Agressionsfrei

Moskau grüßt Heiner Goebbels: "Hashirigaki" begeisterte im Mossowjet-Theater das Publikum

Der nächste Nachbar der Avantgarde ist die Kinderzeichnung. Das minimalistische Drei-Frauen-Musiktheaterstück von Heiner Goebbels mit dem mystifizierenden Titel "Hashirigaki", von der heimischen Kritik mit gereizter Ratlosigkeit zur Kenntnis genommen, hat, in Moskau im Rahmen der "Theater-Olympiade" aufgeführt, ein für seine konservativen Ansichten bekanntes Publikum bezaubert. Die szenische Rezitation aus Gertrude Steins repetitiver Prosa "Making of Americans", verfremdete Beach Boy-Songs und elementare, exotische sowie elektronische Klänge erzeugten für die des Englischen kaum mächtigen, für mystische Wirkungen aber um so empfänglicheren Zuschauer einen meditativen Klangteppich. Sich jeglicher emotionaler Prätention enthaltend, trug dieser ein dankbares Publikum durch ein aus Lichtprojektionen und schlichten Requisiten mit leichter Hand skizziertes Bilderalbum über die Normalexistenz des modernen Homo sapiens.
Ob die ausgefallenste Güter auf Nimmerwiedersehen verschlingende schwarze Konsumwand der Eröffnungsszene, ob das von grellen Inspirationsblitzen immer wieder ausgeblendete Wissensgekrakel, ob die priesterliche Transformation des glühenden Becken-Herdes aus einem Elektroschockschrei oder die Beschwörung und Zerstörung kultischer Bilder in der Gestalt von Glocken und Bronzespiegeln: Die durch kein dramaturgisches Feinschmeckertum belastete Menge verfolgte das heiter-besinnliche Bühnengeschehen mit unvoreingenommener Anteilnahme, gemahnte es doch in seiner unauflöslichen Rätselhaftigkeit an das Leben selbst - unter Abzug der Aggressivität. Diese von dem Darstellerinnen-Trio fern des in Rußland verachteten Feminismus erzeugte weibliche Qualität weiß man in einer polaren Kultur, die von einem brutalen Alltag und utopischen Träumen geprägt ist, besonders zu schätzen. Es war anerkennend gemeint, als die Kritik das Stück an der Grenze zwischen Mary Poppins und Alice im Wunderland verortete.
Die Traurigkeit der menschlichen Komödie erscheint in dieser mozarthaften Fernsicht auf das Erdentreiben homöopathisch verdünnt. Der russische Bildungsbürger, geschult am nationalen Dichteridol Puschkin, der seine Melancholie tief in poetische Spielereien zu verstecken versteht, vernimmt sie aber doch. Als Spur ertönt sie in der grellbunt kostümiert vorgetragenen Pop-Romanze, beinahe verlegen in der Abendeinsamkeit vor der Pappstadtkulisse.
Und als im Entropie-Finale, da eine Geistesglühbirne aus ihrem kreisenden Gitterkäfig Schattenspiele auf weiße Wände wirft, die drei mit Balsamstimme "I wasn't made for these times" intonieren, bleibt von ihr anmutige Gefaßtheit übrig, was manchem aufgeklärten Deutschen allzu leichtgewichtig erscheinen mag, rührt im unzivilisierten Rußland an selten in Schwingung versetzte, aber empfindsame Saiten.
(Kerstin Holm)

Kerstin Holm
Frankfurter Allgemeine Zeitung (DE), 26 May 2001