Goebbels lässt die Welt kopfüber hängen

Entschleunigung, Widerstand und Antispektakel sind die Zauberwörter von Heiner Goebbels. Im Zürcher Schiffbau bringt der Gesamtkunstwerker jetzt das szenische Konzert «Industry and Idleness» zur Uraufführung

Der Schauspieler hängt kopfüber. Alles zieht ihn nach unten, und seine Stimme scheint bis auf den Boden zu baumeln, wird undeutlich. Laut über sie drüber tanzt die kräftige Kehle einer afrikanischen Sängerin. Das Stück «Oder die glücklose Landung» (1993) ist ein Gesamtkunstwerk aus Geräuschen und rhythmisierten Satzfetzen, aus Tönen und Takten: ein «klassischer Heiner Goebbels», könnte man sagen, verböte sich das nicht bei einem, der sich selbst das Klassische verbietet.

Am Beispiel der «Landung» erklärt Goebbels, warum er für seine Schauspieler jeweils einen Hindernisparcours arrangiert. «Ich umstelle den Schauspieler zunächst mit rein äusserlichen Aufgaben. Diese regen, im Zusammenspiel mit Text, Musik und Raum, den Zuschauer zum Nachdenken an und können ihn berühren. Die viel beschworene Innerlichkeit findet sehr wohl statt, aber da, wo sie hingehört – im Publikum.»

Dem 57-jährigen weisshaarigen Star des Avantgarde-Theaters ist der Professor (für Angewandte Theaterwissenschaft in Giessen) anzumerken: Ein äusserliches Hindernis wie der tiefe Sessel im Foyer der Zürcher Hochschule der Künste, wo wir uns nach seinem Vortrag unterhalten, lässt ihn keineswegs einknicken. Er sitzt gerade, denkt messerscharf, formuliert dezidiert, erläutert freundlich. Der heftige Widerspruch, auf den er am Symposium «Wirkungsmaschine Schauspieler» stiess, beeindruckt ihn wenig. «Die institutionelle Schwerkraft ist enorm und die psychologisierende Theaterpraxis seit über hundert Jahren fest im Sattel.»

Hausbesetzer und Ästhet

Viele Regisseure galoppieren dem vermeintlichen Subtext eines Dramas hinterher und präsentieren ihre Beute dem staunenden Publikum. Das irritierte Heiner Goebbels, als er in den Achtzigern für Matthias Langhoff, Ruth Berghaus und andere Theatermusik komponierte. «Vom Reichtum der Proben blieb am Schluss nur die Lesart des Regisseurs.»

Goebbels wohnte damals im gleichen besetzten Häuserblock wie Joschka Fischer, er war mit seinem Sogenannten Linksradikalen Blasorchester unterwegs und mit seinem Art-Rock-Trio Cassiber. Aber eins stand für ihn fest: «Politik hat auf der Bühne nichts zu suchen.» Antitotalitäres Theater und Offenheit sind das A und O, das Credo des gelernten Musikers und studierten Soziologen. «Bei mir wird ein Drama zum Drama der Wahrnehmung.» Und nichts anderes kann und darf Theater bei ihm sein: Erfahrungsraum, kein Mitteilungsraum; Öffnung des Textes, der Musik, der Deutung – nicht Schliessung. Goebbels' Theater ist vom selbstverliebten Experimentieren genauso weit weg wie vom schlichten Illustrieren: Es hat die Strenge und Heiterkeit einer Buddhastatue; es zelebriert die Achtsamkeit. Und: Es gefällt, sogar sehr auf allen Erdteilen. «Ich will nicht belehren und nicht provozieren, sondern transparent machen – und gerne auch glücklich.»

Zwiebel im Takt geschnitten

Bei Goebbels wird Canetti zu Schostakowitsch geflüstert und eine Zwiebel im Takt von Ravel geschnitten («Eraritjaritjaka», 2004 in Zürich). Bei ihm wird vom Klopfen fantasiert, zu Klängen von Chopin und Prince, und der Schauspieler zitiert – mal deutsch, mal französisch, mal englisch – aus Robbe-Grillet und Kierkegaard, während die Drehbühne kreist («Wiederholung», 2000 in Zürich). Ein Schauspieler redet vom Anklopfen, und dem Zuschauer tun sich Räume auf. Die Zauberwörter heissen: Widerstand, Entschleunigung, Antispektakel. Man geht mit Heiner Goebbels wie an der Hand von René Magritte: Alles ist immer ganz anders. «Ich will Wahrnehmungspolitik betreiben, das Publikum ermächtigen zur Sensibilisierung», sagt der Theatermann.

Das Publikum am Symposium allerdings ermächtigte sich, eine Lanze für die alte, nachempfindende Schauspielerei zu brechen. Die Postdramatik sei vorbei, hiess es, und dem Schauspieler sei Einfühlung eine Hilfe. Goebbels dagegen feiert die «nicht innerliche Aneignung des Textes» und das handwerkliche Können. Seine Schauspieler müssen quasi Tänzer sein oder Musiker: Ästheten der Form. «Die Utopie liegt in der Form», sagt Goebbels mit Heiner Müller, dem er so manches Stück gewidmet hat.

Sich wohlfühlen hingegen, sich niederlassen im Text ist genau das Falsche, wo es darum geht, Privatbedeutungen auszuschalten, Fragen zu stellen und zu vermitteln. Reibung lautet die Devise – für den Schauspieler, der mit Hindernissen ringen muss, und für den Zuschauer, der sich nicht spiegeln soll.

Erste Produktion in Zürich

«Ob als Schauspieler oder Zuschauer: Für meine Arbeit ist wichtig, dass man bereit ist, die Erfahrung des anderen zu machen, ihn zu akzeptieren, auch wenn er fremd bleibt. Mein Theater will die Augen und Ohren öffnen fürs Fremde.» So beschreibt Goebbels das, was uns bei seinen Arbeiten so berührt und bannt, dass uns die verschobene Welt wie Schlafsand in den Augen hängt, selbst wenn wir längst zu Hause sind. «Ich hoffe, dass es kein Zurück hinter die Postdramatik gibt», bekennt Goebbels; und wenn man seine geballte Faust sieht und den strahlenden Blick, weiss man, dass Postdramatik à la Goebbels jedenfalls noch lang kein Ende hat.

Im Gegenteil, in Zürich kommt sie aufs Neue zur Uraufführung. Anders als seine Musiktheaterstücke, die der eingefleischte Frankfurter seit Jahren am Théâtre Vidy-Lausanne produziert, erarbeitete er das neue szenische Konzert am Schauspielhaus Zürich. Fünf ältere Eigenkompositionen – zu Texten von T. S. Eliot, Heiner Müller und Robbe-Grillet – öffnete er: «Es reizte mich, sie szenisch zu denken.» «Industry and Idleness» erzählt vom Puls der industrialisierten Welt und von seinem Gegenpol. Mechanik, manisches Listenmachen, wird kontrapunktiert vom suchenden Subjekt und das Maschinelle von der solistischen Virtuosität. Das Collegium Novum spielt, Peter Schweiger spricht, und die Welt hängt kopfüber.

Alexandra Kedves
Tages-Anzeiger (CH), 6 May 2010