Wiener Festwochen: Die erste Hälfte des Festivals bietet mehrere Highlights

[...] Zum ersten Mal seit zwölf Jahren ist Tonrevolutionär Heiner Goebbels bei den Festwochen zu Gast. In »Liberté d’action« nimmt er Texte des sowohl als Autor als auch als Maler hochdekorierten Franzosen Henri Michaux zum Ausgangspunkt für eine Arbeit, in der live dargebotene Klanginstallation, Performance und Michaux’ Texte (die nicht vertont, sondern gesprochen werden) ineinander übergehen. Der Avantgardist Goebbels, Mitbegründer des Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters, ist für seinen ironischen Zugang zum Ernst der klassischen Musik bekannt. Auch in »Liberté d’action« lässt er die beiden renommierten Pianisten Hermann Kretzschmar und Ueli Wiget vom Ensemble Modern die Saiten ihrer Instrumente mit allerlei Gerätschaften wie etwa einem Milchaufschäumer traktieren, das Bühnenbild mit seinen zahlreichen Mikrofonen und verschiebbaren Wänden schaut aus wie die Hexenküche eines durchgeknallten Musikprofessors. Das alles ist, wie so oft bei Goebbels, ziemlich komisch und musikalisch hochelaboriert zugleich.

Star des Abends ist jedoch der Schauspieler David Bennent. Er trägt Michaux’ düster-surrealistische Sprachkaskaden mit seiner markanten, immer leicht heiser klingenden Stimme auf Deutsch und Französisch vor, schiebt die auf riesige Rollbretter montierten Flügel samt der Pianisten durch den Raum, deutet mit kleinen Kostümwechseln auch den sprunghaften Charakter der Person Michaux’ an und hat bei all dem eine Bühnenpräsenz, die den Spannungsbogen des ganzen Abends trägt. [...]

Sabine Fuchs
Junge Welt (DE), 17 June 2021