Der Raum zwischen Text und Gesang

Heiner Goebbels über sein neues
Orchesterwerk „The House of Call“

„Es geht nicht um einen Gesang,
der sich selbst und seine Schön-
heit feiert, sondern um die Rei-
bung, die dadurch entsteht, dass
jemand zugleich eine wichtige,
existenzielle Mitteilung macht.“
Statt Sängerinnen oder Instru-
mentalisten fremde Stimmen
vortragen zu lassen, versammelt
Heiner Goebbels in „A House of
Call“ das Reden, Singen oder Re-
zitieren phonographisch aufge-
zeichneter Menschenstimmen.
Die Aufnahmen stammen aus
verschiedenen Quellen. Manche
fand er selbst auf Reisen, andere
in der Berliner phonographi-
schen Sammlung auf teils mehr
als hundert Jahre alten Wachs-
walzen, die knacksen und rau-
schen. Die Aufnahmen entstan-
den alle in verschiedenen Zu-
sammenhängen, Situationen,
Kulturen, Traditionen aus unter-
schiedlichen Gründen: aus eth-
nologischem, musik- oder
sprachwissenschaftlichem Inte-
resse oder anthropologischen,
kolonialistischen und rassisti-
schen Motiven.
Goebbelsʼ jüngst beim Mu-
sikfest Berlin uraufgeführtes Or-
chesterwerk ist an diesem Mon-
tag in der Kölner Philharmonie
zu erleben. Der 1952 geborene
Regisseur und Theatermacher
sammelte die Aufnahmen seines
„My imaginary notebook“ zu-
nächst mehr zufällig und intui-
tiv. „Während der Arbeit kamen
dann andere Kriterien hinzu. Bei
aller Varianz des disparaten Ma-
terials gibt es eine verbindende
Qualität, die alle diese Stimmen
haben. Es geht um das, was Ro-
land Barthes die »Rauheit der
Stimme« genannt hat, »Grain de
la voix« – das gesungene Schrei-
ben der Sprache, also den Zwi-
schenraum zwischen Text und
Gesang.“
Die Instrumente behandelt
Goebbels dagegen nicht primär
als eigene Stimmen: „Das Or-
chester reagiert auf die Aufnah-
men nach der Call-and-Respon-
se-Struktur wie in einem Re-
sponsorium. Ich bin kein routi-
nierter Orchesterkomponist,
das können andere besser“, ge-
steht der Theatermacher.
Den Komponisten interes-
siert mehr das, was in den aufge-
zeichneten Stimmen alles mit-
schwingt, weniger das reine Orchester: „Das ist ein Instrument
des 19. Jahrhunderts, für das lei-
der auch die meisten Philharmo-
nien gebaut wurden. Mit deren
Akustik tue ich mich sogar
schwer, weil sie auf die Ver-
schmelzung der Klänge aus ist.
Mich interessiert die Transpa-
renz.“
Die Bezeichnung des neuen
Orchesterwerks als „Ein Lieder-
abend“ legt eine Nähe zu Mah-
lers Orchesterliedern und Lie-
dersymphonien nahe, in die ja
auch Stimmen, Volkslieder, Tän-
ze, Märsche und Naturlaute wie
von der Straße eindrangen.
Doch eine solche Parallele ist
nicht intendiert: „Ich habe das
19. Jahrhundert – so wie das
Brecht und Eisler einmal gesagt
haben – weitgehend „über-
sprungen. Das Vorbarock, Ba-
rock und 20. Jahrhundert sind für
mich wichtigere Inspirationen,
auch die vorbürgerlichen Pro-
duktionsformen und funktiona-
len Zusammenhänge.“ Geprägt
haben Goebbels zudem Jazz, Improvisation, Rockmusik und de-
ren antibürgerliche Impulse. Im
Gegensatz zum romantischen
Ideal des reinen Hörens möchte
er den Raum und die Architektur
des Aufführungsorts wahlweise
stützen oder umformen – in
»A House of Call« zum Beispiel
mit einer starken Lichtregie:
„Ich begreife das Konzert auch
immer als szenische Erfahrung,
die ich visuell mitstrukturiere.“

Rainer Nonnenmann
Kölner Stadtanzeiger (DE), 6 September 2021