Cassiber 1982 - 1992

Welcher Große Geist war es noch, der den Satz ausgegeben hat, es gäbe nichts Schöneres als: „eine Idee, deren Zeit gekommen ist“?
Anhand dieser Box materialisiert sich dieser Gedanke aufs Allerfeinste. Sie beschreibt auf 6 CDs und 1 DVD das Aufblühen und die Vervollkommnung einer Idee - sowie deren trockenes Ende.
Denn das muss man ja auch immer mit bedenken: die Zeit kann die Idee auch wieder verlassen (oder ist es umgekehrt?) Nun gut, wir sprechen hier ex post facto, zu gut Deutsch: wir haben das Rathaus bereits wieder verlassen und sind schlauer.
Denkbar schon, dass die Musik, die einem mitunter regelrecht um die Ohren gehauen wird (zum größten Vergnügen!) auch heute noch inszeniert werden könnte. Freilich nicht mehr mit diesem Personal: es ist in alle Winde verstreut; undenkbar z.B. Heiner Goebbels, den Professor aus Giessen und Intendanten der Ruhrtriennale, auf irgendeiner Bühne am keyboard zu erleben und mit überschlagender Stimme Robinson Crusoe zitieren zu hören.
Allein schon der Name des Unternehmens würde heute untergehen: ein Kassiber ist eine geheime Botschaft, die aus einem Gefängnis geschmuggelt wird.
Diese Definition löst unter Nachgeborenen keinerlei Assoziationsstürme mehr aus. 1982, zur Gründung der Gruppe Cassiber, war das anders. Mit dem Begriff verband man damals die RAF, deren inhaftierte Mitglieder sich mittels Kassiber, angeblich weitergereicht durch die Rechtsanwälte Schily und Ströbele, tatsächlich aber z.B. durch RA Klaus Croissant, an ihre flüchtigen „Mitkämpfer“ und Sympathisanten wandten.
(Karl Bruckmaier torkelt noch immer durch diesem Assoziationsraum, wenn er in der SZ schreibt: „selbst heute möchte man, wenn man Cassiber beim Musikmachen zuhört, sofort auf die Straße stürmen und sich nicht länger bieten lassen, was einem so täglich als politische Normalität vorgegaukelt wird“.

Es spricht für die Toleranz und auch Distanz des booklet-Editors Chris Cutler, dass er jetzt eine ganz andere Lesart zulässt, nämlich die des russischen Freundes der Gruppe, Alex Kan aus Leningrad, 1989. Dem war die Linksorientierung der Musiker bewusst, er sympathisierte durchaus auch mit deren Opposition „gegen das westliche Establishment“, aber: „Ich konnte unter keinem Umständen ihre Vorliebe für den Sozialismus teilen. Wir wussten es besser...“).
Im Gründungsjahr der Band 1982 war der „Deutsche Herbst“ (1977) zwar längst vorbei, der Begriff aber noch nicht verklungen: er eignete sich vorzüglich zum zeitgeistigen Nervenkitzel, im Kulturbereich. Noch dazu durch den Austausch des Anfangsbuchstabens signalisierte er sowohl Distanz zu den harten Politkadern wie auch zum Mainstream.
Auf einen heutigen Begriff gebracht: leuchtender konnte man die - ästhetische - Distinktion gar nicht markieren.
Faktisch gesehen war er natürlich Humbug: Die Begriffe Kassiber und Cassiber eint so gut wie gar nichts, oder - sehr freundlich gesprochen - Gemeinsamkeiten lassen sich nicht ohne größere Widersprüche konstruieren. (Ein Kassiber richtet sich an eine begrenzte, klar definierte Zielgruppe mit einem für sie codierten Inhalt, Cassiber richtete sich potenziell an alle - die so etwas hören wollten. In ihrer Musik konnten sie nichts verstecken.)
Der Alternativ-Begriff, von dem Cutler spricht, „Risiko“, obgleich weit weniger originell, wäre viel zutreffender gewesen: in der ersten Studiosession wurde nach einem „frustrierenden Nachmittag“ alles, was in der halben Woche zuvor aufgenommen worden war, für null und nichtig erklärt - wie Chris Cutler in seinem booklet-Text schreibt. (Tatsächlich sind die beiden ersten Produktionen als LPs auf einem Kölner Label namens „riskant“ erschienen.)
Risiko, was anderes wäre damit gemeint als - auf Musikerseite - zu scheitern und - auf Zuhörerseite - die Zusammensetzung der Collagen dieser Gruppe nicht zu verstehen? „Risiko“ wäre besser geeignet gewesen als „Cassiber“, um die ästhetische Widerständigkeit des Ensembles zu artikulieren.
Und das ist bestens gelungen. Der allererste Auftritt führte Cassiber sogleich zum 18. Deutsche Jazzfestival in Frankfurt am 1. Oktober 1982; bis zum Ende des Jahres hatte die Band - außer den Berliner Jazztagen - alle bedeutenden Konzertorte in Mitteleuropa erobert, inklusive zweier Radiomitschnitte.
Erst kurz zuvor, am Ende der ersten Studioproduktion war Cassiber überhaupt zu einer Band gereift. Ursprünglich hatten sich die drei Frankfurter Musiker (Chris Cutler kam auf Einladung Heiner Goebbels´ aus London hinzu) im August 1982 zu einer ausgedehnten Improvisationssession in einem Schweizer Studio getroffen (elf Tage lang, ein heute undenkbarer Luxus).
cover-cassiber-boxWas dabei herauskam, wie gesagt weitgehend improvisiert und in „Man or Monkey“ gipfelte, beschreibt sehr treffend ein geistesverwandte Musiker, der später als Gast dazutritt, Fred Frith:
„Kollisionen von roher Punk-Energie und Free Jazz-Passion waren seinerzeit nicht ungewöhnlich, die aber zu kombinieren mit Samples und Beats, mit abgedrehtem Songwriting, noch dazu in einer Kombination von Einflüssen von Eisler bis Prince und Robert Wyatt, in einer Performance von schierer Virtuosität, das war umwerfend, insbesondere wenn es obendrein als politische Aktion ausgegeben wurde. Das war fast schon eine Definition von ´offener´ Musik.“
Insbesondere Christoph Anders hatte es ihm angetan, als „bezaubernder Gastgeber“, vor allem als „fröhlich aufrührerischer Nicht-Sänger“. Anders habe ihm und seinem Partner Tom Cora seinerzeit die Scheu vor eigenen Bemühungen als Sänger genommen: „Was der kann, das können wir auch!“
In der Tat, wer diesen begnadeten Schreihals hört, kann dieses Kompliment nicht missverstehen; ja man fragt sich, warum nicht mehr Vokalisten sich dieses laut deklamierenden Tones befleissigen (Phil Minton, könnte es, tut es aber zu wenig). Eine Stimme, die wie die eines Ertrinkenden über den Wogen sich behauptet, ist genau das Richtige in diesem clash of styles, diesem Konfrontations-Theater, wie es das in der Geschichte der Improvisierten Musik kaum ein zweites Mal gegeben hat.
Auf dem ersten Album findet diese Ästhetik ihren Gipfel in „O cure me“. Anders deklamiert auf Englisch das Rezitativ „Ach heile mich, Du Arzt der Seelen“ aus der Bach´schen Kantate „Ach Herr, mich armen Sünder“. Drunten läuft ein kleiner Sequencer-Wurm, wie er damals gerade in Mode war, obenauf allerlei Fetzen von der chinesischen Geige bis zur Stadionhupe, und als ruhende Pol: der großsprecherische Christoph Anders. Martin Walser käme hier voll auf seine Kosten, sein Motto „Eine Sache immer auch von der anderen Seite her denken“, wird hier lautstark eingelöst.
Knapp zwei Jahre später, auf „Beauty. And the Beast“ nimmt sich Anders die Kantate wieder vor („Ach heile mich“), diesmal leidenschaftslos-beiläufig, die Band legt ihm eine happy-go-lucky-music unter- nach der Hälfte fällt der wieder in die Rolle des Flehenden.
Heiner Goebbels nutzt ein Instrument jener Tage, das Yamaha Grand Piano, aber bei ihm klingt es nicht wie eine Entschuldigung dafür, dass halt kein Steinway im Studio stand, sondern als dunkler Zwitter zwischen Marimba und E-Piano, dem man den Anschlag auf die Saiten deutlich anmerkt.
Das Sampling, von dem Fred Frith sprach, kommt hier deutlicher zum Einsatz - wiederum nicht als Ersatz für reale Orchesterstimmen, sondern als fernes Zitat, als Surrogat, getreu dem ewigen Goebbels-Motto nichts zu glauben, was man hört.
Überhaupt findet man bei Cassiber die Keimzelle vieler Elemente, die sich bis heute durch Goebbels´Ästhetik ziehen. Die Textbehandlung ist kaum die von Songs, sondern eher die des Theaters. Auf „Beauty. And the Beast“ erklingt zum ersten Mal die ergreifende Brecht/Eisler-Ballade „Und ich werde nicht mehr sehen“ (1941), die 1998 Josef Bierbichler bei „Eislermaterial“ singen wird, hier zunächst als Sample des Tenors Walter Raffeiner.
Kurz darauf dann ein weiterer alltime favourite von Cassiber „At last I am free“. Was die vier aus Vorlage der Disco-Gruppe Chic machen (die sie über den Umweg Robert Wyatt kennengelernt hatten), ist stein-erweichend. Goebbels & Anders singen mit Inbrunst über Soul-Akkorden und Gitarren-Splittern a la Arto Lindsay, dominiert von einem feurig-ergreifenden Tenor Alfred Harths. Nur noch Heinz Sauer wäre diesem Vortrag gewachsen.
Im August 1986, bei der Produktion von „Perfect Worlds“, ist Alfred Harth nicht mehr dabei. „Heiner, Christoph und ich nahmen eine andere Haltung zur Komposition ein: mehr durchdacht und dramatischer“ (Chris Cutler).
Gut gebrüllt Löwe: das Sampling steht in voller Blüte, man höre sich nur Heiner Goebbels an, wie er seine Lesung aus „Robinson Crusoe“ (1719) am keyboard mit Orchestersamples in absolut nicht-philharmonischen Weise begleitet und die Band ihn mit einem Urwald-Groove unterstützt.
Dann der laut deklamierende Christoph Anders in „Miracolo“, umweht von E-Piano-Bluesakkorden, wie sie Heiner Goebbels weder vorher noch nachher so angeschlagen hat, dazu Ethno-Stimmen, wie sie ähnlich viele Jahre später auch in „Stifters Dinge“ (2007) auftauchen. Der einzige aus der Goebbels-Welt, der hier fehlt, ist Heiner Müller, parallel zu Cassiber hatte Goebbels 1984 die „Hörstücke“ nach Heiner Müller produziert.
„A Face we all know“ (1988/18989) treibt das Sampling- und Collage-Prinzip auf die Spitze. Der textliche Rahmen stammt aus einem plot, den Chris Cutler im Juli 1988 im kanadischen Neufundland geschrieben hat - nicht ahnend, in welchem historischen Zeitfenster er realisiert werden würde. Produziert wurde in der Akademie der Künste in Ost-Berlin im Winter 1988, gemischt aber fast ein Jahr später, vom 19. bis 21. Oktober 1989 dortselbst - mitten in der deutschen Revolution, vulgo „der Wende“.
Etliches an aktuellen Bezügen ist an diesen Tagen noch hinzugekommen, z.B. der berühmte unvollendete Satz von Hans-Dietrich Genscher „....Ihre Ausreise...“ aus der Prager Botschaft am 30. September 1989.
Track 17, „The Way it was“ ist nichts als eine herrliche Sonifizierung des vielzitierten Satzes „Die Verhältnisse zum Tanzen bringen“, auf einem riff-Geschoss eine O-Ton-Collage aus diversen Revolutionen, mit Fetzen von Honecker, Kohl, Lafontaine, Genscher, Hitler, Castro u.a.
Die Collage-Technik von „A Face we all know“ ist auch heute noch beeindruckend und kaum übertroffen, man staunt ohne Ende über Drame & Variation dieser 18 Stücke.
Kurios, aber wahr: nach diesem Triumph der Studiotechnik hat Cassiber noch ganze 9 Konzerte gegeben, das letzte am 13. Dezember 1992 in Lissabon mit Johannes Bauer. „No more offers came in. So we stopped“, notiert Chris Cutler trocken.
Die fünfte und letzte jewelbox dieser Edition, zwei Audio CDs und eine DVD, sie vermögen kaum gegen die Explosionen insbesondere von „Perfect Worlds“ und „A Face we all know“ zu bestehen. Dass Cassiber ihren Studiozauber nur bedingt auf die Bühne zu übertragen wusste, zeigen die „Live Recordings and Studio Sketches 1986-1989“, den Auftritt von Duck and Cover haben wir vom Moers Festivals dichter in Erinnerung als die hier angebotene Fassung vom Februar 1986 aus dem Berliner Ensemble, sozusagen aus der Zentrale des Brecht-Kultes.
Immerhin, die ergreifende Ballade „Und ich werde nicht mehr sehen“ ist dabei (von Brecht/Eisler für die deutschen Soldaten 1941 geschrieben, wahrscheinlich aber erst 1955 vollendet), hier mit brüchigem Pathos vorgetragen von Dagmar Krause.
Vielleicht weil das Auge mithört, muss man die drei Videos aus der kritischen Wertung ausklammern. Es hat was, die vier 1982 und 1984 auf Bühnen bei der Arbeit zu sehen, wohingegen 1989 kein Konzertmitschnitt ist, sondern eine Art „making of“ von „A Face we all know“. Man wird Zeuge der ästhetischen Debatten der Band, Zeuge auch, wie schwer es ist, sich gegen die Argumente von Heiner Goebbels zu behaupten.
Witzig, den heute voll ergrauten, stets in Künstlerschwarz auftretenden Intendanten der Ruhrtriennale, den Gießener Professor Heiner Goebbels in Beziehung zu setzen zu dem keyboard-Spieler 1982 auf der Bühne der Alten Oper zu Frankfurt am Main, mit engen Röhrenhosen, weitem Hemd, gebändigtem dunklen Haupthaar, eine Cola-Dose auf dem keyboard, in gebückter Haltung, mit der linken die Stufen von „O cure me“ legend, den Achtel-Rhythmus hackt das split-keyboard, in der oberen Hälfte ein cheesy organ sound. Zu seiner rechten das für ihn typische Yamaha-Grand, obenauf ein ppg-Synthesizer mit diversen Samples.
Schön, dass man das alles noch mal nachhören und -sehen kann. Eine große Lektion für die Gegenwart. Für ein multi-stilistisches Musizieren. Für einen einzigartigen Triumph der Konzeption über das Handwerk (viele größere Techniker leben auf viel engerem Radius).

Michael Rüsenberg
JAZZCITY (DE), 20 February 2014