"Die leisen, zwanglosen, unmerklichen Übergänge bestimmen die Atmosphäre der Aufführung, die Akteure kommen und gehen scheinbar wie es ihnen behagt, niemand ist an seinen Platz gefesselt, noch an sein Instrument. Wir sind in Heiner Goebbels' jüngstem Konzerttheater, in dem die Musiker des Ensemble Modern zugleich Darsteller sind. Der Titel heißt 'Schwarz auf Weiss', aber was praktiziert wird, ist beinahe das Gegenteil davon: Nichts wird bewiesen, nichts steht unumstößlich fest, alles ist im Fluß, in Bewegung, in der Schwebe. Wie einen Schleier aus unterschiedlich getönter Gaze benutz Kalman sein Licht, macht es in jedem Moment über seine dramaturgische Funktion hinaus zum Mitakteur. Manchmal sind es erst die sich verbreiternden und verdüsternden Schatten, die in den Raum einfallen und uns plötzlich gewahr werden lassen, wie dicht das beieinander ist: Übermut und Melancholie, Spiel und Ernst. Denn das, wovon wir langläufig meinen, es seien sich ausschließende Gegensätze, führt die Aufführung zusammen: in einem fortwährenden Changieren und Überschreiten ihrer jeweiligen Stimmungen."

Jutta Baier
Strandgut (DE), März 1996