Beim Beten mit Beckett finden sich Musik und Sprache

Heiner Goebbels liefert beim Musikfest Berlin mit „House of Call“ eine Enzyklopädie der menschlichen Stimme.

"Das Riesenwerk beginnt ganz nebenbei. Ein paar Musiker des Ensemble Modern Orchestra kommen auf die Bühne der Berliner Philharmonie, spielen sich ein und schwatzen. Allein der tickende Rhythmus aus dem Lautsprecher, am Rande des Überhörbaren und Überspielbaren (daraus erwächst später einer der vielen Reize des Abends), lässt ahnen, dass hier doch schon etwas begonnen hat.[...]
Scharfe Grenzziehungen gibt es nicht, da bleibt sich Heiner Goebbels, der immer ein Unbehagen empfand an traditionellen Formen, auch in seinem neuesten Stück „House of Call“ treu, das das Musikfest Berlin eröffnete. Das Aufbrechen des Förmlichen kommt schon in der Sitzordnung des Orchesters zum Ausdruck, das sich seitlich zum Publikum hin öffnet, als gehöre zumindest der vorderste Zuhörerblock noch zum Ensemble dazu. Der Dirigent steht nicht zentral, sondern auf der rechten Seite.[...] Das hat Dimensionen einer Symphonie von Gustav Mahler. Mit dem hat Goebbels nicht nur die Lust an der Vermischung von Stilen gemein, sondern auch den Sinn für Dramaturgie.[...] Das neue Stück von Heiner Goebbels, der einst zu den Gründern des „Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters“ gehörte, zeigt hier eine politische Seite, die zum Phänomen „Stimme“ gehört, wie Goebbels es in seinem enzyklopädischen Ansatz behandelt. Eine Materialsammlung, erschienen im Neofelis-Verlag, hält erhellende Informationen zu den Aufnahmen bereit und dazu, was der Komponist mit ihnen verbindet."

Clemens Haustein
Faz (DE), 6 September 2021