Der Menschenfreund

Musiktheaterwerke bei der ersten Ruhrtriennale unter Leitung von Heiner Goebbels

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Im ersten Sommer seiner Intendanz verantwortete Heiner Goebbels bei der Ruhrtriennale Auftritte von neunhundert Künstlerinnen und Künstlern in über dreißig Produktionen, darunter zwanzig Uraufführungen, Neuproduktionen und Deutschlandpremieren. Während die Theater im Revier sonst an Auszehrung leiden, kennt das ursprünglich zur Wiederbelebung der Industriedenkmäler erfundene Mehrspartenfestival offenbar keinen Mangel. Für jährlich sechs Wochen Spielbetrieb mit rund fünfzigtausend Besuchern wird es mit dreizehn Millionen Euro gefördert, um unter den international relevanten Festivals mitspielen zu können.

Eine seltene Wiederaufführung erfuhr auch Carl Orffs spätes Musiktheaterwerk „Prometheus“. Der Originaltext von Ai­schylos’ altgriechischer Tragödie entführte ebenso in die wilde Vorwelt von Titanen und olympischen Göttern wie Orffs kantige, brockenartig perkussive Musik, die zumeist versetzt zum Text einfällt, der überwiegend deklamiert und kaum gesungen wird. Sprache, Gesang und Instrumentalmusik bilden jeweils eigene Schichten, die sich kaum je berühren. Für die klangliche Wucht sorgte die massive Besetzung mit sechsfachen Bläsern, acht Pianisten an vier Klavieren, fünf Harfen, neun Kontrabässen als einzigen Streichern und elf Schlagzeugern. Das Ensemble musikFabrik wurde durch das NRW-Landesperkussions-Ensemble „Splash“ und andere stark erweitert und spielte zupackend unter Peter Rundel.

Regie, Bühne und Kostüme stammten von Lemi Ponifasio. Der Choreograph aus dem pazifischen Inselstaat Samoa übersetzte Orffs statische Musik in ebenso starre Schwarz-Weiß-Bilder. Das Übermaß der einhundertsiebzig Meter langen Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark Nord bot den dunklen, harten und kalten Schauplatz für die Qualen des trotzigen Titanen, den Gottvater Zeus zur Strafe, dass er den Menschen das Feuer gebracht hatte, an den Kaukasus schmieden ließ. Während sich im Bühnenhintergrund ein nackter Schauspieler auf einem steinernen Altar wand, saß Bassbariton Wolfgang Newerla bewegungslos vorne an der Bühnenrampe mit starrem Blick in das permanent von Scheinwerfern geblendete Publikum. Die menschheitsgeschichtliche Tragweite der prometheischen Tat versinnbildlichte Ponifasio in einer neuen Figur, die zum Eindrücklichsten seiner sonst blassen Inszenierung gehörte. Wie ein Primatenaffe irrte ein Darsteller geduckt auf allen Vieren orientierungslos durch die Szene, bis er sich am Ende zum aufrechten Gang erhob und damit auf Augenhöhe mit eben derjenigen Götterwelt begab, der Prometheus zornig den Untergang prophezeite.

Rainer Nonnenmann
Musik Texte (DE), 1 November 2012
MusikTexte 135 – November 2012, 87–88