. . . da, wo man hinhört, nicht darüber weg

Die Haltung macht die Musik. Ein Fern-Gespräch mit dem Duo Heiner Goebbels/Alfred Harth

In der Diskussion um "fortschrittliche Musik” fällt häufig der Name des sogenannten "Linksradikalen Blasorchesters“, das dutch m u s i k a l i s c h e Mittel versuchte, poli- tische Aussagen darzustellen. Nach dessen Auflösung machen Heiner Goebbels und Alfred Harth als Duo weiter. — Da sich nach einem Konzert in Westberlin kein Termin mehr finden ließ, wurde das folgende "lnterview” brieflich durchgeführt. Die Fragen stellte unser Mitarbeiter Rüdiger Weißbach.


Wie kam es zu Eurer Zusammenarbeit?


Kennenlernen in einer Rockjazzband; nach alsbaldiger Auflösung der Band haben wir das Duo zur weiteren Zusammenarbeit gegründet; erstes Konzert in der Besetzung Akkordeon/Tenorsax.


Wie verlief Eure musikalische Ausbildung?


Alfred: Ausbildung auf Klarinette und Tenorsaxofon bei einer Art Stadtpfeifer, ansonsten autodidaktisch; Heiner: Klavierunterricht seit I957, bald aber abgebrochen und selbst weitergespielt (nicht geübt), Musikstudium abgeschlossen.


Aus welchen musikalischen Stilelementen schöpft ihr? Gibt es Vorbilder?


Gemeinsame gibt es nicht. Heiner: Rock/ Popgeschichte, Klassik, Alfred: Jazzgenre (mit Vorbildern in der Vergangenheit wie bedeutenden Saxofonisten, z. B. Albert Ayler).


Welche Relevanz hat das Material als Material und die Spieltechnik als solche, als Instrumentenbeherrschung für Each?


Der Umgang mit dem Material (Spieltechnik, lustbetonter Vortrag) ist uns wichtiger oder mindestens genauso wichtig, weil er erst, wenn er nicht glatt, perfekt, distanziert ist, die Haltung des Musikers verrät (das Wichtigste, wonach man Musik zu beurteilen hat) und über das Gespielte hinaus erzählt. Z. B.: die Eitelkeit eines linken Liedermachers erzählt mir bei einem Konzert mehr (beschissenes) als seine aufgeklärten Lieder (vielleicht richtiges); oder: ein guter Musiker, der perfekt ist, dafür aber 8 Stunden am Tag übt und nicht dazu kommt, die Zeitung zu lesen — das wird man seiner Musik anhören.


Zum Material: das Nachdenken darüber, eine außermusikalische Konzeption, eine Vorlage, die selbst schon eine (außermusikalische) Geschichte hat, sichern vor Beliebigkeit — wir wollen nicht drauf los Musik machen oder nur uns selber ausdrücken (we die Free-Jazzer), sondern was erzählen.


Wie erarbeitet ihr die Stücke?


Gemeinsam; auf der Autobahn.


Falls es überhaupt eine Möglichkeit gibt; wo würdet ihr eure Musik einordnen?


Zwischen den Stühlen; auf jeden Fall aber da, wo man hinhört, nicht darüber weg.


Was versteht ihr unter “Fortschritt” in der Musik, wie führt für Euch der Weg donhin?


Das Hören weiterzuentwickeln, den "Fortschritt” zu musikalisieren, nicht den Worten (Text, Parolen) vertrauen, sondem den Gefühlen, die Musik Vermitteln; des wegen Neues mit Altem zu verbinden damit jeder mitkommt (Vertrautes als Verständigungsbasis, Neues als das, wohin wir Wollen; in Klischees läßt sich nichts Direkes ausdrücken).


Welche Rolle nehmen in Eurem musikali. schen Versta"ndnis Textierungen ein, Wel- che Rolle der Ru"ckgriff auf andere Musik- arten, wie z. B. auf die Volksmusik?


Texte, wie gesagt, wenig: es mufi auch ohne klar werden, was wir wollen (Oder wenn Texte, dann gleichberechtigt mit einer Musik, die zusätzliches vermittelt. siehe unsere Brecht-Platte). Rückgriffe auf Bekanntes eben wegen des damit verbundenen Inhalts (Eisler: sein musikalischer Inhalt ~ auch ohne die dazugehörigen Texte von Brecht im einzelnen zuerkennen) und der Bekanntheit: man 5011 bei jeder Improvisation ,,über ein Them" unsere Schritte vom Tradieren weg zu unserer Sprache mitgehen können.


Welche Möglichkeiten für die politische Arbeit seht ihr in der Musik allgemein. v. a. in Instrumentalmusik, sowie in Eurer Musik speziell?


Jedenfalls keine religiösen (wie offensichtlich verschiedene linke Chore, Songgruppen) und keine pädagogischen {wie Liedermacher) und keine verlogenen (Wie bei Politrockgruppen, wo der ,,fortschritthche Text” mit einer x—beliebigen Rockmusik nichts zu tun hat); keine intellektuellen- aber intelligente Möglichkeiten.


Wie beurteilt ihr die heutigen Tendenzen auf dem Gebiet der Populärmusik (New Wave etc)?


Es gab vor einigen Jahren eine anTerm'vndr Zeit (Wirtschaftswunder, Einstürzende Neubauten, Plan, Residents, This Heat geht es mit wenigen Ausnahmen (hlh‘lellili. Rip, Ric and Panic) mit rasanter Fahrt in den kommerziellen Schlager und alles ironisch gemeinte ist es längst nicht mehr(Ideal, Trio, Witt).

Welche Zielgruppen wollt ihr mit Eurer Musik erreichen?


Alle.


Welche Produktionsmöglichkeiten gibt es für Euch?


Produktionsmöglichkeiten sind-o. k., wir sind unabhängig.


Welche M0"giichkeiten halter [hr in der heutigen Situation fu"r angemessen: Eigenproduktion — kleiner Verlag — grofßer Konzem?


Haben inzwischen fast alle kleinen Label ausprobiert und verdienen immer noch nicht an unseren Platten, machen aber die Musik, die wir wollen und sonst nichts. Fu"r Experimente bietet- die Industrie keinen Raum, erst wenn sie abgeschlossen und erfolgreich sind (und oft dann auch tot). Eigenproduktion ist uns zu aufwendig (Vertrieb), wer will, der kann. Wir verpflichten uns zu nichts. binden uns nicht. Das können wir nur empfehlen.


Welche Auftrittsmöglichkeiten habt ihr, wie werden die Gigs organisiert?


Überall. durch Anrufe bei [Telefonnummer].

Rüdiger Weißbach
Eiserne Lerche. Hefte für demokratische Musikkultur (DE), 1 June 1982