| Surrogate Cities
|
|
|
MATERIAL
|
|
|
"Surrogate Cities"' ist der Versuch, sich von verschiedenen
Seiten der Stadt zu nähern, von Städten zu erzählen, sich
ihnen auszusetzen, sie zu beobachten; Material über Großstädte,
das sich im Laufe der Zeit angesammelt hat. Zum Teil entstand es auf Anregung
von Texten, aber auch anhand von Zeichnungen, Strukturen, Klängen:
dabei spielt das Gegenüber von Orchester und Sampler eine größere
Rolle, weil der Sampler Klänge, Geräusche, speichert, die normalerweise
im Orchesterklang keinen Platz haben. Ich verbinde damit ein realistisches,
durchaus widersprüchliches, aber letztlich positives Bild einer modernen
Großstadt. Mein Ausgangspunkt ist nicht der der Nahaufnahme, sondern
der Versuch, die Stadt als Text zu lesen, etwas aus ihrer Mechanik, Architektur
in Musik zu übersetzen. ... |
"Surrogate Cities" is an attempt to approach
the phenomenon of the city from various sides, to tell stories of cities,
expose oneself to them, observe them; it is material about metropolises
that has accumulated over the course of time. The work was inspired partly
by texts, but also by drawings, structures and sounds, the juxtaposition
of orchestra and sampler playing a considerable role because of the latter's
ability to store sounds and noises ordinarily alien to orchestral sonorities.
The associations l have are with a realistic, certainly contradictory, but
ultimately positive image of the modern city. My intention was not to produce
a close-up but to try and read the city as a text and then to translate
something of its mechanics and architecture into music. ... When it comes to the power dynamics of the city, the individual is always the more vulnerable party. Art rebels against this overpowering structure by strengthening the subjective element. Music, too, is composed from a highly subjective perspective, for composers usually justify what they write by saying that they "need to get it out of their system ". That is only partly true for me. l try to gain a bit more distance: l construct something that confronts the audience, and the audience reacts to it, discovering in the music a space they can enter complete with their associations and ideas. (From a conversation with Heiner Goebbels) |
| Was jetzt diese Stelle einnimt, sind Ruinen, aber
nicht iherer selbst, sondern ihrer Erneuerungen aus späteren Zeiten
nach Bränden und Zerstörungen. Es bedarf kaum einer besonderen
Erwähnung, daß alle diese Überreste des alten Roms als Einsprengungen
in das Gewirre einer Großstadt aus den letzten Jahrhunderten seit
der Renaissance erscheinen. Manches Alte ist gewiß noch im Boden der
Stadt oder unter ihren modernen Bauwerken begraben. Dies ist die Art der
Erhaltung des Vergangenen, die uns an historischen Städten entgegentritt. (Sigmund Freud: Das Unbehagen der Kultur) |
|
| Hat er unbekannte Viertel durchquert? Ein Mann
hat sich beim Durchgang durch eine belebte Straße die Schulter gestoßen.
War es gestern, heute? Wo war es? Es muß weit von seiner Wohnung sein.
Er kam an umschlungenen Paaren vorbei, jungen Bäumen ähnlich,
die im Himmel wurzeln und mit Sternen beladen sind. Er kam an einer Frau
vorbei, die ihn bat ... Er hat ihr nicht geantwortet. Er hatte sie nicht
gehört. Er hatte nur Laute gehört. Er hat sie nicht einmal gesehen.
Kam er wirklich an ihr vorbei? Er hat Geräusche gehört... Geräusche.
Er ging an roten Ampeln vorbei, an grünen Ampeln. Er folgte den Straßenlaternen,
verlor sie, fand sie wieder, folgte ihnen. Er vernahm Gesprächsfetzen,
vergaß sie dann, erinnerte sich ihrer von neuem bei Gelegenheit einer
Erwägung, eines Gedankens, eines Plans. Er ging. Er geht. Er hat nicht
die Absicht, nach Hause zurückzukehren. Er hat nicht den Mut dazu.
Er läßt sich führen. Um sein Zimmer wiederzufinden, müßte
er eine Anstrengung des Gedächtnisses machen, sich ausrichten, sich
über Zeit und Ort bewußt werden. Er hat nicht die Kraft dazu.
Er segelt. (Edmond Jabes: Das Buch der Fragen) Denn kaum war er über die Schwelle ins Freie getreten, da stürzte
der Festsaal über den Gästen zusammen und richtete diese so
zu, daß die Angehörigen, als sie die Ihren zur Bestattung bergen
wollten, nicht nur außerstande waren, die Gesichter der Erschlagenen,
sonder auch alle ihre Gliedmaßen zu unterscheiden. Da habe, heißt
es, Simonides, weil er die Reihenfolge im Gedächtnis hatte, in der
jeder seinen Platz an der Tafel gehabt hatte, den Angehörigen zu
den Ihren verholfen. |
Did he walk through unfamiliar districts? Some man, in passing, bumped
against his shoulder in a crowded street. Was it yesterday? Today? Where
was it? It must have been far from his room. He walked by couples embracing
like young trees that take root in the sky and are laden with stars. He
passed a woman who asked him. .. He did not answer her. He had not heard
what she said. He had only heard sounds. He had not even seen her. Had
he really passed her? He heard noises.. noises. He walked through red
lights, through green lights. He followed, lost, came back to, followed
the street lamps. He caught bits of conversation, forgot them, remembered
them again together with an idea, a thought, a project. He walked, He
is walking. He does not want to go back home. He does not have the courage
He follows the current. To find his room he would have to make an effort,
remem ber, take a direction, find out the time and where he was, He does
not have the energy He drifts.
|
|
Suite for Sampler and Orchestra Die Perspektive der Sampler-Suite ist der vertikale Schnitt durch die
Stadt: der Blick auf den Untergrund, die Kanalisation, die Mechanik der
Stadt, auf Stadtgeschichte, auf Verschüttetes, auf Ruinen, in denen
auch Historisches auftaucht wie zum Beispiel ein Scarlatti-Zitat in der
Allemande oder ein barock anmutender Choral in der Gigue. Der Sampler
ist dabei als digitaler Speicher prädestiniert, "Gedächtnis"
zu sein; seine Klänge - aus Berlin, New York, Tokio, St. Petersburg
u.a. - halten "Geräusche" fest: industrielle Geräusche
(oder das, was in der elektronischen Umwandlung von Musik als Industrielles
Geräusch erscheinen kann), subkulturelle "Geräusche"
und "historische" - wie in der Chaconne die verrauschten Aufnahmen
aus den 20er und 30er Jahren, die die Erinnerung an eine längst so
nicht mehr erfahrbare Gesangskultur jüdischer Kantoren aufrechterhalten. |
Suite for Sampler and Orchestra
The perspective of the Sampler-Suite is the vertical section of the city:
we are offered a look underground, at the sewers, the Inner workings of
the city, at urban history, at what lies buried beneath the surface, at
ruins that revealglimpses of history - like the Scarlatti quotation in
the Allemande or a chorale evocative of the Baroque in the Gigue. As digital
memory, the sampler is an ideal vehicle for human memory It brings us
the sounds of cities such as Berlin, New York, Tokyo or St. Petersburg:
industrial noise (or what might be taken for it- the sounds produced when
music is electronically transformed), subcultural "noise" and
the sounds of history - like the scratchy recordings from the 1920s and
'30s in the Chaconne, which preserve the memory of the Jewish cantonal
tradition, a vocal culture that has long ceased to be accessible in this
form. |
| "Nähe des Fernen, Ferne des Nahen"
könnte die Strukturformel lauten, unter der alle Erfahrungen der großen
Stadt stehen. Auch das Fernste, Unzugänglichste steht in der großen
Stadt in einer prinzipiellen relaitven Nähe, da die Distanzen hier
nicht so sehr räumliche als vielmehr zeichenhafte Distanzen sind. Andererseits
rückt auch das Nächste, sich unmittelbar dem Blick Darbietende
in eine prinzipielle Ferne. Es ist das Kriterium für die große
oder vielmehr sehr große Stadt, daß in ihr auch noch für
die Stadtbewohner selbst das Fremde das Vertraute überwiegt... Das
Nahe ist aber nicht nur immer wieder das Fremde, es ist zugleich das, was
den Blick auf anderes verdeckt und dieses so in Abwesenheit verweist. (Karlheinz Stierle: Der Mythos von Paris) |
|
|
The Horatian - Three Songs Der Stoff ist uralt, von Livius überliefert und in zahlreichen Theaterstücken (von Corneille bis Brecht) und Opern (von Cimarosa bis Mercadante) bearbeitet: eine bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzung zwischen zwei benachbarten Städten, die von zwei Männern stellvertretend geführt werden soll, um Kräfte zu sparen. Trotz ihrer Verwandtschaft (der eine ist der Schwester des anderen verlobt) besiegt der Horatier für Rom den Kuriatier, der für Alba kämpft, verschont ihn nicht und hofft, dafür zu Hause gebührend gefeiert zu werden. Als seine Schwester stattdessen in Tränen ausbricht, ermordet er sie. Rom hat nun zwei Männer in einem: einen Sieger und einen Mörder. Wie damit umgehen? Ist die hauptsächliche Fragestellung in Heiner Müllers Adaption. Rom und Alba Daß das Blut auf die Erde fiel Als nach Rom heimkehrte der Horatier Da ist der Sieger. Sein Name: Horatius. Mit den Hunden wohnen als ein Hund |
The Horatian - Three Songs The material is ancient, passed down to us by Livy and the subject of
numerous plays (from Corneille to Brecht) and operas (from Cimarosa to
Mercadante): a civil-war-like conflict between two neighbouring cities,
with battle to be done by two men on their behalf, to keep the losses
at a minimum. Although they are related (one is engaged to the other's
sister), when one of the Horatii; representing Rome, defeats the Curiatius,
fighting for Alba, he does not spare his life and hopes to be rewarded
for it at home by a triumphal reception. When his sister bursts Into tears
instead, he slays her Now Rome has two men in one. a victor and a murderer
How is he to be dealt with? That is the principal question of Hemer Müller's
adaptation. Rome and Alba So that the Blood dropped to the Earth Dwell where the Dogs dwell |
|
D & C D & C für großes Orchester sind akustische Bauten, kein
illustrativ belebtes Städteporträt, sondern deren strukturelles
Rückenmark: Ecken, Pfeiler, Wände, Fassaden. Keine bestimmten
architektonischen Bilder, keine bestimmten Städte sind gemeint, aber
Ähnlichkeiten nicht zufällig, z. B. zu den letzten fünf
Faustschlägen aus der Erzählung Kafkas "Das Stadtwappen",
die D & C eröffnen und immer wieder Schneisen in die Bilder schlagen. |
D & C D & C for large orchestra is an acoustic edifice; not an illustratively
animated portrait of a city but its very structural backbone: corners,
pillars, walls, facades. Though no specific architectonic images or particular
cities are invoked, similarities are not coincidental, for instance to
the five final fist-blows that will ultimately destroy the city in Kafka`s
story "The City Coat Of Arms", which open D &C and repeatedly
cut swathes through the images. |
| Dieses Übermaß an Sprachen, Dolmetschern und Nationen,
diese Vielfalt, die ständig zu Streit führt, legt den Gedanken
nahe, daß das Wesen der Stadt anderswo ist oder, genauer gesagt, ein
anderes als das des Turms ist. Indem man auf den kapitalen Turm verzichtet,
auf dieses höchste Verlangen nach einem einzigartigen Turm, nach einer
kapitalen Aufrichtung, die in den Himmel ragt, bildet sich nach Generationen
gerade in diesem Verzicht eine Gemeinschaft, und man trift die Entscheidung,
anstelle (am Ort) des unmöglichen Turms die Stadt zu bewahren. Und
diese verantwortungsbewußte Entscheidung wird im Namen der Zukunft
getroffen. Man verzichtet auf das totalitäre Projekt des Turms, drängt
den Gedanken an den Turm in dem Moment beiseite, wo einem bewußt wird,
daß das, worauf es ankommt, die Offenheit des Versprechens und d.h.
die der Zukunft ist. Katastrophal wird eine Stadtplanung immer dann, wenn
sie aller Probleme erschöpfend in der Zeit einer Generation lösen
und den künftigen Generationen nicht als ihr Erbe die Zeit und den
Raum geben will, und dies eben deshalb, weil "die, die Bescheid
wissen", die Architekten und Stadtplaner, im voraus zu wissen glauben,
wie es morgen aussehen muß, um so die ethisch-politische Verantwortlichkeit
durch ihre technisch-wissenschaftliche Programmierung ersetzen. Auch hierauf
scheint mir Kafka im Stadtwappen hinzuweisen... (Jacques Derrida: Generationen einer Stadt) |
|
|
Die Faust im Wappen Alles was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erfüllt
von der Sehnsucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem die Stadt von
einer Riesenfaust in fünf kurz aufeinanderfolgenden Schlägen
zerschmettert werden wird. Deshalb hat auch die Stadt die Faust im Wappen. |
Die Faust im Wappen All the legends and songs that came to birth in that city are filled
with longing for a prophesied day when the city would be destroyed by
five successive blows from a gigantic fist. It is for that reason too
that the city has closed fist on its coat of arms. |
|
Surrogate Sie ist gerannt. Aus welchem Grund? ... Was bringt eine junge Frau dazu
zu rennen? Während des Tages? Mitten in der Stadt?... Es sieht so
aus, als seist du spät dran. Irgendwas vergessen. Als ob du noch
schnell zur Bank, zum Arzt, zum Anwalt müßtest. Als wenn du
kein Auto hättest. Beim Frühstück träumst. Wenig sagst.
... Es sieht aus, als hätte man dich ausgetrickst. ... Es sieht dann
aus, als wärst du gerade angegriffen worden. Als wärst du gerade
aus dem Osten geflüchtet. ... Als hättest du den Geschmack der
Freiheit genossen. Als hättest du etwas gesehen, wovon du dich abwenden
mußtest. Als hättest du 'mal eine Vorstellung davon gehabt,
was du am meisten begehrst. |
Surrogate
She has been running. What for?... What makes a young woman run? During
the day? In the city? ... It makes you look like you're late. Forgotten
something. Like you need to get to a bank, or a doctor or an attorney.
Like you don't own a car. Dream a lot over breakfast. Say little. ...
It makes you look like you've been tricked. |
|
Rewind Further - He stopped. Played. There was a brash but distand trumpet sound. He
stopped and rewound further. He tapped his finger against the machine
with impatience. He stopped again. Played. Sound of voices. Fast forward.
Played again. At first there was nothing. Nothing but the tape noise.
Ambience. He turned up the volume. There was a slight hiss. Then came
the clear sound of a door closing. A cough or a grunt followed by further
sounds of footsteps or movement in an enclosed space, followed by further
sounds of muffled breathing. Fabric beeing pulled. Then a very clear sound
rang out... |
|
|
In the Country of Last Things Dies sind die letzten Dinge, schrieb sie. Eines nach dem anderen verschwinden
sie und kommen nie zurück. Ich kann dir erzählen von denen,
die ich gesehen habe, von denen, die es nicht mehr gibt, doch wird kaum
Zeit dafür sein. Es geschieht alles zu schnell. ... Dies sind die
letzten Dinge. An einem Tag ist ein Haus noch da, am nächsten ist
es weg. Gestern ging man über eine Straße, die heute nicht
mehr existiert. ...Wer in der Stadt lebt, lernt, nichts für selbstverständlich
zu halten. Man schließt nur kurz die Augen, dreht sich um, um nach
etwas anderem zu sehen, und was eben noch vor einem stand, ist plötzlich
weg. Nichts bleibt, verstehst du. ...Ist etwas erst einmal weg, dann für
immer. ...So verändert einen die Stadt. Sie bringt einen völlig
durcheinander. Sie macht einen lebenshungrig, und zugleich versucht sie
einen umzubringen. Dem ist nicht zu entrinnen. Entweder man schafft es,
oder man schafft es nicht. Wenn man es schafft, weiß man nicht,
ob man es das nächste Mal auch noch schafft. Und wenn man es nicht
schafft, schafft man es nie wieder. |
In the Country of Last Things These are the last things, she wrote. One by one they disappear and never
come back. I can tell you of the ones I have seen, of the ones that are
no more, but I doubt, there will be time. It is all happening too fast
now. ...These are the last things. A house is there one day, and the next
day it is gone. A street you walked down yesterday is no longer there
today. ... When you live in the city, you learn to take nothing for granted.
Close your eyes for a moment, turn around to look at something else and
the thing that was before you is suddenly gone. Nothing lasts, you see.
...Once a thing is gone, that is the end of it. ...That is what the city
does to you. It turns your thoughts inside out. It makes you want to live
and at the same time it tries to take your life away from you. There is
no escape from this. Either you do or you don't. And if you do, you can't
be sure of doing it the next time. And if you don't, you never will again. |
|
Argia - Die Städte und die Toten 4 Was Argia von anderen Städten unterscheidet, ist der Umstand, daß
es an Stelle der Luft Erde hat. Die Straßen befinden sich ganz in
der Erde, die Zimmer sind bis zur Decke mit Lehm angefüllt, auf die
Treppen legt sich eine andere Treppe im Negativ, über den Hausdächern
lasten steinige Erdschichten wie Himmel mit Wolken. Ob die Einwohner einhergehen
können, weil sie die Gänge der Würmer und Spalten verbreitern,
in die sich die Wurzeln drängen, wissen wir nicht. Die Feuchtigkeit
zehrt die Körper aus und läßt ihnen nur wenig Kräfte;
es ist besser für sie, wenn sie ruhig und ausgestreckt liegenbleiben,
ist es doch ohnehin dunkel. |
Argia - Cities and the Dead 4 What makes Argia different from other cities is that it has earth instead
of air. The streets are completely filled with dirt, clay packs the room
to the ceiling, on every stair another stairway is set in negative, over
the roof of the houses hang layers of rocky terrain like skies with clouds.
We do not know if the inhabitants can move about the city, widening the
worm tunnels and the crevices where roots twist: the dampness destroys
people´s bodies and they have scant stregth; everyone is better
off remaining still, prone; anyway, it´s dark. |
|
In the Country of Last Things 2 This is how I live When you walk through the streets, The essential thing is not to become injured. If you cannot bring yourself to even that, (Paul Auster) |
|
|
|
|