Das Theater der rätselhaften Dinge

Heiner Goebbels: Everything that Happened and Would Happen

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Heiner Goebbels ist ein begnadeter Equilibrist des offenen Kunstwerkes. Kaum ein Komponist oder Regisseur stellt sich so radikal wie er der Erkenntnis, das sich der Sinn eines Kunstwerks nicht in der Absicht des Künstlers, sondern erst in der Wahrnehmung des Betrachters vollendet. Und kaum einer balanciert das daraus resultierende Widerspiel von absichtsvollem Schöpfungsakt und Offenheit des Geschaffenen so raffiniert aus wie er. Diese Raffinesse beginnt schon in Goebbels’ öffentlicher Selbstinterpretation. Er wird ja nicht müde, seinen Zuschauern zu versichern, dass sie keinen Gedanken an die Frage verschwenden müssten, mit welcher Absicht er einen bestimmten Vorgang zeige, in ein bestimmtes Licht tauche, in andere Vorgänge einbette. Vielmehr sei er immer glücklich, wenn Zuschauer in seinen Werken einen Sinne finden, an den er gar nicht gedacht habe.

Man muss diese Selbstbeschreibung schon sehr wörtlich nehmen. Denn weder ist damit gesagt, dass Goebbels bei der Kunstschöpfung keine Absichten verfolge; noch will er dem Zuschauer nahelegen, die szenischen Vorgänge für sinnlos zu halten. Letzterer soll vielmehr seinen eigenen Sinn darin entdecken. Was Goebbels ablehnt, ist jene Rolle eines Präzeptors der Interpretation seiner Werke, die der Regisseur Peter Sellars gerade bei den Salzburger Festspielen mit großer Geste in Anspruch genommen hat (Näheres dazu hier). Goebbels’ Ästhetik zielt vielmehr auf eine radikale Befreiung des Zuschauers von allem, was dessen Rezeption normalerweise lenkt: eindeutige Symbole, eine faktisch nachvollziehbare Geschichte, Figuren mit klaren Charakteren und eindeutigen Absichten.

Das ist auch der Grund, warum Goebbels die Rolle des Komponisten für sich radikal erweitert hat. Er komponiert nicht nur eine Musik, die bereits in sich die typischen Mittel struktureller Erkennbarkeit verweigert. Es gibt keine Melodien, keine dominanten Rhythmen, keine Funktionsharmonik. Vermittels exotischer Instrumente und elektronischer Klänge erzeugt er vielmehr eine Klanglandschaft, in der akustische Ereignisse – von Geräuschen über Synthesizer-Loops bis hin zu meist stark verfremdeten Instrumentalklängen – wie zufällig aufeinandertreffen. Nach den gleichen Prinzipien „komponiert“ Goebbels nun aber auch die szenischen Vorgänge, das Licht, die Materialien. Seiner Performer bewegen die Versatzstücke auf der Bühne, aber sie sind keine Bühnenarbeiter; sie agieren, sind aber keine Schauspieler; sie tanzen, aber Tänzer sind sie nicht. Menschen und Material verbinden sich zu einem hochabstrakten Theater der Dinge – zu einer szenischen Installation, die ihre Bedeutung zu keiner Zeit völlig preisgibt, die aber gleichwohl mit einer solchen artifiziellen Dringlichkeit vollzogen wird, dass sie Bedeutung jederzeit einfordert.

Es ist der Zuschauer, der diese Forderung mit seinen Assoziationen erfüllen muss. Lässt er sich darauf ein, dann können solche Heiner-Goebbels-Abende zu wunderbaren Abenteuern des Kunsterlebens und der Selbsterfahrung werden. Verweigert er sich, wird ihm das ganze Ritual wie eine sinnlose Materialschlacht vorkommen. So ähnlich wird es wohl jenen Zuschauern in der Jahrhunderthalle Bochum ergangen sein, die die Deutsche Erstaufführung von „Everything that Happened and Would Happen“ gestern Abend bei der Ruhrtriennale wütend ausgebuht haben.

Dabei bietet Goebbels hier gleich drei inhaltliche Anknüpfungspunkte, die der Assoziation auf die Sprünge helfen könnten. Zum einen werden (in verschiedenen Sprachen, aber meist übertitelt) immer wieder Passagen aus dem essayistischen Roman „Europeana – Eine kurze Geschichte Europas im 20. Jahrhundert“ des tschechischen, heute in Paris lebenden Autors Patrik Ouředník rezitiert. Auch dieser Text verweigert sich allerdings der sinngebenden Geschichtsschreibung. Vielmehr kombiniert er erzählerisch alle möglichen Ereignisse vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zur Erfindung der Barbiepuppe so, dass sie einander höchst ironisch und oft sehr witzig beleuchten. Einen zweiten Anknüpfungspunkt bieten die auf Prospekte projizierten Videoeinspielungen mit Ausschnitten aus dem Format No Comment der Nachrichtenplattform Euronews: Filmszenen des aktuellen Nachrichtengeschehens, zu denen aber nicht gesagt wird, was sie zeigen. Dadurch bekommen auch sie eine Art performativen Charakter, denn man fängt natürlich sofort an, zu raten, um was es sich handelt – und assoziiert damit Sinnzusammenhänge. Damit ist der inhaltliche Kosmos, in dem sich „Everything that Happened and Would Happen“ bewegt, ziemlich klar umrissen: Es ist die europäische Geschichte bis hin in die globale Gegenwart mit all ihren sinnlosen Schrecken und ihren Wirrnissen. Hatte Francis Fukuyama 1992 noch die These vertreten, dass nach dem Zusammenbruch der UdSSR die Geschichte in eine globale demokratische Marktwirtshaft münden und damit enden würde, muss man heute feststellen, dass sie in Form von Rückfällen in Fundamentalismen und Diktaturen immer weiter geht – aber keinerlei Sinngebung mehr ermöglicht. Das ist eine Zentralhypothese von Ouředníks „Europeana“

Anknüpfungspunkt Nummer drei führt direkt in die Ästhetik dieses Abends: Denn die Artefakte, die Goebbels’ Performer auf der Bühne bewegen, sind Fragmente aus einem Bühnenbild, das Klaus Grünberg 2012 für John Cages „Europeras 1&2“ geschaffen hatte. Damals hatte Goebbels dieses Werk zur Eröffnung seiner Intendanz von 2012 bis 2014 bei der Ruhrtriennale inszeniert. Was seine Performer nun mit diesem Material auf der Bühne anrichten, hat einen faszinierenden Schauwert. Die Kulissen werden nicht in Gänze aufgebaut, sondern ebenso wie Teile der Bühnentechnik und der handwerklichen Hilfsmittel zu einem neuen Objekttheater arrangiert, bei dem hinreißende Bilder gelingen: ein Tunnel aus Nebelwänden, in dem die Performer mit seltsamen Riesenschlangen kämpfen; ein seltsames Ballett klassizistischer Postamente, denen ihre architektonische Funktion abhanden gekommen ist; die Fahne der Revolution wird auf Trümmern errichtet, aber sie ist nur ein Theaterprospekt; ein Feuer lodert auf in einem chaotischen Tohuwabohu – und inmitten all der Schrecken und Rätsel lässt Cécile Lartigau an den Ondes Martenots plötzlich und unerwartet ein sphärisch wimmerndes Stück von Olivier Messiaen auftauchen wie eine einsame Insel der Schönheit.

Wie gesagt: Heiner Goebbels überlässt es den Zuschauern, was sie aus alledem machen. Ich persönlich muss sagen, dass ich mich diesem Abend gern ausgesetzt, mir selbst beim Assoziieren zugeschaut und viel mit in die Nacht genommen habe, worüber nachzudenken sich lohnt. Ich habe schon dringlichere, dichtere Abende von Heiner Goebbels erlebt, vielleicht war dieser mit 2 Stunden 15 Minuten noch immer zu lang (die Uraufführung in Manchester soll noch 2 Stunden 40 Minuten gedauert haben). Aber gefallen hat es mir trotzdem. Dass die Reaktionen gespalten waren, liegt auf der Hand. Und der Beifall insgesamt – um einen anderen Jahrhundert-Chronisten zu zitieren – er war „endenwollend“."

Detlev Brandenburg
Deutsche Bühne (DE), 24 August 2019