Exzessives Kollektiv

Heiner Goebbels Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten"

"Ich reagiere allergisch, wenn alles stimmt", sagt Heiner Goebbels, Frankfurts berühmtester lebender Komponist. Vielfach preisgekrönt, sogar für den Grammy wurde er nominiert. Zuletzt gab's die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt. Jetzt ist er wieder mal weg aus der Stadt, die ihm keine adäquaten Produktionsmöglichkeiten bieten kann - mit seiner ersten Oper: "Landschaft mit entfernten Verwandten", uraufgeführt in Genf, in einem ehemaligen Wasserwerk mitten in der Rhone.

Raus aus dem Orchestergraben

Eine Oper, die nicht wie eine Oper klingt. Die Hauptdarsteller sind Orchestermusiker. Raus aus dem Graben, rauf auf die Bühne! Mit Wonne tanzen und schauspielern sie. Das kann Heiner Goebbels nur mit einem Orchester machen: dem weltberühmten "Ensemble Modern", übrigens ebenfalls aus Frankfurt und erfahren in der Zusammenarbeit mit dem Komponisten. "Ich glaube, dass die Organisationsform des Ensemble Modern als eines selbstbestimmten Ensembles überhaupt nicht zu trennen ist von der Qualität."

Begonnen hat alles auf der Straße. Heiner Goebbels schrieb seine ersten Stücke für das "Sogenannte Linksradikale Blasorchester". Den Frankfurter Spontis blies er den Marsch. " Ich hatte immer ein Saxophon dabei", sagt er, "und keine Hand frei für Molotow-Cocktails." Wichtiger als der schöne Ton ist der richtige Ausdruck - das ist sein Credo. Damals wie heute. Was Heiner Goebbels scheinbar mühelos schafft: Er bringt den schwerfälligen Opern-Apparat zum Tanzen. Eine perfekte Mischung aus Planung und Improvisation.

Ohne so genannte Regie-Einfälle

Alles ergibt sich aus der engen Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und Regisseur Heiner Goebbels und den Musikern. So genannte Regie-Einfälle haben in der Oper keinen Platz. Die verschiedenen Probenphasen laufen seit Dezember, von Anfang an mit vollem Equipment. "Ich glaube nicht, dass er uns als Schauspieler sieht", meint Flötist Dietmar Wiesner, "sondern als Musiker, die in allen Parametern permanent erweiterbar sind." Keiner der Musiker spielt das Instrument, auf dem er ausgebildet wurde. Alle betreten Neuland - dadurch entsteht der Zauber. Ein exzessiver kollektiver Prozess, in dem die Mitspieler zu kreativen Partnern werden - eine Arbeitsweise, die ein normales Theater nicht finanzieren kann und will. Die Oper Genf zusammen mit internationalen Partnern ist dieses Wagnis eingegangen. Der Premieren-Erfolg gab ihnen Recht.

Nur einmal sitzen die Musiker ordentlich auf der Bühne und spielen brav vom Blatt - sie tragen dabei die "Maske des Bösen". "Der ganze Abend zehrt von den widersprüchlichen Eindrücken des vergangenen Jahres", meint Goebbels, und sei auch nicht denkbar ohne den 11. September: "Weniger der Vorfall, als die Art, wie darüber diskutiert und reagiert wurde." "Landschaft mit entfernten Verwandten" ist eine hochpolitische Oper ohne politische Aussage. Eine zentrale Rolle spielt der Sprecher: David Bennent mit Texten von Leonardo da Vinci bis Gertrude Stein über Krieg und Gewalt, Liebe und Hass. Verblüffend aktuell durch die Montage Heiner Goebbels', der seine Musiker die Blechtrommel schlagen lässt.

Den Blick erweitern

Die Western-Szene ist alles andere als eine Parodie auf den amerikanischen Patriotismus. Die Idee kam Goebbels, als er im letzen Sommer im Grand Canyon in einem Hotel Country-Musik hörte und sie als äußerst fragil und wenig perfekt erlebte. "Das hat mich empfänglich für Sehnsucht gemacht." Sehnsüchte haben also auch entfernte Verwandte. Und dann wandelt sich das Bild auf der Bühne wieder, und es bleibt die Frage: Sind wir hier in einer Moschee oder in einem Biowaffenlabor? Schauen wir Pathologen bei der Arbeit zu oder Giftmischern? Das ist Heiner Goebbels' Qualität: Durch ein Bild öffnet er ein breites Spektrum von Assoziationen, die den Blick nicht verengen, sondern erweitern. In Zeiten, in denen man versucht, die Rollen von Gut und Böse eindeutig zu verteilen, ist dieser offene Blick hochpolitisch.

23 October 2002
3SAT Kulturzeit (TV)