Immer den gleichen Stein den immer gleichen Berg hinaufwälzen ...

Das Konzert als öffentlicher Raum: »A House of Call« von Heiner Goebbels auf dem Berliner Musikfest

..."Aber was Goebbels daraus in seiner Orchestermusik macht, zeigt seine Meisterschaft ebenso wie seine Sensibilität gegenüber nicht-europäischen Klangkulturen: Boys’n’Girls, wie es da swingt und groovt! Ganz zart, vorsichtig und lässig zunächst mit ein wenig Drums und Geigen-Pizzicati, dann immer entschiedener, exaltierter und freier, bis es in eine (klar: durchkomponierte) Free-Jazz-Orgie mündet, die jedoch stets auf dem südafrikanischen rhythmischen und harmonischen Grundpattern fußt.

Man könnte jetzt noch endlos von all den weiteren herrlichen Details dieser Komposition erzählen, [...] von der hundertjährigen Mutter des Komponisten, die mit dem Eichendorff-Vers »Schläft ein Lied in allen Dingen« zu hören ist – und ja, ganz offensichtlich trifft Goebbels immer und immer wieder das »Zauberwort«, das die Lieder zu neuem, zu heutigem Leben erweckt. [...]

Das Orchester sprechsingt, nur vom Klavier und von einigen Blasinstrumenten zaghaft begleitet, in einer langen Schlußsequenz Worte aus einem der letzten Prosatexte von Samuel Beckett, die in einen Choral münden – »what when words gone«. Lang anhaltende Stille. Dann großer, nicht enden wollender Jubel.

[...] Wir dürfen uns Heiner Goebbels, den fabelhaften Dirigenten Vimbayi Kaziboni, das fantastische Ensemble Modern Orchestra, nicht zuletzt aber auch die Hörer*innen dieses Werks als glückliche Menschen vorstellen."

Berthold Seliger
Neues Deutschland (DE), 2 September 2021