Die Tür zum Gebirge

Am Anfang gibt es ein gutes Dutzend Grau-Schattierungen (sogar die Lilien in der Pferdekopfvase sind grau), Symmetrie, Vorhersehbarkeit und ein Interieur aus wenigen Gegenständen mit engem Formenvorrat. Alles erinnert ein bisschen an eine Beerdigung. Aber ein szenisches Konzert? Es ist gerade eben noch szenisch, wenn die vier verhalten elegant (und grau) gewandeten Sänger des Hilliard Ensembles Gegenstände in eine Kiste verpacken, und konzertant ist erst einmal gar nichts, weil die ersten zehn Minuten stumm sind, eine Art Bühnen-Stillleben mit Staubsauger und Hundebildern. Von links erinnert ein tickendes Geräusch an vergehende Zeit, die Hälfte des Lebens scheint erreicht, die Blumen bekommen frisches Wasser, aber alles wird erst anders, als das Hilliard Ensemble zu singen anfängt.

Heiner Goebbels' neues Stück, vor vier Wochen in Edinburgh uraufgeführt und jetzt im Schauspiel Frankfurt zu erleben, trägt den etwas umständlichen Titel "I Went to the House but did not Enter". Das graue bürgerliche Interieur enthält also schon eine erste Pointe, die sich als beständig erweist: Die vier Bühnen-Akteure vom Hilliard Ensemble befinden sich in den drei Bildern des Stückes fast pausenlos in Häusern, nur am Ende des zweiten Bildes bricht man mit Kafka ins Gebirge auf ("Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, dass wir nicht singen!").

Heiner Goebbels hat das Stück in einem umfassenden Sinne durchkomponiert. Alles, was geschieht, auch wenn nicht gesungen wird, hat musikalische Formen und Eigenschaften: gemessenes Nacheinander, enges Aufeinander-Bezogen-Sein von Ereignissen, reibungsvolle Harmonie, reibungslose Präzision. Indem fast nichts geschieht, stellt sich mehr und mehr der Eindruck ein, dass dies Goebbels' bisher intimstes und privatestes Stück ist.

Zu diesem Eindruck trägt die musikalische Gestalt vieles bei. Das Hilliard Ensemble, dessen stilistischer Einzugsbereich grenzenlos ist, das aber klanglich aus der Alten Musik kommt, singt mit großer Klarheit ohne den Einsatz von Kopfstimme, so dass sich nirgends der Eindruck opernhaft-artifizieller und also distanzierter musikalischer Redeweise einstellt. Es klingt alles, sagen wir: natürlich, und die guten alten Samplings, sonst ein Markenzeichen, treten nur leise und marginal auf. Das schafft eine Atmosphäre unverstellter Nähe, die durch die leichtfüßige Präzision und den darstellerischen Minimalismus des Quartetts noch verstärkt wird.

Heiner Goebbels, der in seinen letzten Produktionen dazu neigte, sich als Komponist aus der Musik zurückzuziehen, arbeitet diesmal ausschließlich mit Eigenem. Er hat Texte von T.S. Eliot ("The Love Song of J. Alfred Prufrock"), Maurice Blanchot ("La folie du jour") und Samuel Beckett ("Worstward Ho!") vertont, im ersten und dritten Fall als harmonisch kühne Madrigale, im zweiten als Sprechtext, dessen Interpretation und Darstellung auf der Bühne gleichwohl musikalische Strukturen erkennbar macht.

Beim Hilliard Ensemble mit seiner großen Bühnenerfahrung in einem durch und durch kunstvollen, aber unprätentiösen Fach sind beide Gattungen gleichermaßen gut aufgehoben. Sie singen Eliot und Beckett mit großer Hingabe, mit Ernst und hauchfein dosiertem Pathos, und sie spielen und sprechen, über vier Räume eines Hauses verteilt, auf dessen Vorderwand man blickt, Blanchots Text wie sie singen: klar, fugenlos, und ohne extra erfundene Gesten.

Worum es geht? In erster Linie darum, eine Umgebung herzustellen, in der die Texte sich entfalten. Die bürgerliche Steifheit des ersten Bildes interpretiert die Gestelztheit in Eliots fiktivem lyrischem Liebesbrief, das einzeln stehende Haus ist der angemessene Ort für Blanchots Wahnsinn des Tages und die aufgelockerte Vierergruppe mit Fahrrad am Ende des zweiten Bildes ein überraschendes Setting für Kafka. Das dritte Bild aber verströmt pure Endzeit-Atmosphäre: Ein Schlaf- oder Hotelzimmer in morbiden dunkelroten Farbtönen mit subtilen sakralen Verweisen wird von dem gesungenen Beckett-Text rhythmisch und klanglich in eine derart horizontüberschreitende Weite getrieben, dass der dumpfe Raum bald wie die Mutter aller Sterbezimmer erscheint. Das Leben fasst sich hier in einer Dia-Schau zusammen, deren letztes Bild, eine Strand-und-Meer-Aufnahme, stehenbleibt und dann langsam und wie nahtlos in Bewegung gerät, bis es sich verwandelt hat in ein kleines, naturalistisches Stück an den Strand rollenden Meeres auf einer kleinen Leinwand mitten in diesem von Becketts Text übernommenen Raum.

Neben literarischen Lesarten provoziert das Stück auch andere hermeneutische Blickwinkel, unter denen der einer rückhaltlosen, kunst- und beziehungsreichen Selbstverortung und Selbstreflexion zu den naheliegenderen gehört. Zu welcher Lesart man auch neigt: Heiner Goebbels hat mit dem Hilliard Ensemble eine neue Tür geöffnet.

Hans-Jürgen Linke
Frankfurter Rundschau (DE), 26 September 2008