„A House of Call“: Wo der Blitz einschlug

"Heiner Goebbels’ viersätzige Orchester-Komposition „House of Call“ blickt, unter anderem, zurück. Sie resümiert und reflektiert jene spezielle theatrale Ästhetik, die er als Komponist in vier Jahrzehnten entwickelt hat, eine musikbasierte Bilderwelt, vielschichtig und überreich an diachronischen, semiologischen, politischen Bezügen und mit einem starke Magnetismus für jegliche Aufmerksamkeit im Raum. Es ist eine Ästhetik der allgegenwärtigen Verfremdung und Material-Anverwandlung, zugleich auch der Aufkündigung jeglicher Eindeutigkeit." [...]
Die mehr als anderthalbstündige Komposition ist ein monumentales Werk, dessen Gestus auf Monumentalismus gänzlich verzichtet. Statt dessen weist es eine interne Rhythmik und eigentümliche Eingängigkeit auf. Es ist eine Revision verschiedener Haltungen und Materialien, deren Kleinteiligkeit sie als wechselvolle Serie von Denk-, Seh- und Fühlvorschlägen erscheinen lässt und dem Publikum nicht die aufmerksame Wahrnehmung, aber die erdrückende Wucht intellektueller Gewichtigkeit erspart.[...]
Das Finale ist ein monochromer Orchester-Gesang, sparsam begleitet von (nacheinander) Klavier, Harfe, Vibraphon, ein Gebet auf Becketts „What When Words Gone“. Es ist zugleich eine theatrale Adresse an das (oder aus dem?) Jenseits, eine retrospektive Beschwörung und ein Rückblick auf das eigene Komponieren: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“
Ist es also vielleicht weniger das eindeutig strahlende Gelingen als ein ausdrucks- und absichtsvolles, unablässig experimentierendes Scheitern am Eindeutigen, das Heiner Goebbels’ Arbeiten seit je begleitet und charakterisiert? „A House of Call“ wäre, so gesehen, perfekt.

Hans-Jürgen Linke
Frankfurter Rundschau (DE), 8 September 2021