Von Fahrstühlen und Freudentränen

Kunststücke von Heiner Goebbels bis Martin Kunzler

[...]Heiner Goebbels, einer der ganz wenigen deutschen Künstler, die sich dem zu- rechnen dürfen, was man heute Avantgarde nennen könnte, hat seine Experimente der vergangenen Jahre konsequent weitergeführt zu dem Konzeptwerk „Der Mann im Fahrstuhl“ nach einem Text von Heiner Müller, mit dem er bereits früher zusammengearbeitet hat. Mit Don Cherry, George Lewis, Fred Frith, Arto Lindsay, Ned Rothenberg und Char- les Hayward stehen ihm Musiker aus der internationalen Spitzengruppe zur Verfügung. Seine Methode ist auch hier die der Collage verschiedenartiger Materialien. Sprachfetzen, Gesang, rockige Passagen, freier Jazz, Geräusche — sie vereinen sich überzeugender und stimmiger als in früheren Arbeiten von Goebbels zu einem Ganzen. Hat er bisher gesucht, so hat er nun gefunden. Das Suchen ist freilich die Bedingung des Findens. „Der Mann im Fahrstuhl“ -- als Sprechtext einst eine in sich geschlossene Einlage in Müllers Stück „Der Auftrag“, einem Gegenentwurf zu Brechts „Maßnahme“ -— ist nicht nur innerhalb Goebbels’ Werk fu"r die Bühne und für diverse Formationen ein Höhepunkt, es ist eine der bedeutenden Kunstschöpfungen unserer Zeit.[...]

Thomas Rothschild
18 February 1989