"Liberté d'action" oder: Radio Einsamkeit auf Sendung

Die Wiener Festwochen begannen mit Heiner Goebbels' szenischem Konzert.

"Der Einsame, seit Donnerstag im Wiener Museumsquartier zu besichtigen, psalmodiert die Prosa des verblichenen Henri Michaux (1899-1984). Der Belgier stieg, wie es heute hieße, zum gehypten Literaten und Maler auf: André Gide brach eine Lanze für seine Litaneien, Paul Celan übertrug sie ins Deutsche. Dabei befeuerte es Michaux’ Karriere, dass sich auch seine Biografie exzentrisch liest: Der Jungspund aus gutem Haus stach als Matrose in See, bereiste bis 1939 den halben Planeten. In den 50er Jahren begann er, unter dem Einfluss von Meskalin die Pforten der Wahrnehmung zu erkunden. Unnötig zu erwähnen, dass sich ein Michaux-Band ungleich erratischer liest als ein Konsalik-Roman. Ein Rauschen der Vieldeutigkeit hallt durch diese Wortwirren." [...]Tatsächlich wendet sich die Arbeit... vornehmlich an das Ohr. Abwechselnd deutsch und französisch, rezitiert sich David Bennent durch Michaux’ Befindlichkeitslabyrinthe und verleiht Rätselsätzen ("Der Wespenschwarm, der auf dem Auge den Aussatz verursacht") eine bisweilen lockende Süße."

Christopher Irrgeher
Wiener Zeitung (AT), 4 June 2021