Taumeln um die leere Mitte

Heiner Goebbels zeigt bei der Ruhrtriennale ein multimediales Installationstheater und setzt einen Rausch der Assoziationen frei

Die Ruhrtriennale brütet weiter in Weltuntergangsstimmung. Nach Christoph Marthalers sprödem „Spätabend“ über Demokratieverlust und Rechtspopulismus in einem fiktiven Parlament der Zukunft und Jan Lauwers ausgeflippter Anarcho-Revue „All the Good“ mit ihren aggressiven Gewaltausbrüchen folgt nun in der Bochumer Jahrhunderthalle Heiner Goebbels’ multimediale Installation „Everything that happened and would happen“, die einen opulenten Reigen düsterer Bilder bietet, die sich zu einem orgiastischen Endzeitfinale steigern.

Heiner Goebbels, von Haus aus Komponist, war Johan Simons Vorgänger als Intendant der Ruhrtriennale, bei der er auch selbst inszenierte. Eine seiner spektakulärsten Arbeiten war damals die Eröffnungsinszenierung von John Cages Musiktheater „Europeras“, in dem Cage Zitate aus 128 Opern des klassischen Repertoires nach dem Zufallsprinzip zu einer Collage mixt. In seiner neuen Arbeit (die allerdings auch bereits im vergangenen Jahr in Manchester zu sehen war, also wie Marthalers „Spätabend“ wieder keine originäre Ruhrtriennale-Produktion) zitiert Goebbels nun diese seine eigene „Europeras“-Inszenierung, in dem er Teile deren verschwenderischer Ausstattung (Klaus Grünberg) recycelt. In Goebbels künstlerischem Denken steht der Gedanke einer Botschaft oder gar der gezielten Produktion von Bedeutung auf dem Index. Goebbels geht es erklärtermaßen darum, einen Raum zu schaffen für „Imagination und Reflexion, in dem die Konstruktion von Sinn jedem selbst überlassen bleibt“.

Auf der weiten Bühne der Jahrhunderthalle sind an den Seiten fünf Musikinseln verteilt, klanglich dominiert in Goebbels’ Geräuschkomposition das immer aggressiver aufspielende Schlagwerk (Camille Emaille), auftrumpfend jaulen und kieksen auch die Saxofone (Gianni Gebbia), ferner hört man das eigentümliche Wimmern einer Ondes Martenot (Cécile Lartigau), Orgel (Léo Maurel), Gitarre (Nicolas Perrin) und natürlich viel fiepende und rasselnde Elektronik.

Eine Schar von Performern in schwarzen Bühnenarbeiter-Overalls bestückt den Boden der anfangs leeren Bühne mit großen Buchstaben, schiebt eine altertümliche Souffleur-Muschel herein und kleinere Goldmuscheln, hinter denen im barocken Opernhaus die Beleuchtungskerzen flackerten. Dann werden sehr langsam säulenartige Podeste hereingeräumt, in eine Reihe sortiert, wieder abgeräumt. Bemalte Prospekte mit Naturmotiven werden auf dem Boden ausgerollt, wieder eingerollt, an einer Traverse aufgehängt, hochgezogen, mit Videotext bespielt und wieder abgehängt. Auf einem lang gezogenen Schlitten, in dem die Prospekte lagern, fahren immer wieder die Performer herein und heraus, drehen schnelle Pirouetten um sich selbst. Dann rumpelt es gewaltig, wenn eine Lawine mit riesigen Gesteinsbrocken hereinkollert – auch das ein Zitat aus „Europeras“.

Immer wieder wird dieses rätselhaft sinnfreie, rituell wirkende Geschehen ruckartig unterbrochen von Einblendungen des TV-Senders Euronews. Die Sendung „No Comment“ sendet Bilder des aktuellen Weltgeschehens ohne jede Kommentierung, Flüchtlinge auf Lampedusa, die Sprengung eines Atomreaktors in England, Proteste in Hongkong und eine Klimademonstration in Berlin.

Zu dieser Zustandsbeschreibung der Welt kombiniert Goeb­bels Zitate aus einem Text, der auf die Geschichte der vergangenen einhundert Jahre seit dem Ersten Weltkrieg zurückblickt: Patrik Ouredniks 2001 erschienene Chronik des 20. Jahrhunderts „Europeana“ verknüpft Fakten und Ereignisse, große und kleine, bedeutende und banalere zu einer höchst subjektiven, ironisch gebrochenen Erzählung. Dabei geht es auch um kulturelle Daten, philosophische Paradigmenwechsel und Definitionen.

Goebbels lässt das überwiegend auf Englisch vortragen (ohne Übertitel), teils sind die scheppernd nachhallenden Texte nur schwer zu verstehen. Aber um Verstehen geht es ja auch nicht an diesem Abend, der den Assoziationsraum nur immer weiter öffnet und in einem planvoll-chaotischen Finale mündet, in dem alle Versatzstücke sich regelrecht verknäulen und in Pyronebelschwaden bizarr auftürmen, so bombastisch endzeitlich, als wäre es ein Gegenstück zu Wagners „Götterdämmerung“-Ende. All das ist technisch grandios gemacht, ästhetisch ausgeklügelt, schlau kalkuliert und entwickelt eine dunkle Aura. Dennoch zieht sich der Abend in seiner Selbstgefälligkeit, denn der ganze Rausch der Assoziationen taumelt um eine leere Mitte. Immerhin ist man tüchtig durchgeschüttelt von der immer pene­tranter lärmenden Tonspur, die zugleich etwas Bannendes hat.

Regine Müller
taz (DE), 27 August 2019