Performance beschließt die Ruhrtriennale 2014 /

Rückblick über die drei Jahre unter der Leitung von Heiner Goebbels

"...Boris Charmatz war ein Dauergast bei der Ruhrtriennale in den drei Jahren unter Leitung von Heiner Goebbels. Ebenso wie Romeo Castellucci oder Lemi Ponifasio. Goebbels hat ein radikal ungewöhnliches Programm präsentiert, fast nur Aufführungen, die an Stadttheatern nicht möglich wären.

Natürlich sind nicht alle Kreationen gelungen, aber doch viele, und fast alle gaben Denk- und Fühlanstöße. Vor allem erreichten sie ein großes Publikum. Die Popularisierung der Avantgarde ist die eigentliche Leistung von Heiner Goebbels. Er hat es geschafft, eine Atmosphäre der unvoreingenommenen Neugierde zu schaffen. Indem er das Erlebnis in den Vordergrund stellte und nicht die Hermeneutik.

In seiner Komposition "Surrogate Cities" – der vorletzten Premiere der Ruhrtriennale – wurde diese Kunstphilosophie deutlich. Goebbels nutzt ohne Scheu alle musikalischen Möglichkeiten, die ihm sinnvoll erscheinen, was die Bochumer Symphoniker unter Steven Sloane perfekt umsetzen. Wer will, kann die Texte von Paul Auster oder Heiner Müller zur Stadt der Zukunft verfolgen.

Doch die Aufführung hat auch eine direkte, unterhaltende Ebene. Mathilde Monnier hat eine "Choreographie für das Ruhrgebiet" geschaffen, mit 130 Leuten aus der Region, Kindern, Kampfsportlern, älteren Turniertanzpaaren und vielen anderen. Jeder macht mit, zeigt, was er kann, hat Freude, keiner muss sich beweisen. Das ist die Entspanntheit und Menschenfreundlichkeit, mit der Heiner Goebbels die Ruhrtriennale geprägt hat und von der viele Kulturinstitutionen lernen können.

Im Kern geht es um Kommunikation, gemeinsame Erlebnisse, um die Begegnung von Menschen auf Augenhöhe. Das haben die Zuschauer gespürt und sich deshalb auch Vorstellungen angeschaut, die vielleicht nicht immer nach ihrem Geschmack waren. Die Ruhrtriennale war bis zum Schluss eine große Wundertüte. Allerdings im dritten Jahr mit kleinen Ermüdungserscheinungen. Es ist schon sinnvoll, dass alle drei Jahre der Intendant wechselt.

Johan Simons übernimmt und wird das Festival völlig anders prägen als Heiner Goebbels. Das ist auch richtig so. Aber die humorvollen Spinnereien, das opulente Experimentieren, der große Freiraum, den die Künste und Künstler bei Heiner Goebbels hatten, wird im Gedächtnis bleiben. Bei ihm hat die Ruhrtriennale ein unverwechselbares Gesicht entwickelt...."

Stefan Keim
Deutschlandradio Kultur (DE), 23 September 2014