Das Röhren des leisen Rebells

Denken, träumen - und immer weiter komponieren: Das "Ensemble Modern Orchestra" unter Vimbayi Kaziboni eröffnet das Musikfest Berlin mit dem wundervollen Antikomponisten Heiner Goebbels.

"Das Stück ist eine in fünfzehn Teilen daherkommende Megasinfonie und letztlich nicht weniger als die Summe der Querdenkereien dieses wundervollen Antikomponisten"
"So schließt dieser faszinierende Abend mit einem säkularen Gebet, wird zu einem Requiem auf die Auf- und Ausbruchsbewegungen der mitteleuropäischen Musik der letzten 50 Jahre, die sich aus dem Elfenbeinturm der gern weltabgewandten Klassik zur Welt hin öffnete, ohne je die speziellen Errungenschaften der mitteleuropäischen Klassik aufzugeben. Heiner Goebbels ist die zentrale und erfolgreichste Figur dieser Öffnung, einer, der sich stets den Gefährdungen des Crossover und des Pop aussetzt, aber dank seines Querschädels immer durch Stimmigkeit überwältigt."
"Goebbels greift in seinen Überschreibungen Tonfärbung, Melismatik, Rhythmik, Intensität der Vorlagen auf, er denkt, träumt und komponiert sie weiter, kontaminiert sie mit jedem nur erdenklichen Klassikraffinement, mit Minimalmusikpatterns, Schlagwergkaskaden und Rätseln. [...] er lässt Sentimentalitäten zu, outet sich als Gläubiger und Romantiker. Die akustischen Fundstücke sind in seiner Fantasie weitergewuchert und haben sich ausgewachsen zu selbstständigen Stücken, die einerseits nie ihre respektvoll umhegte Vorlage verleumden, sich andrerseits stimmig in die fünfzehnteilige Suite namens "A House of Call" einfügen, Goebbels reifstes und vollständigstes Meisterwerk.

Reinhard J. Brembeck
Süddeutsche Zeitung (DE), 31 August 2021