Schauspieler André Wilms gibt in Hannover den Philosophen

Schauspieler André Wilms spricht im HAZ-Interview über gute Regisseure, seine Rolle als Philosoph in dem Heiner-Goebbels-Stück "Max Black" und warum es schwierig ist, auf der Theaterbühne nichts zu tun.

Herr Wilms, bei den Kunstfestspielen Herrenhausen spielen Sie in Heiner Goebbels’ Stück „Max Black“ die Titelrolle. Ist es schwierig, einen Philosophen zu spielen?

Ja. Im Grunde: Ja. Aber Heiner macht es einem dann doch wieder leicht. Die Sprache ist hier sehr komponiert. Rein physisch ist es aber ziemlich anstrengend.

Spielen Sie mit der Musik oder gegen die Musik?

Ich mache die Musik. Mit Gegenständen, einer elektrischen Gitarre, einem Klavier, einem Fahrrad. Alles macht Musik. Alles wird live gesampelt. So baut sich langsam eine ganze Symphonie auf.

Sie sind ein technifizierter Schauspieler.

Absolut. Wie die Ratte in einem Labor. Ich muss alles zum genau festgelegten Zeitpunkt machen.

Das muss einem Schauspieler doch widerstreben.

Nein. Ich mag diese Strenge. Ich gehöre nicht zu den Schauspielern, die ihre Psychologie immer überall draufschmieren. Die Herausforderung ist, in diesen strengen Vorgaben eine Freiheit zu finden.

In der Inszenierung wird auch Pyrotechnik eingesetzt. Sind diese Feuer- und Explosionseffekte für Schauspieler nicht genauso ärgerlich wie Tiere oder Kinder auf der Bühne – denn sie ziehen ja die Aufmerksamkeit vom Schauspieler ab?

Genau. Dann bist du verloren. Aber hier ist das gut integriert. Das Zischen und Knallen der Pyrotechnik wird aufgenommen und ist dann ein Teil der Komposition. Und die steht im Zentrum.

Sieht jeder Abend anders aus?

Ja. Der zeitliche Ablauf ist zwar immer gleich, aber manchmal macht das Schießpulver, was es will. Manchmal brennt es schnell ab, manchmal nicht.

Im Stück geht es um den Philosophen Max Black, der sich mit der Philosophie der Sprache und der Mathematik befasst hat. Texte von Wittgenstein, von Valéry und Lichtenberg spielen eine Rolle. Ist das alles nur schwer zu verstehen?

Nein. Ich nenne es gern ein Gehirnsolo, aber schwer zu verstehen ist es nicht. Manche Texte von Max Black habe ich nicht verstanden, da habe ich Mathe­matiker gefragt, ob sie mir helfen können.

Ist es das Ziel des Abends, dass der Zuschauer das Theater klüger verlässt,
als er gekommen ist?

Nicht unbedingt. Wichtiger noch ist es, anhand mathematischer Paradoxien die Verrücktheit des Denkens darzustellen.

Sie sind Film- und Theaterschauspieler. Wo finden Sie die besseren Regisseure?

Es gibt nicht viele gute Regisseure.

Sagen Sie das, weil Sie selbst auch Regie führen?

Ich gehöre nicht zu den wirklich guten Regisseuren. Es gibt fünf, vielleicht sechs gute Regisseure auf der Welt, vielleicht auch zehn. Ich habe mit dreien oder vieren von ihnen gearbeitet. Heiner Müller, Klaus Michael Grüber, Aki Kaurismäki und einige andere.

Mit Aki Kaurismäki haben Sie gerade den Film „Le Havre“ fertiggestellt. Wie war die Arbeit mit ihm?

Er spricht nicht sehr viel. Muss er auch nicht. Er ist ein Genie. Da kann ich immer nur sagen: Okay, ich mache, was du willst. Er ist sehr präzise. Es ist ihm wichtig, dass man nicht zu viel macht. Buster Keaton ist das Vorbild. Es kommt darauf an, nicht zu spielen. Gar nicht.

Ist das auch Ihr Ziel, nicht zu spielen?

Ja, ich bin gern ein bisschen Buster Keaton. Dieses Einfach-da-Sein ist das Ziel. Aber das ist eben gar nicht so einfach. Es ist viel einfacher, viel zu machen.

Ist es schwieriger, auf der Bühne nichts zu tun, als im Film nichts zu tun?

Vielleicht ist es auf der Bühne ein bisschen komplizierter. Klaus Michael Grüber wollte immer alles reduzieren. Sei nicht zu theatralisch, hat er oft gesagt. Als ich in seiner Pariser Inszenierung von „Dantons Tod“ den Robespierre gespielt habe, hat er mich ganz nach hinten auf die Bühne gestellt und mich gezwungen, ganz leise zu sprechen. Als ich sagte, dass mich so niemand verstehen würde, meinte er nur: „Deine Mutter wird deine Stimme erkennen. Mach dir keine Sorgen.“ Das habe ich dann eingesehen. Heiner Goebbels ist auch so ein minimalistischer Nichtsmacher.

Roland Meyer-Arlt
Hannoversche Allgemeine (DE), 27 April 2011