Was Kommt

Neue Musik den Salzburger Osterfestspielen: "Aus einem Tagebuch" heißt die aktuelle Komposition von Heiner Goebbels, die kürzlich in Berlin uraufgeführt wurde und heute, Dienstag, bei den Osterfestspielen von den Berliner Philharmonikern nachgespielt wird. "Einem", nicht "meinem" - selbst im Titel wird der prononcierte Eigenbezug gemieden. Dennoch ist er in den meisten Teilen der mosaikhaft collagierten und stellenweise aphoristischen Komposition vorhanden: Mittels eines Samplers werden nämlich Klänge und Geräusche älterer Goebbels-Kompositionen zugespielt - Erinnerungsfetzen und Gedankensplitter, die das neue Stück als eine Art Background in seiner zeitlichen Dramaturgie strukturieren, ohne in jedem Falle deutlich an die Höroberfläche zu dringen. Plastische, vitale und, ungeachtet heftiger Ausbrüche, in der Tendenz freundliche Erinnerungen an die Begegnung mit Kollegen sind das - an die "Percussion de Strasbourg" etwa oder die Japanerin Yumiko Tanaka.
Sie spielen nun den Philharmonikern gleichsam die Bälle zu, und die haben - mit ihrem vorzüglichen und vom Komponisten auch vorzüglich geforderten Bläser-Corps, dem neben dem Schlagwerk als Streicher nur sechs Kontrabässe gegenüberstehen - sichtliches Vergnügen daran. Immer noch ist das eine Art Kulturbruch: Selbst Abbado blieb reserviert gegen-über dieser Art Moderne, für deren zupackendes Crossover Gattungs- und Medienschranken einfach nicht existieren.
Doch da kommt mit Sicherheit mehr. Das Goebbels-Stück war der erste Auftrag, den Rattle als philharmonischer Chef überhaupt vergab, und das Debüt des Komponisten im hohen Haus - aber bereits nächstes Jahr sollen die "Surrogate Cities" kommen: dann also schon 90 Minuten Goebbels, wenn auch nicht als Uraufführung. Diesmal waren es reichlich 20, und die machten allein wegen der aktivierenden, aus elementaren, aber nie simplen rhythmischen Mustern wachsenden Kraft ihrer Klänge Appetit auf mehr.
Die manchmal gleichsam überblendeten, manchmal im harten Schnitt abgesetzten Episoden waren prickelnd, wirbelnd, aufregend: keine Zeit für Lamenti - hier geht es vorwärts, und die Erinnerungen werden mitgenommen.
(Gerald Felber)

Gerald Felber
Salzburger Nachrichten (AT), 5 April 2003