Musikspezifisches

An der Entwicklung von Heiner Goebbels lässt sich eine neue, mittlerweile herausragende Qualität des Komponierens ablesen. Er stellt sich realistisch der zunehmend technisch-medial vermittelten Erfahrung im Kontext der globalen existenziellen Krise und sucht nach Zukunftsmöglichkeiten nicht nur der Musik. Er bewegt sich zwischen allen nur möglichen Fronten: Für radikale Vertreter der Neuen Musik kommt er von der Popmusik nicht los, für die Jazzer fehlt ihm der 'Swing'; den politisch Engagierten der späten Avantgarde war seine Orientierung an Hanns Eislers Konzept der 'angewandten Musik' zu einseitig. Seine musikalischen Räume waren zunächst die Schauplätze politischer Protestaktionen, dann sowohl die Spielstätten von Jazz und Rock als auch Bühne, Film, Hörfunk und Konzertsaal.
Goebbels steht quer zum Konzept vom immanenten, 'rein' musikalischen Fortschritt. Die Orientierung auf individuelle Originalität hält er für historisch überholt. Seine Phantasie entzündet sich an der Realität, an Musik, Filmen und vor allem an Texten. Weil er sehr heterogene auditive Ereignisse, die durch elektronische Medien grenzenlos verfügbar, veränderbar und erfindbar sind, auf bestimmte "Sujets" hin bündelt, steht er polemisch gegen postmoderne Beliebigkeit. Für ihn ist Dialektik, der Umgang mit der Einheit und Durchdringung der Gegensätze, bestimmend geblieben. Er reagiert sensibel auf sozialhistorisch wesentliche Widersprüche und begreift - wie Alexander Kluge - "das Politische als Intensität alltäglicher Gefühle". Er komponiert nur, wenn er etwas 'auf den Punkt' bringen kann. Statt aber damit Sinn und Wahrnehmungsweise autoritativ-einschüchternd vorzugeben, geht es ihm darum, je konkret einen ideellen Raum mit akustischen, visuellen und literarischen Rahmenbedingungen zu schaffen, dessen Zentrum 'leer' ist: Er fordert sein Publikum heraus, innerhalb der konglomerativen Strukturen die gestalterische Intention aufzugreifen und diese in selbständiger Auseinandersetzung mit dem angebotenen Wechselbad von Sinn-Entzug und Sinn-Gebung zu vielschichtiger, eigener Erfahrung zu verdichten. Die vielfach 'gebrochenen', multimedialen Ereignisse (auch die 'nur' musikalischen) sind insofern deutlich von einem flachen Liberalismus abgegrenzt. Die Ver-Antwortung bleibt beim Autor - und beim Publikum. Für Goebbels ist kollektives Arbeiten wesentlich. Er kooperiert auch mit Musikern aus dem Underground, mit anderen Autoren, Künstlern, Interpreten, Technikern, Produzenten. Die Verfahrensweise ist konzeptionell, inklusiv und integrativ; bestimmend ist darin das sich verdichtende Ausprobieren, eine sinnlich-körperhafte, emotional-ideelle Widerspruchsbewegung zwischen Improvisation und Komposition, Phantasie und Konstruktion. Zwar ist, wie Goebbels meint, die Zeit der Personalstile vorüber, dennoch hört man längst den für ihn unverwechselbaren Sound.

Günther Mayer
2000
in: Tendenzen politischer Musik heute - Konzerte, Vorträge. Forum der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft. Begleitheft zum Festival Musik und Politik