle, Herakles said. But Prometheus could not grasp the meaning of his words. He also knew full well that the eagle had been his last link to the gods, its daily pecking his remembrance of them. More flexible' than ever in his chains, he cursed his liberator, called him a murderer and tried to spit in his face. Meanwhile, Herakles, bent double with nausea, looked for the fetters which bound the raging Prometheus to his prison. Time, weather and faeces had made the flesh indistinguishable from the metal, and both indistinguishable from the rock. Now, loosened by the more violent movements of the prisoner, the fetters became discernible. It turned out that they had been eaten by rust. Only at his sex had the chain grown together with the flesh because Prometheus had, at least during his first two thousand years on the rock, occasionally masturbated. Later he must have forgotten even his sex. The liberation left a scar. Prometheus could easily have freed himself if he had not been afraid of the eagle, unarmed and exhausted from the millenia though he was. His behaviour during the liberation shows that he feared freedom more than the bird. Roaring and foaming at the mouth, he defended his chains with tooth and claw against the grip of his liberator. Once liberated, he howled on his hands and knees from the torment of trying to crawl with his numb limbs, and he cried out for his quiet place on the rock beneath the wings of the eagle, where nothing moved unless shaken by an occasional earthquake decreed by the gods. Even after he was able to walk upright again, he struggled against the descent like an actor who does not want to leave the stage. Herakles had to hump him down from the mountain on his shoulders. The descent to the humans lasted a further three thousand years. While the gods rooted up the mountains, so that the descent to the humans was more like a plunge, Herakles carried his precious booty snuggled like a baby against his chest. Clinging to the liberator's neck, Prometheus indicated in a low voice the direction of the projectiles, so that they were able to dodge most of them. Meanwhile, screaming loudly to the heavens darkened by whirl of rocks, he declared his innocence in the liberation. There followed the suicide of the gods. One after the other they hurled themselves down from the heavens onto Herakles back and shattered in the rubble. Prometheus worked his way back onto the shoulders of his liberator and assumed the pose of the victor who rides in on a sweat-bathed horse to meet the cheers of the people.
(Heiner Müller: Zement. © Henschel Verlag Schauspiel, Berlin, vertreten durch den Verlag der Autoren, Frankturt/Main - Translation: Alan Miles)



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