In „A House of Call“ werden die Stimmen zum ersten Mal zu Protagonisten eines ganzen Konzerts. Das Musikfest Berlin startete mit

"Bei der Uraufführung von „A House of Call. My Imaginary Notebook“ landete er gestern Abend in der Berliner Philharmonie einen umjubelten Wurf. Am Ende des 105minütigen Werks mit bewegenden, Fragen evozierenden Stimmen vom Band singen mehrere der über 60 Musiker selbst. Samuel Becketts indirekte Frage „What When Words Gone“ ertönt leise und ganz leise. Indes verklingen Pizzicati und andere weiche Instrumentaltöne. Der stille Chor-Epilog löst die während des Stücks aufsteigenden Stimmungen und macht sie leicht."
"Goebbels viersätziges Opus ist monumental und intim, persönlich und reflexiv, emotional und referenziell. Aber Goebbels nimmt von sich und uns Hörern das bleierne Gewicht von verordnender Gedankenschwere,"
"Ton, sinnhafter Klang und textbezogen-akustisches Material erzeugen Kaskaden des Staunens und – auch das! - des Genießens. „House of Call“ nannte man am Beginn der industriellen Revolution in England Einrichtungen, wo suchende Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammentrafen und im besten Falle vertragseinig wurden. Der Konzertsaal ist in Goebbels’ Werk ein Forum, wo sich unberührbare Stimmkonserven über das Publikum ergießen und in diesem Glücksgefühle, Fragen, Sehnsüchte auslösen. Das mikrofonierte Orchester und die verstärkten Instrumente begleiten diesen Liederabend der Abwesenden."
"Dieser Liederabend ohne physisch anwesende Solosänger beinhaltet eine fast anachronistische Spannkraft. Goebbels zwingt koloristisch-spielerische Versatzstücke unter einem großen Bogen, der durch die Mikrostrukturen der 15 Einzelepisoden nicht auseinanderfällt. Das gerät zum Sieg musikalischer Energie und Materialverliebtheiten. Die wegen der Pandemie um ein Jahr verschobene Uraufführung erhielt nach gespannter Aufmerksamkeit lauten, energischen Beifall.

Roland H. Dippel
NMZ Neue Musikzeitung (DE), 31 August 2021