"Es klingt nie nach jemand anderem"

Rainer Römer vom Ensemble Modern über das Arbeiten mit Heiner Goebbels und dessen Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten"

Der Schlagzeuger Rainer Römer ist seit 1985 Mitglied des Ensemble Modern. In dieser Zeit hat er die Arbeitsweise verschiedener Komponisten kennen gelernt, auch die von Heiner Goebbels, der in den letzten Jahren einige Stücke für das und mit dem Ensemble Modern entworfen hat. Etwa das Musiktheater Schwarz auf Weiß, das Bühnenkonzert Eislermaterial oder die Oper Landschaft mit entfernten Verwandten, die im Oktober letzten Jahres in Genf uraufgeführt wurde und nun erstmals in Frankfurt zu sehen ist (Schauspiel Frankfurt: 30.12, 20 Uhr, 31.12, 15 & 20 Uhr. Karten unter 069-1340400). Eislermaterial wiederum wird von Sepp Bierbichler und dem Ensemble Modern am 16. und 17. Januar 2004 im Mousonturm aufgeführt (jeweils 20 Uhr, Karten unter 069-40589520). Mit Rainer Römer sprach FR-Mitarbeiter Tim Gorbauch.

FR: Was ist das Besondere an der Arbeitsweise von Heiner Goebbels?

Rainer Römer: In der ersten, vielleicht sechs oder sieben Tage langen Probenphase von Landschaft mit entfernten Verwandten gab es noch keine Musik. Man kann sich das so vorstellen: Wir haben einen Probetermin, kommen als Ensemble Modern in einen Raum, in dem es eine vollständige Lichtinstallation gibt, einen vollständigen Tonapparat, Boxen sind im Raum verteilt etc., die Kostümbildnerin ist da und hat verschiedene, von Goebbels bereits vorsortierte Kostüme dabei. Nur Noten gibt es keine.

Wie reagieren Sie da als Ensemble, das ja eher gewohnt ist, mit Noten zu arbeiten?

Wir waren damals schon etwas überrascht, aber Goebbels wollte einfach Bilder entwickeln bzw. uns an Bilder heranführen, die er während seiner Vorarbeit entworfen hat. Und diese Bilder begannen wir dann spielerisch, improvisierend zu füllen. Was wir gespielt haben, hat er wiederum aufgenommen. Und was ihn davon interessiert hat, hat er später kompositorisch weiterentwickelt, bei sechs Stunden Improvisationsmaterial waren für ihn vielleicht drei interessante Minuten dabei. Aber zunächst einmal hat er sich mit dem musikalischen Inhalt nicht primär beschäftigt, und das ist für einen Komponisten ja durchaus ungewöhnlich. Es ging ihm darum, Bilder zu festigen. Die Arbeit mit Noten, das eigentliche Komponieren, das Partiturschreiben kam später.

Das heißt, Licht, Klang, Kostüm, Raum, Ton – alle diese verschiedenen Parameter versucht Goebbels möglichst gleichzeitig und ohne hierarchische Ordnung zu erfinden?

Das ist Goebbels Stärke: Licht kann eine Tonhöhe haben, ein Spieler eine Farbe usw. Ihn interessiert die Verschränkung der Theatermittel, er versucht, sie zusammenzudenken. Wenn man dem als Musiker vertraut, dann kommt man in eine Situation, in der man sich sehr sicher und sehr geborgen fühlt, weil man sich auf eine übergreifende Stabilität des Materials verlassen kann. Deshalb auch diese für ihn typische, übergreifende Arbeitsweise. Und deshalb ist ‚Komponist’ auch immer ein zu kleines Wort für Goebbels, weil es durch unseren Sprachgebrauch zu sehr auf Notenarbeit fixiert ist.

Regisseur vielleicht? Regisseur von Klängen, Räumen, Abläufen, Gesten?

Das wiederum würde seine Rolle als Autor seines Materials zu gering schätzen. Er ist kreativer als ein Regisseur. Er arbeitet nicht nur mit vorgefundenem Material, sondern schafft sich sein eigenes. Und deshalb klingt alles ja auch immer nach Goebbels und nie nach jemand anderem.

Ist denn diese Arbeitsweise im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Komponisten sehr ungewöhnlich?

Ja. Vor allem in der Komplexität der Verzahnung und in der Bereitschaft, mit den Fähigkeiten des Ensembles und seinen Musikern zu arbeiten, steht Goebbels für sich. Er verlangt nie etwas, was nicht auch in uns wäre. Dafür hat er ein ungeheures Gespür, gerade auch da, wo wir wie in Landschaft mit entfernten Verwandten nicht nur Instrumentalisten sind, sondern Teil der Bühne, in Kostümen, zum Teil mit Sprechrollen und festgelegten Bewegungsabläufen. Natürlich fordert er uns heraus, in Eislermaterial etwa sitzen wir in einem Rechteck auf der Bühne, sehr weit voneinander entfernt für diese äußerst fragile Kammermusik, was eine enorme Aufmerksamkeit von uns verlangt. Aber er arbeitet nie gegen uns. Wir sind in allem, was wir machen, bei uns, authentisch.

Goebbels macht keinen Hehl aus seiner Distanz zur klassischen Oper. Inwiefern ist diese Distanz in Landschaft mit entfernten Verwandten, die ja von ihm explizit als Oper gekennzeichnet ist, noch spürbar?

Oper interessiert ihn „als komplexeste Form der Verschränkung aller Theatermittel“, um es in seinen Worten zu sagen. Aber natürlich stellt sich in der Oper auch die Frage, wie Gesang stattfindet, den Goebbels bisher zumindest als Kunstgesang gemieden hat. In Landschaft mit entfernten Verwandten lässt Goebbels Gesang zu, es gibt einen Sänger, Georg Nigl. Zugleich etabliert er aber auch einen Schauspieler, David Bennent. Es gibt also eine Gegenüberstellung von Sprachwelten, die nun aber nicht gegeneinander, sondern gemeinsam stattfinden. Und das ist eben typisch für Goebbels: er will alle Materialien zusammenfügen. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass Landschaft mit entfernten Verwandten nicht die letzte Auseinandersetzung von Goebbels mit der Oper war, sondern der Anfang einer Werkgruppe. So wie er sich auch an dem Hörstück oder dem Musiktheater nie nur einmal abgearbeitet hat.

Ihre erste Zusammenarbeit als Mitglied des Ensemble Modern mit Heiner Goebbels war 1987. Was würden Sie einem neuen Mitglied vor der ersten Probe eines neuen Goebbels-Stücks mit auf den Weg geben?

Ich würde gar nichts sagen, eher staunen über das, was dann so passiert...

(Tim Gorbauch)

Tim Gorbauch
Frankfurter Rundschau (DE), 30 December 2003