Töne im Schrott

Der Komponist Heiner Goebbels: Wider der Bevormundung durch Bilder

An der Donau heißt das Stück, es spielt in der .Zeit nach dem Weltuntergang. Ein Überlebender erinnert sich dabei auch an Walzer-Seligkeit und Opernglanz. Aus dem Orchestergraben steigen derweil' Rossini-Melodien auf, ein paar Takte lang. Dann werden die Harmonien von drei Musikern oben auf der Bühne zu Klangfetzen zerrissen: Wo nichts mehr heil" ist, kann es auch die Welt der Musik nicht sein, die Töne sind das Echo des Infernos nach der Katastrophe.

Solche Hör-Bilder sind das Thema des 35jährigen Frankfurter Komponisten Heiner Goebbels, neben Peter Michael Hamel und Matthias Rüegg zur Elite der jüngeren deutschsprachigen Tonsetzer gehörend. Er hat eben für seine Musik zu An der Donau übereinstimmend Lob geerntet, wenn auch alle wieder nur über Herbert Achternbusch redeten, von dem das Libretto stammt. Doch während die Kritiker das Werk des bayerischen Verzweiflungs-Komikers mit den bekannt ‘ gemischten Gefühlen aufnahmen, wurde Goebbels‘ Rückkehr zur Bühnenarbeit ein Erfolg. Er richtete 1n' Wien die Peymann-lnszenierungen der Hermanns- Schlacht und Richard III. an der Burg neu ein und probte am Akademie-Theater zu- gleich mit einem 30köpfigen Orchester und den drei Avantgarde-Musikern von den Wiener Call-Boys für An der Donau.


Goebbels hatte sich in letzter Zeit von der Theaterarbeit zurückgezogen, weil' er dort nach eigenen Worten eine zunehmende Bevormundung von Sprache und Musik durch das Bild erfuhr. SeinZiel war aber eben die, wie er es nennt, „Musikalisierungrung von Bildem“. So verlegte er sich auf Hörstücke -— mit dem Ergebnis, daß er alle wichtigen bundesdeutschen Hörspielpreise und den Prix Italia erhielt.

Der am Main lebende Komponist hat dabei vor allem mit dem Ost-Berliner Dramatiker Heiner Müller zusammengearbeitet. Bei ihm sieht Goebbels eine Sprache, die aufhört, an Charaktere geknüpt zu sein und damit anders als bislang verügbar sei: Man könne sich das Gehörte gleichsam neu zusammensetzen, beschreibt Goebbels die Wirkung dieser Texte, die seiner Technik der Collage so entgegenkämen und der Musik ein „gleichberechtigtes Erzählen“ gestatteten. Dazu enthalte Müllers Prosa, wie auch Achternbuschs Donau, ein rhythmisches Angebot, das der Komponist fu‘r seine Arbeit nutzen könne. So habe er jetzt in Wien seine zuvor in; den Hörstücken er— probte Methode der Montage erstmals „live“ ausarbeiten können.


Schon im Februar dieses Jahres wurde diese Arbeitsweise sichtbar — beim 1. Frankfurter ArtRock Festival. Dort führte Goebbels zusammen mit Musikern wie Don Cherry, Arto Lindsay und Fred Frith ein „Szenisches Konzert“ zu einem Text von Müller auf: „Der Mann im Fahrstuhl“. Der Autor selbst las aus seiner Arbeit, während hinter ihm auf der Bühne die Instrumentalisten und Sänger die .Lektüre mit ihren Mitteln wiederholten, kommentierten und zerlegten. Der Versuch, die Intensität eines Textes über musikalisch gestaltete Kriterien zu finden, habe ihn interessiert, sagte Goebbels danach. Dergleichen geschehe heute nur selten im Theater, Ausnahmen seien
Robert Wilsons Arbeiten oder Rihms Hamlet-Maschine - nicht zufällig wieder ein Müller-Stück.

Die hohe Libretto-Qualität dieser Prosa findet der Komponist such bei Brecht. Da möchte er gern fortsetzen, was _er vor sechs Jahren auf der Schallplatte „Zeit wird knapp“ mit seinem Kollegen Alfred. Harth begonnen hatte. Die gemeinsamen Konzerte mit Harth oder der Gruppe „Cassiber" sind zwar seltener geworden, gehören aber nach wie vor zu Goebbels' Arbeit. Hier will er die Möglichkeiten der Improvisation weiter ausloten. So hat Goebbels
nur die Hälfte des kompositorischen Materials für An der Donau mit nach Wien gebracht, der übrige Teil' wurde von den Musikern vor Ort erarbeitet.


Auch wenn er bei seinen Auftritten bisweilen wie ein „neuer Wilder“ wirkt, ist die Komposition für den privat fast scheu sich gebenden Goebbels zunächst und vor, allem Denkarbeit. Die Improvisation ist ihm Materialfundus, unberechenbar und deshalb spannend, und so zugleich“ die Gewähr für die Lebendigkeit des künstlerischen Ausdrucks.

Aus dieser Dialektik von direktem Zugriff auf Rohmaterial und planvoll entwickelter Struktur erwächst die Kompetenz des p - ' Komponisten Heiner Goebbels. Er zählt Bach, Schönberg, Berg und Mozart zu den I Vorbildern, ihrer strukturalen Arbeitsweise wegen, nennt aus dem Bereich des ‘ Jazz der Gegenwart Carla Bley und Sun Ra als verwandte Seelen. Die Liste der ' Platten, die gerade auf seinem Schreibtisch im geräumigen Arbeitszimmer des. efeuumrankten Altbaus liegen, umfaßt John Zorn ebenso wie äthiopische Folklore, Albert Ayler wie Prince.

Auch wenn er seine Ohren überall auf der (musikalischen) Welt hat, den Grundton seiner Arbeit setze seine Biographie ‚als Mitteleuropäer, wie er versichert. Dazu gehört auch das Echo der Mainmetropole. in der er lebt, wo sich die Widersprüche verdichten. Goebbels hat sich stets als politischer Künstler verstanden, hat seinerzeit in Frankfurt das „Sogenannte Linksradikale Blasorchester'“ gegründet. Er fordert mit Hanns Eisler"das „Widerstands-Moment“ in der Musik; „Span- nun’g“ und „Konfrontation“ sind Leitworte seiner Arbeit. Deshalb hat er wohl auch Gefallen daran gefunden, einen Achternbusch-Text mit seinen Tönen zum Sprechen zu bringen, aus dem Wüsten Weltuntergangs-Chaos einen „musikalischen Schrotthaufen“ zu bilden, wie er sagt. Da haben sich zwei deutsche Querdenker gefunden, an der Donau.

Daland Segler
DAS (DE), 26 July 1987