Kritik zu "I went to the house..."

Es gibt Theaterabende, die entwickeln aus fast Nichts eine ganze Welt, sie arbeiten mit Präzision an einer leichten Unterkomplexität, an einem Vakuum, in das unsere Hör- und Seherfahrungen hineingezogen werden. So ein Theaterabend ist "I went to the House but did not enter" von Heiner Goebbels. Szenisches Konzert heißt das im August in Edinburgh uraufgeführte Stück - aber es ist keineswegs bebilderte Musik. Beschreiben wir einfach: drei Bilder zu Texten von T.S.Eliot, Maurice Blanchet und Franz Kafka und - am Ende -  Samuel Beckett. Drei Räume, in aseptischem Hyperrealismus grandios gestaltet von Klaus Grünberg: ein schwarz-weißes Interieur, in dem vier Herren zunächst ein weißes Kaffeeservice, eine Tischvase mit schwarzen Blumen und zwei hundebilder rituell langsamin eine Umzugskiste packen, den Tisch wegtragen und die Gardinen abhängen, um anschließend in umgekehrter Reihenfolge aus einer anderen Umzugskiste die gleichen Gegenstände, nur eben schwarze Tassen und weiße Blumen wieder aufzustellen. Ein funktionales Reihenhaus, vollverkachelt, aus deren Fenster und der Garagentür vier Menschen - oder ist es nur ein einziger in vier Versionen - vertraute Tätigkeiten ausschnittshaft vorführen. Ein mondänes Hotelzimmer, in dem Urlaubsdias einer anderen Zeit, farblich bereits gealtert, angeschaut werden.
musik
Getragen wird der Abend von den vier Sängern des Hilliardensembles, die fast körperlos den Klang fließen lassen, objektiviert, jeder personalisierbaren Anstrengung entkleidet, die aber auch in der Rezitation jenen Moment zwischen Tag und Traum treffen. Zeit vergeht, wir sehen es am Reihenhaus: erst ein Baumschatten im fahlen Mondlicht, ein Autor fährt vorbei, die Stadt scheint zu erwachen, dann wieder Mondlicht, aber ein Hochspannungsmast zeichnet sich jetzt auf den Kacheln ab. Ich möchte einfach so weiter beschreiben, so wie auch die minimalistische Musik fließt und von verpassten Gelegenheiten, von der Unfähigkeit, kontinuierlich sein Leben wahrzunehmen, vom "Besser scheitern", wie es bei Beckett heißt, erzählen kann. Obwohl auf den Abend, wie in der kurzen Scherzopassage mit Kafka auf die vier Herren, dessen treffende Bezeichnung "lauter Niemand" zutrifft, haben wir nach Eindreiviertelstunden diese Schatten in ihrer Tristesse fast liebgewonnen. Weil sie uns nicht auf die Pelle rücken, denn: "I went to the house but did not enter".

Harald Asel
InfoRadio (DE), 14 November 2008